HT 2016: Glauben und die Glaubwürdigkeit des Historikers – Obviously Believers – The Credibility of the Historian

Ort
Hamburg
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
20.09.2016 - 23.09.2016
Von
Kristina Heubach, Lehrstuhl für Alte Geschichte, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

Wieviel ‚Glauben‘ darf ein Historiker seinen Quellen entgegenbringen und was macht eine Quelle ‚glaubwürdig‘? Diesem Fragenkomplex ging die althistorische Sektion ‚Glauben und Glaubwürdigkeit des Historikers – Obviously Believers – The Credibility of the Historian‘ am Beispiel des thukydideischen Geschichtswerkes nach – einem Werk, das wie kaum ein anderes bis in die heutige Zeit zitiert und dabei nicht nur von Althistorikern für vielfältige Fragstellungen herangezogen wird. Zunächst führte CHRISTIAN WENDT (Berlin) in seiner Einleitung zur Sektion aus, dass sich die anschließenden Betrachtungen um die Felder Weltanschauung, Ideenwelt und das ‚Fürwahrhalten‘ positionieren und verschiedene Perspektiven auf Thukydides eröffnen.

Im ersten Vortrag arbeitete CHRISTIAN WENDT (Berlin) die Dichotomie zwischen Glauben und Glaubwürdigkeit bei Thukydides heraus. Seinen Fokus legte er auf die meist zitierten Passagen des thukydideischen Werkes und konnte dabei deutlich den Gegensatz zwischen Wahrheit und ‚Fürwahrhalten‘ zeigen. Bereits im ersten Kapitel beschreibt Thukydides seine Absicht, den Krieg zwischen seinen beiden Antagonisten Athen und Sparta darzulegen, „in der Erwartung, der Krieg werde bedeutend werden und denkwürdiger als alle früheren“[1]. Mit dem im Griechischen verwendeten Partizip Aorist elpísas (‚in der Hoffnung/Erwartung‘) wird interessanterweise zum Ausdruck gebracht, dass es sich keineswegs um ein Faktum, sondern vielmehr um die subjektive Einschätzung bzw. die plausible Annahme des Autors handelt.

Ähnlich verhält es sich beim so genannten Methodenkapitel, das durch die Unterscheidung von aitíai (‚Anlässe‘) und alēthestátē próphasis (‚wahrster Grund‘) für den Ausbruch des Peloponnesischen Krieges nicht selten als erste ‚Balance-of-Power‘-Theorie verstanden wird. Wendt konnte an diesem Beispiel plausibel machen, dass Thukydides weit weniger dogmatisch vorging als seine modernen Interpretatoren es ihm unterstellen. Denn vor allem durch das Verb hēgoumai (‚glauben‘) betont er hier seine subjektive Einschätzung.[2] Auf Grundlage dieser Beobachtung wird die Notwendigkeit einer neuen Betrachtungsweise dieser viel diskutierten Stelle ersichtlich: nicht mehr ‚Anlässe‘ sollten vom ‚wahrsten Grund‘, sondern scheinbar eindeutige Symptome von einer subjektiven, nicht belegten bzw. belegbaren Meinung getrennt werden.

Diese Trennung von Wahrheit und ‚Fürwahrhalten‘ tritt vor allem bei Reden hervor, die keine allgemein akzeptierten Ansichten, sondern Randpositionen präsentieren. Während die Figur des Redners selbst natürlich überzeugen möchte, distanziert sich Thukydides bewusst von den dort geäußerten Meinungen und überlässt den Lesern das Urteil, wodurch verschiedene Ebenen der Wahrheit und des ‚Fürwahrhaltens‘ entstehen. Dass diese Reden darüber hinaus noch eine weitere Ebene des Glaubens einbringen, wird im Vergleich mit den erga_ (‚Werke‘/‚Taten‘; bei Thukydides sind ‚erga‘ in Abgrenzung zu den Reden ‚Faktengeschichte‘) deutlich, die im Gegensatz zu den Reden laut Thukydides ausschließlich auf überprüften Fakten und genauer Recherche fußen.[3]

Angesichts dieser Überlegungen kam Wendt zu dem Resultat, dass vor allem die viel zitierten Aussagen des Thukydides, die gemeinhin als Beleg für das kritisch-methodische Vorgehen des Autors herangezogen werden, besonders von Subjektivität geprägt sind und zeigen, dass der eigene Glaube und das ‚Fürwahrhalten‘ die eigentliche Grundlage der thukydideischen Darstellung bilden.

NEVILLE MORLEY (Exceter) schloss thematisch wie inhaltlich an die Ausführungen Wendts an, indem er mit den Begriffen ‚truth‘ und ‚trustworthy‘ operierte. Während auch diese Termini – ähnlich wie ‚Glaube‘ – von der modernen Geschichtswissenschaft zumeist als unkritisch abgelehnt werden, nutzt Thukydides diese Kategorien, um das Vertrauen seiner Leser zu gewinnen und durch seinen ‚neuen‘, stärker methodologisch wirkenden Zugriff seine eigene Glaubhaftigkeit ad nihilum zu konstruieren. Diese vermeintlich kritische Methode macht seine Darstellung des Peloponnesischen Krieges für viele vertrauenswürdig [4] und die Rezeption scheint ihn darin noch zu bestätigen: zu den Argumenten des Thukydides wurden seit dem 18. Jahrhundert noch weitere für seine Glaubwürdigkeit hinzugefügt und als „justification of the historical enterprise as a whole“ genutzt.

Thukydides fungierte vor diesem Hintergrund lange als ‚role model‘, Vorbild und ideeller ‚Kollege‘ für nahezu jeden Historiker der Neuzeit. Dieses Bild verblasste im Laufe der Zeit aufgrund der fortschreitenden Etablierung der Geschichte als Wissenschaft und der Institutionalisierung des Fachs. In dem Maße wie die Autorität des Thukydides in der geschichtswissenschaftlichen Forschung schwand, nahm das Interesse an ihm und seinem Werk in den Politik- und Sozialwissenschaften zu. Als ‚political thinker‘ wird er heute immer öfter als ‚Experte‘ und Referenz im Zusammenhang mit modernen Ereignissen (z.B. Brexit) und Phänomenen (z.B. Donald Trump) zu Rate gezogen.

Nach Morley verbinden die genannten Fachrichtungen aber ähnliche Prinzipien: Während die Sozialwissenschaften aus der thukydideischen Darstellung möglichst viele Daten und Fakten ‚wegdiskutieren‘, um die darunter liegenden ‚patterns of human behaviour‘ herauszuarbeiten, negiert die Geschichtswissenschaft einen Gutteil des Textes als Topos oder Ausschmückung, um ein möglichst ungestörtes Bild der Vergangenheit sichtbar zu machen. Als Resultat bleibt, dass beide Richtungen weite Teile des Werkes ignorieren oder relativieren müssen, um Thukydides weiterhin als ‚Kollegen‘ ansehen zu können. Die Erklärung der doch so unterschiedlichen aber konstanten Rezeption des thukydideischen Werkes sah Morley abschließend im spezifischen Nutzen der Darstellung für beide Fachrichtungen. Während Thukydides im 19. Jahrhundert zur Etablierung einer kritischen Geschichtswissenschaft beitrug, festigt er nun nicht nur die Grundsätze der Sozialwissenschaften, sondern dient diesen darüber hinaus als „alibi for non-engagement with history“, indem die Vergangenheit zwar thematisiert wird, dies jedoch hauptsächlich unter der Prämisse geschieht, die darunter verborgenen Prinzipien und Grundsätze menschlichen Handelns greifen zu können.

LIISI KEEDUS (York) betrachtete im Anschluss Leo Strauss und seine Positionierung zum Historismus. Strauss definierte politische Philosophie als „quest for universal standards“, welche durch den Historismus und seine ihm zugrundeliegenden Prinzipien eingeengt würden. So sah er die Gefahr, dass durch die Geschichtswissenschaft als solche das Philosophieren zur bloßen ‚Chronologie von Gedanken‘ verkomme. Der geistige Begründer des amerikanischen Neoliberalismus war dabei laut Keedus wesentlich mehr durch die Prinzipien des Historismus und historische Methoden geprägt, als gemeinhin angenommen wird; sie charakterisierte Strauss nicht als ‚a-historical‘, sondern als ‚anti-historical thinker‘, der dabei dennoch in seiner Beschäftigung mit antiker Überlieferung immer auf akkurater historischer und politischer Interpretation beharrte. Die Erklärung für dieses Vorgehen scheint vor allem in seiner Sozialisierung in der deutschen Wissenschaftslandschaft des beginnenden 20. Jahrhunderts zu liegen.

Während Strauss zwar die Möglichkeit der Existenz einer „unhistorical political philosophy“ als Utopie verstand, kritisierte er zugleich die Intentionen und den Glauben des Historismus: Um die ‚Wahrheit‘ zu finden, müsse der Historist die Welt des antiken Autoren besser verstehen als dieser selbst. Da jedoch jeder Autor in seiner eigenen Zeit, unter den jeweils gültigen Normen schreibt und vor diesem Hintergrund entsprechend gelesen werden muss, kann klassische Literatur nur dann richtig verstanden werden, wenn der Betrachter bereit ist, die zuvor definierte historistische Grundeinstellung und Methode nicht konsequent zu Ende zu führen.

Darüber hinaus zeichnete Keedus Strauss als ‚contextualist‘, der zwar bestimmte hermeneutische Prinzipien verfolgte, die Existenz einer universellen hermeneutischen Theorie jedoch ablehnte: „There is no universal hermeneutic theory, interpretation is always occasional“. Der Mensch könne sich zudem nur selbst hinterfragen, wenn er der Vergangenheit gegenüber offen bliebe. Damit rückte Strauss wesentlich näher an die so genannte Cambridge School heran, die vor allem die Strauss’sche Interpretation von Hobbes ablehnt, was in der anschließenden kurzen Diskussion noch vertieft wurde.

Den Abschluss der Sektion leitete UWE WALTER (Bielefeld) mit einem Kommentar ein. Von Thukydides ausgehend unterscheid er in der modernen althistorischen Forschung zwischen drei Ebenen des ‚Glaubens‘: Zunächst betonte er das Erbe des 19. Jahrhunderts in Gestalt der Wissenschaftsgläubigkeit und des Glaubens an die Überlegenheit der Methode. In der ebenfalls von Morley erwähnten Etablierung der Historia als Wissenschaft diente Thukydides dementsprechend lange Zeit als eine Art ‚Säulenheiliger‘, dessen institutionelles Erbe noch heute in der den geschichtswissenschaftlichen Disziplinen innewohnenden Hierarchie erkennbar sei. Hinzu träte mit dem ständigen Diskurs über den besten methodischen Zugriff ein gewisser Missionierungsgedanke.

Darüber hinaus finde sich nach Walter in der Geschichtswissenschaft ein disziplininterner Glaube, der sich in verschiedenen Paradigmen, wie die lange vorherrschende Fixierung auf den Staat als wichtigsten Akteur der Geschichte, widerspiegele. Er betonte jedoch ebenfalls, dass jedes Paradigma seine Zeit habe und eine Auflehnung gegen bestehende Konventionen die Wissenschaft voranbringen und überaus fruchtbar genutzt werden könne.

Zuletzt sah Walter die dritte Ebene des ‚Glaubens‘ in der täglichen Forschungspraxis und einem gewissen ihr zugrunde liegenden Konventionalismus, der es erlaube, bestimmte Fakten und Gegebenheiten als glaubwürdig und richtig zu erachten, ohne diese selbst grundlegend überprüft zu haben.

Insgesamt bildete der Kommentar trotz relativ geringer Referenzen auf die vorangegangen Vorträge einen durchaus gelungenen Abschluss der Sektion; in der anschließenden Diskussion konnten darüber hinaus einzelne Aspekte der Vorträge noch präzisiert werden.

Wie die Sektion zeigen konnte, übte und übt Thukydides wie kein zweiter antiker Autor einen ungebrochenen Einfluss auf Geschichts-, Sozial- und Politikwissenschaft aus. Zwar erfuhren auch andere antike Autoren wie Livius und Tacitus eine reiche, frühneuzeitliche Rezeption, doch konnte niemand Thukydides seine herausgehobene Position als erster ‚political-thinker‘ streitig machen. Der Leitanspruch der Historiker, so Walter abschließend, leite sich eben nicht mehr so sehr aus theoretischen, sondern aus politischen Grundsätzen ab.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Christian Wendt (Berlin) / Neville Morley (Exeter)

Christian Wendt (Berlin): Glauben an und bei Thukydides

Neville Morley (Exeter): Belief in an Unhistorical Thucydides

Liisi Keedus (York): O ye of different faith – Leo Strauss and his school

Uwe Walter (Bielefeld): Kommentar

Anmerkungen:
[1] Thuk. I, 1; Übersetzung nach Landmann.
[2] Thuk. I, 23,6: „Den wahrsten Grund freilich, zugleich den meistbeschwiegenen, sehe ich (hēgoumai) im Wachstum Athens, das die erschreckten Spartaner zum Kriege zwang.“; Übersetzung nach Landmann.
[3] Thuk. I, 22,1-2.
[4] Morley: „Thucydides is to be trusted, because his primary intention is to tell the truth.“

Zitation
Tagungsbericht: HT 2016: Glauben und die Glaubwürdigkeit des Historikers – Obviously Believers – The Credibility of the Historian, 20.09.2016 – 23.09.2016 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 28.10.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6793>.