HT 2016: Vergangenheit als Glaubensfrage? Geschichte in der politischen Kommunikation der Antike

Ort
Hamburg
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
20.09.2016 - 23.09.2016
Von
Franziska Luppa, Institut für Geschichte, Technische Universität Dresden

KATHARINA WOJCIECH (Freiburg/Bordeaux) führte in die Sektion ein. Anhand des Beispiels der Rede des Demosthenes gegen Aischines, in welcher dem Beschuldigten vorgeworfen wurde, den seit jeher bestehenden Anspruch auf Amphipolis unzureichend begründet zu haben, illustrierte sie die Kernfrage der Sektion: Glaubten die antiken Zeitgenossen tatsächlich an diese so heraufbeschworene Vergangenheit? Die Glaubensfrage erneut zu stellen, die antiken Zugänge zur eigenen und fremden Geschichte zu untersuchen und die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen griechischer und römischer Erinnerungskultur aufzuzeigen, waren die gesetzten Ziele der Sektion, in deren Rahmen bewusst unterschiedliche Räume, Kontexte und Epochen behandelt wurden.

Zunächst beschäftigte sich MARIA OSMERS (Würzburg) mit Herakles. Ihren Beitrag widmete sie der Frage, ob Herakles ein Heros für alle war. Osmers zufolge ging die Bezugnahme auf Herakles über den kulturellen Selbstzweck hinaus: Vielmehr seien mit ihr konkrete politische Ziele verfolgt worden. So proklamierten bspw. Städte durch die Integration des Herakles in ihre eigene Geschichte eine Bedeutung und auch Adelsgeschlechter legitimierten durch genealogische Anknüpfung an den Heros innenpolitische Ansprüche. Obwohl Herakles ein panhellenischer Heros war – die Erzählungen über die zwölf Taten des Herakles lassen sich in leicht variierender Form in ganz Hellas nachweisen – spreche nicht zuletzt das Fortbestehen lokaler Traditionen und die uneinheitliche Charakterzeichnung des Heros gegen eine Kanonisierung der mit ihm verbundenen Geschichten. Dies führte zur Entstehung vielfältiger, teilweise unvereinbarer Erzählungen. Die Versuche einiger Gemeinwesen, wie Sparta und Theben, ihre Version durchzusetzen und damit den Mythos des Herakles für sich zu vereinnahmen, blieben größtenteils erfolglos. Eher differenzierte sich die Figur des Herakles immer weiter aus: Osmers konkludierte, dass die Griechen Herakles nicht als dorischen, sondern vielmehr als multilokalen Heros wahrnahmen. Eine besondere Rolle nahm Herakles auch in der Außenpolitik ein. Dabei führte der Variantenreichtum, so Osmers, nur selten zu Konflikten. Erst, wenn eine Variante die Vorstellung oder Ansprüche des Gegners herausforderte, sei Widerspruch erhoben worden. So entstand eine ‚geglaubte Geschichte‘, die jene Darstellungen des Herakles umfasste, die als relevante Vergangenheiten der Gegenseite akzeptiert wurden. Dieser flexible Umgang der Griechen auf der einen und die Vielschichtigkeit und Bekanntheit des Herakles auf der anderen Seite konstituierten Osmers zufolge Herakles als einen Heros für alle.

Mit den Latinern als ,Glaubensgemeinschaft‘, also als einem Volk, das an eine gemeinsame Abstammung glaubt, beschäftigte sich EVA HAGEN (Freiburg/Paris). Sie legte ihrem Beitrag die Frage zugrunde, welche Arten von Geschichten im antiken Latium ‚glaubwürdig‘ waren. Anhand von nichtliterarischen Zeugnissen, nämlich Inschriften und Münzen, konnte Hagen belegen, dass sich die Glaubwürdigkeit in der tatsächlichen Wirksamkeit konstruierter Geschichten äußerte. Hagen zeigte, dass gerade eponyme oder aus griechischen Epen stammende Heroen weit mehr als eine rein literarische Kreation ohne weitere Relevanz waren, sondern durchaus ‚Glaubwürdigkeit‘ besaßen und bei den Latinern Bedeutung erlangten. Dabei betrachtete sie zwei Ebenen von Ursprungsgeschichten: Erzählungen über die Gründung latinischer Städte zum einen und Erzählungen über die Ursprünge des Ethnos der Latiner zum anderen. Dass Erzählungen, welche die Gründungsväter latinischer Städte auch als Stammväter von Familien auswiesen, durchaus Glaubwürdigkeit besaßen, zeigte Hagen am Beispiel der römischen Caecilii und der tusculanischen Mamilii. Aber auch im diplomatischen Kontext wurde auf Gründungsgeschichten zurückgegriffen. So erneuerten die Bürger Kenturipes und Lanuviums ihre verwandtschaftliche und gastfreundschaftliche Beziehung, die auf den Helden Lanoios zurückgeführt wurde. Die Zugehörigkeit zu den Latinern insgesamt konnte, so Hagen, über die Abstammung von den Söhnen des Odysseus und der Kirke ausgedrückt werden. Etwa im 4. Jh. entwickelte sich daraus eine komplexere Ursprungserzählung, der zufolge das Volk der Latiner aus dem Zusammenschluss trojanischer Flüchtlinge mit dem (ebenso erfundenen) Volk der Aborigines hervorgegangen sei. Während sowohl die Bezugnahme auf Odysseus als auch auf die Aborigines den Latinern glaubwürdig erschienen sein könnten, habe die Erzählung über die Ursprünge der latinischen Städte als Gründungen von Alba Longa, wie Hagen darlegt, unter den Latinern wohl kaum Glauben gefunden. Sie setzte sich in den latinischen Städten und außerhalb der annalistischen Historiographie nicht durch. Vielmehr handle es sich hier um ein diplomatisches Argument innerhalb der historiographischen Darstellung der Konflikte zwischen Rom und Latinern.

KATHARINA WOJCIECH (Freiburg/Bordeaux) untersuchte in ihrem Beitrag das Bedürfnis nach neuen identitätsstiftenden Figuren innerhalb der attischen Rhetorik. Aus der Beobachtung heraus, dass in attischen Reden häufig auf Gesetzgeber und Strategen Bezug genommen wurde, weniger aber auf mythische Persönlichkeiten, erschloss Wojciech eine Bedeutungsverschiebung von „Theseus zu Chabrias“. Mythische Paradeigmata erfüllten in der attischen Gerichtsrhetorik drei Funktionen: Erstens dienten namentliche Vergleiche der Diffamierung, indem mythische Heroen als Codes für Verfehlungen, wie Gattenmord oder Tyrannenherrschaft, wirken konnten. Zweitens wurden durch ihre Nennung Ansprüche auf Territorien sowie die Demokratie und ihre Institutionen legitimiert. Drittens garantierten die Heroen den äußeren Schutz und den Fortbestand der Polis durch ihre völlige Ausrichtung auf das Vaterland. Diesen Funktionen mythischer Paradeigmata stellte Wojciech die der jüngeren Paradeigmata gegenüber. Dabei zeigte sie, dass die Bezugnahme auf historisch gesicherte Persönlichkeiten in der attischen Gerichtsrhetorik ganz ähnliche Funktionen erfüllte. Zwar sei der Prozess der Kodierung bei den zeitgenössischen Strategen noch im Gange gewesen, doch stellte Wojciech eine bereits auffällig starke Fixierung auf ihre historische Rolle fest, die ihre Instrumentalisierung in der attischen Gerichtsrhetorik ermöglichte. Anhand der Rede des Demosthenes gegen Leptines zeigte Wojciech, dass auch die jüngeren Helden erstens für den Schutz der Polis und ihrer Interessen einstanden und zweitens den Anspruch der Athener auf die Hegemonie in Griechenland legitimieren sollten. So entwarf Demosthenes das Bild eines Konons, der durch die Befreiung der Bundesgenossen der Athener und durch die Beendigung der als ungerecht empfundenen Herrschaft Spartas die Polis geschützt und die athenische Hegemonialstellung gesichert hat. Drittens konnte ihre Nennung aber auch diffamierend wirken: Der Vergleich des Leptines mit Konon und Chabrias sollte die Undankbarkeit des Prozessgegners zum Ausdruck bringen. Die historischen Persönlichkeiten und Zeitgenossen dienten dabei als neue Identifikationsfiguren, mit denen, wie Wojciech feststellte, die Schwäche nach der Niederlage im Peloponnesischen Krieg überwunden werden sollte: Eben weil es nicht mehr genug gewesen sei, die gute alte Zeit heraufzubeschwören, bedurfte die athenische Hegemonialstellung einer neuen Rechtfertigung und neuer Identifikationssymbole.

Wie die Einbettung von Ritualen in Vergangenheitsbezüge dazu diente, eine Gesellschaft in Umbruchszeiten neu zu definieren, zeigte ANGELA GANTER (Dresden/Erlangen) am Beispiel des Festes der Lupercalia. In das Zentrum ihres Beitrags stellte sie die Frage, wie man zwischen später Republik und früher Kaiserzeit mit diesem Fest und seinen archaisch anmutenden Ritualen umging. Dies war bereits bei den Römern umstritten, denn nackt umherlaufende Luperci, welche die Zuschauer verspotteten und die ihnen dargebotenen Frauenhände und -rücken mit Fellriemen schlugen, schienen so gar nicht in das Selbstbild der antiken Millionenstadt Rom zu passen. Autoren wie Cicero oder Cassius Dio sahen darin nicht nur die Untergrabung römisch-republikanischer, sondern zivilisatorischer Standards überhaupt. Wie also ging man mit diesem Spannungsverhältnis um? Das uralte Fest der Luperci war zu tief im römischen Jahreskreis verankert, als dass eine grundsätzliche Abänderung oder gar Abschaffung denkbar gewesen wäre. Gelehrtendiskurse erklärten die Riten anhand ihrer Ursprünge. Sie stellten die Lupercalia als ein zweifellos sehr altes, aus einer gänzlich anderen Zeit stammendes Fest dar, dessen Anfänge noch vor die Gründungszeit Roms zurückreichten. Ganter zeigte, dass sich die Riten vor allem durch einen besonderen Gegenwartsbezug auszeichneten, mittels dessen die Gründungszeit in die eigene Zeit geholt wurde. Dieser Gegenwartsbezug werde zum einen auf zeitlicher Ebene durch die Gegenüberstellung von Temporaladverbien wie nunc und tum deutlich, zum anderen auf räumlicher Ebene durch Bezugnahme auf in Rom vorhandene Strukturen. Dafür spreche nicht zuletzt, dass sich das Lupercal am Palatin befand, also an eben jenem Hügel, an dem die Besiedelung Roms begonnen haben soll. Außerdem führte ihr Lauf die Luperci an erinnerungsträchtigen Orten vorbei, vermutlich bis hin zum Forum Romanum. So sei den Einwohnern Roms die Bedeutung dieser Orte durch die mit dem Fest verbundenen Rituale wieder bewusst gemacht worden. Vielmehr noch vermochten gerade die archaisch anmutenden Rituale kollektive Emotionen zu schüren, eine Rückbesinnung auf die Vorzeit zu ermöglichen und so, wie Ganter feststellte, die existenziellen Grundlagen der Gesellschaft in den Vordergrund zu rücken. Genau diese Macht, die den altehrwürdigen Ritualen innewohnte, siegte über das Unbehagen.

An die Ausführungen von Ganter schloss UWE WALTER (Bielefeld) seinen Kommentar an. Er befand, die Zielstellung der Sektion nicht nur auf den Vergleich zwischen griechischer und römischer Erinnerungskultur zu beschränken, sondern um die Frage nach den Grenzen ihres Funktionierens im pragmatischen Kontext zu erweitern. Darüber hinaus regte er zu weiteren Untersuchungen an, die sich mit denjenigen Fällen beschäftigen, in denen Griechen entscheidungsbefugten Römern historische Argumente vortrugen. Zu denken sei hier an Gesandtschaften im Senat oder an die Athener gegenüber Sulla. Diese Untersuchungen, so Walters Vermutung, würden Gemeinsamkeiten, zum Beispiel in Bezug auf die beiden Parteien gemeinsamen Kulturen der öffentlichen Rede, und Unterschiede, wie die Funktionsweisen verschiedener Exempla, offenbaren.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Katharina Wojciech (Freiburg / Bordeaux)

Maria Osmers (Würzburg): Herakles für alle? Vergangenheit als politisches Argument in der griechischen Antike.

Eva Hagen (Freiburg / Paris): Glaubensgemeinschaften: Ursprungserzählungen und ethnische Identität in Rom und Latium.

Katharina Wojciech (Freiburg / Bordeaux): Von Theseus zu Chabrias: Protagonisten historischer Erzählung in der attischen Rhetorik des 4. Jh. v. Chr.

Angela Ganter (Dresden / Erlangen):
Mythos, Ritual und Rationalisierung: Romulus und Remus auf den Lupercalia, oder: Das augusteische Rom als Hirtenidyll.

Kommentar: Uwe Walter (Bielefeld)

Zitation
Tagungsbericht: HT 2016: Vergangenheit als Glaubensfrage? Geschichte in der politischen Kommunikation der Antike, 20.09.2016 – 23.09.2016 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 05.11.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6805>.