Symposium zum Gedenken an Gerhard A. Ritter

Ort
Berlin
Veranstalter
Friedrich-Ebert-Stiftung, Archiv der sozialen Demokratie, Anja Kruke, Stefan Müller und Meik Woyke, in Kooperation mit Jürgen Kocka und dem Verband der Historikerinnen und Historiker Deutschlands
Datum
06.10.2016 - 07.10.2016
Von
Oliver Gaida, Institut für Geschichte, Humboldt-Universität zu Berlin

Am 6. und 7. Oktober nahm ein Symposium die Herausforderung an, das Wirken des im Juni 2015 im Alter von 86 Jahren verstorbenen Historikers Gerhard A. Ritter kritisch zu würdigen.[1] Strukturiert wurde das Berliner Symposium entlang der Forschungsfelder Ritters: Am ersten Tag standen der Sozialstaat und die Geschichtswissenschaft nach 1945 im Mittelpunkt, am zweiten Tag die Felder Sozialdemokratie, Gewerkschaften und soziale Bewegungen, die Parteien und der Parlamentarismus sowie die Deutsche Einheit. Auf diesen Feldern sollte – wie es FRANK BÖSCH (Potsdam) als Vertreter des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) zum Einstieg betonte – der Bogen vom Wirken Ritters zu aktueller Forschung geschlagen werden. Das sozialwissenschaftliche und gegenwartsbezogene Interesse Ritters aufgreifend, wurden in einzelnen Panels historische Perspektiven um aktuelle sozialwissenschaftliche Forschungen ergänzt. Konnte das Symposium dieses selbstgesetzte Ziel erreichen und zugleich der Forschungsbreite des enorm produktiven Wissenschaftlers Gerhard A. Ritters gerecht werden?

Gerhard A. Ritters sozialgeschichtliche Kernanliegen bildeten mit dem Panel zum Sozialstaat den Auftakt. CORNELIUS TORP (Augsburg) griff in seinem ersten Vortrag auf den von Ritter gepflegten deutsch-britischen Vergleich zurück – angewandt auf die beiden Systeme der Alterssicherung. Er analysierte die beiden am Anfang der 2000er-Jahren krisenhaften Systeme von ihrer Einführung her: Während das britische System der Alterssicherung nach dem Beveridge-Gleichheitsprinzip 1946 geschaffen wurde, entstand 1957 das deutsche als Lebensleistungsrente, um den sozialen Status zu bewahren. Jedoch gelang es letzterem laut Torp eher, geringe Renten zu heben – allerdings sei beiden geschlechtsabhängiger Armut und der sozialabhängigen Lebenserwartung gemeinsam. Im Vereinigten Königreich wog es hingegen schwer, dass das Problem „two nations in old age“[2] das Gleichheitsprinzip durch betriebliche Rentenansprüche immer wieder untergrub.

Einen für Komparatistik und Transfer wichtigen Beitrag steuerte SANDRINE KOTT (Genf) mit der Frage bei, ob der deutsche Sozialstaat zwischen 1890 und 1950 ein Modell für Europa dargestellt habe? Sie beschrieb das Paradox, wonach die deutschen Sozialversicherungen sowohl nationsbildend, indem sie dezentral organisiert den Nationalstaat in die Arbeiterhaushalte brachte, als auch europäisierend gewirkt haben. Die Sozialversicherungssysteme schulten mit ihrer Selbstverwaltung die Arbeiterbewegung. Zudem zirkulierten die Konzepte über ein Experten-Milieu in den internationalen Netzwerken wie der International Labour Organization (ILO). HANS-JÜRGEN BIELING (Tübingen) diskutierte dann für die europäische Ebene, wie die Wohlfahrtsstaaten seit dem Strukturwandel der 1980er-Jahre Privatisierung und Deregulierung flankierten. So habe sich der europäische Wohlfahrtsstaat unter dem Schlagwort „Flexicurity“ transformiert, beim Versuch die Krisen zu bewältigen.

Mit dem Blick auf diese drei Vorträge hob WILFRIED RUDLOFF (Kassel) in seinem Kommentar hervor, dass für Gerhard A. Ritter der Sozialstaat ein Kern moderner Staatlichkeit gewesen sei, da dieser sowohl eine positive als auch eine negative Integrationsrolle gegenüber der Arbeiterbewegung eingenommen habe. Rudloff schlug vor, dass für ein besseres Sozialstaatsverständnis seine Wirkungsgeschichte – auch wie dieser selbst soziale Ungleichheit produzierte –, die Aktivitäten vor Ort sowie die Rolle von europäischen Kapitalismus- und Sozialstaatsmodellen untersucht werden müssten. Die anschließende Diskussion knüpfe an ein vorher schon aufgeworfenes Problem an: Der Sozialstaat umfasst mehrere Ebenen und die Archivbestände dazu sind asymmetrisch verteilt.

Aus der Tagungsstruktur fiel der folgende Abschnitt zur „Geschichtswissenschaft nach 1945“ etwas heraus, weil es nicht explizit ein Forschungsfeld Ritters umfasste: Dieses Panel eröffnete JENS THIEL (Berlin) mit einem Beitrag zu Ritter als Vorsitzenden des VHD. Er sah Ritter als ausgleichenden Part, der den Verbandsvorsitz übernahm, als der VHD zwischen der historistischen Tradition und der Sozialgeschichte zu zerreißen drohte. Ihm sei es laut Thiel gelungen, aus einem Honoratiorenverband eine sich öffnende, wachsende Interessenvertretung zu formen. Ein weiteres Großprojekt Ritters griff DIETER DOWE (Sankt Augustin) mit der Reihe „Geschichte der Arbeiter und Arbeiterbewegung seit dem 18. Jahrhundert“[3] auf. Sie sei als Reaktion auf die 1966 in der DDR erschienene „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ im Kalten Krieg zu verstehen. Jedoch verfolgte Gerhard A. Ritter nicht den Anspruch einer Parteiengeschichte, sondern eine Geschichte darüber, wie die Arbeiterbewegung und -klasse in Gesellschaft und Staat integriert wurde. Dowe stufte die Reihe als „verlegerische Großtat“ ein, auch wenn sie immer wieder erweitert werden musste und bis heute nicht abgeschlossen ist.

Auf ein konkretes Projekt Ritters konnte sich ANDREAS ECKERT (Berlin) hingegen nicht stützen. Er wählte vielmehr das neuere Feld der „Global Labour History“, das Ritter nicht selbst betrieb, aber aufgeschlossen verfolgte. Andreas Eckert skizzierte, wie sich die Sozialgeschichte seit 1945 durch den Globalen Süden erweitert habe und wählte als Beispiele die Historiografie Südafrikas und Indiens: In der südafrikanischen wurden über Sklaverei und Apartheid der Zusammenhang von Rassismus und Kapitalismus thematisiert. In Indien versuchten die subaltern studies zu bis dahin stereotypisierten Arbeitsrealitäten vorzustoßen. Die drei recht unterschiedlichen Beiträge führte THOMAS KROLL (Jena) auf folgende Kernpunkte hin: Die Sozialgeschichte war Oppositionsgeschichte und somit zwangsläufig politisch. Aufgrund dieses Konfliktprofils tauchte Ritter weniger als andere Protagonist/innen der Sozialgeschichte in der zeitgeschichtlichen Historiografie auf. Um sein Profil drehte sich auch die anschließende Diskussion, in der unter anderem Helga Grebing anregte, Ritter stärker in damals bestehende Netzwerke einzuordnen. Auch Thomas Kroll unterstrich, wie wichtig der Kalte Krieg als Konstellation für Ritters Forschung war und dass die Globalisierung der Sozialgeschichte erst danach einen Aufschwung erleben konnte.

Den ersten Tag schloss der gut besuchte Abendvortrag von JÜRGEN KOCKA (Berlin), einer der bekanntesten Schüler Ritters, ab. Er versuchte zu klären, was Gerhard A. Ritter zu einem „bedeutsamen Neuerer“ machte. Ritter sei demnach zu einem wichtigen Impulsgeber – insbesondere mit seinen Pionierarbeiten zur Arbeiterbewegung – für die bis in die 1970er-Jahre aufsteigende Sozialgeschichte avanciert. Kocka hob hervor, wie stark Ritter durch den aus dem Exil zurückgekehrten Hans Rosenberg, durch seine Station in Oxford oder das Umfeld der sich formierenden Politikwissenschaft an der FU Berlin geprägt worden sei. Aus diesen Einflüssen folge, dass ihm und seiner Historiker/innengeneration das Verhältnis zwischen Deutschland und dem „Westen“ unter der Leitfrage beschäftigt habe, wie es zu „1933“ kommen konnte. Dafür war für ihn die Sozialgeschichte nicht nur eine Sammlung an Themen, sondern eine Betrachtungsweise von der Gesellschaft her. Den „großen“ Akteuren setzte die gesellschaftskritisch geprägte Sozialgeschichte die Verhältnisse, Prozesse und Strukturen entgegen – jedoch kreierte Ritter nie ein theoretisches Gesamtkonzept. Ohne die zahlreichen sozialgeschichtlichen Netzwerke vom Archiv für Sozialgeschichte bis zur Bielefelder Schule wäre aber auch Ritter nicht zu verstehen. Seine Interessen reichten über die Sozialgeschichte hinaus. Daher hielt Kocka abschließend fest, dass Ritter „nie ein sozialgeschichtlicher Spezialist“ gewesen sei, er aber immer „sozialgeschichtlich“ geendet habe. Die anschließende Diskussion regte Fragen nach Interdisziplinarität und Ansätzen der „Neuen Sozialgeschichte“ in Ritters Forschung an.

Zu Beginn der Sektion zur „Sozialdemokratie, Gewerkschaften und sozialen Bewegungen“ zeichnete JÜRGEN SCHMIDT (Berlin) die Spannungslinien der frühen Arbeiterbewegung nach. Sie verliefen zwischen der Konfrontation aus einem Klassenverständnis gegenüber bürgerlichen Partizipationsmustern und der Adaption dieser, um Respektabilität zu erreichen. Die frühe Arbeiterbewegung erlitt so Niederlagen, weil sie ihren universalistischen Anspruch nicht erfüllen konnte. Gemeinsam mit dem folgenden Beitrag von KNUD ANDRESEN (Hamburg) rahmten die beiden Referenten den zeitlichen Interessenschwerpunkt Ritters ein. Andresen richtete den Blick auf die langen 1970er-Jahre, in denen er die Gewerkschaftsjugend als bisher zu wenig beachtet benannte. Er identifizierte die Ausbildungsreform, die Jugendbewegung der 1968er und die neuen sozialen Bewegungen als Triebkräfte eines Wandels der erodierenden Arbeiterbewegung. Die lebensweltliche Bindung und kulturelle Identität ging für die Auszubildenden verloren, sodass die Gewerkschaftsjugenden ihre Erwerbsarbeitsinteressen vertraten, aber nicht mehr ein Milieu.

Das nachfolgende Thema DANIEL MAULS (Oslo) zum Weg zur globalen Sozialpolitik hätte auch in der ersten Sektion zum Sozialstaat seinen Platz gefunden. Er konzentrierte sich auf die global agierende ILO, die sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg von ihrer imperialen Prägung gelöst habe. Ihr Fokus auf Normen der Industriearbeit blendeten die landwirtschaftlich geprägten (de-)kolonialisierten Staaten zunächst aus. Der „Native Labour Code“ sei ein erster Schritt und die Philadelphia-Erklärung 1944 der Bruch gewesen, aber erst ab den 1960er-Jahren lösten nach und nach Sozialstandards (hin zu einer mit einer „basic needs“-Strategie) die rein technische Hilfe ab. FRIEDRICH LENGER (Gießen) hinterfragte in seinem Kommentar gezielt, welchen Stellenwert solche internationale Organisationen gegenüber nationalstaatlichen Containern haben konnten. In der Diskussion ordnete Sandrine Kott die ILO noch in den globalen Rahmen als antikommunistischer Organisation ein.

Das folgende Panel zu „Parteien und Parlamentarismus“ eröffnete THOMAS MERGEL (Berlin), der Gerhard A. Ritter in der Verfassungs- und Parlamentarismusforschung verortete. Diese Forschung verfolgte lange ein Lernziel aus der Frage „Wird Bonn Weimar?“. Aus dieser ursprünglichen Motivationslage heraus verglich Ritter das deutsche und britische politische System und trieb seit den 1970er-Jahren die immer wieder erweiterte und noch nicht abgeschlossene Reihe „Handbuch der Geschichte des deutschen Parlamentarismus“[4] voran. Mergel schlug vor, zukünftig Forschungsansätze auszubauen, die Medien und Öffentlichkeit, die Frage nach einem „European Concept“ des Parlamentarismus oder Parlamente in Diktaturen berücksichtigen. Vor allem sollten nach Mergel Kategorien wie „Gutes Regieren“ selbst historisiert werden – statt eine politische Pädagogik der Demokratie fortzusetzen.

DIETMAR SÜß (Augsburg) setzte wiederum bei der deutsch-britischen Vergleichs- und Transfergeschichte an und erläuterte am Beispiel des Verhältnisses von SPD und der britischen Labour Party nach 1945, wie gering das gegenseitige Wissen war und abgrenzende Projektionen existierten. Der Briefwechsel zwischen Walter Auerbach und William Henry Beveridge, indem es auch um den „Social Security“-Ansatz ging, diente als Beleg. Diese Muster transnationaler Lernprozesse seien noch nicht hinreichend untersucht. Daran ließe sich überprüfen, wie weit das Katharsis-Narrativ der im Exil im „Westen“ angekommenen und so marktorientierteren SPD-Genoss/innen gegenüber Labour auf dem Weg nach Godesberg zutrifft. Dazu müsste aber nach der Kommentatorin SILKE MENDE (Tübingen) eine Parteienforschung erst einmal wieder reaktiviert werden. Sie plädierte hierbei für die von Thomas Mergel vertretene Politische Kulturgeschichte und die von Dietmar Süß demonstrierte Untersuchung der individuellen Erfahrung der „Westernisierung“. Die Diskussion nahm ihre Frage nach dem „European Concept“ als universalisierte Norm auf. Jedoch verwies Dietmar Süß darauf, dass Lernprozesse eben auch ideologische Konstrukte seien und neben Adaption die Abgrenzung auszumachen sei.

Das Abschlusspanel fokussierte auf den Prozess der deutschen Einheit, in dem Ritters zeitgenössisches Wirken und sein Forschungsinteresse am stärksten verschwammen. MARCUS BÖICK (Bochum) nahm sich der Treuhandgesellschaft als Schlüsselinstitution in den „Arenen des Übergangs“ an. Der Vereinigungsprozess war Ritter bereits ein Anliegen, das er in seinem Werk „Der Preis der Einheit“[5] verarbeitete. Für die Übergangszeit führte Böick eine argumentative Figur des „Schwungpendels“ ein, um zu beschreiben, wie eine gegenläufige Entwicklung zu einem Pyrrhussieg des Sozialstaats wurde. In der „Stunde der Exekutive“ vermarktlichte und entstaatlichte die Treuhand umfangreich, aber zugleich setzte sie auf massive sozialstaatliche Interventionen. Am Ende habe so ein erheblicher Reformbedarf des Sozialstaats bestanden. Nach ihm schnürte WILFRIED LOTH (Duisburg-Essen) die deutsche und europäische Einigung zusammen. Er erläuterte, wie François Mitterand von Helmut Kohl die Zusage für eine gemeinsame Währung und damit dem Ende der DM als Bedingung für die Wiedervereinigung abrang. Der Weg zum Vertrag von Maastricht sei so geebnet gewesen.

STEPHAN LESSENICH (München) wandte sich mit einem soziologischen Blick dem Werk Ritters „Preis der Einheit“ zu: Gerhard A. Ritter habe mit den Kosten und der Krise des Sozialstaates einen doppelten Preis der Einheit ausgemacht. Daher habe sich „der politische Reformbedarf dramatisch erhöht“. Lessenich intervenierte hier mit drei Kritikpunkten: Er sortierte sie nach Nähe-Distanz-, Statik-Dynamik- und Konsens-Konflikt-Problemen, da der Einigungsprozess bei Ritter alternativlos erschien, die Veränderungen hin zu Wohlfahrtsmärkten längst im Gang waren und die Interessenkonflikte bei ihm kaum sichtbar waren. ILKO-SASCHA KOWALCZUK (Berlin) führte in seinem Kommentar Ritters Forschungspionierrolle zur deutschen Einheit auf seine Intellektuellenrolle zurück. Seine Motivation habe sich stark aus seinem Wirken beim Neuaufbau der Humboldt-Universität gespeist. Kowalczuk kritisierte diesen universitären Transformationsprozess: Innovationen seien schlussendlich nicht zugelassen, sondern bestehende Netzwerke gepflegt worden. Die universitären Strukturen – insbesondere die Berufungsverfahren – seien zu hinterfragen. Neben der Frage, wie weit Ritter in dieser Zeit als Akteur und Zeitzeuge zu sehen sei, rückte der Sozialstaat als letzte Infrastruktur der Umbruchszeit in den Fokus der Diskussion.

Im Tagungsfazit hielt MEIK WOYKE (Bonn) Faktoren einer Ritter-Biografie fest und hob insbesondere dessen Forschungsnetzwerke hervor, aber auch dessen Generationserfahrung. ANJA KRUKE (Bonn) wiederum schärfte den Blick für die neuen Möglichkeiten einer Parlaments- und Parteiengeschichte mit Fragen zum Verhältnis zur nationalen, europäischen und globalen Ebene. Abschließend ordnete STEFAN MÜLLER (Bonn) ein, wie stark Ritters sozialgeschichtliche Pionierforschung dennoch zeitgebunden war und woraus auch der geringere Reflexionsgrad seiner Spätwerke zur deutschen Einheit resultieren könne. Ebenso könne die Entstehungsgeschichte der Reihen Ritters zu Arbeiterbewegung und Parlamentarismus dafür aufschlussreich sein.

Diese Reihen stehen dafür, dass Ritters dynamisches Wirken viele Forschungen inspiriert hat. Gerade diese Dynamik trat auf der Tagung hervor – auch weil sie nicht nach Werkphasen sondern nach Themengebieten strukturiert war. Solche dynamischen Ansätze waren gerade für die Kommentierenden nicht leicht zu bändigen. In den jeweiligen Sektionsdiskussionen fehlte es nicht an Kontroversen zur Rolle Ritters als public intellectual, zu Vorläufern der „Neuen Sozialgeschichte“ in Ritters Forschung oder den Einzug der globalen Perspektive – jedoch debattierten die Vortragenden kaum untereinander. Sie brachten aber Ritters Werk mit Forschungsinnovationen vielfältig zusammen. Schlussendlich empfiehlt sich diese Tagungskonzeption sehr, da so erst deutlich wird, warum die Selbstreflexion der historischen Forschung immer wieder so wichtig ist – sonst würden die Rückblicke auf das Wirken von Historikern wie Gerhard A. Ritters nur eine Wiederholung ihrer Forschungsergebnisse sein.

Konferenzübersicht:

Anja Kruke (Bonn): Begrüßung

Frank Bösch (Potsdam): Grußwort des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands

Sozialstaat in Europa

Cornelius Torp (Augsburg): Two Nations in Old Age. Alterssicherung in Deutschland und Großbritannien im Vergleich

Sandrine Kott (Genf): Der deutsche Sozialstaat, ein europäisches Modell (1890–1950)?

Hans-Jürgen Bieling (Tübingen): Transnationale Krisendynamiken und wohlfahrtsstaatliche Transformationspfade

Kommentar: Wilfried Rudolff (Kassel)
Moderation: Heike Wieters (Berlin)

Geschichtswissenschaft nach 1945

Jens Thiel (Berlin): Gegen „jeden geistigen Provinzialismus“. Gerhard A. Ritter, die Historikertage und der Vorsitz des Historikerverbandes

Dieter Dowe (Sankt Augustin): Gerhard A. Ritters Reihe „Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts“

Andreas Eckert (Berlin): Sozialgeschichte in der Erweiterung. Konjunkturen der Labor History im globalen Süden seit 1945

Kommentar: Thomas Kroll (Jena)
Moderation: Rüdiger vom Bruch (Berlin)

Abendvortrag
Jürgen Kocka (Berlin): Gerhard A. Ritter und die Sozialgeschichte in der Bundesrepublik

Sozialdemokratie, Gewerkschaften und soziale Bewegungen

Jürgen Schmidt (Berlin): Eine Erfolgsgeschichte: Die frühe deutsche Arbeiterbewegung, ca. 1830–1875

Knud Andresen (Hamburg): Von Arbeiter- und neuer sozialer Bewegung. Die Gewerkschaftsjugend in den langen 1970er-Jahren

Daniel Maul (Oslo): Auf dem Weg zur globalen Sozialpolitik? Die ILO zwischen Dekolonisation und Nord-Süd-Konflikt

Kommentar: Friedrich Lenger (Gießen)
Moderation: Marie-Luise Recker (Frankfurt am Main)

Parteien und Parlamentarismus

Thomas Mergel (Berlin): Von der Verfassungsgeschichte zur Sozialgeschichte: Gerhard A. Ritters Parlamentarismusforschung

Dietmar Süß (Augsburg): Von Labour lernen? Sozialdemokratie und britische Labour Party nach 1945

Kommentar: Silke Mende (Tübingen)
Moderation: Kirsten Heinsohn (Hamburg)

Deutsche Einheit: politische und soziale Folgen

Marcus Böick (Bochum): Die Einheit und ihr Preis. Bearbeitungen der „Vereinigungskrise“ zwischen Treuhandanstalt und Sozialstaat

Wilfried Loth (Duisburg-Essen): Deutsche Einheit und europäische Einigung

Stephan Lessenich (München): Verweile doch, Du bist so schön: Der Preis der deutschen Einheit – revisited

Kommentar: Ilko-Sascha Kowalczuk (Berlin)
Moderation: Ulrike Schulz (Berlin)

Meik Woyke (Berlin) / Anja Kruke (Bonn) / Stefan Müller (Bonn): Was bleibt von Gerhard A. Ritter?

Anmerkungen:
[1] Am 20. Juni 2016 fand Im München ebenfalls eine Tagung und Gedenkfeier unter dem Titel „Gerhard A. Ritter – Schülerinnen und Schüler, Kolleginnen und Kollegen, Wegbegleiter und Freundinnen erinnern an seine Persönlichkeit“ statt: http://www.ieg-mainz.de/media/public/PDF/2016-06-20%20Programmflyer-Ritter_Web.pdf (08.10.2016).
[2] Richard M. Titmuss, Pension Systems and Population Change (1955), in: ders., Essays on the Welfare State, London 1958, S. 56–74, hier S. 73.
[3] Neben seiner Herausgeberschaft in „Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts“, Bd. 3: Gerhard A. Ritter / Klaus Tenfelde, Arbeiter im Deutschen Kaiserreich 1871 bis 1914, Bonn 1992.
[4] Gerhard A. Ritter, Gesellschaft, Parlament und Regierung. Zur Geschichte des Parlamentarismus in Deutschland, Düsseldorf 1974.
[5] Gerhard A. Ritter, Der Preis der deutschen Einheit. Die Wiedervereinigung und die Krise des Sozialstaats, München 2006.

Zitation
Tagungsbericht: Symposium zum Gedenken an Gerhard A. Ritter, 06.10.2016 – 07.10.2016 Berlin, in: H-Soz-Kult, 18.01.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6933>.