Geschichte eines Leitmediums. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung von ihrer Gründung 1949 bis zur Gegenwart

Ort
Würzburg
Veranstalter
Peter Hoeres, Institut für Geschichte, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Datum
16.01.2018
Von
Andreas Lutsch, Institut für Geschichte, Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten und von Peter Hoeres (Würzburg) geleiteten Projekts zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) von ihrer Gründung 1949 bis zur Gegenwart wurden die Projektvorhaben[1], deren methodisch-konzeptionelle Zugänge und empirische Fundierung sowie bisherige Ergebnisse der Teilprojekte präsentiert und mit Experten diskutiert. Im Gespräch mit PATRICK BAHNERS (Frankfurt am Main), FRANK BÖSCH (Potsdam) und AXEL SCHILDT (Hamburg) stellte das Würzburger Team seine Arbeit vor. Die Projektmitarbeiter untersuchen die Geschichte der FAZ im Kontext der Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik und erforschen die Funktion der Zeitung als Weltblatt, welches primäres Wissen und Orientierung für Politik, Wirtschaft und Kultur im In- und Ausland zur Verfügung stellte, rahmte und interpretierte und diese Bereiche medialisierte.

Eine moderne Mediengeschichte der FAZ stellt ein Desiderat dar, wie PETER HOERES (Würzburg) einleitend mit Verweis auf zahlreiche Forschungen zu ausländischen Weltzeitungen hervorhob. Als strukturelle Probleme, die historische Forschungen über Medienunternehmen in Deutschland bisher erschwert haben, benannte er einerseits die Quellenfülle (etwa im Blick auf die über sechs Millionen veröffentlichten Artikel der FAZ) und andererseits eine „Abschottungspolitik der Medienverlage“ im Blick auf ihre nicht-öffentlich zugängliche Überlieferung. Die Projektarbeit mit dem digitalen Volltextarchiv der FAZ eröffne freilich die Möglichkeit, hermeneutische Quellenarbeit mit quantitativen Methoden der Quellenauswertung zu verbinden. Diese Möglichkeit eröffne im Vergleich zum vordigitalen Zeitalter völlig neuartige Erkenntnispotentiale. Die Bedeutung des Würzburger FAZ-Projekts werde zudem daran erkennbar, dass den Projektmitarbeitern nach langen Verhandlungen erstmals in der Geschichte der FAZ ein exklusiver Zugang zur nicht-öffentlichen Überlieferung der FAZ gewährt wurde. Dies schließt Protokolle über Sitzungen der Herausgeber und der Konferenzen der FAZ ein. Das Projekt bleibt jedoch inhaltlich und finanziell vollkommen unabhängig von der Zeitung. Das Vorhaben soll als Pilotprojekt Forschungen zu weiteren Einzelmedien anstoßen und das Interesse von Verlagen an Forschungen zu ihren Medien steigern.

Einen Einblick in ein erstes abgeschlossenes Promotionsvorhaben gab CHRISTINA SCHÄFER. Mit ihrem akteurszentrierten Ansatz offerierte Schäfer neue Einblicke in die ersten drei Jahrzehnte der Geschichte der FAZ. Aus ihren biographischen Forschungen über Erich Welter, den einflussreichen Gründungsherausgeber der Zeitung, zeigte sie mit Hilfe der historischen Netzwerkanalyse persönliche und institutionelle Verknüpfungen Welters als Grundlage für seine Kontaktpflege und Wege seines Informationsaustauschs auf. Exemplarisch präsentierte sie ihre Ergebnisse über die Entwicklung der Beziehung zwischen Welter und Wilhelm Röpke, der zeitweise zum hochdotierten FAZ-Gastautor wurde.

Die Eigenständigkeit der jeweiligen Ressorts der FAZ sei auch in historischer Sicht so groß, wie Hoeres konstatierte, dass diese jeweils als „unabhängige Zeitungen“ gesehen werden könnten. Vor diesem Hintergrund erkläre sich, warum im Rahmen des FAZ-Projekts jeweils eigene Teilstudien den Ressorts Politik, Wirtschaft und Feuilleton gewidmet sind.

ROXANNE NARZ (Würzburg) untersucht in ihrem Promotionsvorhaben die Geschichte des Feuilletons. In ihrem Vortrag über die Mediengeschichte des frühen Kulturressorts ging sie der Frage nach, wie sich der Aufstieg desselben in den 1950er- und 1960er-Jahren zum Forum bundesdeutscher Kulturkritik und zu einer zentralen kritischen Instanz für den Wissenschafts- und Kulturbetrieb in der Bundesrepublik vollzog. Dabei stellte sie die von ihr erstmals erschlossene Korrespondenz zwischen Feuilleton-Herausgeber Karl Korn und Margret Boveri vor. Für den Aufstieg des Feuilletons machte Narz auf der Basis ihrer bisherigen Arbeiten drei Faktoren aus: eine von der Redaktion gepflegte Debattenkultur, die Öffnung für Themen jenseits des feuilletonistischen Kanons und enge Verbindungen zu führenden geistigen Köpfen der Bundesrepublik, einschließlich solcher, die einer neuen Generation von Intellektuellen zuzurechnen waren.

Gegenstand des Promotionsvorhabens von FREDERIC SCHULZ (Würzburg) ist das Politikressort der FAZ. Schulz stellte fest, dass die FAZ im Politikjournalismus gerade des vordigitalen Zeitalters eine herausragende Stellung in der Bundesrepublik innehatte. Er gab einen Einblick in bisherige Forschungsergebnisse über Fragen nach der organisationalen und sozialen Identität des Politikressorts und maßgeblicher Akteure, nach Hierarchien und männerbündischen Strukturen, nach der Wirkungsweise von Gatekeeping und Agenda-Setting sowie nach der Nachrichtensystematik des Ressorts, einschließlich des globalen Netzes von Korrespondenten. Wie kein anderer Politikteil habe das politische Ressort der FAZ der alten Bundesrepublik orientierungsstiftenden und streitbaren Qualitätsjournalismus geliefert. Das Politikressort habe einen Platz am Webstuhl der Zeit und damit am Webstuhl der Realität eingenommen.

Das Wirtschaftsressort der FAZ untersucht MAXIMILIAN KUTZNER (Würzburg) im Rahmen seiner Dissertation. Kutzner wies darauf hin, dass die Geschichte des Wirtschaftsjournalismus generell kaum erforscht sei. Das methodische Design seiner Arbeit verbindet Grundbegriffe der Systemtheorie nach Niklas Luhmann, die kommunikationswissenschaftliche Medialisierungstheorie sowie qualitative und quantitative Ansätze der Quellenauswertung. Kutzner untersucht die Funktionen des Wirtschaftsressorts für dessen Interaktionspartner in Politik, Wirtschaft, Medien und Wissenschaft. Eine zentrale Hypothese laute, dass sich die Arbeitsweise dieser Interaktionspartner aufgrund spezifischer Wechselwirkungen zum FAZ-Wirtschaftsressort verändert habe. Exemplarisch zeigte Kutzner, dass der Wirtschaftsteil maßgeblich dazu beitrug, das Bundeswirtschaftsministerium unter Ludwig Erhard und den Bundesverband der Deutschen Industrie in der Debatte um das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen für die Bedeutung der medialen Öffentlichkeit zu sensibilisieren.

Abschließend stellte PETER HOERES (Würzburg) seine Arbeit an der Gesamtgeschichte der FAZ vor, die er 2019 in einer Monographie vorlegen wird. Eine solche Gesamtgeschichte solle und könne keine „Totalgeschichte“ sein. Angesichts der 6.279.029 im Volltextarchiv der FAZ digital verfügbaren Artikel wäre schon ein Versuch, letzteres zu schreiben, „sinnlos und langweilig“. Die Quellenauswahl erfolge vor allem anhand weiterer Quellen. Als solche benannte Hoeres etwa die nicht öffentlich zugängliche, aber im Rahmen des FAZ-Projekts einsehbare Überlieferung der FAZ sowie Nachlässe und Interviews mit Herausgebern und Redakteuren der Zeitung, die für Wendepunkte, Interna etc. sensibilisieren würden. Er unterstrich das große Potential, das sich aus der Verfügbarkeit des digitalen Volltextarchivs der FAZ ergebe. Beispielsweise könne jetzt der Wandel der Sprache in der FAZ untersucht werden: Wann sprach die Zeitung nicht mehr von „Neuyork“ und „Frau Merkel“, sondern von „New York“ und „Merkel“? Wann wurde die Bezeichnung „Schwule“ etabliert? Solche semantischen Veränderungen indizieren normativ-politische Einstellungsänderungen von erheblicher Bedeutung. Einen Einblick in die Machart seiner Monographie vermittelte Hoeres abschließend anhand einer Vorstellung des „Stils der FAZ“, der die organisationale Identität der Zeitung markiere.

Die Diskussion ergab neben zahlreichen Hinweisen und Ergänzungen zu Einzelprojekten eine Fülle von Anregungen, die für die Mediengeschichtsschreibung generell von Interesse sind. Ein erster Problemkreis betraf methodisch-konzeptionelle Fragen zur Mediengeschichte. AXEL SCHILDT (Hamburg) begrüßte, dass das Projekt digital humanities und historische Methode zusammenführe. Er wies auf das Potential hin, aufgrund der Projekterfahrung einen Beitrag zur methodisch-konzeptionellen Frage zu leisten, wie sich diese Zusammenführung praktisch umsetzen lasse. FRANK BÖSCH (Potsdam) fragte, inwiefern eine Netzwerkanalyse auch Antworten geben könne, wie die FAZ ihr Personal rekrutiere. Werde eingestellt, wen man kennt, so spreche dies für eine „Kultur des Misstrauens“, während eine weniger auf wechselseitiger Bekanntheit beruhende Praxis professionelle Standards stärker gewichte. PATRICK BAHNERS (Frankfurt am Main) regte an, mittels Netzwerkanalyse auch die Arbeit des Herausgebergremiums zu untersuchen und zwischen privaten, privat-beruflichen und beruflichen Kommunikationskanälen zu differenzieren. Schildt riet, von einem zu starren Fokus auf die Netzwerkanalyse abzusehen. Die Erarbeitung und Konstruktion des Netzwerks könne den Blick schärfen, aber auch verstellen für Sichtweisen der Zeitgenossen, die im Netzwerk gerade erfasst werden sollten. Auch unter FAZ-Journalisten, insbesondere solchen, die vor dem Zweiten Weltkrieg als Journalisten tätig gewesen waren, so fügte Schildt hinzu, habe man wohl häufig genau gewusst, wer wann wo in welcher Weise tätig gewesen war. Hierüber gebe eine Netzwerkanalyse möglicherweise nur unzureichend Auskunft. Zu fragen wäre beispielsweise ergänzend, ob es „typische Linien“ in Lebensläufen von FAZ-Journalisten gegeben habe.

Ein weiterer Problemkreis der Diskussion betraf die empirische Grundlage und die empirische Ausrichtung mediengeschichtlicher Forschung am Beispiel der FAZ. Schildt betonte die Bedeutung der Erschließung von Nachlässen. Bösch ergänzte, es solle auch nach der Nachlasspolitik gefragt werden. Warum gab Erich Welter seinen Nachlass ins Bundesarchiv? Schildt regte an, im Interesse intersubjektiv überprüfbarer Forschung die seitens der FAZ den Projektmitarbeitern exklusiv geöffneten Quellen nach dem Abschluss des Projekts auch anderen Forschern zugänglich zu machen. Hoeres verwies auf das Unternehmensarchiv des Axel Springer-Verlages, das beispielhaft sei. Zu letzterem gab Schildt zu bedenken, dass selbst bei einer solchen Ideallösung fraglich sei, ob der „Arkanbereich“ einer Zeitung erkenn- oder erschließbar werde. Bahners würdigte die empirische Grundlage des Würzburger FAZ-Projekts und erinnerte daran, dass die FAZ über kein institutionelles Gedächtnis verfüge, was die Bedeutung medienhistorischer Forschung wie im Rahmen des Würzburger FAZ-Projekts unterstreiche. Eine eingehende Untersuchung sozialer Dynamiken innerhalb des Herausgebergremiums erschien Bahners als sehr angeraten, einschließlich Fragen nach Arbeitsweise, Besetzung, Entlassung und vorzeitigem Ausscheiden. Bösch riet, spezielle Untersuchungen zum Umgang mit Leserbriefen seitens der FAZ, zur Anzeigenpraxis sowie zur Frage anzustellen, welche Markt- und Leserforschung die Zeitung betrieben habe.

Organisationsgeschichtlich relevante Fragen bildeten den dritten Problemkreis. Schildt riet, gezielt Fluktuationsdynamiken zu untersuchen. Das „Hin und Her“ von Journalisten in der Pressewelt sei gerade bei Tageszeitungen relevant, wie auch Bahners empfand. Hoeres relativierte, gerade das Herausgebergremium der FAZ sei stets eine Art „Orden“ gewesen, den man (die drei erzwungenen Ausnahmen Sethe, Tern, Müller-Vogg bestätigten die Regel) nicht vorzeitig verlassen habe. Bösch regte an, den Binnenpluralismus der FAZ im Vergleich zu untersuchen. Man könnte zu einer bestimmten Sachfrage oder Debatte die Berichterstattung von Vergleichsmedien prüfen, wobei hier ratsam wäre, nicht nur Printmedien, sondern auch führende Einzelmedien wie die „Tagesschau“ in Betracht zu ziehen.

Konferenzübersicht:

Peter Hoeres (Würzburg): Einführung

Sektion Akteure

Christina Schäfer (Würzburg): Eine historische Netzwerkanalyse am Beispiel Erich Welters

Sektion Politik und Feuilleton

Frederic Schulz (Würzburg): Am Webstuhl der Zeit. Die Geschichte des politischen Ressorts der FAZ

Roxanne Narz (Würzburg): Kultur im Widerstreit. Das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Sektion Wirtschaft

Maximilian Kutzner (Würzburg): Marktwirtschaft schreiben. Das Wirtschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 1949-1990

Sektion Gesamtgeschichte

Peter Hoeres (Würzburg): Wie schreibt man eine Gesamtgeschichte der FAZ?

Kommentare

Patrick Bahners (Frankfurt am Main) / Frank Bösch (Potsdam) / Axel Schildt (Hamburg)

Anmerkung:
[1] Projektseite: http://www.geschichte.uni-wuerzburg.de/institut/neueste-geschichte/dfg-projekt/ (22.02.2018).

Zitation
Tagungsbericht: Geschichte eines Leitmediums. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung von ihrer Gründung 1949 bis zur Gegenwart, 16.01.2018 Würzburg, in: H-Soz-Kult, 10.03.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7599>.
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Veröffentlicht am
10.03.2018
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