Konkurrenz und Institutionalisierung in der griechischen Archaik

Ort
Berlin
Veranstalter
DFG-Netzwerk Konkurrenz und Institutionalisierung in der griechischen Archaik
Datum
02.11.2017 - 04.11.2017
Von
Doris Fleischer, Alte Geschichte, Humboldt-Universität zu Berlin

Vom 2. bis zum 4. November 2017 fand die Abschlusstagung des DFG-Netzwerkes „Konkurrenz und Institutionalisierung in der griechischen Archaik“ in Berlin statt. Im Mittelpunkt der dreitägigen Konferenz standen die facettenreichen und komplexen Interferenzen der beiden soziologischen Konzepte wie deren heuristisches Potential für die Archaikforschung. Zudem sollten die Ergebnisse der dreijährigen Netzwerkarbeit gebündelt und einer breiteren Fachöffentlichkeit zur Diskussion gestellt werden. Seit 2015 beschäftigt sich das DFG-Netzwerk „Konkurrenz und Institutionalisierung in der griechischen Archaik“ mit der kulturellen und politischen Konkurrenz sowie den Institutionalisierungsprozessen der polyzentrischen Welt des archaischen Griechenlands. Aus interdisziplinärer Perspektive und unter Verständigung auf gemeinsame analytische Kategorien untersuchen Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen das Wechselverhältnis von struktureller Kontinuität und historischem Wandel des von Umbrüchen und Kulturkontakten geprägten „Age of Experiment“. Denn entwickelte sich ab dem 8. Jh. v. Chr. nicht alleine die materielle Kultur in einer für traditionale Gesellschaften beeindruckenden Geschwindigkeit: Durch die Übernahme des Alphabets von den Phöniziern eröffneten sich neue Wege und Möglichkeiten der Kommunikation. Zudem bildeten sich nicht nur in den einzelnen Polisgesellschaften, sondern auch außerhalb der lokalen Sozialisation segregierte Handlungsfelder mit jeweils eigenen Regeln der Konkurrenz, die wiederum zur Institutionalisierung von Politik und Religion, Sport oder Kunst beitrugen.

Altertumswissenschaftliche Studien zum archaischen Griechenland zeigen sich nach wie vor beeinflusst von zwei Narrativen: Einerseits von evolutionären oder gar teleologischen Meta-Erzählungen einer meist panhellenisch gedachten „Staatsentstehung“. Andererseits vom auf den ersten Blick recht eingängigen Prinzip des „Agonalen“.[1] Demgegenüber bieten nun analytische Kategorien wie „Konkurrenz“ und “Institutionalisierung“ signifikante Vorteile, so die Bilanz der beiden Organisatoren des DFG-Netzwerkes JAN B. MEISTER (Berlin) und GUNNAR SEELENETAG (Rostock): Neben einem neuen Blickwinkel auf die archäologischen, epigraphischen und literarischen Zeugnisse der Archaik eröffnen die theoretischen Konzepte eine akteurszentriertere Perspektive auf das soziale Verhalten individueller Subjekte, deren Interessen und Handlungsspielräume, gewähren dabei einen Einblick in die Dynamiken von Gruppenbildung, in Interaktionsformen und die soziale Vernetzung der archaischen Polisgemeinschaften. Vor allem aber seien beide Kategorien im Gegensatz zum meist antagonistisch verstandenen Entwicklungsschema von „Staatsentstehung“ und „agonalem Prinzip“ direkt miteinander verknüpft, „Konkurrenz im Sinne Simmels ist ohne Institutionalisierung nicht denkbar“, so Meister.

2015 hatte ein erster Workshop des DFG-Netzwerkes die inneraristokratische Konkurrenz im Sinne des Soziologen Georg Simmel in den Blick genommen, statt des reinen Axioms einer „agonalen Kultur“ stand gerade die präzise Analyse kompletiven Verhaltens im Zentrum der Betrachtung. Denn versteht das Simmel’sche Konkurrenzmodell den Wettstreit nicht als naturgegebene Disposition, sondern als sozialen Handlungsmodus, die vergesellschaftende Kraft von Konkurrenz pointiert die soziologische Dimension des Werbens um die Gunst einer dritten Instanz.[2] Ein zweiter Workshop konzentrierte sich 2016 auf das Konzept der „Institutionalisierung“. Dabei sollte der weitgefasste Institutionenbegriff nach Peter Berger und Thomas Luckmann, der das labile und prozesshafte Moment der Entwicklung von politischen Institutionen akzentuiert, dazu beitragen, das klassische „Staatsparadigma“ zu ersetzen und zu erweitern.[3] Nach drei Jahren gemeinsamer Arbeit fokussierte die internationale Abschlusstagung nun vornehmlich drei Fragehorizonte aus dem vielschichtigen Zusammenschluss der soziologisch erklärenden Analysekategorien: Zunächst den Aspekt der „Institutionalisierung durch Konkurrenz“, denn gerade die Orientierung an einer antizipierten Erwartungshaltung, die Bereitschaft der Konkurrenten, sich auf verbindliche und handlungsleitende Normen einzulassen, verweise auf einen hohen Grad an Institutionalisierung. Ein zweiter Fragekomplex richtete den Fokus mit der „Institutionalisierung gegen Konkurrenz“ auf eben jene Mechanismen, die kompetitives Verhalten reduzierten. Schließlich konzentrierte sich die „Institutionenkonkurrenz“ auf die Frage nach dem Umgang mit Geltungsansprüchen konkurrierender Institutionen, so Meister in einleitenden Worten zum Auftakt der Konferenz. Die 16 Vorträge aus Philologie, Archäologie und Alter Geschichte warfen dabei durchweg interessante Perspektiven auf das häufig inkonsistente und fragmentarisch überlieferte Quellenmaterial der griechischen Archaik. Im Folgenden sollen vier Beiträge exemplarisch herausgegriffen werden, die sich besonders eignen, das heuristische Potential der beiden Analysekategorien aufzuzeigen.

Ein auf die Einführung folgender Beitrag thematisierte zunächst den Aspekt der „Institutionenkonkurrenz“: Zwar gilt gerade Homer als Paradigma eines stabilen Adelsethos, doch illustriere JAN B. MEISTER (Berlin) anhand der Vielzahl der „Partiell-Besten“ der homerischen Epen die „Geltungskonkurrenz“ im Sinne Karl-Siegbert Rehbergs zwischen unterschiedlichen Prestigeformen:[4] Verlief insbesondere in der frühen Archaik die Konkurrenz um Prestige in verschiedenen institutionellen Subsinnwelten ohne gesamtgesellschaftliche Geltung, trieb gerade das Fehlen eines eindeutigen Kriteriums von „Adel“ die konkurrierenden Eliten zur performativen Selbstinszenierung auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Ein geschlossener aristokratischer Wertehorizont erscheint gerade deshalb, wie Meister überzeugend darlegte, für die frühe Archaik wenig plausibel. Im Laufe der Zeit objektivierten und institutionalisierten sich die noch weitgehend nebeneinanderstehenden Praktiken des Prestigeerwerbs innerhalb einzelner Poleis zunehmend. Doch entwickelte sich zeitgleich mit den panhellenischen Agonen eine eigenständige Institution des Prestigeerwerbes außerhalb der lokalen Gemeinschaften. Dabei eröffneten die neuen Handlungsfelder zwar ein dauerhaftes Destabilisierungspotenzial für die städtischen Rangordnungen, doch bot das wechselseitige Hinterfragen konkurrierender Institutionen auch Potenzial für Rationalisierungsprozesse. Ein überzeitlicher Vergleich der Dichterkonkurrenten Tyrtaios und Xenophanes pointierte abschließend die maßgeblichen Veränderungen der institutionellen Ordnung.

Im darauffolgenden Vortrag präsentierte GUNNAR SEELENTAG (Rostock) mit dem „Kartell der Agathoi“ als soziopolitisches Handlungsmuster der griechischen Archaik ein heuristisches Instrument zur Beschreibung von Mustern der Kooperation von Rivalen in Konkurrenz um begrenzte Güter:[5] Durch zunehmenden äußeren Druck erkläre sich die strategische Plausibilität der Kooperation der Kartellmitglieder zur Sicherung der Ausübung stabiler Macht auf Kosten des Demos – als dritte Instanz stets notwendiger Zeuge der Legitimation gemeinschaftsrelevanter Entscheidungen. Aus Sorge vor dessen selbstständiger Mobilisierung und um der Vermeidung innerer Konflikte willen begründe sich, wie Seelentag an der Rolle des Demos in Gesetzen verdeutlichte, wiederum die Integration der sozial Unterlegenen in den politischen Prozess unter kontrollierten Bedingungen. Spezifika archaischer Kartellbildung seien dabei insbesondere soziopolitische Mobilität sowie die Instabilität der Kartelle durch wechselnde Koalitionen. Abschließend thematisierte der Vortrag unter dem Aspekt der „ethischen Homogenisierung“ die Vereinheitlichung der Lebensführung in einzelnen Zirkeln, die zwar auf den ersten Blick innere Egalität der Statusgenossen spiegelte, zugleich allerdings auch die Abgrenzung von und gegen die Polisgemeinschaft bedeutete. Neben Exklusionsmechanismen wie Sanktionierung von Regelverstößen oder gewaltsamer Exilierung verwies Seelentag allerdings auch auf mögliche Exit-Strategien „für eben jene, denen institutionalisierte Konkurrenz und Kooperation, Konsens und Kartellbildung nicht lagen oder versperrt blieben.“

Die Tragweite der „Institutionalisierung gegen Konkurrenz“ thematisierte außerdem ein Abendvortrag von WINFRIED SCHMITZ (Bonn) am zweiten Tag der Konferenz. Dabei betonte der Beitrag ein wesentliches Kriterium des Konkurrenzmodells nach Simmel: Ziel des Wettbewerbes sei die Anerkennung der dritten Instanz, nicht die Auseinandersetzung selbst, noch zwingend die Vernichtung des Gegners. Entsprechend deutete Schmitz die Gründungsmythen und Gesetzgebungen der früharchaischen Polisgemeinschaften als mögliche Lösungsstrategien gewaltsamer Konkurrenz. So zeugten Handlungsmuster der Verbannung, Vertreibung oder Migration von Bemühungen um die Eindämmung der Eskalation von Gewalt. Illustrativ verdeutlichte Schmitz selbige These anhand der Deutung kosmologischer Modelle als zeitgenössische Reflexion der politischen Ordnung: Die Welt diametraler Gegensätze früharchaischer Kosmologie, beispielsweise des Anaximander von Milet, versinnbildliche die politische Strategie der räumlichen Separation unvereinbarer Konfliktparteien. Hingegen spiegelten die spätere Tugendethik der rechten Mitte oder die hippokratische Idee der Mischung konträre Ansätze und reflektierten kooperative Praktiken als Reaktionen auf die veränderten Herausforderungen der klassischen Zeit.

Eine philologische Perspektive auf die „Institutionalisierung durch Konkurrenz“ eröffnete ein Vortrag zu den Epinikien, Preislieder auf siegreiche Athleten sportlicher Agone. CLAAS LATTMANN (Kiel) deutete die Lobgesänge als pragmatischen Ausdruck institutionalisierter Konkurrenz, skizzierte dabei nicht alleine die Institutionalisierung der Epinikiendichtung als Gattung selbst, sondern auch deren Bedeutung für die Institutionalisierung der sportlichen Wettkämpfe. Die kunstvolle Komposition der Epinikien Pindars aus der frühen Klassik deutete Lattmann als Momentaufnahme bereits abgeschlossener Institutionalisierungsprozesse, zog anhand des literarischen Topos der Siegesprozessionen Rückschlüsse auf die rituelle Semantik frühgriechischer Lyrik und exemplifizierte anhand der Lobeskonkurrenz die Fruchtbarmachung der fiktionalen Binnenperspektive späterer Dichtung für die Analyse der Institutionalisierungsprozesse der Archaik.

Den Aspekt des kulturellen Wetteiferns beleuchtete außerdem der Beitrag von TANJA ITGENSHORST (Fribourg) am Beispiel musischer Agone, welche mit dem Certamen Homeri et Hesiodi auf den literarischen Topos archaischer Dichterkonkurrenz aufmerksam machte. Der Entstehung und Entwicklung der sportlichen Agone widmete sich wiederum der Vortag von ARLETTE NEUMANN-HARTMANN (Fribourg), der die sukzessive Institutionalisierung der panhellenischen Wettkämpfe anhand zunehmender Vergrößerung, räumlicher und zeitlicher Regelmäßigkeit sowie der Regulierung von Prestigekonkurrenz verdeutlichte. Einen verstärkten Institutionalisierungsprozess des politischen Konkurrenzkampfes vermerkten insbesondere der Vortrag von FABIAN SCHULZ (Tübingen) zu den archaischen Ältestenräten sowie STEFAN FRAß (Gießen), der die Bedeutung der homerischen Volksversammlung als Austragungsort des politischen Dissenses illustrierte. Einen transkulturellen wie überzeitlichen Vergleich des früharchaischen Griechenlands mit der isländischen Freistaatzeit zog PETER ZELLER (Tübingen). Mit dem Modell des „Schlüsselmonopols“ nach Genschel und Zangl brachte CHRISTOPH LUNDGREEN (Dresden) ein weiteres innovatives Instrument zur Beschreibung von Räumen begrenzter Staatlichkeit ins Spiel, verwies letztlich auf die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ als Kennzeichen der archaischen Epoche. Im Laufe der Archaik seien, wie schließlich ELKE STEIN-HÖLKESKAMP (Duisburg) am Sinnbild der Vorzüglichkeitsmerkmale der homerischen Elite betonte, der Wettstreit der aristokratischen Eliten und der Prozess der sukzessiven Institutionalisierung eine unauflösliche Verbindung eingegangen. Durch multidimensionale Umschichtungsprozesse veränderten sich zwar die Bedingungen der griechischen Welt, doch beschreibe gerade das Fehlen eines einheitlichen Regelwerkes ein kulturspezifisches Moment des archaischen Griechenlands, so das abschließende Resümee der Referentin.

Der interdisziplinäre Ansatz des Netzwerkes bewährte sich dabei nicht alleine in den Diskussionen der Einzelbeiträge, verdeutlicht wurde dessen Mehrwehrt insbesondere durch die Vorträge aus archäologischer Perspektive: NADIN BURKHARD (Eichstätt) und KLAUS JUNKER (Mainz) deuteten die archaischen Relikte nicht nur als Teil der soziopolitischen Kommunikation im öffentlichen Raum, sondern auch die Zurschaustellung materiellen Reichtums als Medium recht augenscheinlicher Konkurrenz. Serialität und signifikante Formatsteigerung von Grabmonumenten oder Kolossalwerken zeugten in Summe von den sukzessiven Institutionalisierungsprozessen der archaischen Kultur. Auf die Wechselwirkung von sozialer Gemeinschaft und architektonischen Bauten verwies ERICH KISTLER (Innsbruck) am Beispiel der archaischen Banketthäuser. Anhand von Chronologie und Verortung verdeutlichte Kistler die soziale Dimension des Banketthauses als Versammlungsort kultgemeinschaftlicher Hetairien. Das Vorantreiben der Bauten aus Stein versinnbildliche dabei einerseits die Verdinglichung und Verstetigung sozialer Spannungen, deren Zerstörung deute andererseits auf die Entdinglichung und Nihilierung der Setzung von Gesellschaftskörpern.

Während der einleitende Abendvortrag am Donnerstag von CHRISTOPH ULF (Innsbruck) mit einem kurzen Blick auf die Rezeptionsgeschichte die griechische Archaik als nur vage zu erfassenden Zeitraum beschrieb und mit einem Verweis auf das anthropologische Modell der „Big-Men-Gesellschaften“ die Entwicklung von kompetitiven Gewaltherrschern hin zu konsensgemäßigteren Führern skizzierte, betonte der abschließende Beitrag der Tagung von UWE WALTER (Bielefeld) mit Blick auf Klassiker der althistorischen Forschung dagegen die unabdingbare „Figur des Anfangs“ für die narrative Struktur einer Erzählung der Geschichte des frühen Griechenlands und begab sich gezielt auf die Suche nach den Wurzeln späterer Entwicklungen. Beide Positionen spiegelten letztlich wiederkehrende Momente der facettenreichen Diskussion: Der Befund von häufig divergenten Kontinuitätslinien, dem Nebeneinander dynamischer Prozesse, der Bandbreite verschiedener, durchaus parallel existierender Gesellschaftsformen und damit auch der Schwierigkeit einer exakten zeitlichen Begrenzung der Epoche; die Problematik der Quellenlage nicht alleine durch fragmentarische Überlieferung, sondern auch durch die doppelte Überlagerung von antiken Narrativen und „erfundenen Traditionen“ sowie tendenziöser Quelleninterpretation der Moderne; schließlich die terminologischen Schwierigkeiten belasteter Begrifflichkeiten der Moderne bei gleichzeitiger Unabdingbarkeit gemeinsamer semantischer Kategorien im Hinblick auf die Vergleichbarkeit verschiedener Kulturräume und Epochen.[6] Einmal mehr verdeutlichte der Grundtenor der häufig kontrovers geführten Diskussion das Erfordernis neuer, vor allem aber unbelasteter Konzepte, um den heterogenen Entwicklungssträngen der polyzentrischen Welt des archaischen Griechenlands habhaft zu werden.

In Summe zeichneten die beitragenden Altertumswissenschaftler/innen ein komplexes Panorama einer dynamischen Epoche und verdeutlichten den heuristischen Mehrwert soziologischer Modelle für Studien des archaischen Griechenlands. Letztlich hat das Netzwerk durch die Verknüpfung von „Konkurrenz“ und „Institutionalisierung“ nicht nur zahlreiche Fragen aufgeworfen, sondern durch die Verständigung auf programmatische Analysekategorien und die inhaltliche Stringenz der Einzelbeiträge vor allem neue Forschungsperspektiven und Erklärungsansätze aufgezeigt, die mehr als einen alternativen Blickwinkel auf das zeitlich und geographisch disparate Quellenmaterial der Archaik ermöglichten. Mit den Leitkategorien des DFG-Netzwerkes scheint ein innovativer Forschungsansatz gefunden, um dynamische Prozesse wie historischen Wandel systematisierbar, erzählbar und sichtbar zu machen. Zweifelsfrei hat die Abschlusstagung schließlich den Mehrwert einer diskursiven Veranstaltungsform sowie den Profit durch eine Intensivierung der Interdisziplinarität dargelegt. Ein abschließender Sammelband soll die verschiedenen neuen Forschungsperspektiven und das Gesamtergebnis der Netzwerkarbeit fassen – der Publikation darf man erwartungsvoll entgegenblicken.

Konferenzübersicht:

Einführung:

Jan B. Meister (Berlin) und Gunnar Seelentag (Rostock)

Jan B. Meister (Berlin): Geltungskonkurrenz zwischen Praktiken des Prestigeerwerbs als Problem für die Institutionalisierung von “Adel“

Gunnar Seelentag (Rostock): Das Kartell der Agathoi. Die Institutionalisierung von Konkurrenz in der griechischen Archaik

Christoph Ulf (Innsbruck): Die relativ Besten grenzen sich ab. Aristokratisierung durch die Aufhebung des Wettbewerbs im archaischen Griechenland

Christoph Lundgreen (Dresden): Die Durchsetzung von Schlüsselmonopolen in der griechischen Archaik

Erich Kistler (Innsbruck): Das Banketthaus als architektonische Setzung der archaischen Polis

Peter Zeller (Tübingen): Gemeinschaftsbezug als Ressource. Die Verstetigung gesellschaftlicher Vorrangstellung im früharchaischen Griechenland am Modell der isländischen Freistaatzeit

Tanja Itgenshorst (Fribourg): „... doch mich hat die Muse erwählt, Herold weiser Worte zu sein.“ Agonale Diskurse im politischen Denken der archaischen Zeit

Claas Lattmann (Kiel): Epinikien als pragmatischer Ausdruck institutionalisierter Konkurrenz

Arlette Neumann-Hartman (Fribourg): Von improvisierten Wettbewerben zu institutionalisierten Festspielen: Die Entwicklung sportlicher Agone im archaischen Griechenland

Klaus Junker (Mainz): Vom Prachtgefäß zum Riesentempel. Archaische Kolossalwerke als Mittel der Konkurrenz

Winfried Schmitz (Bonn): Widerstreitende Kräfte. Konkurrenz und Institutionalisierung in der griechischen Archaik

Nadin Burkhardt (Eichstätt): Konkurrenzverhalten und Institutionalisierungsprozesse in den westgriechischen Kolonien anhand der Bestattungssitten in archaischer Zeit

Stefan Fraß (Gießen): Die Institutionalisierung elitärer Konkurrenz in der homerischen Volksversammlung

Fabian Schulz (Tübingen): Die Institutionalisierung archaischer Ältestenräte aus der Konkurrenz

Elke Stein-Hölkeskamp (Duisburg-Essen): Schöner, klüger, mächtiger: Der Wettstreit um Vorrang im archaischen Griechenland

Uwe Walter (Bielefeld): Anfänge, Herausforderungen und Antworten

Anmerkungen:
[1] Jacob Burckhardt hat die Kultur der antiken Griechen als eine von einem “agonalen Prinzip“ geprägte gedeutet. So ziele ein bei den frühen Griechen besonders ausgeprägtes Wettbewerbsdenken darauf ab, „immer der erste und Best zu sein“ (αἰὲν ἀριστεύειν), eine Chiffre, die schon bei Homer zu finden ist (Hom. Il. 6,208). Doch generiert der Wettstreit zum Selbstzweck, das „Agonale“ zur gewissermaßen natürlichen Disposition der Griechen.
[2] Georg Simmel, Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Frankfurt a. M. 1992. Das ökonomisch gedachte Konkurrenzmodell hat sich in unterschiedlichen Teildisziplinen der Altertumswissenschaft heuristisch bewährt. Ganz im Sinne Pierre Bourdieus liegt hier der Fokus auf den Akteuren und den sozialen Bedingungen von Konkurrenz. Ziel ist dabei weder die Auseinandersetzung selbst, noch die Vernichtung des Gegners per se, sondern das Werben um die Gunst einer dritten Instanz. Die Triade aus Konkurrent, Mitbewerber und dritter Instanz – bzw. dem Buhlen um deren reelle oder zumindest antizipierte Erwartungshaltung – bestimme das jeweilige Handeln der Akteure und fördere zugleich die Einhaltung gesellschaftlicher Normen. Vom Wettbewerb und Höchstleistungen der Konkurrenten profitiere dabei insbesondere die dritte Instanz. Die Orientierung an der bestmöglichsten Leistung als gemeinschaftliches Ziel gereicht dem Nutzen aller, führt damit zur Wertsteigerung des gesamten sozialen Gefüges. Dazu außerdem: Theodor Geiger, Konkurrenz. Eine soziologische Analyse, Frankfurt a. M. 2012.
[3] Peter L. Berger und Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt a. M. 1980. Nach der anthropologischen Institutionentheorie der Soziologen Peter Berger und Thomas Luckmann bilden alle von einer größeren Gruppe als erwartbare Handlungen antizipierte und als gemeinsame Regeln akzeptierte Bewertungskriterien bereits eine Form der Institution. Wird Konkurrenz als Interaktionsmodus begriffen, bei dem sich die handelnden Akteure auf objektive Vergleichskriterien einlassen, weist jede Handlung im Modus der Konkurrenz Elemente der Institutionalisierung auf. Zum Teilprojekt der ‚Institutionalisierung‘ des archaischen Griechenlands Moritz Hinsch, Tagungsbericht: Konkurrenz und Institutionalisierung in der griechischen Archaik, 03.11.2016 – 05.11.2016 Berlin, in: H-Soz-Kult, 21.02.2017, www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7013.
[4] Karl-Siegbert Rehberg, Institutionen als symbolische Ordnungen. Leitfragen zur Theorie und Analyse institutioneller Mechanismen (TAIM), in: Gerhard Göhler (Hrsg.), Die Eigenart der Institutionen. Zum Profil politischer Institutionen-theorie, Baden-Baden 1994, S. 47-84.
[5] Die Extremform einer Koalition von Konkurrenten spiegelt nach Simmel die idealtypische Denkfigur des Kartells: die Übereinkunft von Rivalen, Wettbewerbspraktiken gänzlich auszuschließen. Im Hinblick auf das zentrale Interesse der strategisch denkenden Akteure, den eigenen Status quo unter möglichst guten Konditionen zu sichern, begünstigt die Verständigung über den Verzicht auf gewisse Praktiken von Konkurrenz vor allem die potentiellen Mitbewerber. Zweckrational weicht das Streben des Einzelnen der Gruppensolidarität, die Chancengleichheit ermöglicht potentiellen Konkurrenten einen gleichen Anteil am Gewinn – auf Kosten Dritter.
[6] Paradigmatisch der Begriff der „Aristokratie“ als ideologisch aufgeladene Selbstbeschreibung der klassischen Zeit. Der Begriff des „Adels“ als Reminiszenz an neuzeitliche Monarchien. Kritisch zur Verwendung des Staatsbegriffes für die Antike insbesondere Aloys Winterling, „Staat“ in der griechisch-römischen Antike?, in: Christoph Lundgreen (Hrsg.), Staatlichkeit in Rom? Diskurse und Praxis (in) der römischen Republik, Stuttgart 2014.

Zitation
Tagungsbericht: Konkurrenz und Institutionalisierung in der griechischen Archaik, 02.11.2017 – 04.11.2017 Berlin, in: H-Soz-Kult, 28.03.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7638>.
Redaktion
Veröffentlicht am
28.03.2018
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