Maos Rote Garden? 1968 zwischen kulturrevolutionärem Anspruch und subversiver Praxis: Kultur- und mediengeschichtliche Aspekte der Studentenbewegung

Ort
Zürich
Veranstalter
Interdisziplinäres Forschungskolloquium Protestbewegungen, Deutsches Seminar, Universität Zürich
Datum
04.02.2005 - 05.02.2005
Von
Olaf Gaetje, Universität Leipzig

Am 4. und 5. Februar 2005 veranstaltete das Interdisziplinäre Forschungskolloquium Protestbewegungen (IFK),[1] in Kooperation mit dem Deutschen Seminar der Universität Zürich und dem Schweizerischen Sozialarchiv eine Tagung mit dem Titel "Maos Rote Garden? 1968 zwischen kulturrevolutionärem Anspruch und subversiver Praxis: Kultur- und mediengeschichtliche Aspekte der Studentenbewegung". Organisatoren der Veranstaltung waren die Gründer des interdisziplinären Nachwuchswissenschaftler-Netzwerks, der Historiker Martin Klimke (Universität Heidelberg) und der Linguist Joachim Scharloth (Universität Zürich) in Kooperation mit dem Schweizerischen Sozialarchiv und dem Deutschen Seminar der Universität Zürich. Tagungsort war das Deutsche Seminar der Universität Zürich.

Folgende zentrale Frage- und Themenkomplexe sollten im Verlauf der Tagung diskutiert werden: In welcher Weise wurde die 68er-Protestbewegung in den westdeutschen Medien dargestellt und inwieweit hat die Bewegung sich medienwirksam selbst inszeniert? War "1968" nur der Kristallisationspunkt einer längerfristigen kulturellen Entwicklung oder vielmehr ein relativ unvermittelt herbeigeführter Bruch in der westlichen Kulturgeschichte? Inwieweit wurden bestehende kulturelle Codes und Praktiken im Sinne einer Kulturrevolution um 1968 modifiziert bzw. inwieweit wurde Codes und Praktiken neu etabliert? Ambitioniertes Ziel der Veranstaltung war es, die aus verschiedenen wissenschaftlichen Fachgebieten stammenden Untersuchungsergebnisse zu einem neuen Bild von dem Phänomen 1968 zusammenzufügen.

Eröffnet wurde die erste Sektion "Der Protest und seine Inszenierungen" von der Medienwissenschaftlerin Kathrin Fahlenbrach mit ihrem Referat "Protestinszenierungen: Die Studentenbewegung von 1968 im Spannungsfeld von Kultur-Revolution und Medien-Evolution". In ihrem Vortrag attestierte Fahlenbrach der so genannten 68er-Bewegung eine herausgehobene Rolle in der bundesdeutschen Kulturgeschichte. Sie sei die erste soziale Bewegung, die etablierte kulturelle Werte und Lebensformen erfolgreich in Frage gestellt und in der Folge einen Generationenkonflikt ausgelöst habe. Ferner konstatierte Fahlenbrach ein strukturelles Wechselverhältnis zwischen der Studentenbewegung und den Massenmedien, hier insbesondere dem Fernsehen. Die Protestbewegung Ende der 1960er-Jahre war demnach eine Medienrevolte im doppelten Sinne: Eine Revolte gegen die Medien und gleichzeitig eine Revolte mit den Medien. Sie richtete sich einerseits gegen die Medien als Repräsentationsinstrument der etablierten Öffentlichkeit, andererseits gestaltete sie ihre symbolischen und expressiven Aktionen (Stichwort: "Puddingattentat") nach Maßgabe der sich in den 1960er-Jahren entwickelnden Ereignisästhetik in den Massenmedien. Nach Fahlenbrach war es diese Verschmelzung von Protest-Codes der 68er mit Mediencodes, die bis zum heutigen Tag politische Akteure dazu veranlassen würde, ihre Botschaften medial anschließbar zu gestalten.

Die Literaturwissenschaftlerin Dorothea Kraus untersuchte dann in ihrem Beitrag "Straßentheater als politischer Protest" zwei in ihrer ästhetischen Programmatik zu differenzierende Formen des politischen engagierten Straßentheaters um 1968. Auf der einen Seite positionierte Kraus die politisch engagierten Straßentheatergruppen, die in ihren Aufführungen die für defizitär befundene Praxis und lebensweltliche Erfahrung der werktätigen Menschen mimetisch abbilden und in dem Prozess der Abbildung vergegenständlichen wollten, um auf diese Weise bei den Zuschauern kritisch-reflexive Prozesse zu forcieren. Diese Form des Straßentheaters stünde, so Kraus, in der Tradition des aus der Weimarer Republik stammenden Agitprop-Genres. Die zweite von Kraus ausgemachte Richtung seien die eher happeningähnlichen Aktionen, wie sie in der Bundesrepublik beispielsweise von der Kommune I praktiziert wurden. Der Referentin zufolge würden die schon von Fahlenbrach erwähnten Aktionen der Kommune I, diese performativen "Spiel-Akte", die Forderung Peter Handkes nach unmittelbarer gesellschaftlicher Wirksamkeit theatralen Handelns erfüllen. Die Vorbilder dieser Theaterform seien in der US-amerikanischen Performance- und Happeningbewegung zu suchen, z.B. Gruppen wie "Bread and Puppet Theatre" und "Living Theatre" an.

Den Abschluss der Eröffnungssektion bildete der Linguist Joachim Scharloth mit seinem Vortrag "1968 als cultural performance". Scharloth setzte sich in seinem Beitrag mit der Frage auseinander, mit welchen performativen Praktiken die Studentenbewegung die revolutionierende Umgestaltung der in der BRD existierenden kulturellen Zeichensysteme zu erreichen suchte. Auf Grundlage einer an konkreten Zeichenprozessen orientierten Performanztheorie und dem aus der Wissenssoziologie stammenden Konzept der "kommunikativen Gattungen" untersuchte Scharloth die von der 68er-Protestbewegung praktizierte Torpedierung gesellschaftlich anerkannter kommunikativer Rituale. Anhand einer am 19. Dezember 1967 abgehaltenen öffentlichen Diskussionsveranstaltung an der FU Berlin, auf der der damalige Bürgermeister Klaus Schütz als Redner eingeladen war, zeigte Scharloth die semiotischen Techniken auf, mit denen die kommunikative Gattung "Plenardiskussion" von den revolutionär gestimmten Studenten zum Scheitern gebracht wurde.

Unter dem Stichwort "Neue kulturelle Ausdrucksformen" beschäftigte sich die Musikwissenschaftlerin Beate Kutschke in der zweiten Sektion mit "Stildiversifikation und Diffusionsschwäche: Gibt es eine Sprache der musikalischen Avantgarde für ‚1968'?" Kutschke ging in ihrem Vortrag der Frage nach dem Verhältnis zwischen der 68er Protestbewegung und der Avantgardemusik nach. Die Avantgardemusik um 1968 entwickelte demnach keine neuen musiksprachlichen Mittel, genauso wenig wie sie bestehende Codes transformierte, vielmehr griff sie auf einen bereits bestehenden umfangreichen Pool solcher Stilmittel zurück, die mit dem vorherrschenden linksintellektuellen Impetus kompatibel waren. Folglich entwickelte sich um 1968 auch keine einheitliche Sprache der musikalischen Avantgarde, sondern eine Vielfalt an musikalischen Stilen, die zudem aus den unterschiedlichsten Kontexten stammten. Kutschke stellte außerdem fest, dass das "Orchideenfeld" der bereits seit ihrer Gründung um 1910 linksorientierten Avantgardemusikszene in der Umbruchphase um 1968 nur wenig gesamtgesellschaftliche Relevanz für sich beanspruchen konnte und sprach in diesem Zusammenhang von einer "ausgeprägten Diffusionsschwäche" der Avantgardemusikszene.[2]

In der dritten Sektion über "Formen der Abgrenzung und der Grenzüberschreitung" referierte der Historiker Pascal Eitler zum Thema "Die ‚sexuelle Revolution' - Politik, Körper und Körperpolitik um ‚1968'". Eitler näherte sich seinem Untersuchungsgegenstand, der so genannten "sexuellen Revolution" um 1968, mit einem diskursanalytischen Ansatz basierend auf Michel Foucault und Judith Butler. Dementsprechend begriff Eitler Sexualität als kulturelles Konstrukt. Die Konstruktion von Sexualität im Diskurs erzeuge "Wissen, das Macht ist". Dieses mächtige Wissen wiederum produziere Körper und Sexualitäten und sei folglich, das betonte der Referent, materialistisch. Unter Rückgriff auf die Analyse einiger Titelblätter der linken Zeitschrift "konkret" versuchte Eitler in seinem Vortrag dann nachzuweisen, dass auch die von der Studentenbewegung propagierte Befreiung der Sexualität nur wieder disziplinierende und regulierende Effekte zeitige, nur zeitigen könne.

Im Anschluß daran analysierte die Historikerin Mia Lee in ihrem Vortrag "From Informel to Pop: Investigating the Avantgarde in West Germany from 1955-1970" zwei avantgardistische Künstlergruppen, die Gruppe SPUR aus München-Schwabing und ZERO aus Düsseldorf. Lee zeigte auf, wie bereits im Nachkriegsdeutschland der 1950er-Jahre eine politisch engagierte kulturelle Avantgarde entstand, die international stark vernetzt war. Obwohl SPUR, Mitglied der "Situationistischen Internationale", und ZERO mit ganz unterschiedlichen ästhetischen Programmen angetreten waren, hatten sie nach Lee doch einen gemeinsamen Bezugspunkt: die Kunst sollte, in klarer Abgrenzung zu der im Nachkriegsdeutschland vorherrschenden weltabgewandten "informellen Kunst", wieder einem höheren gesellschaftlichen Nutzen zugeführt werden. Einige von der Gruppe SPUR verfasste fäkalsprachliche und damit tabubrechende Texte, aus denen Lee zitierte, rückten insbesondere die Rolle der Frau nicht nur in diesen Gruppen sondern auch in der späteren Protestbewegung in den Mittelpunkt der anschließenden Diskussion.[3]

In der vierten Sektion mit dem Titel "Genese und transnationale Diffusion" ging der Historiker Martin Klimke mit seinem Vortrag über "Sit-in, teach-in, go-in: Die transnationale Zirkulation kultureller Praktiken in den 1960er-Jahren" der Frage nach, wie in so vielen unterschiedlichen Teilen der Welt quasi zeitgleich eine Sozial- und Kulturrevolution stattfinden konnte. Kurz: Was machte die 68er Protestbewegung zu einem globalen Phänomen? Klimkes Fokus lag dabei auf der Zirkulation kultureller Protestpraktiken zwischen Westdeutschland und den Vereinigten Staaten. Er wies in überzeugender Weise nach, dass die transnationale Zirkulation von Protesttechniken, insbesondere die Techniken der direkten Aktion, eng gekoppelt war an die Anfang der 1960er-Jahre entstandene internationale "Neue Linke". Für den deutsch-amerikanischen Transfer kultureller Praktiken spielten nach Klimke personale Netzwerke eine entscheidende Rolle, die er an der Person Michael Vesters als zentrales interkulturelles Bindeglied zwischen dem westdeutschen und dem amerikanischen SDS exemplifizierte. Laut Klimke müsse dieser Austausch zudem im Rahmen der nach 1945 einsetzenden allgemeinen globalen Vernetzung gesehen, sowie die zirkularen Transferprozesse und längerfristigen Traditionslinien zwischen beiden Ländern stärker berücksichtigt werden.

Ein Beispiel für das Misslingen solcher interkultureller Zusammenarbeit illustrierte der Historiker und Literaturwissenschaftlicher Henning Marmulla anhand des von mehreren Schriftstellern und Intellektuellen unterschiedlicher Nationalität Anfang der 1960er-Jahre geplanten Zeitschriftenprojektes Revue Internationale in seinem Vortrag "Nationale Transnationalität. Nationale Zeitschrift, internationale Kommunikation, transnationale Öffentlichkeit: Das Kursbuch". Die zentrale These Marmullas lautete, dass das Nichtzustandekommen dieses internationalen Zeitschriftenprojektes Voraussetzung war für die Entwicklung der erstmalig im Juni 1965 erscheinenden Zeitschrift "Kursbuch", als deren Herausgeber der ebenfalls schon federführend mit der Revue Internationale befasste Hans Magnus Enzensberger bis 1975 fungierte. Marmulla äußerte Zweifel am Widerspruch zwischen einer engagierten, politischen Literatur und der aufkeimenden Neuen Innerlichkeit und fragte u.a., ob nicht schon im Kursbuch, dort namentlich bei Enzensberger und Michel, erste postmoderne Impulse zu finden sind.

Die fünfte Sektion mit dem Titel "Protest und Öffentlichkeit" wurde von Anita Ulrich mit der Vorstellung des von ihr geleiteten "Schweizerischen Sozialarchivs" eröffnet. Das bereits 1906 gegründete nichtstaatliche Sozialarchiv hat sich auf die Dokumentation der so genannten sozialen Frage, sozialer Bewegungen und des gesellschaftlichen Wandels spezialisiert. Folglich gehört es auch zu seiner Aufgabe, die Sicherung und Archivierung von Materialien aus der schweizerischen Protestbewegung zu leisten. Das Sozialarchiv verfüge dazu über umfangreiche Bibliotheks-, Dokumentations- und Archivbestände (Zeitungsausschnitte, Zeitungen, Briefe, Flugblätter, Mauskripte, Strategiepapiere, Objekte, Fotographien, audiovisuelles Material und so genannte "Graue Literatur"), die für wissenschaftliche oder journalistische Recherchen und Ausstellungen im Inland wie im Ausland rege genutzt würden.

In dem zweiten Beitrag der Sektion untersuchte der Medienwissenschaftler Dominik Lachenmaier in seinem Vortrag "Die Arena - eine Gruppierung der Basler ‚68er-Bewegung' zwischen ‚etablierter' und ‚alternativer' Öffentlichkeit" das Verhältnis der "68-Bewegung" zu den Massenmedien in der Schweiz. Anhand des Diskussionsforums "Arena" entwickelte Lachenmaier zwei zentrale Thesen: Ähnlich wie in der westdeutschen Außerparlamentarischen Opposition (APO) sei es der schweizerischen Studentenbewegung in erster Linie darum gegangen, Öffentlichkeitsformen zu erringen und dauerhaft zu etablieren. Die Beziehung der Schweizer 68er-Bewegung zur "etablierten" Öffentlichkeit muss jedoch mehr als ein komplementäres denn als ein antagonistisches Verhältnis begriffen werden, was sich im Verlauf der Diskussion ebenso, wenn auch unter unterschiedlichen Voraussetzungen, für die Bundesrepublik herauskristallisierte, wo gleichfalls von einer alternativen Öffentlichkeit mit verschiedenen öffentlichen Formen gesprochen werden sollte.

Den dritten Beitrag zur thematischen Klammer "Protest und Öffentlichkeit" lieferte die Historikerin Meike Vogel mit ihrem Vortrag "Unruhe im Fernsehen - Benennungskämpfe um die mediale Darstellung der Protestbewegung". Ausgehend von der Grundannahme, dass Medien mitbestimmen, in welcher Weise über bestimmte Ereignisse in der Öffentlichkeit diskutiert werden, analysierte Vogel die Fernsehberichterstattung über die Studentenproteste. Dem Fernsehen kam der Historikerin zufolge eine im Medienangebot herausgehobene Rolle zu, war es doch Ende der 1960er-Jahre bereits zum Leitmedium avanciert und verfügte infolgedessen über ein hohes Maß an Deutungsmacht. Vogel untersuchte die unterschiedlichen Konventionen unterworfenen Fernsehformate (Diskussionssendungen, Politikmagazine, Dokumentarfilme, etc.), in denen die 68er-Bewegung dargestellt wurde. Darüber hinaus analysierte sie die innerhalb der Fernsehanstalten ausgetragenen durchaus kontroversen Diskussionen zur Art und Weise der Berichterstattung über die APO. Vogel argumentierte, dass das Fernsehen mit seinen Inhalten und Formaten die Selbstbenennungen der 68er-Protestbewegung stark beeinflusst habe.

In der abschließenden, sechsten Sektion der Tagung unter dem Thema "Mediale Inszenierung von Protest" diskutierte der Linguist Martin Steinseifer mit seinem Vortrag "Zwischen Bombenterror und Baader-Story - Terrorismus als Medienereignis im Frühjahr 1972" die Frage, in welcher Weise die massenmediale Berichterstattung über die "Rote Armee Fraktion" den öffentlichen Diskurs über Terrorismus konstituierte und ordnete. Steinseifer analysierte dazu das in verschiedenen Illustrierten veröffentlichte Bildmaterial zu einzelnen aus dem terroristischen Zusammenhang stammenden Ereignissen (Bombenanschläge, Festnahmen, usw.). Sein besonderes Augenmerk galt dabei der Bild-Text-Relation in der Berichterstattung bzw. den verschiedenen Ebenen einer "Semiotik des Bildes", ausgehend von der Prämisse, dass Bilder im massenmedialen Kontext nie isoliert auftauchen, sondern immer von kommentierenden Texten begleitet werden, die die Wahrnehmung der Bilder kanalisieren.

Den Schlusspunkt der Veranstaltung setzte Carolin Welzel von der Bertelsmann Stiftung mit ihrem Referat "Protestformen in Echtzeit: Von Flash Mobs und Moblogs", womit sie durch ihren Beitrag über digital geprägte Protestformen die Tagung in der Gegenwart ankommen ließ. Wetzels Ausgangsfrage lautete, ob sich quasi parallel zu der raschen Entwicklung im Bereich der elektronischen und digitalen Medien eine neue Kultur des Protestes und des demokratischen Engagements entwickeln werde. Ihren Fokus richtete Wetzel sowohl auf etablierte NGO's wie Greenpeace oder das Netzwerk Attac als auch auf ephemere Phänomene wie die so genannten Smart- und Flashmobs - ihnen allen gemeinsam ist ihnen die Nutzung der digitalen Medien für ihre (Protest-)Aktionen. So werde von den NGO's das Word Wide Web beispielsweise dafür genutzt, Demonstrationen zu koordinieren, Online-Abstimmungen durchzuführen oder mittels Massenmailings Server bestimmter Unternehmen oder Institutionen lahm zulegen, und die Smart- bzw. Flashmobs würden mit Hilfe von Mobiltelefonen oder Pagern kurzfristig zeitlich begrenzte, mehr oder weniger politische Aktionen koordinieren. Die Internetpräsenz der NGO's hätte zudem die zunehmende Ökonomisierung und Professionalisierung - so verfüge beispielsweise Greenpeace über ein eigenes Cybercenter - dieser sozialen bzw. politischen Bewegungen zur Folge. Welzel schloss ihren Vortrag mit der Feststellung, dass soziale Bewegungen, wie es sie in den 1970er und 1980er-Jahren gegeben habe, heute kaum noch erkennbar seien. Heutige und künftige Bewegungen würden durch die Verlagerung ihres Protestes in die neuen Medien auch andere Strukturen und Ziele aufweisen.

Die Tagung war in wissenschaftssoziologischer Perspektive ein Experiment. Der wissenschaftliche Diskurs über die Studentenbewegung wird noch oftmals im- oder explizit von Historikerinnen und Historikern dominiert, die selbst Akteure waren und ihre Akteursperspektive häufig im- oder explizit in die Geschichtsschreibung einbringen. Die Organisatoren gingen davon aus, dass eine Generation, die die 1960er-Jahre nicht als Zeitzeugen erlebt hat, andere Fragen an die Studentenbewegung herantragen würde, und verzichtete daher mit Bedacht darauf, etablierte Wissenschafterinnen und Wissenschafter einzuladen. Dies ließ nicht nur ein angenehm egalitäres Diskussionsklima entstehen, sondern ermöglichte auch eine relativ ideologiearme und unvoreingenommene Annäherung an den Gegenstand. Die Beschränkung des Teilnehmendenkreises auf Nachwuchswissenschafterinnen und Nachwuchswissenschafter bedeutete freilich nicht, dass die jungen Wissenschafterinnen und Wissenschafter auf das Wissen der Zeitzeugen verzichten wollten. Im Rahmen der Tagung fand vielmehr ein Zeitzeugengespräch im Zürcher Literaturhaus statt, das die kulturellen Wandelprozesse der 1960er-Jahre in Zürich und der Schweiz beleuchtete. Der Filmemacher Alexander J. Seiler, die Schriftstellerin Isolde Schaad und der vielseitige Kulturschaffende Urban Gwerder diskutierten hier unter Leitung von Jakob Tanner vom Historischen Seminar der Universität Zürich. Dabei wurde deutlich, wie vielschichtig die Ereignisse der "1968er Jahre" in der Rückschau erscheinen. Während Seiler den kulturellen Wandlungsprozess schon Ende der 1950er-Jahre beginnen ließ, verwies Isolde Schaad darauf, dass von einer Breitenwirkung erst ab den 1970er-Jahren mit der einsetzenden neuen Frauenbewegung und einer sexuellen Liberalisierung ausgegangen werden könnte. Auch Urban Gwerder betonte, dass die Ereignisse im Jahr 1968 mit den Globuskrawallen und den Marathondiskussionen des Zürcher Manifests nur im Kontext einer längerfristigen subkulturellen Bewegung verstanden werden könnten, die nicht von Studierenden initiiert wurden. Vielmehr seien die Studenten lediglich auf einen fahrenden Zug aufgesprungen. Diese Bemerkung provozierte einige im Publikum anwesende Veteranen der bewegten Zeit zu heftigen Interventionen und ein Hauch von 1968 wehte durch das Literaturhaus.

Die Tagung wurde ermöglicht durch die freundliche Unterstützung der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW), des Zürcher Universitätsvereins, des Schweizerischen Sozialarchivs, des Deutschen Seminars der Universität Zürich und der Initiative Lerndialog. Eine Publikation dieser und anderer im Rahmen der Veranstaltungen des IFK entstandenen Beiträge in Form eines Kompendiums zur Kultur- und Mediengeschichte der Studentenbewegung wird im nächsten Jahr erscheinen.

Anmerkungen:
[1] Weitere Informationen u.a. zum Programm der Konferenz auf der Homepage http://www.ifk-protestbewegungen.org
[2] Der andere für diese Sektion vorgesehene Beitrag von Thomas Christen über "Die Entwicklung einer Filmsprache in den Sechzigerjahren vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und politischer Ereignisse" musste leider entfallen.
[3] Der weitere für diese Sektion geplante Beitrag von Kristina Schulz "Frauen in Bewegung: Mit der Neuen Linken über die neuen Linken hinaus" musste ebenfalls leider entfallen.

Kontakt

Martin Klimke, Historisches Seminar, Universität Heidelberg
Email: mail@maklimke.com

Joachim Scharloth, Deutsches Seminar, Universität Zürich
Email: scharloth@access.unizh.ch

Zitation
Tagungsbericht: Maos Rote Garden? 1968 zwischen kulturrevolutionärem Anspruch und subversiver Praxis: Kultur- und mediengeschichtliche Aspekte der Studentenbewegung, 04.02.2005 – 05.02.2005 Zürich, in: H-Soz-Kult, 16.06.2005, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-795>.