HT 2018: Spaltend oder verbindend? Das Christentum in Ost und West zwischen Spätantike und Frühmittelalter

Ort
Münster
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
25.09.2018 - 28.09.2018
Von
Kamil C. Choda / Maurits de Leeuw, Seminar für Alte Geschichte, Eberhard Karls Universität Tübingen

Bei einem Historikertag unter dem Motto „gespaltene Gesellschaften“ durfte die bekannteste politische Spaltung der Antike, die zwischen den beiden Reichshälften des römischen Reiches, natürlich nicht unberücksichtigt bleiben. Diese Sektion widmete sich diesem Spaltungsprozess, der, dem gängigen Forschungsbild der letzten Jahrzehnten zufolge als eine Transformation betrachtet wird, die sich über die traditionellen Epochengrenze zwischen Antike und Mittelalter hinweg untersuchen lässt. Zentraler Gegenstand der Vorträge bildeten innerchristliche Diskussionen über Theologie und Kirchenpolitik, die im Laufe des Transformationsprozesses eine erhebliche Rolle spielten. Es wurde gezeigt, wie die fluiden Begriffe „Ost“ und „West“ in der christlichen Kommunikation und Selbstdarstellung rhetorisch genutzt werden konnten, wenn von einem kirchenpolitischen Konflikt die Rede war. Diese Ost-West-Dichotomie in der Spätantike wurde von den beiden Sektionsleitenden erst unlängst in einem Projekt untersucht[1] – diese Zusammenarbeit bildete die Grundlage für die Sektion.

Nach seiner Einführung in das Sektionsthema und seinem Hinweis auf das spaltende Potenzial des spätantiken Christentums eröffnete FABIAN SCHULZ (Tübingen) die Sektion mit einem Vortrag, der das rhetorische Ringen um die Apostel bei Prioritätsansprüchen in kirchenpolitischen Kontroversen des 4. Jahrhunderts untersuchte. Hätte Konstantin darauf gezielt, das Christentum als verbindendes Element funktionieren zu lassen, dann sei dieser Versuch von Anfang an gescheitert, so Schulz, denn die christliche Kirche war ab der politischen Anerkennung durch den Kaiser sogleich durch innere Konflikte gekennzeichnet. Das Tauziehen um die Apostel im 4. Jahrhundert taucht vor allem da auf, wo Christen im Osten und Westen während Kontroversen versuchten, die Autorität ihres eigenen (geographisch definierten) Christentums zu fördern. Den Anlass dazu hätten die innerchristlichen Konflikte zwischen Homöern und Nizänern gegeben, die sich unter dem homöischen Kaiser Constantius II. entwickelten, wobei die nizänischen Bischöfe von Rom sich zu dessen vornehmsten Gegenspielern aufwarfen. So habe möglicherweise schon Bischof Julius (337-352), sicherlich aber sein Nachfolger Damasus (366-384) betont, dass Petrus und Paulus als Bürger zur Stadt Rom gehören. Das Christentum sei zwar im Osten entstanden, aber erst durch die Anwesenheit der Apostel in Rom zu vollem Wachstum gekommen: Diese Idee finde man auch bei Basilius von Caesarea (330-379), als er den Westen um Hilfe bat im Streit gegen die Homöer. Die Metapher habe Hieronymus (347-420) noch einen Schritt weitergeführt, als er den Westen als den fruchtbaren Boden des Christentums, den Osten als eine Wüste beschrieb; in einer radikalen Wendung behauptete der sogar, die Sonne der Gerechtigkeit gehe nun im Westen auf, während im Osten Luzifer, wörtlich der „Lichtbringer“, herrsche. Zur Zeit des Konzils von Konstantinopel 381 scheinen sich dann die gegenseitigen Autoritätsansprüche stabilisiert zu haben: Die östlichen Bischöfe (so Gregor von Nazianz) legitimierten ihre Autorität innerhalb der Kirche mit der Tatsache, dass Christus ja bei ihnen im Osten gelebt hatte; im Westen (Maximus von Turin und wieder Hieronymus) präsentierte man sich als fruchtbarer Boden, auf dem die Apostel mittels ihrer Lehre die christliche Tradition am besten gesichert hätten. Schulz schloss mit dem Fazit, dass diese von ihm herausgearbeitete, identitätsstiftende Rolle der Apostel in der Forschung bislang kaum anerkannt worden sei.

Während Schulz auf eine Forschungslücke hinwies, setzte sich STEFFEN DIEFENBACH (Konstanz) in seinem Vortrag mit einer in der Forschung allgemein akzeptierten Vorstellung über die gegenseitige Beziehung zwischen Papst und Kaiser auseinander. Hauptsächlich die politischen Umstände im Westen nach 476, wie der größere Handlungsspielraum des Papstes mit Beginn der endgültigen Abwesenheit kaiserlicher Macht, hätten die erste Kirchenspaltung zwischen dem Osten und dem Westen, das Akakianische Schisma (484-519), mehrere Jahrzehnte andauern lassen. Diefenbach wies aber, wohl gegen die herrschende Meinung, darauf hin, dass unter den Kaisern Justin (517-527) und Justinian (527-565) die Idee auftauchte, das Papsttum als stabilisierenden Faktor im Westen zu verwenden. Die unter der Ostgotenherrschaft amtierenden Päpste, etwa Felix (483-492) und Gelasius (492-496), legten ihrerseits auch Wert auf die Zusammenarbeit. Bei dem religionspolitischen Entwurf des Gelasius handele es sich wiederum – trotz späterer Auslegungen, die darin eine Trennung der beiden Mächte gesehen hätten – nicht um die zwei Gewalten des Papstes und des Kaisers, sondern um eine privilegierte Partnerschaft zwischen Kaiser und Papst. Angesichts dessen seien die Wurzeln der Entfremdung zwischen dem Papsttum und Konstantinopel nicht in den Spannungen zwischen den römischen Bischöfen und den Ostkaisern, sondern in den Kontroversen zwischen den erstgenannten und ihren östlichen Pendants, den Bischöfen von Konstantinopel, zu suchen. Auch dieser Streit hatte zunächst nichts mit den dogmatischen Unterschieden zu tun. Die Bischöfe der neuen Hauptstadt waren an der Betonung ihrer eigenen Stellung interessiert, was wiederum auf eine Gegenreaktion der Päpste stieß, die diese Ansprüche zurückgewiesen und ihrerseits die Rolle des Petrus immer mehr zu betonen begannen. Andererseits war Rom nicht bereit, die Annäherung Konstantinopels an die Monophysiten zu akzeptieren. Das hatte schwerwiegende Konsequenzen für den Osten, der auf die Versöhnung mit den Monophysiten verzichten musste, um die Beziehung mit Rom wiederherzustellen. Vor diesem Hintergrund, so Diefenbach, wirke die Meinung, die den Beginn der mittelalterlichen Konflikte zwischen Päpsten und byzantinischen Kaisern mit der Etablierung der Ostgotenherrschaft in Italien in Verbindung bringt, nicht überzeugend. Als Vertreter der alten Romanitas hätte der Papst vielmehr eine wichtige und einheitsstiftende Rolle in den Beziehungen mit Konstantinopel gespielt. Erst nach der Eroberung Italiens hätte sich die Lage geändert, als die Päpste großen Wert auf ihre Autonomie zu legen begonnen hätten. Mit dem paradox wirkenden Fazit, die Päpste seien erst dann aus einem verbindenden zu einem trennenden Faktor geworden, als sie unter direkte Herrschaft des Kaisers geraten waren, beendete Diefenbach seinen Vortrag.

CAROLA FÖLLER (Erlangen) nahm mit ihrem Beitrag einen anderen wichtigen Faktor in der italienischen Machtkonstellation zwischen Ost und West in den Blick: die Bischöfe von Ravenna. Anhand von vier chronologisch geordneten, prägnanten Fallstudien illustrierte sie, wie die ravennatischen Bischöfe von der Eroberung Ravennas durch Byzanz 540 bis zur Einnahme durch die Langobarden 754 als Grenzgänger zwischen Rom und Konstantinopel agierten. Ihre besondere, hybride Lage bestand darin, dass sie einerseits als Mittelpunkt des sogenannten Exarchats von Ravenna zu den Spitzenbeamten des Ostreiches gehörten, andererseits als Teil der italischen Kirchenprovinz dem Papst in Rom unterstellt waren. Bisher wurden die Bischöfe vor allem in ihrem Zusammenhang zu Rom untersucht, wobei sie dann eher unabhängig von der römischen Kirche zu agieren schienen. Mit ihrem Vortrag vermochte Föller dieses Bild zu korrigieren. Sie begann ihre Untersuchung bei Maximian (546-556), der nach der Eroberung Italiens von Justinian als Bischof von Ravenna angestellt wurde. Die Ikonographie und Inschriften des Kaisermosaiks in der berühmten, unter ihm gebauten Kirche San Vitale zeigen Maximians Versuche, seine hierarchische Position zu stärken, sowie seine Selbstwahrnehmung als Grenzgänger zwischen Rom und Konstantinopel. Zunächst blickte Föller auf die Konflikte, die während des Pontifikats Gregors des Großen (590-604) zwischen dem Papst und den ravennatischen Bischöfen entstanden. Zwei dieser Bischöfe, Johannes II. (578-595) und Marinianus (595-606), stammten zwar aus der direkten Umgebung von Gregor, sobald sie aber den ravennatischen Bischofssitz innehatten, hätten sie sich gegen Gregors Wunsch als treue und vom Papst unabhängige Untertanen des Kaisers gezeigt. Der nächste Fall bezog sich auf die stürmische Zeit des monoergetisch-monotheletischen Streites, besonders als Kaiser Konstanz II. (641-668) und Papst Martin (649-655) miteinander in Konflikt gerieten. Der komplizierten Quellenlage lasse sich entnehmen, dass der ravennatische Bischof Maurus (644-671), trotz der Verhaftung und Auslieferung des Papstes nach Konstantinopel im Jahr 553, sich diplomatisch verhalten habe, da er versucht habe, mit beiden Seiten im Gespräch zu bleiben. Weniger sagen die Quellen über den Konflikt zwischen Bischof Felix (709-724) und Kaiser Justinian II. (685-695 und 705-711) aus, der Felix selbst festnehmen, blenden und ins Exil schicken ließ. Dass Felix nach dem Tod Justinians nach Ravenna zurückkehren konnte, zeige aber, dass der Bischof seine Legitimität in den Augen der Zeitgenossen nicht verloren hatte. Föller endete mit der zusammenfassenden Beobachtung, dass die diplomatische Rolle der ravennatischen Bischöfe als Grenzgänger zwischen Ost und West den Zeitgenossen durchweg klar gewesen sei, und dass dem Bischof mit Vorbehalt eher ein verbindendes als spaltendes Potenzial zugeschrieben werden kann.

Die von den Vorrednern angeschnittenen Beziehungen zwischen Italien und Byzanz erörterte LAURY SARTI (Freiburg) anhand westlicher Quellen. Ähnlich wie Diefenbach brachte sie die Justinianische Eroberung Italiens mit dem Beginn des päpstlichen Strebens nach Autonomie in Zusammenhang. In der neuen politischen Konstellation sei das Ansehen der Päpste gewachsen, während die Franken als neue Schutzmacht fungieren konnten, was die Relevanz von Byzanz reduziert habe. Allerdings sei die Entfremdung nur langsam fortgeschritten: Von engen Beziehungen zwischen Franken und Byzanz zeugt noch in der Mitte des 6. Jahrhunderts ein Brief des Nicetius von Trier an Kaiser Justinian. Es habe aber auch im 7. Jahrhundert noch keine grundsätzlich Byzanz-feindlich Stimmung gegeben, obwohl man ein erstes Zeichen dafür in der um 642 geschriebenen Fredegarchronik finde. Diese Schrift sieht in der Niederlage Kaiser Herakleios‘ (610-641) gegen die Sarazenen das Ergebnis göttlichen Eingreifens, was als implizite Kritik an seiner Kirchenpolitik zu verstehen sei: Statt die Monophysiten in die Reichskirche einzugliedern habe der Kaiser die Häresie des Monotheletismus ins Leben gerufen. Diese Lehre werde in der um 675/80 datierenden Vita Eligii kritisiert und zwar anhand eines Exkurses über den auch von Föller besprochenen Papst Martin I., der gegen die Häresie kämpfte und seinen Widerstand schließlich mit dem Märtyrertod besiegelte. Der Autor dieser Vita bringe allerdings den Ostkaiser nicht direkt in Verbindung mit der Entstehung der Häresie, die (wie bei Fredegar) kein rein östliches Phänomen sei. Ein verallgemeinernder Häresievorwurf den Byzantinern gegenüber tauche erst in der 731 entstandenen Kirchengeschichte des Angelsachsens Beda Venerabilis auf, der berichtet, man habe in Rom Angst gehabt, dass ein aus dem Osten stammender Weihekandidat für das Bistum Canterbury so manch suspekten Brauch der Graeci dort einführen würde. Das Wort Graeci (Griechen), das Beda anstatt der in meisten Fällen gebrauchten Bezeichnung Romani verwende, sei besonders auffällig. Diese Änderung habe sich wahrscheinlich bereits vor 731 in der Sprache der päpstlichen Urkunden vollzogen und bezeuge die immer intensiver werdende Emanzipierung gegenüber Byzanz. Je mehr die fränkischen Herrscher als glaubenstreue Beschützer des Papstes in den Vordergrund getreten seien, desto einfacher sei es geworden, „die Griechen“ mit der Häresie zu verbinden. Diese Verbindung wurde in den westlichen Quellen des 9. Jahrhunderts immer gängiger. Die immer offener auf Byzanz gerichtete religiöse Kritik, auf die Sarti aufmerksam machte, mündete in der Zurückziehung der Anerkennung auch der politischen Legitimität von Byzanz: Um 871 behauptete Kaiser Ludwig II., die Griechen hätten wegen ihrer Irrlehren auch den Anspruch auf das Kaisertum verloren.

In der von WOLFGANG DREWS (Münster) moderierten abschließenden Diskussion wurde als Reaktion auf die Vorträge unter anderem die Frage nach den sprachlichen Wurzeln der Entfremdung zwischen dem (lateinischen) Westen und dem (griechischen) Osten debattiert. Die Sektion hat deutlich gemacht, dass die Erforschung des Christentums als Trennungs- oder Verbindungsfaktor in der Spätantike einerseits auszufüllende Lücken aufweist, andererseits aber auch, dass die gängigen und verbreiteten Meinungen (etwa durch die Erweiterung des Forschungshorizonts um die in den etablierten Diskursen bisher wenig herangezogenen Akteure) zu nuancieren sind.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Carola Föller (Erlangen) / Fabian Schulz (Tübingen)

Wolfram Drews (Münster), Moderation

Fabian Schulz (Tübingen), Gehören Christus und die Apostel dem Osten oder dem Westen? Raum und Autorität im 4. Jahrhundert

Steffen Diefenbach (Konstanz), Das Papsttum im ostgotischen Italien

Carola Föller (Erlangen), Der Bischof von Ravenna zwischen Rom und Konstantinopel

Laury Sarti (Freiburg), Orthodoxie und die Entfremdung zwischen dem byzantinischen Osten und dem Westen (7.-9. Jahrhundert)

Anmerkung:
[1] Carola Föller / Fabian Schulz (Hrsg.), Osten und Westen 400-600 n. Chr.: Kommunikation, Kooperation und Konflikt, Stuttgart 2016.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2018: Spaltend oder verbindend? Das Christentum in Ost und West zwischen Spätantike und Frühmittelalter, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 23.11.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7982>.
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Veröffentlicht am
23.11.2018