HT 2018: „Man kennt sich“ - Verflechtungen und Verwerfungen zwischen Niederlande und Westfalen im 20. Jahrhundert

Ort
Münster
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
25.09.2018 - 28.09.2018
Von
Peter Römer, Geschichtsort Villa ten Hompel, Münster

Überquert man heute die Staatsgrenze zwischen dem Westmünsterland und Enschede, verändert sich auf dem ersten Blick nichts – die Natur kennt keine Grenze, geographisch könnte man von einer Region sprechen. Und doch macht der Betrachter bei näherer Betrachtung winzige Unterschiede wie die Bauart der Siedlungen aus. Diese und ähnliche „weiche Grenzen“ zwischen den Niederlanden und Westfalen wurden im Zuge der Sektion „Man kennt sich“ zum Analyseobjekt. Die Grenze wird im Blickwinkel der gesamten Sektion weniger als Nationalgrenze gedacht und verstanden, sondern als Regionsgrenze zwischen Westfalen und den Niederlanden, die oftmals mühelos überquert wurde, aber dennoch eine mental map erzeugen kann. Viele andere Transfer- und Verflechtungsanalysen denken in der Regel in Staatsgrenzen, auf einer Makroebene. Vergessen wird dabei mitunter, dass Staatsbeziehungen und -verwerfungen gerade auf grenznaher, regionaler Ebene größere Wirkung nach sich ziehen als auf nationaler. Diese regionalen Verflechtungen und Verwerfungen auf der Mikroebene werden beim Fokussieren auf zwischenstaatliche Beziehungen jedoch oft vernachlässigt, was im Zuge dieser Sektion in allen Beiträgen ausdrücklich nicht der Fall sein sollte.
Begründungen für genau diesen Blick auf die beim Historikertags diskutierten „gespaltenen Gesellschaften“ gab es zahlreiche, wie MALTE THIEßEN (Münster/Oldenburg) als einer der beiden Sektionsleiter in seiner Einführung klarstellte: Eine „Verflechtungsgeschichte mit Bodenhaftung“ sei eine Zielsetzung des Panels. Thießen stellte dar, dass transnationale Geschichte zunehmend auch als transregionale Geschichte gelesen werde. Transfers zwischen Staaten und Zivilisationen seien möglicherweise zu abstrakte Untersuchungsgegenstände, wie Hartmut Kaelble[1] bereits 2006 kritisierte – der Blick auf Regionen statt auf Nationen und Staaten helfe Thießen zufolge, Transfers und Verflechtungen einen räumlichen Bezug zu geben.

Räume im Sinne des Panels wurden dabei jedoch nicht nur als konkrete, sondern auch als imaginierte Orte verstanden, denn auch in „Erholungsräumen“ und „Bandenkriegen“ wurden Beziehungen zwischen Westfalen und Niederländern ausgehandelt. Thießen wies darauf hin, dass das Panel eine doppelte Verflechtungsgeschichte aufweise: Nicht nur seien die Leben der Niederländer und Westfalen miteinander verflochten, auch das Lokale, das Regionale und das Nationale stünden miteinander in einer – z.T. schwierigen – Beziehung. Die verschiedenen Zugänge der Sektion könnten eine Beziehungsgeschichtsschreibung zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen anregen. Es gäbe also nicht nur eine Beziehungsgeschichte der Unternehmen, sondern auch einen Einfluss ökonomischer Verflechtungen auf andere historiographische Untersuchungsfelder, so Thießen.

An diese Rahmung konnte WERNER FREITAG (Münster) seine Studien zu niederländischen Arbeitern und Unternehmern im grenznahen Raum, namentlich im westmünsterländischen Gronau, andocken. Um 1900 sei die genannte Grenze vielfach offen gewesen, mit Auswirkungen auf die Stadt: Es gab eine grenzübergreifende Gewerbelandschaft, Zollfreiheit, eine dem niederländischen eng verwandte Mundart und Multikonfessionalität. Freitag stellte die untersuchte Stadt Gronau als imaginierte Gemeinschaft dar; die Fremdheit – in diesem Fall aus den Niederlanden - einebnen und kulturelle Grenzen abbauen könne. Geographisch liegt die Stadt an der Twente. Sie verfügte zudem über einen Bahnhof, was sie zu einem Akkumulationsraum der Textilindustrie machte, mit der größten Spinnerei Deutschlands um die Jahrhundertwende. An dieser ökonomischen Bedeutungssteigerung hätten Niederländer entscheidenden Anteil gehabt – entweder als Unternehmer, die teils in Enschede, teils in Gronau lebten, als Arbeiter, die in der Regel aus den Nachbargemeinden nach Gronau pendelten, oder als Politiker und Gläubige, die die Stadtgesellschaft prägten und veränderten. Das mennonitische Bekenntnis der niederländischen Unternehmer habe das religiös-offene Klima der Stadt mit niederländischen Gottesdiensten geprägt. Sie brachten sich politisch, kulturell und gesellschaftlich ein. Und auch die grenznahen Orte auf niederländischer Seite hätten von Arbeitsmigration profitiert. Dank der wirtschaftlichen Prosperität Gronaus wuchsen Gemeinden wie Overdinkel und Glanerburg. Die Arbeitspendler hätten ihrerseits Einfluss auf das Stadtbild gehabt, was etwa anhand des vermehrten Aufkommens von Fahrrädern erfahrbar wurde. Die Stadt Gronau um und kurz nach 1900 sei ein Beispiel dafür, dass Städte offene soziale und ökonomische Gebilde sein können, die religiöse und kulturelle Differenzen überwanden und überwinden.

THOMAS KÖHLER (Münster) analysierte die größte historische Verwerfung zwischen Niederländern und Deutschen und somit auch Westfalen im 20. Jahrhundert – Die völkerrechtswidrige Okkupation der neutralen Niederlande von 1940 bis 1945, die weit über die Befreiung hinaus ein nationales Trauma blieb. Für den Alltag der Besatzung seien dabei nicht militärische Einheiten, sondern die oftmals aus dem Wehrkreis VI stammenden „grünen“ Ordnungspolizisten als „Stiefelträgerbasis der deutschen Besatzung“, so Köhler, prägend für die niederländische Okkupationserfahrung gewesen. Daher legte er auf diese Gruppe einen speziellen Fokus. Der Münsteraner Historiker machte dabei das Verhältnis zwischen deutscher und niederländischer Polizei als Seismograph für die Veränderungen des deutsch-niederländischen Verhältnisses während der Okkupationszeit insgesamt aus. Der Polizeigeschichtsforscher unterteilte die deutsche Besatzungspolitik mit dem Über-Unterordnungsverhältnis zwischen deutscher und niederländischer Polizei in vier Phasen. Die erste, bis Februar 1941 andauernde, Periode sei von der deutschen Idee eines Anschlusses der Niederlande an einem großgermanischen, rassischen Kernraum im Zentrum Europas mit einer dieser Idee entsprechenden „freundlichen“ Besatzungspolitik geprägt gewesen. Auf niederländischer Seite habe zunächst Kooperationsverhalten im Vordergrund gestanden, das in der naiven Unterzeichnung von Ariererklärungen niederländischer Polizisten ihren Ausdruck an der „Basis“ gefunden habe. Diese hätten eine für viele überraschende Entlassungswelle jüdischer, niederländischer Kollegen zur Folge gehabt. Dieser Schockmoment für niederländische Polizisten sei über in die zweite Phase der Besatzung gegangen (bis Sommer 1943), die vor allem durch antijüdische Erfassungspolitik mit polizeilichen Razzien und jüdischen Widerstandsaktionen geprägt gewesen sei – und in den „Februarstreiks“ den deutschen Besatzern unterschätzte gesellschaftliche Risse zum NS-Herrschaftsapparat aufzeigte. Diese Streiks seien gewaltsam unterdrückt worden, mit teils von der Kollaborationspolitik abweichenden niederländischen Polizeiaktionen auf lokaler Ebene, die sich jedoch vor allem aufgrund einer zunehmend „nazifizierten“ Polizei mit linientreuen Leitern nicht flächendeckend ausbreiteten. Die dritte Besatzungsphase (bis Sommer 1944) habe jedoch eine der Besatzungspolitik in Osteuropa in ihrer Härte nahezu gleich gestellte Politik ausgemacht. Auf deutscher Seite sei man zunehmend zur Überzeugung gekommen, dass die niederländischen Verantwortlichen entgegen deutscher Interessen handelten, was in der steigenden Zahl an untergetauchten niederländischen Polizisten und Befehlsverweigerungen seinen Ausdruck gefunden habe. Mindestens 1,3 %, wahrscheinlich aber eher 5% der niederländischen Polizisten quittierten während der Besatzung den Dienst und tauchten teils unter, eine zunehmende Zahl habe Befehle nur noch widerwillig umgesetzt. Aus umworbenen „Freunden“ seien misstrauisch beäugte „Terrorismushelfer“ geworden, die der Unterstützung des niederländischen Widerstandes verdächtigt wurden. Köhler schilderte schließlich die vierte Besatzungsphase (bis Mai 1945) als Zeit engmaschigster Kontrollen, Ausgangsperren und Terror und eines zunehmend professionalisierten Widerstandes, welche die Brüche zwischen nach wie vor kollaborationsbereiten niederländischen Polizisten und jenen, die den Widerstand unterstützten verstärkt habe. Mit dem – aus NS-Perspektive – Verlust der niederländischen Polizei als „Freund“ sei die Besatzungspolitik härter und die Niederländer auch jenseits des jüdischen Bevölkerungsanteils sukzessive als zu bekämpfende und rücksichtslos auszubeutende Bevölkerung umdefiniert worden.

GUUS MEERSHOEK (Twente) rahmte den Vortrag Köhlers gewissermaßen ein: Er stellte einerseits die polizeilichen Reformen in der Weimarer Republik als Vorbild für polizeiliche Entwicklung in den Niederlanden in den Nachkriegsjahrzehnten dar. Andererseits hob er die Kollaborationen niederländischer Polizisten mit deutschen Besatzern während des Zweiten Weltkriegs als Verwerfung zwischen demonstrierender Zivilgesellschaft und Polizei in den 1960er-Jahren hervor. Die dort zu hörenden Vorwürfe gegen niederländische Polizisten („Ihr seid SS-Männer“), aber auch öffentliche Debatten um die Hochzeit im niederländischen Königshaus mit deutscher Beteiligung 1966 habe die gesellschaftliche Polarisierung vorangetrieben. Die deutsche Polizei als Vergleichsfolie und Vorbild in allen Ambivalenzen habe die niederländische Polizeientwicklung in den Nachkriegsjahrzehnten nachhaltig geprägt, so seine Kernthese. So blieben persönliche Beziehungen zwischen einstigen Besatzern, die nun wieder im deutschen Polizeiapparat Führungspositionen erlangt hatten, bestehen. So unterhielt der Polizeichef Enschedes gute Beziehungen zur Polizeiführungsakademie in Münster-Hiltrup. Andererseits habe es auch Polizeichefs wie den von Nijmegen gegeben, der jeden Kontakt nach Deutschland unter Hinweis auf die Kriegserfahrung verweigerte und eine Reform niederländischer Polizei nach englischem Vorbild vorantrieb. In den niederländischen Polizeireformen spielte dabei stets die professionelle Wertschätzung deutscher Polizeireformen in den 1920er-Jahren eine Rolle, wobei auch angelsächsische Einflüsse in den 1960er- und 1970er-Jahren virulent gewesen seien. Die Kollaborationen im Zweiten Weltkrieg blieben ein gesellschaftliches Tabuthema, das gelegentlich jedoch von kritischen Stimmen aufgebrochen wurde. Diese stünden in einem Spannungsverhältnis zu den weiter gepflegten persönlichen Bindungen zwischen niederländischen und deutschen Polizisten, gerade im grenznahen Raum.

Die in den vorherigen Beiträgen skizzierten Jahrzehnte der Verflechtungen, Transfers und Verwerfungen ergänzte MATTHIAS FRESE (Münster) um die Perspektive des Tourismus. Niederländische Touristen in Westfalen waren seit Ende des 19. Jahrhunderts „umkämpfte Besucher“, mit Erfolg bis heute. In Nordrhein-Westfalen machen Niederländer mit rund einem Viertel den mit Abstand größten Teil der ausländischen Gäste aus. Das „reisefreudige Volk“ wollte der Westfälische Verkehrsverband spätestens seit den 1920er-Jahren gezielt umwerben und unternahm zunehmend professionalisierte Werbemaßnahmen für den Urlaub in Westfalen, beispielsweise im Teutoburger Wald. Deutlich wurde der Einfluss aus anderen in der Sektion angesprochenen Feldern auf die Tourismuswerbung im Folgenden: Wurde die Werbung in der NS-Zeit noch vor dem Zweiten Weltkrieg unverändert aufrecht erhalten, seien Frese zufolge ab 1938 leichte politische – aber keine antisemitischen – Botschaften mit in die Anzeigen eingeflossen ein, inklusive mit Reisewarnungen nach Deutschland auf niederländischer Seite. Der Zweite Weltkrieg und die Besatzung der Niederlande führten dann zu einem Werbeverbot. Wiederaufnahmen der Werbung für einen Urlaub in Westfalen seien erst 1955 wieder in Anzeigen festzustellen gewesen, Tourismus aus den Niederlanden in Westfalen setzte aber bereits Anfang der 1950er-Jahre wieder ein. Insgesamt können in den 1960er-Jahren rasant steigende Zahlen niederländischer Touristen in Westfalen festgestellt werden, wobei oft nicht die Region, sondern Themenurlaube im Vordergrund gestanden habe. Ab den 1970er- und 1980er-Jahren machte Frese einen grundlegenden Wandel aus. Es habe eine „Sättigung“ der Besuche in Westfalen und einen zunehmenden Trend zum „Zweiturlaub“ in dieser Region gegeben. Damit gingen sinkende Übernachtungszahlen Anfang der 1990er-Jahre einher, die sich seither langsam wieder erholten. Frese resümierte, dass Nordrhein-Westfalen möglicherweise inzwischen als eine gemeinsame Region mit den Niederlanden gesehen werde – und somit als Sehnsuchts-Urlaubsort außen vor sei, lediglich also attraktiv für den Besuch von Events und Tagesreisen. Am Beispiel des Urlaubsverhaltens der Niederländer würden sich also durch die zunehmende transregionale- und nationale Mobilität Verschiebungen in den „mental maps“ von Urlaubenden zeigen.

FRISO WIELENGA (Münster) kommentierte die Beiträge und lieferte Diskussionsimpulse. Er stellte klar, dass sich in seinen Augen der spezifische Blick auf die transnationale Geschichte als transregionale Geschichte gelohnt habe. Werner Freitags Beitrag habe auf faszinierende Art gezeigt, dass die Grenze zwischen Gronau und Enschede bereits vor über 100 Jahren kaum da zu sein schien. Wielenga fragte jedoch danach, inwiefern man sich im Grenzgebiet dennoch als „anders“ wahrnahm. Die Kollaborationen und Verwerfungen im Zweiten Weltkrieg am Beispiel der Polizei als Mikrogeschichte in Thomas Köhlers Vortrag ordnete er als Beispiel für Grauzonen ein. Auch ohne Überzeugung hätten sich viele niederländische Polizisten den deutschen Besatzern angepasst, „um schlimmeres zu verhindern“ – andererseits mahnte er an, die Unterstützung niederländischer Polizisten am Widerstand nicht zu überschätzen und in die breitere Widerstandgeschichte einzuordnen. Grundsätzlich stellte Wielenga heraus, dass die Grenzgebiete nach 1945 – zum Beispiel auch in der Polizei – schneller in der Wiederaufnahme von Kontakten gewesen seien, aber es hier auch heftigere Nachbeben gegeben habe. Grundsätzlich sind in der Erinnerungskultur der westlichen Niederlande stärkere Verwerfungen gegenüber dem westlichen Nachbarn bis heute ebenso sichtbar wie ein höheres und schnelleres Maß an Normalisierung und Verständlichkeit im Umgang mit dem Nachbarn als im Rest des Landes, so Wielenga.

In der anschließenden Diskussion wurde kritisiert, dass der Fokus auf Niederländer und Westfalen nur bedingt vorgenommen worden sei, da es in zumindest zwei Beiträgen eigentlich um Niederländer und Deutsche ging, die nur zufällig oft auch Westfalen gewesen sind. Andererseits aber wurde deutlich, dass das niederländische Deutschland-Bild wesentlich von Nordrhein-Westfalen bestimmt wird. Der analytische Blick der Sektion auf (trans-)regionale Verflechtungen und Verwerfungen mit „Bodenhaftung“ scheint also gewinnbringend für weitere Forschungen zu sein, um bisherige Blindstellen der Geschichtswissenschaft sichtbar zu machen.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Malte Thießen (Münster/Oldenburg)

Werner Freitag (Institut für vergl. Städtegeschichte/Universität Münster): Möglichkeiten und Grenzen kleinstädtischer Soziabilität: Niederländische Unternehmer und Arbeiter auf der westmünsterländischen Seite der Baumwollstraße um 1900

Thomas Köhler (Münster): Von der „großgermanischen“ Option zum „Bandengebiet“: Die deutsche Ordnungspolizei in den okkupierten Niederlanden 1940-1944

Guus Meershoek (Twente): The impact of the remembrance of the occupation on the readiness of the Dutch police to cooperate with the German police after the War

Matthias Frese (Münster): Umkämpfte Besucher. Niederländische Touristen in Westfalen seit den 1920er Jahren

Friso Wielenga (Münster): Diskussionsimpuls

Anmerkung:
[1] Hartmut Kaelble, Herausforderungen an die Transfergeschichte, in: Comparativ 16 (2006), Heft 3, S. 7–12.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2018: „Man kennt sich“ - Verflechtungen und Verwerfungen zwischen Niederlande und Westfalen im 20. Jahrhundert, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 07.12.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8005>.