HT 2018: Digital Humanities in der Analyse gespaltener Gesellschaften. Beispiele aus der Praxis

Ort
Münster
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
25.09.2018 - 28.09.2018
Von
Martin Schmitt, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Die digitalen Geisteswissenschaften stecken in der Zwickmühle zwischen Erwartungen und Ergebnissen. Das hängt damit zusammen, dass eine bis in die 1960er-Jahre zurückreichende Diskussion über digitale Methoden in den Geisteswissenschaften[1] in den letzten Jahren mit dem Digitalisierungsdiskurs noch mal erheblich an Fahrt gewann. Leicht zeitversetzt zum gesamtgesellschaftlichen Diskurs entwickelte sich die fachwissenschaftliche Einschätzung im Spannungsfeld großer Erwartungen ob der Wunderdinge aus dem vernetzten Computer und ihrer skeptischen Ablehnung. Um letztere zu überwinden, Aufmerksamkeit zu erzeugen und Fördermittel für Projekte zu gewinnen, beteiligten sich Wissenschaftler aus den Digital Humanities (DH) teilweise an der Erwartungsproduktion. In den USA steht inzwischen angesichts hoher Fördersummen seit der Jahrtausendwende die Forderung im Raum, endlich Ergebnisse zu liefern.[2] Zur Lösung dieser Problemkonstellation trugen das von TORSTEN HILTMANN (Münster) und MAREIKE KÖNIG (Paris) organisierte Panel auf dem Münsteraner Historikertag mit „Beispiele[n] aus der Praxis“ bei. Die Sektion wählte als erstes DH-Panel auf einem Historikertag die Referenten nicht aufgrund ihrer Orientierung auf Methode sondern auf Basis ihrer wissenschaftlichen Fragestellung aus, wie Mareike König einleitend betonte.

Der Bruch zwischen hohen Erwartungen und praktischen Ergebnissen begleitete die Geschichte der Digitalisierung auch in anderen Bereichen bereits seit Beginn an. Auf hohe Investitionssummen in Digitalisierungsprojekte aus der bundesdeutschen Wirtschaft und dem Staat folgten hohe Erwartungen, gestiegene Anforderungen und schließlich Enttäuschungen, während sich im Hintergrund vieles änderte.[3] Darauf folgte die Erkenntnis: Die Ergebnisse der Digitalisierung waren selten so großartig wie ankündigt, oftmals kleinteiliger und mühseliger als gedacht, aber meist umso wirkmächtiger. Oft ließen sich die Erfolge von Computerisierungsprojekten erst über einen größeren Zeitabschnitt erkennen, wurden in ihrer Wirkmächtigkeit wegen Normalisierungstendenzen oder wegen ihrer Abstraktheit übersehen und erzeugten unerwartete Nebenwirkungen. Ähnlichen Entwicklungen in den DH stellte sich Frau König gleich in ihrem Auftaktstatement, in dem sie die lange Sektion in zwei Blöcke unterteilte: In einen Block zu Personen und Netzwerken und einen Block zu Diskursen.

KATHRIN MÖLLER (Halle-Wittenberg) widmete sich zum Auftakt des ersten Blocks der Entwicklung von Erwerbsbiografien in der Frühen Neuzeit. Mit Hilfe der Aufbereitung massenhafter serieller Quellen wie Tauf-, Heirats- oder Sterbeurkunden von Bürgern aller gesellschaftlichen Schichten aus Halle spürte Frau Möller deren Lebensläufen nach. Ihre These: Sie stellte sich gegen die Interpretation der vormoderne Ständegesellschaft als Gesellschaft mit zerfaserten Berufsbiografien, die ein Gegenmodell zur Moderne mit ihrer als kontinuierlich angenommenen Vergesellschaftung über Arbeit und Leistung sei. Möller zeigte am Beispiel Halles im 18. Jahrhundert zwei gegenläufige Trends der Kontinuität in Krisenzeiten auf. Erstens eine Entwicklung von komplexen zu einfacheren Tätigkeiten bei abnehmenden Berufschancen. Und zweitens eine Verfestigung der Tätigkeiten und damit eine frühere Berufsbildung, als bisher angenommen. Der Wechsel zwischen den Branchen wurde in Halle seltener. Sie kritisierte, das bisherige Forschung wegen der Quellen vor allem den Blick auf das Bildungsbürgertum richtete. Dort waren durchaus Karrieren und Aufwärtsmobilität möglich, worüber das Bürgertum in Egodokumenten beredet Zeugnis ablegte. Die Digital Humanities erlaubten Frau Möller nun die breitere Gesellschaft und damit auch die mittleren und unteren Schichten mit in den Blick zu nehmen. Hervorzuheben ist, dass dafür zuerst in einem Zeitraum von drei Jahren ein umfassender digitaler Korpus Hallenser Quellen erstellt und normiert werden musste, der nun für weitere Auswertungen bereitsteht. Projekte der digitalen Geschichtswissenschaft lohnen also, benötigen aber weiterhin Zeit, so eine erste Erkenntnis. In der Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, inwieweit nicht die quantitative Sozialgeschichte der 1980er-Jahre zu ähnlichen Ergebnissen kam?

JENNIFER BLANKE (Wolfenbüttel) nahm hingegen gemeinsam mit dem Informatiker THOMAS RIECHERT (Leipzig) Professoren der Frühen Neuzeit in den Blick. Das Team untersuchte die Berufspraxis der Professoren in Krisenzeiten mit digitalisierten Quellen aus Leipziger und Helmstädter Professorenbeständen. Das Forschungsprojekt unterstich dabei die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Informatik und Geschichtswissenschaft, bei der ersterer eben nicht nur ein Dienstleistungscharakter zukommt. Da die Forschungsarbeit noch läuft, stand in ihrem Vortrag die Praxisarbeit stärker im Vordergrund als die Beantwortung der Forschungsfrage. Auch KAREN BRUHN nahm Professoren als in den Blick, stieß dabei aber in die Neuzeit vor. Sie betrachtete die Berufungspraxis der Kieler Universität in den 1930er-Jahren und fragte nach dem Einfluss des Nationalsozialismus. Wenig überraschend zeigte sich, dass bei den außerordentlichen Professuren fast zwei Drittel Mitglied der NSDAP waren. Bruhn wies allerdings mit geschickten Datenbankabfragen nach, dass weniger die reine NSDAP-Mitgliedschaft, sondern eher Mitgliedschaften in weiteren Gruppen des rechten Spektrums Karrierewege eröffnete. Es war vielmehr das politische Engagement, das zählte. In der Diskussion stellten sich ganz fachpraktische Herausforderungen der Dokumentation: Wie ließ sich eine Datenbankabfrage quellenkritisch nachweisen?

In seinem Umfang, der Aktualität und der visuellen Ästhetik beeindruckend war der Vortrag von CHRISTOPH RASS (Osnabrück), der stellvertretend für HENNING BORGGRÄFE (Bad Arolsen) und ISMEE TAMES (Amsterdam) die Projektergebnisse zu „People on the Move“ vorstellte. Das Team modellierte historische Prozesse von Flucht und Vertreibung im Umfeld des Zweiten Weltkrieges aus Lebenslaufdaten mithilfe Geografischer Informationssysteme (GIS). Damit machte sich das Team unabhängig von „klassischen Quellen“ und konnte auf Basis großer Mengen an Ereignisdaten Fragen adressieren wie: Wann erhält wer wie wo welche Mobilitäts-Optionen? Welche Wege und Orte erhalten retrospektiv Bedeutung? Wie lässt sich Flucht als die Summe zahlloser Entscheidungen verstehen, wenn Mikro-, Meso-, Makro-Ebene in den Blick genommen werden? Besonders überzeugte, dass Rass dabei die Praxis der Digitalen Geschichtswissenschaft nicht als selbstverständlich annahm, sondern fragte, wie sich aus Daten-Stichproben Narrative gewaltinduzierter Mobilität schreiben ließen. Denn auch die Digitalen Geschichtswissenschaftler seien weiterhin darauf angewiesen, überzeugende Narrative zu präsentieren. Rass bediente sich dazu der Visualisierung über Karten und erzeugte „Storymaps“ eigentlicher und imaginierter Wege. So ist das Anliegen der Forschergruppe, soziale GIS in die Geschichtswissenschaft einzuführen. An der anschließend entbrannten Diskussion lässt sich abschätzen, dass dieses Anliegen datengestützter Antworten auf gewaltinduzierte Mobilität zumindest im Publikum auf große Resonanz stieß.

In die Geschichtsdidaktik stieg KERSTIN SCHWEDES (Braunschweig) ein und leitete damit zum Block „Diskurse“ über. Basierend auf der Forschungsinfrastruktur EurViews/ WorldViews des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung[4], das digitalisierte Schulbuchauszüge bereitstellt, adressierte sie die Frage nach Weltsichten in Schulbüchern. Sie untermauerte dabei die These, dass rezente europäische Schulbücher trotz Globalisierung enorme Unterschiede in der Auswahl und Gewichtung von Themen zum Beispiel über den Ersten Weltkrieg aufweisen. Jenseits dessen betonte Schwedes wie zahlreiche Redner vor ihr die Bedeutung der Standards für die digitale Forschungspraxis. So profitierte das Projekt WorldViews von den standardisierten Daten aus der ersten Projektphasen. Die Entwicklung der Datenkompatibilität zwischen Projekten sah auch das Publikum als entscheidend für den weiteren Fortschritt der Digitalen Geschichtswissenschaft an.

Den Abschluss machte der Theaterwissenschaftler Torben Ibs (Leipzig) über historische Diskursanalyse mit Hilfe einer computergestützten qualitativen Datenanalyse-Software (CAQDAS). Sein Vortrag zeigte exemplarisch die notwendigen Vorarbeiten in der Wissenschaftspraxis der Digitalen Geschichtswissenschaft: Er führte live das iterative Verfahren von Codierung und Kommentierung an Artikeln aus retro-digitalisierten Theaterzeitschriften der DDR vor. In seiner Arbeit beantwortete er die Frage, wie sich Konzepte und Aufgaben von Theater, der Ensemblebegriff und das Publikumsverhältnis vor und nach der deutschen Wiedervereinigung veränderten. Er machte die Wendezeit als kurzen Sommer der Utopie in den Theatern aus, der danach schnell verblasste.

Zusammenfassend lässt sich schließen, dass das Panel die kleinen Weiterentwicklungen wie auch mühseligen Grundlagenarbeiten in der Digitalen Geschichtswissenschaft zeigte. Erst wenn die digitale Forschungsmethode konsequent zur Beantwortung der wissenschaftliche Forschungsfrage genutzt wird, können auch weitere Fachkollegen überzeugt werden. Der Blick in den Prozess digitaler Forschung deckte auf, wie viel Arbeit in den einzelnen Projekten steckte. Es ist nötig und nun an der Zeit, diese Grundlagenarbeit wertzuschätzen und in die richtigen Bahnen kompatiblen Datenaustauschs zu lenken. Standards stehen dabei im Mittelpunkt, wissenschaftliche wie die der Daten. Durch die digitalen Dokumentationsmöglichkeiten sollten Projekte aber keineswegs mit höheren Dokumentationspflichten überfrachtet werden, nur weil ihre wissenschaftliche Legitimation in Frage steht. Gleichermaßen zeigte sich, wie sich Erwartungshaltung und Revolutionsgestus in der wissenschaftlichen Praxisarbeit produktiv auflösen. Weitere Panels und Konferenzen[5] wie dieses sollten folgen und zeigen, wie sich mit digitalen Methoden exzellente Geschichtswissenschaft machen lässt.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Torsten Hiltmann (Münster), Mareike König (Paris)

Katrin Moeller (Halle-Wittenberg): Berufswechsel, Karriere, Minijob oder ständische Tradierung? Methodische Überlegungen zur Vergleichbarkeit von Erwerbsbiografien im zeitlichen Längsschnitt

Jennifer Blanke (Wolfenbüttel) / Thomas Riechert (Leipzig): Im Kern gespalten? Zur digitalen Erforschung von Gelehrtenkarrieren in der Frühen Neuzeit und deren gesellschaftliche Relevanz

Karen Bruhn (Kiel): Kieler Professoren online - zu universitären Karrieremustern in der NS- und Nachkriegszeit

Henning Borggräfe (Bad Arolsen) / Christoph Rass (Osnabrück) / Ismee Tames (Amsterdam): People on the Move. Zeiträumliche Analysen von Flucht- und Gewaltmigration im 20. Jahrhundert mithilfe Geografischer Informationssysteme (GIS)

Kerstin Schwedes (Braunschweig): Gespalten vereint: Erinnerungskulturen in Schulbüchern EU-Europas

Torben Ibs (Leipzig): Historische Diskursanalyse mit CAQDAS – ein Werkstattbericht

Anmerkungen:
[1] Rüdiger Hohls, „Digital Humanities und digitale Geschichtswissenschaften“, in: Laura Busse, Wilfried Enderle, Rüdiger Hohls, Thomas Meyer, Jens Prellwitz, Annette Schuhmann (Hrsg.), Clio Guide. Ein Handbuch zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaften, 2. Aufl., Berlin 2018 (Historisches Forum 23), S. A.1-1–B.1-34. https://guides.clio-online.de/sites/default/files/clio/guides/2018/Clio_Guide__Hohls_Digital_Humanities__2018__web.pdf, (3.12.2018).
[2] Stephen Robertson / Lincoln Mullen, Digital History & Argument White Paper, https://rrchnm.org/argument-white-paper, (3.12.2018). Dank an Andreas Fickers für den Hinweis.
[3] Frank Bösch (Hrsg.), Wege in die digitale Gesellschaft. Computernutzung in der Bundesrepublik 1955-1990, Göttingen 2018.
[4] Projektseite „Worldviews. Die Welt im Schulbuch“, http://worldviews.gei.de, (3.12.2018).
[5] Siehe auch die Konferenz http://dhd2018.uni-koeln.de, (3.12.2018).

Zitation
Tagungsbericht: HT 2018: Digital Humanities in der Analyse gespaltener Gesellschaften. Beispiele aus der Praxis, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 07.12.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8009>.