Die Bedeutung der Hanse für die Kultur des Ostseeraums und des östlichen Europa – über- oder unterschätzt? Multinationale Perspektiven auf die Historiographie

Ort
Leipzig
Veranstalter
Agnieszka Gąsior, GWZO-Abteilung „Kultur und Imagination“, Anja Rasche, Netzwerk Kunst und Kultur der Hansestädte
Datum
19.10.2018 - 21.10.2018
Von
Sarah Jacob, Historisches Seminar, Universität Leipzig

Die Hansegeschichtsschreibung prägte und prägt das Bild, das sowohl der Öffentlichkeit als auch dem Fachpublikum von der Hanse vermittelt wird. Die Beschäftigung mit dem Phänomen „Hanse“ erfolgte jedoch im Laufe der Zeit vor unterschiedlichen historisch-geographischen Hintergründen. Daher ist die Auseinandersetzung mit den Einflüssen nationaler und historiographischer Konzepte auf die Hanseforschung und das vermittelte Hansebild notwendig: Inwiefern unterschieden sich nationale Geschichtsbilder und welchen Stellenwert nahm die Erforschung der Hanse zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten ein. Die Betrachtung dieser bislang nur wenig bearbeiteten Fragestellungen aus multinationaler und interdisziplinärer Perspektive war Gegenstand der Tagung. Im Fokus standen hierbei die Anrainerstaaten der Ostsee sowie die mit der Hanse in Verbindung stehenden Städte im östlichen Europa.

Die Vorträge näherten sich, nach einer Begrüßung durch den Direktor des Leibniz-Instituts für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO), Christian Lübke, und einer Einführung durch die Veranstalterinnen Agnieszka Gąsior und Anja Rasche, dem Thema der Tagung aus verschiedenen Richtungen – sowohl geographisch als auch fachlich. Einen zentralen Schwerpunkt der Tagung bildete die Untersuchung der Hansegeschichtsschreibung des späten 19. und des 20. Jahrhunderts. ANJA RASCHE (Speyer) unterzog in ihrem Beitrag die deutschsprachige Forschungsliteratur zum Themenkomplex Hanse – Novgorod seit dem Ende des 1. Weltkrieges einer kritischen Betrachtung. Anhand ausgewählter Textpassagen stellte sie eine Reihe von Stereotypen heraus, die sich über die Jahrzehnte hinweg in der deutschsprachigen Hanseforschung erhalten haben. Plakative Darstellungen des Kulturträgers Hanse, dessen (deutsche) Mitglieder dem „faulen und bedrohlichen Russen“ ein Stück Zivilisation nähergebracht hätten, konnte die Referentin von der Zwischenkriegszeit bis in die 1960er-Jahre hinein vielfach nachweisen. In modernen Neuauflagen wurden entsprechende Aussagen unkommentiert übernommen.[1] Mit einer völlig anderen Erzählung sah sich PAVEL LUKIN (Moskau), der die Darstellung derselben Handelsbeziehungen in der russisch-sowjetischen Historiographie betrachtete, konfrontiert. Mit dem Aufstieg der Sowjetunion habe die Hanse und der frei agierende Stadtstaat Novgorod nicht mehr in die ideologischen Vorgaben gepasst. Als Ergebnis dessen machte Lukin eine absichtliche Verschleierung der Handelsbeziehungen zwischen der Hanse und Novgorod, sei es durch Auslassung von Tatsachen oder durch (Ver-)Fälschen von Fakten, in der offiziellen sowjetischen Geschichtswissenschaft aus. Erst in den 1960er-Jahren sei eine umfassende Erforschung dieses Themas wieder möglich geworden. Vergleichbar mit Rasche erkannte auch Lukin ein Nachwirken der in den vorhergehenden Jahrzehnten beförderten Tendenzen bis in moderne Veröffentlichungen.

Mit dem skandinavischen Geschichtsbild der Hanse beschäftigte sich CHRISTIAN KRÖTZL (Tampere) im Rahmen des öffentlichen Abendvortrages. Aufgrund seiner Recherchen konnte Krötzl feststellen, dass in den 1940er- bis 1960er-Jahren die Hanse im skandinavischen Geschichtsbild (im Gegensatz zur sowjetischen Geschichtsschreibung) zwar präsent, jedoch mit länderspezifischen Unterschieden der nationalen Geschichtsschreibung untergeordnet war. Die Hanse sei hier als unerwünschter Faktor von außen wahrgenommen worden, der das freie Agieren der nordischen Reiche negativ beeinflusst habe. Der Referent betonte, vergleichbar mit Rasche und Lukin, dass viele der in diesen Jahren aufgestellten Behauptungen vom jeweiligen historischen Umfeld geprägt und aus wissenschaftlicher Sicht heute nicht mehr haltbar seien.

JÜRI KIVIMÄE (Tallinn), der Grundlinien der Forschung des 20. Jahrhunderts zur Beziehung zwischen der Hanse und Livland vorstellte, fand eine zwischen deutscher, baltischer und russisch-sowjetischer Forschungstradition gespaltene Historiographie vor. Für die Zeit bis zum Ende des 2. Weltkrieges machte der Referent einen wachsenden Nationalismus sowohl von deutscher als auch von estnisch-lettischer Seite aus, der dazu führte, dass zwei sich auf den ersten Blick widersprechende Grundannahmen Eingang in die Forschung fanden: auf der einen Seite die Darstellung des Aufstiegs Livlands durch deutschen Einfluss, auf der anderen Seite das Bild von der 700 Jahre währenden deutschen Unterdrückung des Baltikums. Kivimäe betonte daneben, dass wichtige Impulse auch von finnischen Forschern ausgegangen, jedoch nicht immer beachtet worden seien. In der frühen Sowjetzeit habe Hanseforschung indes nur von Exilhistorikern betrieben werden können, da die offizielle Geschichtsschreibung mit ihrem Fokus auf der russischen Geschichte der Hanse keine Aufmerksamkeit habe zukommen lassen. Als Wendepunkt machte auch Kivimäe die 1960er-Jahre aus, in denen es möglich wurde, die Hanseforschung in die allgemeine Wirtschaftsgeschichte einzubinden.

Einen Überblick über den Stand der Forschung zum Kontakt Wolhyniens mit den Hansestädten vom späten 13. bis zum frühen 17. Jahrhundert und den Einfluss dieser Beziehungen auf die urbane Entwicklung der Region gaben BOHDAN BEREZENKO und YURII PRYKHODKO (Kiew) und ergänzten so die Tagung um einen Blick ins südliche Ostmitteleuropa. Dabei stellten sie einleitend fest, dass die meisten ukrainischen Historiker/innen den hansischen Einfluss bislang durchaus positiv bewerteten und bestätigten und ergänzten den bisherigen Forschungsstand durch eigene Recherchen in ukrainischen und lettischen Archiven.

Dass all diese unterschiedlichen Forschungstraditionen ihre Spuren in der nationalen Erinnerung und aktuellen politischen Diskursen hinterließen, veranschaulichte JÖRG HACKMANN (Szczecin) in seinem von zahlreichen multimedialen Beispielen unterfütterten Vortrag zum Phänomen „Hanse“ in der Erinnerungskultur schwerpunktmäßig in Polen und Nordosteuropa. Dabei stellte der Referent gegenläufige Tendenzen fest. Wurde in deutschen Fernsehdokumentationen der letzten Jahre selbstbewusst von einer deutschen Hanse gesprochen, so zeige etwa die Vielzahl der im Städtebund der „Neuen Hanse“ vereinten außerdeutschen Städte, dass die Hanse als Erinnerungsort für einen sehr viel größeren als nur den deutschen Raum eine Rolle spiele. Das erschien Hackmann insbesondere vor dem Hintergrund jener politischen Warnrufe bemerkenswert, die in den 1980er-Jahren, wohl Bezug nehmend auf das von Krötzl vorgestellte skandinavische Hansebild, davor warnten, dass die Hanse speziell im Norden Europas als positiver Erinnerungsort nicht tauge. Demgegenüber stellte der Referent unter anderem populäre Bezüge auf die Hanse in heutigen Namen wirtschaftlicher Betriebe von Danzig über Polen bis ins Baltikum, die Hinweise auch auf positive Konnotationen mit der Hanse geben. Insgesamt konstatierte Hackmann eine „Europäisierung“ des Phänomens Hanse, die mit einer Betonung der Zusammenarbeit der Städte einhergehe. Die Hanse als Erinnerungsort sei demnach offen für zahlreiche Deutungen und würde jeweils in die eigene Regionalgeschichte eingebettet betrachtet.

Einen weiteren Tagungsschwerpunkt bildete die Betrachtung kunstwissenschaftlicher Forschungstraditionen im Hanseraum, wobei im Verlauf der Veranstaltung Parallelen zu Entwicklungen der Geschichtswissenschaft deutlich wurden. JULIANE MARQUARD-TWAROWSKI (Berlin) stellte Überlegungen zu Fragen von Kunstraum und Kunstlandschaft am Beispiel der beiden in den 1970er-Jahren formulierten Konzeptionen Jan Białostockis und Nikolaus Zaskes zur Kunst im Ostseeraum vor. Mit seiner ‚Hansekunst‘ prägte Zaske ein vor allem an mittelalterlicher Architektur orientiertes Konzept. Ein ‚hansisches‘, durch kaufmännisches Denken beeinflusstes Kunstverständnis habe von der Keimzelle Lübeck aus weit in den Osten gewirkt (die Nähe zum Bild des „deutschen Kulturträgers“ ist auch hier spürbar). Białostocki hingegen sprach von der Ostsee als einer künstlerischen „Großlandschaft“, deren Merkmale epochenübergreifend zu betrachten seien. Beide Konzeptionen und die durch sie ausgelösten Diskussionen betrachtete die Referentin vor dem Hintergrund unterschiedlicher kunstgeschichtlicher Forschungstraditionen in der BRD, der DDR und Polen. JAN VON BONSDORFF (Uppsala) verdeutlichte am Beispiel des deutschen Kunsthistorikers Adolph Goldschmidt und seines schwedischen Kollegen Johnny Roosval, wie die Beziehungen zwischen den Kunsthistorikern als Katalysator für die kunstgeschichtlichen Forschungen in Schweden wirkten. Der Referent umriss die Lebensläufe beider Forscher, die sich am Ende des 19. Jahrhunderts / Anfang des 20. Jahrhunderts in Berlin kennenlernten, wo Roosval bei Goldschmidt studierte. Goldschmidt weckte in seinem Schüler und Freund das Interesse für die mittelalterliche Kunst und Architektur Gotlands und vermittelte ihm relevante Kenntnisse sowie die Bekanntschaft zu bedeutenden Kunsthistorikern der Zeit.

Die Arbeit mit Quellen als Grundlage für eine kritische Überprüfung von in der Forschung iterierten Vorstellungen bildete einen dritten Schwerpunkt der Veranstaltung. Erste Ergebnisse der im Rahmen des Projektes GeldKunstNetz durchgeführten Untersuchung von Rechnungsbüchern der Stettin-Danziger Kaufmannbankiersfamilie Loitz aus den Jahren 1566 bis 1584 stellte ALEKSANDRA LIPIŃSKA (München) vor. In der Arbeit mit den Rechnungsbüchern sah die Referentin eine Möglichkeit, nicht nur Erkenntnisse über die Familie Loitz sowie den Handel und das Finanzwesen im südlichen Ostseeraum zu erlangen, sondern in Verbindung mit ergänzenden Nachlassinventaren auch einen Beitrag zur Geschichte des Luxusgüterkonsums und zur Vorgeschichte des Kunsthandels zu leisten. Bereits zum jetzigen Zeitpunkt der Projektarbeit konnte Lipińska die Loitz in der Umbruchszeit des 16. Jahrhunderts als Kunstförderer und -vermittler erfassen. Auf die Bedeutung der Betrachtung vielseitiger Quellen und interdisziplinären Arbeitens verwies GUNNAR MÖLLER (Stralsund). In seinem Vortrag richtete er den Blick auf die (Handels-)Verbindungen Stralsunds zum Mittelmeerraum, insbesondere nach Italien. Die vereinzelten Hinweise in schriftlichen Quellen des 13. bis 17. Jahrhunderts auf Kontakte dieser Art ergänzte der Referent durch archäologische und bauhistorische Zeugnisse. So rekonstruierte Möller Verbindungen von Stralsund nach Venedig und Genua und darüber hinaus und hielt fest, dass die Beziehungen zwischen Stralsund und dem Mittelmeerraum enger, zahlreicher und ergiebiger waren als bislang gedacht.

Die an die Vorträge anschließenden kurzen Projektvorstellungen gaben einen Überblick über laufende Forschungsvorhaben. Ihre Dissertationsprojekte stellten HELGA BERENDSEN (Bremerhaven) („Die Kogge auf deutschen Wappen“) und MARIA SEIER (Lübeck) („Kaiserferner Norden? Die Beziehungen der Hanse zu Kaiser und Reich“) vor. MARIA DORN und CHRISTINE MAGIN (Greifswald) gaben Einblicke in die Tätigkeiten der Arbeitsstelle Greifswald des Projektes zur Erfassung der deutschen Inschriften. KERSTIN PETERMANN (Hamburg) beschloss den Samstag mit einem Ausblick auf die weiteren, vom Netzwerk Kunst und Kultur der Hansestädte geplanten Aktivitäten. Ein produktives Netzwerktreffen sowie eine Exkursion durch die Handelsstadt Leipzig rundeten am Sonntag schließlich das Tagungsprogramm ab.

Zusammenfassend verwies die Tagung auf eine aktuelle und wichtige Aufgabe der Hanseforschung – die kritische Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit. Schlaglichtartig beleuchteten die Vorträge die verschiedenen nationalen Forschungstraditionen und ihre Nachwirkungen sowohl in der Wissenschaft als auch der (politischen) Öffentlichkeit. Es wurde deutlich, dass zur Überwindung von Stereotypen die Überprüfung älterer Forschungserkenntnisse mit Hilfe interdisziplinärer Herangehensweisen an altbekannte wie an unedierte Quellen, aber auch eine wirksame Vermittlung neugewonnenen Wissens an die Öffentlichkeit unerlässlich sind. Konsequent sollte dabei auch der eigene, derzeitige Forschungshintergrund (Was wird heute von der Hanseforschung erwartet, welche Erkenntnisse werden der Öffentlichkeit vermittelt und welche dort wahrgenommen?) hinterfragt werden, um dem Anspruch einer modernen und selbstkritischen Wissenschaft gerecht zu werden.

Konferenzübersicht:

Christian Lübke (Leipzig): Begrüßung durch den Direktor des GWZO

Agnieszka Gąsior (Leipzig), Anja Rasche (Speyer): Begrüßung und Einführung in das

Juliane Marquard-Twarowski (Berlin): Kunstgeographische Konzeptionen zum Ostseeraum und Traditionen der Kunstgeschichtsschreibung zwischen 1945 und 1989 – Überlegungen zu ihrer Bedeutung für die Hanseforschung in Vergangenheit und Gegenwart

Anja Rasche (Speyer): Die Hanse und Novgorod – Anmerkungen zur deutschsprachigen Forschungsliteratur

Gunnar Möller (Stralsund): Stralsund und der Mittelmeerraum zur Hansezeit. Anmerkungen anhand schriftlicher, archäologischer und bauhistorischer Belege

Christian Krötzl (Tampere): Das finnische Mädchen und der betrügerische Hansekaufmann. Zum Geschichtsbild der Hanse in Skandinavien

Jan von Bonsdorff (Uppsala): Adolph Goldschmidt, Johnny Roosval und die Anfänge der kunsthistorischen Mittelalterstudien in Schweden

Jüri Kivimäe (Tallinn): The Hanse and Livonia: Historiographic Heritage versus National Histories

Aleksandra Lipińska (München): Präsentation des Projekts GeldKunstNetz. Rechnungsbücher der Stettin-Danziger Kaufmannbankiersfamilie Loitz für die Wirtschafts- und Kulturgeschichte in Nord und Ostmitteleuropa des 16. Jahrhunderts

Bohdan Berezenko / Yurii Prykhodko (Kiev): Contacts oft he Volyn region with the Hanseatic Cities in the 14th – 16th centuries

Aleksandr Musin (St. Petersburg): „CCC guldene gordele“ of Novgorod and their belt-buckles: comparative approaches to written and material evidences oft he role of the Hanseatic League in Baltic cultural transfers (aufgrund von Krankheit entfallen)

Pavel Lukin (Moskau): The almost invisible Hanse: the complex fate of Hanse-Novgorod relations in Russian-Soviet scholarship

Jörg Hackmann (Szczecin): Die Hanse als Erinnerungsort zwischen Stettin und Tallin

Projektvorstellungen
Helga Berendsen (Bremerhaven) / Christine Magin / Mona Dorn (Greifswald) / Maria Seier (Lübeck) / Kerstin Petermann (Hamburg) / Dietmar Popp (Marburg) (entfallen)

Gesamtzusammenfassung und Fazit, Perspektiven für die vernetzte Hanseforschung

Anmerkung:
[1] Die Referentin bezog sich hier beispielhaft auf Philippe Dollinger, Die Hanse, 6., vollst. überarb. u. aktual. Aufl. neu bearb. v. Volker Henn und Nils Jörn, Stuttgart 2012.

Zitation
Tagungsbericht: Die Bedeutung der Hanse für die Kultur des Ostseeraums und des östlichen Europa – über- oder unterschätzt? Multinationale Perspektiven auf die Historiographie, 19.10.2018 – 21.10.2018 Leipzig, in: H-Soz-Kult, 21.01.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8064>.