Transfigurationen der Macht. Politik, Vermittlung und Popularität

Ort
Loveno di Menaggio
Veranstalter
Vittoria Borsò (Düsseldorf); Christiane Liermann (Villa Vigoni); Patrick Merziger (Berlin)
Datum
15.03.2005 - 19.03.2005
Von
Patrick Merziger, Freie Universität Berlin

Das europäische Doktorandenkolleg fand vom 15. März 2005 bis zum 19. März 2005 in der Villa Vigoni (Menaggio, Como / Italien) statt. Konzipiert und organisiert wurde es von Vittoria Borsò (Düsseldorf), Christiane Liermann (Villa Vigoni) und Patrick Merziger (Berlin). Die Deutsche Forschungsgemeinschaft stellte die finanziellen Mittel bereit. Vittoria Borsò, Kaspar Maase (Tübingen) und Bernd Sösemann (Berlin) leiteten das Kolleg, bei dem 13 Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler ihre Projekte vorstellten. Unter dem Titel "Transfigurationen der Macht" befassten sie sich mit Umwandlungen und Übertragungen von Politik. Politikvermittlung wurde dabei an die aktuelle Forschung anschließend nicht nur als intentional gesteuerter Prozess der Manipulation, der Erziehung oder der Anleitung zur Selbstaneignung verstanden. Vielmehr ging es darum, Weltdeutungen und Sinnkonstruktionen auch jenseits eines eng definierten Begriffs des Politischen zu finden. Die Bereiche der "Unterhaltung", der "Massenkultur", der "populären Kultur" und auch des "Alltags" wurden als Orte der Herstellung von Sinn, von Distinktionen und hierarchischen Setzungen, von Inklusionen und Exklusionen, von pluralen oder monistischen Kommunikationsstrukturen, von bi- oder unidirektionalen Kommunikationsprozessen beschrieben. Der gesamte Kommunikationsprozess, vom Kommunikator über das Medium zum Rezipienten, wurde dazu verfolgt; man konzentrierte sich allerdings entsprechend der sich in der Forschung abzeichnenden Schwerpunktsetzung und der Vorgabe des Begriffs "Transfigurationen" auf Weiterverarbeitung, Annahme und Wirkung auf der Seite des Rezipienten. Denn erst mit den Praktiken der Aneignung und Umformung durch die Rezipienten ergeben sich "Transfigurationen der Macht". Grundannahme war bei allen Vortragenden, dass gleichzeitig Räume des Eigensinns entstehen, dass die "Macht" kein "metaphysisches" Phänomen ist, sondern das Resultat linguistischer, kommunikativer und kultureller Praktiken, die mit der Konstellation der Macht auch ihre Grenzen implizieren. Drei Herangehensweisen an das Thema waren auszumachen: eine Gruppe setzte bei bewussten Versuchen der politischen Beeinflussung und den entstehenden Rückkopplungen mit dem Publikum an, eine zweite arbeitete die politische Bedeutung und Wirkung von Unterhaltungsprodukten heraus, eine dritte Gruppe stellte die Beteiligung des Publikums bei der Produktion von populärer Kultur in den Mittelpunkt.

Die erste Gruppe von Teilnehmerinnen und Teilnehmern befasste sich mit Konzepten und Aktionen von politisch Verantwortlichen und offiziellen Einrichtungen, deren definiertes Ziel es zwar ist Politik zu vermitteln, die sich aber gleichzeitig immer mit dem Problem auseinanderzusetzen hatten, Partizipation der Adressaten zu erreichen, da nur so Vermittlung erfolgreich sein kann. Laura Manzano Baena (Florenz) untersuchte die Kommunikationsstrukturen Spaniens und der Niederlande während der Friedensverhandlungen in Münster von 1645 bis 1648. Beide Länder waren sich der Macht der Presse bewusst und versuchten, darauf einzuwirken. Die spanische Monarchie band über die zentrale Stellung des Hofs Klerus, Künstler und Wissenschaftler eng an sich und behielt über Alimentierung und Mäzenatentum auch deren Produkte unter Kontrolle, so dass Kampagnen gestartet und Abweichungen verfolgt werden konnten. In den Niederlanden hingegen mussten Mittler und Multiplikatoren überzeugt, das Publikum gewonnen werden, was sehr viel flexiblere Taktiken und eingängigere Formen und Inhalte erforderte, aber auch der erfolgreichere Weg war. Laura Manzano Baena untersuchte damit zwei Kommunikationssysteme, die einen Übergang markieren, wobei die spanische Monarchie für eine vormoderne Form der Kommunikation steht, die sich ihrer prekären Situation sehr bewusst war und alles daran setzte, die niederländische Form der Kommunikation von ihrem Gebiet fernzuhalten.
In der Moderne wird das nationalsozialistische Deutschland als das Herrschaftssystem identifiziert, das wie kein anderes durch moderne Propaganda seine Herrschaft sicherte. Christoph Ziegler (Berlin) zeigte am Wochenspruch der NSDAP, in millionenfacher Auflage gedruckte Kleinplakate, dass keineswegs von einer einfachen Manipulation, sondern von einer reziproken Übertragung ausgegangen werden muss. Er beschrieb, wie durch Verwendung kirchlicher und bürgerlicher Spruchtraditionen, durch spezifische Hängung und durch die Behandlung der Sprüche in Schulen auf vermutete Wünsche des Zielpublikums eingegangen wurde und gleichzeitig die erhoffte Wirkung sicher gestellt werden sollte. Agnieszka Liszkas (Warschau) nahm sich der Politikvermittlung heute an. Die "Europäische Bürgerschaft", so die Übersetzung des allenfalls als "European Citizenship" bekannten Terminus, wurde 1992 in den Mastrichter Verträgen implementiert, um über die Gewährung von Rechten (Freizügigkeit, Wahlrecht, Petitionsrecht und Schutz im europäischen Ausland) die Partizipation der EU-Bevölkerung anzuregen. Liszkas schätzte die Erfolge bei der Vermittlung dieses Konzepts gering ein. Obwohl bei allen Umfragen das Interesse an Bürgerechten groß ist, sei die "Europäische Bürgerschaft" kaum bekannt. Dementsprechend - ob als Folge oder als Grund blieb offen - wurde die Bevölkerung Europas in den Debatten des Europäischen Parlaments und des Verfassungskonvents keineswegs als Bürger, sondern als Objekt, dem man Hilfe angedeihen lassen müsse, behandelt. Philipp Müller (Jena) wechselte die Perspektive. Er beschrieb die Versuche der Berliner Polizei um 1900, durch Veröffentlichung von Personenbeschreibungen und Aufrufe zur Mithilfe die Bevölkerung in ihre Arbeit einzubeziehen. Dabei entwickelten die Polizei ein differenziertes Instrumentarium zur Beschreibung und Identifikation von Straftätern. Allerdings erwies sich der Einbezug der Bevölkerung als kontraproduktiv. Die Täter wurden an verschiedenen Orten gleichzeitig ausgemacht, die Fahndungen behindert und Ressourcen gebunden. Die detaillierten Beschreibungen der Polizei dienten dem Publikum dazu, angebliche Beobachtungen umso glaubwürdiger zu machen. Letztlich nutzte das Publikum diese "Verbrecherjagden" als Bühne und verkehrte so den Zweck: indem man die Sichtung des Kriminellen meldete, nahm man an der Prominenz des Gesuchten teil. Alexandra Kaiser (Tübingen) regte abschließende mit der Vorstellung ihrer Dissertation zum Volkstrauertag als Ritual der Erinnerung von 1920 bis heute, dazu an die Repräsentationspraxen nicht beschränkt auf ein politisches System sondern im Vergleich zu verhandeln. So kann eine Antwort auf die in der Diskussion mehrmals gestellte Frage, ob neben dem Monopol auf die Massenmedien Unterschiede zwischen einer demokratischen Politikvermittlung und einer solchen in autoritären und diktatorialen System zu erkennen ist, gefunden werden.

Die weiteren Fragen in der Diskussion zielten immer wieder auf Rezeptionsweisen, also die tatsächlichen Transfigurationen, die nicht nur Übertragungen, sondern auch Anverwandlungen beinhalten. Die Vortragenden thematisierten, welche Rezeption die Produzenten erwarteten und welche Konsequenzen dieses Bewusstsein wiederum für die Produkte hatte. Die Transfigurationen der Macht liefen nicht als einseitiger Prozess, sondern immer schon in Erwartung und Vorwegnahme der Rezeption ab. Die "Verbrecherjagden" hatten jedoch für eine völlig gegen die Intention verlaufende Aneignung ein Beispiel gegeben. Bei den NSDAP Wochensprüchen fiel z.B. auf, dass es eine Vielzahl von Weisen der Weiterverwendung gab, wie Sammler und Schülerzeitungen, die die Sprüche in neue Kontexte stellten und die bei der Zentrierung auf die Produzenten schnell übersehen werden. Bei dem Konzept der "Europäischen Bürgerschaft" wurde dementsprechend die Frage aufgeworfen, ob die verwandten Umfragen zur Kenntnis abstrakter Rechte aussagekräftige Ergebnisse produzierten oder ob nicht eher die Nutzung, z.B. der Freizügigkeit, untersucht werden und das gelebte Europa in den Blick kommen müsste.

Die zweite Gruppe entfernte sich von den Akteuren, die eine klar erkennbare Intention der Politikvermittlung haben, und wandte sich solchen zu, die in erster Linie am ökonomischen Erfolg interessiert sind, die sich am Markt und damit am Publikum orientieren. Dabei standen Produkte im Mittelpunkt, die man auf den ersten Blick entweder "harmloser" massenhafter Unterhaltung oder aber dem "machtfreien" Raum der Kunst zuordnen würde. Die Referenten hinterfragten diese Zuschreibungen und ordneten die Produkte im Bereich von Markt, Politik und Publikum neu ein. Irina Kotkina (Florenz) vergleicht im Rahmen ihres ambitionierten Projektes die Oper im Nationalsozialismus, italienschen Faschismus und im sowjetischen Stalinismus. Sie stellte die Oper der 30er Jahre als zuerst unpolitischen Raum vor, der allerdings durch seine Kontextualisierung, wie z.B. Politikerbesuche, durchaus an politischer Bedeutung gewinnen konnte. Sie warf jedoch die Frage auf, ob nicht trotz dieser Funktionalisierungen Kunst als Kunst erhalten blieb und so Rezeptionserlebnisse jenseits des Politischen möglich waren. Damit war das Thema der Autonomie bzw. Widerständigkeit von Kunst (also von Unterhaltungsprodukten, die nicht seriell für den massenhaften Gebrauch produziert werden) angeschnitten. Die Überlegungen zu Wirkweisen und Aneignungen, die Kunst politisch werden lassen, setzte Beatrice Schuchhardt (Düsseldorf) in einem komplexen Feld fort. Sie untersuchte den aktuellen frankophonen historischen Roman Algeriens, in dem das von der Front de Libération Nationale verordnete Geschichtsbild, das den Algerienkrieg als heroischen Befreiungskrieg beschreibt, dekonstruiert wurde. Das geschieht, wie sie am Beispiel der Autorin Assia Djebar nachvollzog, indem gescheiterte und vergessene Existenzen zu Helden der Geschichte erhoben, die Lücken und Fehlleistungen der Sprache benannt wurden und damit Verschwiegenes in die Geschichte Algeriens zurückholt wurde. Als Frage warf Schuchardt auf, wer das Ziel dieser Dekonstruktionen war; denn der historische Roman fand als Form in Algerien kaum ein Publikum und die französische Sprache erschwerte den Zugang weiter. Diese Frage nach dem Publikum nahmen Urs Urban und Markus Buschhaus auf, indem Sie Bedingungen für Bedeutungen analysierten. Urs Urban (Düsseldorf) verglich Rezeptionsweisen der Romane von Jean Genet in unterschiedlichen Rezeptionssituationen, die der Autorintention zuwiderliefen. Wie kein anderer Künstler seiner Zeit suchte Genet sich aus der Gesellschaft und dem Populären herauszuschreiben. Genet siedelte sein Autor-Ich in Anti-Räumen an; dazu diente ihm besonders die Homosexualität seiner Protagonisten. Die schwule Rezeption allerdings las seine Romane nicht als Verneinung, sondern als Ausdruck eines subkulturellen Selbstbewusstseins und damit als Teil populärer Kultur. Urban betonte besonders, dass diese Kontextualiserungen je nach historischer Situation unterschiedlich verlaufen können. Dieselbe literarische Operation, die Identifikation mit den Ausgestoßenen, nun mit den Palästinensern, führte dazu, dass Genet kürzlich in den deutschen Feuilletons des Antisemitismus bezichtigt wurde. Markus Buschhaus (Karlsruhe) untersuchte am Beispiel von anatomischen Atlanten und den Katalogen zu der Ausstellung "Körperwelten", wie die gleichen Objekte (präparierte Körperteile, Schnitte durch den Körper), die zum gleichen Zweck, nämlich der Mehrung des Wissens vom Körper, ausgestellt wurden, sich in den unterschiedlichen Medien in der Darstellung und Wahrnehmung verändern. Während der anatomische Atlas Normales zum Vergleich mit dem Abnormen präsentierte, kaprizierten sich die Kataloge auf das Abnorme. Während der anatomische Atlas die Bilder durch Anordnung und Legenden als medizinische Lehrstücke markierte, öffneten die "Körperwelten" den Interpretationsraum bis hin zur Wahrnehmung der Körper als Kunst.

In dieser Gruppe standen die Frage nach Politik und Wirksamkeit dieser Politiken in Produkten der Unterhaltung im Vordergrund. Deutlich wurde in den Diskussionsbeiträgen und auch innerhalb der Mehrzahl der Vorträge darauf hingewiesen, dass Ansätze, die die immanente Interpretation von Kunstwerken favorisieren oder sich auf die Autorintentionen beschränken, nicht überzeugen können. Zugespitzt wurde gefragt, ob die Autoren oder die Rezeption die Politik der Unterhaltung hervorbringe. Das Beispiel des frankophonen historischen Roman Algeriens zeigte, wie unsicher die Zuschreibungen sein können; die Frage wurde aufgeworfen, ob nicht hier statt der Dekonstruktion eine Konstruktion des exilierten Intellektuellen als Träger der Geschichte für eine europäische Öffentlichkeit vorgenommen wurde. Die Beiträge betonten, dass Rezeptionssituationen, die sich über Trägergruppen, Medien und historische Situation unterscheiden, Bedeutung und Politik ausmachen. Nicht zuletzt nimmt schon die Wahl der Medien Wirkungen und Bedeutungen vorweg, bestimmte Kontexte ergeben bestimmte Rezeptionsketten, entscheiden über Art und Vielfalt der Wahrnehmungsmöglichkeiten und über eine eher selbstbestimmte oder fremdbestimmte Rezeption. In den Diskussionen zu dieser Gruppe stellte sich deutlicher noch die Frage nach Widerständigkeit von Produkten populärer Unterhaltung. Klar wurde, dass die "Autonomie der Kunst" oder "Opposition" und "Verneinung" kaum noch als Irritation wahrgenommen werden. Dies scheinen vielmehr Begriffe und Konzepte zu sein, die sowohl in ihrem Widerstandspotential als auch in ihrem Anspruch auf Weltbeschreibung dem 19. Jahrhundert zuzurechnen sind. Irritierend sind vielmehr unklare Übergänge, osszilierende Bedeutungen und Rezeptionsoffenheit. Die Diskussionsbeiträge und Fragen setzten bei diesen Phänomen an und verwiesen darauf, dass die Annahme allzu glatter und widerstandsloser Transfigurationen der Macht fehl ginge. Gleichzeitig wurde deutlich, dass diese Widerständigkeit nicht nur der listenreiche Rezipient herstellt, wie es in Teilen die "cultural studies" angenommen wird, sondern sie durchaus in den Produkten und ihren Medien angelegt sein kann bzw. angelegt sein muss.

Die dritte Gruppe von Arbeiten setzte sich mit dem schwierigen Feld der alltäglichen Praxis, des Umgangs mit Produkten populärer Unterhaltung und ihrer inhärenten Politik auseinander. Die Vortragenden konzentrierten sich auf unprofessionelle, nichtkommerzielle und im engen Wortsinne nichtpolitische Hervorbringungen von Politik. Hannah Ahlheim (Berlin) wandte sich dem Boykott als populärem Mittel der Politik zu. In der Weimarer Republik übernahm die NSDAP diese Form der Arbeiterbewegung und setzte die Boykotte gegen "jüdische" Geschäfte besonders im Einzelhandel ein. Mit den Boykotten konnte das Unbehagen am komplexen Prozess der ökonomischen und sozialen Modernisierung in eine einfache, jedem verständliche und für jeden in Handlung umsetzbare Form gebracht werden. Dabei setzte die NSDAP auf Medien, die der Interaktion auf lokaler Ebene angepasst waren, z.B. Plakate oder Umzüge. Solche Aufrufe setzten jenseits messbarer wirtschaftlicher Schäden selbst in der Ablehnung des Boykotts Weltsichten fest, da sich jeder Käufer fragen musste, ob die besuchten Geschäfte jüdisch oder nichtjüdisch waren. Anna Menge (Oxford) untersuchte den Hindenburgmythos, dessen politische Wirksamkeit in vielen sich widersprechenden Zusammenhängen von 1914 bis 1939 nachweisbar ist. In den Vordergrund rückte Anna Menge die Beteiligung der "einfachen Leute" an der Entstehung dieses Mythos. Ein Beispiel: Von 1915 bis 1921 stand in Berlin eine Nagelstatue Hindenburgs. Diese Form des Jahrmarkt-Vergnügens wurde in diesem Fall dazu verwandt, Geld für die Hinterbliebenenfürsorge zu sammeln. Die Nagelstatue avancierte zum zentralen Denkmal und gibt damit deutliches Zeichen für die Verwurzelung des Hindenburgmythos in der Bevölkerung. Dabei zeigte die ambigue Metaphorik - auf der einen Seite der eiserne Hindenburg, auf der anderen Seite das aggressive Eintreiben von Nägeln - und die Nutzung des Orts als Redeplattform mit durchaus kritischen Beiträgen zu Monarchie und Heeresführung, dass keineswegs glatte Transfigurationen anzunehmen sind. Ein Beispiel des Zusammenfallens populärer Praxis und politischer Funktion beschrieb hingegen Patrick Merziger (Berlin) am Beispiel der Komik im Nationalsozialismus. So waren die populärsten Komödien nach 1933 keineswegs Ergebnis propagandistischer Bemühungen, sondern entstammten zum großen Teil dem Laienspiel, das nicht vordringlich auf Marktgängigkeit seiner Stücke achtete und das auf der politischen Ebene des Nationalsozialismus abgelehnt wurde. Diese Stücke setzten sich trotzdem in einem professionellen Theater durch, das sich nach 1933 als Volkstheater zu verstehen hatte; es musste sich für neue Schichten öffnen und als Ausweis seiner Volksnähe erfolgreich sein. Dabei waren diese Stücke keineswegs unpolitisch; gesellschaftliche Inklusionen und Exklusionen wurden hier verhandelt, und gerade weil dieser "Deutsche Humor" eine geschlossene Gemeinschaft imaginierte, war er so beliebt und wurde schließlich auch politisch akzeptiert. Klaus Nathaus (Berlin) hinterfragte in der Vorstellung seiner Studie zu Assoziationen in England und Deutschland abschließend die politische Bedeutung alltäglicher Praxen. Die politische Deutung der Vereine als Keimzelle demokratischen Lebens bestritt Klaus Nathaus mit Hinweis auf die undemokratischen Strukturen der Honoratiorenvereine. Die fehlende Entsprechung der Mitgliederzahlen weltanschaulicher Vereine und der Wählergruppen in Essen zeige die grundsätzliche Problematik solcher Annahmen. Zudem übersehe die ältere Vereinsforschung den im 20. Jahrhundert populären Typ von Vereinen, in dem sich Mitglieder versammelten, um an sportlichen oder musikalischen Wettbewerben teilzunehmen. Diese Vereine seien ursprünglich dezidiert unpolitisch gewesen. Sie erhielten politische Bedeutung erst, als das Vereinsrecht der Weimarer Republik sich ihrer annahm, sie in Dachverbände zwang und auf das Allgemeinwohl als Daseinszweck ausrichtete. Diese externe Einflussnahme, die Nähe zum Staat und Organisierung sanktionierte, habe den nahtlosen Übergang der Vereinskultur in den Nationalsozialismus ermöglicht.

In den Diskussionen stand der Begriff des Politischen im Mittelpunkt. Bei den Vorträgen unterschied sich zuerst der Begriff von Politik; gefragt wurde, ob Vermittlung und Aneignung von Orientierungswissen schon Politik sei. In Frage gestellt wurde auch die Ansicht, dass alltägliche Handlungen eine politische Bedeutung hätten. Die Frage spitzte sich zu angesichts des Themas "Konsum", dem in Teilen der Forschung per se eine demokratisierende Wirkung zugesprochen wird. Einig war man sich darüber, dass ohne jede Besetzbarkeit mit Inhalten die Relevanz auch für den Verbraucher in der konkreten Situation des Verbrauchs kaum ersichtlich sein würde, dass z.B. der Konsum "fremdländischer" Produkte erst durch die auch im Nachhinein ablesbare Aufladung als "fremdländisch" Bedeutung gewinnt. Es blieb allerdings die Frage offen, wo die Scheidelinie zwischen bloßem Vergnügen und politisch bedeutsamer alltäglicher Praxis ist. Immer wieder stießen die Vorträge dabei an die Grenze, fassbare Wirkungen der postulierten bedeutungsvollen Handlungen auszumachen. So konnte bei dem Beitrag zu den Boykotten nur auf die Tatsache verwiesen werden, dass nach 1933 Akteure weit über den Kreis der NSDAP hinaus sehr genau wussten, welche Geschäfte als jüdisch zu gelten hatten. Auch die Komik im Nationalsozialismus zeichnete bestimmte Bilder von Gemeinschaft, die sich im politischen Handeln wieder finden lassen. Eine kausale Beziehung konnte in beiden Fällen allerdings nicht behauptet werden. Abschließend wurde in dieser Sektion die Bewegungsrichtung der Transfigurationen der Macht hinterfragt. Der Begriff "Transfiguration" geht immer noch von einer zentralen Stellung der Macht aus, die übersetzt und angenommen wird und weiterhin als Ausschlaggebendes anwesend ist. Hier stellte sich besonders angesichts der geschilderten erfolgreichen Politiken die Frage, ob es sich bei alltäglicher Sinngebung und Strukturierung von Welt nicht vielmehr um Phänomene handelt, die weitgehend selbstorganisiert und abgelöst von der Sphäre des erkennbar Politischen ablaufen, die teilweise unverbunden als Eigensinn, wie in Teilen des alltäglichen Umgangs mit dem Hindenburgmythos, oder als Unpolitisches, wie bei den englischen Vereinen, bestehen bleiben. Erfolgreiche Politiken in der Moderne greifen, wie es im Nationalsozialismus der Fall zu sein scheint, eher auf populäre Muster zurück, als dass sie prägend wirken können.

Im Mittelpunkt des Doktorandenkollegs standen mediale, textuelle, situative und soziale Bedingungen der Rezeption. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Doktorandenkollegs verfielen weder in die vereinfachende Sicht einer von "den Medien" oder der "Kulturindustrie" gesteuerten Gesellschaft noch in die Perspektive des mächtigen Nutzers, der als Kreativer souverän und listenreich die medialen Produkte für seine Bedürfnisse verwendet, ohne aber beide Möglichkeiten auszuschließen. Herausgearbeitet werden konnte durch die entsprechende Perspektive, dass gerade bei klassischen Medien von Politikvermittlung die Rezeption schon immer antizipiert wird und so den Prozess der Produktion tief greifend beeinflusst. Gefragt wurde, ob der Kommunikationsprozess richtig gedacht ist, wenn von Transfigurationen der Macht ausgegangen wird, also von einer Übertragung der Politik auf einen Rezipienten, oder ob nicht umgekehrte Wege, z.B. das Aufgreifen populärer Formen in der Politik oder der Konsum als politische Realität, bedeutsamer für moderne Gesellschaften sind. Daran anschließend wurde die "Eigenheit" des Publikums betont, auf Widerstände und Unterbrechungen bei Übertragungen von Politik hingewiesen oder gar ein Eigensinn alltäglicher Praxis jenseits der Politik entdeckt.

Zitation
Tagungsbericht: Transfigurationen der Macht. Politik, Vermittlung und Popularität, 15.03.2005 – 19.03.2005 Loveno di Menaggio, in: H-Soz-Kult, 14.09.2005, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-863>.