Das Fürstentum Siebenbürgen im 17. Jahrhundert im Kontext des Transottomanica-Beziehungsgeflechts

Ort
Landau
Veranstalter
Institut für Evangelische Theologie am Campus Landau; DFG Schwerpunktprogramm 1981 Transottomanica; Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO), Leipzig; Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde e.V. Heidelberg – Sektion Kirchengeschichte; Kulturreferentin für Siebenbürgen beim Siebenbürgischen Museum Gundelsheim; Evangelische Akademie der Pfalz
Datum
05.10.2019 - 07.10.2019
Von
Frank Krauss, Ev.-Theo. Fakultät / Lehrstuhl für Kirchengeschichte II, Ludwig-Maximillians-Universität München

Dass Siebenbürgen in weiten Teilen seiner Geschichte eine vernetzte und in überregionale Zusammenhänge eingebundene Region war, scheint unter Forschenden unstrittig. Insofern bietet sie einen geeigneten Anknüpfungspunkt, von ihr ausgehend transosmanische, überregionale Verflechtungen aufzuzeigen. In deren Zentrum stehe dabei – so STEFAN ROHDEWALD (Gießen) in seiner Einführung – ein Dreigeflecht aus Menschen, Wissen und Objekten, durch die das Fürstentum mit dem Osmanischen Reich, Persien, Russland und Polen-Litauen verknüpft war.

Das erste Panel leitete der Vortrag von MICHAŁ WASIUCIONEK (Bukarest) ein. In ihm zeichnete er netzwerkanalytisch die Einflussnahme des Osmanischen Reiches auf seine Satellitenstaaten nach. An zwei Beispielen, Dubrovnik einerseits und der Moldau und der Walachei andererseits, rekonstruierte er die Versuche osmanischer Einflussnahme auf lokale Eliten und wies daran unterschiedliche Strategien der Beeinflussung nach.

Von hier aus richtete ALEXANDR OSIPIAN (Leipzig) den Blick auf das Fürstentum. Er erarbeitete dabei sowohl die Position armenischer Kaufleute im Siebenbürgen des 17. Jahrhunderts wie auch deren Leben im Fürstentum nach der Einwanderung armenischer Familie aus der Moldau im Jahr 1672. Als Handelnde und Professionelle standen sie im engen Kontakt zur siebenbürgischen Nobilität. Infolge ihrer Tätigkeiten gerieten sie hingegen mit dem Bürgertum des Landes in Konflikt, die ihre Interessen dadurch bedroht sahen, und bewegten sich folglich zwischen professioneller Wertschätzung und Ablehnung.

Diesem städtischen Bürgertum wandte sich JULIA DERZSI (Sibiu) zu. Sie zeigte anhand des Steueraufkommens der Städte deren Umgang mit den ökonomischen Herausforderungen des Langen Türkenkrieges auf. Neben die in Kriegszeiten höher ausfallenden Steuern traten mehrere weitere Posten: sowohl die Aufnahme und Bewirtung der Gesandtschaften (etwa der Hohen Pforte) als auch der zusätzliche Ausbau der Verteidigungsanlagen.

ANDRÁS PÉTER SZABÓ (Budapest) vertiefte diesen Einblick in die siebenbürgische Stadtkultur am Beispiel Bistritz noch weiter. Die an der Peripherie des Fürstentums nahe der Grenze zu Moldau gelegene Stadt hatte ein spannungsreiches Verhältnis zu den Fürsten, wozu – neben konfessionellen Differenzen zwischen der mehrheitlich lutherischen Stadt und den reformierten Fürsten – auch deren Anspruch beitrug, von den Städten beherbergt zu werden, was für die Stadt mit der Anschaffung einer größeren Menge an Luxusgütern – auch aus dem orientalischen Raum – verbunden war. Am Beispiel Georg I. Rákóczis und seines Sohnes stellte Szabó dar, dass sich solche Spannungen auch in dieser Zeit feststellen lassen.

Mit einem Beitrag zur Rolle des Buchdrucks für die orthodoxe Konfessionsbildung richtete TAISIYA LEBER (Mainz) den Blick über den engeren siebenbürgischen Kontext hinaus. In ihrer vergleichenden Betrachtung arbeitete die Referentin einen zentralen Unterschied zwischen orthodoxen Drucken in Siebenbürgen und Polen-Litauen heraus: Während in Polen-Litauen die polemische Abgrenzung sowohl gegen die protestantischen als auch gegen die römisch-katholische Positionen erfolgte, blieb eine solche in Siebenbürgen aus.

Das Panel beschloss ROBERT BORN (Leipzig) mit einem Beitrag zur konfessionellen Gemeinschaft der Habaner und erweiterte dabei das transosmanische Netzwerk weiter nach Mitteleuropa hinein. Mit ihrer Vertreibung aus den böhmischen Landen nach 1621 und deren Ansiedlung in Siebenbürgen stellte Born dabei den Transfer von technologischem Wissen dar, das zugleich den ökonomischen Bestand der konfessionellen Gemeinschaft sichern konnte.

SÁNDOR PAPP (Szeged) eröffnete das zweite Panel der Tagung unter der Perspektive der politischen Beziehungen zwischen dem Fürstenhof und der Hohen Pforte. Am Beispiel Johann Zápolyas (1487–1540) veranschaulichte er die Einflussnahme des Sultans auf die Situation in Ungarn und Siebenbürgen. Davon ausgehend, bearbeitete Papp zwei Fragestellung: Ob, erstens, im Fürstentum eine freie Fürstenwahl stattfand und welchen Einfluss, zweitens, eine osmanische Urkunde auf das Verhältnis der beiden Parteien hatte.

Mit dem Referat GÁBOR KÁRMÁNs (Budapest) wandte sich die Tagung direkt dem Osmanischen Reich zu. Auf Basis der Geschichte des „Siebenbürgischen Hauses“ (Erdel Sarayı), dem Gebäude der Gesandtschaft des Fürstentums im Istanbuler Balat Viertel, widerlegte er die Annahme, dass sich das Gebäude nur dort befinde, weil die Hohe Pforte dieses nicht als eigenständigen Staat, sondern als Teil des osmanischen Herrschaftsgebietes begreife. Seinen Vortrag rundete Kármán mit einem Bericht über die aktuellen Untersuchungen zum Gebäude selbst ab.

Dass auch die Siebenbürger Sachsen eigene Kontakte zu der osmanischen Obrigkeit besaßen, wies ZSUZSANNA CZIRÁKI (Szeged / Wien) in ihrem Vortrag nach. Dabei erarbeitete sie am Beispiel der Stadt Kronstadt sowohl deren Einflussnahme auf die Fürstenbestätigung bei der Hohen Pforte als auch das einheitliche Vorgehen des Kronstädter Magistrats bei dessen Geschenkpraxis im Besuchsfall.

Ökonomische Verflechtungen Siebenbürgens im transosmanischen Raum stellte MÁRIA PAKUCS (Bukarest) dar. Auf Basis der Zolleinnahmen der Städte stellte sie einen Rückgang des Gewürzhandels und eine Zunahme des Handels mit Stoffen fest, die sich infolge der Umwandlung Siebenbürgens in einen osmanischen Tributärstaat ergaben. Analog zu diesem Niedergang des Landhandels wies die Referentin den Abstieg der siebenbürgisch sächsischen Handelsgeschlechter und deren Substitution durch aromunische Händler hin.

Das Ende des 17. Jahrhunderts in den Blick nehmend, beschloss ZSÓFIA SZIRTES (Budapest) das zweite Panel. Am Beispiel des Siebenbürger Sachsen Martin Hauptmann stellte sie die gemeinsamen Interessen von Teilen des siebenbürgischen Adels und der Hohen Pforte dar. Hauptmann unterhielt aus dem Hermannstädter Gefängnis heraus Beziehungen zu Imre Thököly (1657–1705), einem Parteigänger des osmanischen Sultans, über dessen mögliche Rückkehr auf den siebenbürgischen Thron und damit einer Revolte gegen die neue habsburgische Herrschaft.

Um die Bedeutung religiöser Gemeinschaften im transosmanischen Kontext drehte sich das von MARTIN ARMGART (Landau) begonnene dritte Panel der Tagung. Der Referent exemplifizierte dabei auf Basis der Synodalprotokolle des 17. Jahrhunderts der sächsischen Superintendentur in Birthälm die Aufgaben der ihr zugehörigen Pfarrer in den Ausbeziehungen des Fürstentums – darunter die Bereitstellung von Geschützpferden im Kriegsfall einerseits und der finanziellen Beteiligung an Geldgeschenken für die Hohe Pforte und an dem Wiederaufbau der Botschaft in Konstantinopel andererseits.

Anhand der Thronwirren nach dem Tod Johann Sigismund Zápolyas (1540–1571) erläuterte EDITH SZEGEDI (Cluj-Napoca / Kolozsvár) die Haltung der Antitrinitarischen Konfession zwischen der Hohen Pforte und der Habsburger Monarchie. Die Referentin zeigte dies am Beispiel des späteren Fürsten und polnisch-litauischen Königs Stephan Báthory (1533–1586) und seines Gegenspielers um den siebenbürgischen Thron, Gáspár Bekes (1520-1579): Der erste war Katholik und pro-osmanisch, der zweite Antitrinitarier und pro-habsburgisch. Somit brächen beide mit den Erwartungen, die man mit ihrer jeweiligen Theologie verbinden könne.

Die theologische Evaluation der Osmanen in der Superintendentur der Siebenbürger Sachsen stellte ULRICH WIEN (Landau) in seinem Vortrag dar. Indem er für das 16. Jahrhundert auf die Person von Johannes Honterus (ca. 1498–1549) aber auch des Damasus Dürr (ca. 1535–1585) verwies, der im Osmanischen Reich nur den Antichristen erkannte, präsentierte der Referent eine Kontrastfolie für die geschichtstheologische Deutung der Osmanen durch bestimmte Redebeiträge, die in den Synodalprotokollen des 17. Jahrhunderts dokumentiert wurden: Die Herrschaft der Osmanen konnte trotz allem als Gottes Werkzeug zur Erneuerung der Kirche interpretiert werden.

ASTRID VON SCHLACHTA (Regensburg) stellte diesem Bild die Theologie der Täuferbewegung in Mähren zur Seite. Für sie fungierte die Gefahr durch das Osmanische Reich als fester Referenzpunkt der eigenen Glaubensüberzeugungen und wurde als Beweis der nahen Endzeit gewertet. Ihr eigenes Verständnis ihrer Anfeindungen und Vertreibungen wurde dabei als von Gott gewollte Strafen interpretiert, erläuterte von Schlachta. Dieser Deutung kam zusätzlich Relevanz zu, da sie die Autorität der die Gemeinschaft leitenden Ältesten stütze.

Eine dritte und letzte Perspektive zur transosmanischen Konfessionsgeschichte brachte STEPHAN ROHDEWALD (Gießen) ein, indem er die Sicht auf siebenbürgische und insgesamt europäische zwischenkonfessionelle Streitigkeiten aus dem Osmanischen Reich durch die von innerchristlichen Polemiken stark beeinflusste Darstellung des aus Klausenburg stammenden, zum sunnitischen Islam Konvertierten Ibrahim Müteferrika erläuterte. Müteferrika, der in Istanbul den Druck von Büchern in osmanischer Sprache einführte, kann so in seiner Konversionsschrift (Risale-i Islamiyye) auch auf transreligiöser Ebene als ein wichtiges Beispiel der Verbreitung frühneuzeitlicher Praktiken durch wenige, vermittelnde Akteure im transosmanischen Zusammenhang gelten.

Die Tagung beschlossen ANJA KREGELOH und STEPHANIE ARMER (beide Nürnberg) mit einem Beitrag aus dem laufenden Forschungsprojekt des Germanischen Nationalmuseums zum „Frühneuzeitlichen Orienthandel und siebenbürgisch-sächsischer Identitätsbildung“. Dabei erläuterten sie am Beispiel der Teppiche der Stadtpfarrkirche Bistritz die Verbindungen zwischen Siebenbürgen und dem Osmanischen Reich. Davon ausgehend warfen die beiden Referentinnen die Frage auf, wie und ob mit dem An- und Verkauf dieser Teppiche auch deren kulturelle Dimension vermittelt wurde. Da zwar einige der Teppiche klassische Motive, wie die Imitation einer Gebetsnische einer Moschee, aufwiesen, es sich aber zugleich um für den Fernhandel produzierte Waren handelte, stellten Armer und Kregeloh das Wissen bei den Siebenbürgern um deren ursprüngliche kulturelle Bedeutung infrage.

Was bleibt von einer solchen Tagung? Mit Sicherheit die Einsicht, dass die transosmanische Perspektive, die sich besonders das SPP 1981 in seinen Titel eingeschrieben hat, auch für Forschende aus dem Fürstentum Siebenbürgen eine lohende sein kann. Die zahlreichen Netzwerke, die die einzelnen Beiträge auf je eigene Weise ausgeleuchtet haben, weisen darauf hin, dass sich durch den Blick auf translokale Gefüge ein weiterer Aspekt menschlichen Zusammenlebens historisch plausibilisieren lässt: das Eingebunden-Sein in weitere Kontexte. Zwar hat sich der Blick über das Lokale hinaus in einzelnen Darstellungen zur Geschichte des Fürstentums Siebenbürgen bereits etabliert[1], sich ihm aber dezidiert zuzuwenden und die Vernetzung vom Rand in das Zentrum zu ziehen, leuchtet nach der Tagung umso mehr ein.

Konferenzübersicht:

Panel 1: Soziale und ökonomische Netzwerke und Strategien im Osmanischen Imperium

Michał Wasiucionek (New Europe College, Bukarest, LuxFaSS): Cohesion, Patronage, (Außen)-verflechtung: Ottoman Elite Networks and Ottoman Satellites in a Comparative Perspective

Alexandr Osipian (GWZO Leipzig; SPP 1981 Transottomanica): Patterns of Adaptability and Social Advance in the Global Trading Diaspora: The Armenian Settlement in Transylvania in Comparative Perspective

Julia Derzsi (Institutul de Cercetări Socio-Umane, Sibiu/Hermannstadt): Strategien im Umgang mit dem wirtschaftlichen Wandel vor dem Hintergrund der osmanischen Expansion bzw. den militärischen Anforderungen am Beispiel der freien Städte Siebenbürgens (16.-17. Jahrhundert)

András Péter Szabó (Historisches Institut der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Budapest): Das Verhältnis der Stadt Bistritz zu den siebenbürgischen Fürsten im 17. Jahrhundert

Taisiya Leber (Johannes-Gutenberg-Universität Mainz; SPP 1981 Transottomanica): Buchdruck und (orthodoxe) Konfessionsbildung im 17. Jahrhundert: Siebenbürgen und Polen-Litauen im Vergleich

Robert Born (GWZO Leipzig/ SPP 1981 Transottomanica): Die Habaner in Siebenbürgen. Migration und Kunstproduktion zwischen Orient und Okzident

Panel 2: Politische und ökonomische Relationen zwischen der Hohen Pforte und Siebenbürgen

Sándor Papp (Universität Szeged): Das Verhältnis der Fürsten von Siebenbürgen zur Hohen Pforte

Gábor Kármán (Historisches Institut der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Budapest): Das siebenbürgische Haus in Konstantinopel

Zsuzsanna Cziráki (Universität Szeged/Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der ÖAW, Wien): Osmanische Delegationen in Kronstadt: Bewirtung und Geschenke

Mária Pakucs (Nicolae Iorga, Institut der Rumänischen Akademie der Wissenschaften Bukarest/ New Europe College, Bukarest, LuxFaSS): Ottoman Goods in Transylvania in the Sixteenth and Seventeenth Century: Trade, Demand and Consumption

Zsófia Szirtes (Ungarisches Nationalarchiv, Budapest): Die Thököly-Anhänger-Konspiration in Siebenbürgen am Ende des 17. Jahrhunderts

Panel 3: Konfessionsgemeinschaften vor den politisch-kulturellen Herausforderungen im Osmanen souzeränen Siebenbürgen

Martin Armgart (Universität Koblenz-Landau): Die Außenbeziehungen Siebenbürgens im Spiegel der Synodalprotokolle der Superintendentur Birthälm

Edith Szegedi (Babes-Bolyai-Universität, Cluj-Napoca/ Klausenburg): Konfessionsbildung im Schatten der osmanischen Herrschaft: das antitrinitarische Paradoxon

Ulrich A. Wien (Universität Koblenz-Landau): Herausforderung durch die Osmanen in den theologischen Texten des 16. und in den Synodalprotokollen der Superintendentur Birthälm des 17. Jh.

Astrid von Schlachta (Universität Regensburg): Täufertheologie in Resonanz auf die osmanische Herausforderung

Stefan Rohdewald (Justus-Liebig-Universität Gießen; SPP 1981 Transottomanica): Zwischen den Religionen: Christliche und siebenbürgische Konfessionsgeschichte aus muslimischer Sicht in Müteferrika’s Risale-i İslamiyye

Panel 4: Kulturaustausch und Kulturtransfer in Siebenbürgen

Anja Kregeloh/Stephanie Armer (Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, SPP 1981 Transottomanica): Anatolische Teppiche als Ausdruck des Kulturtransfers zwischen dem Osmanischen Reich und Siebenbürgen? Der Teppichschatz der Evangelischen Stadtpfarrkirche A. B. in Bistritz

Anmerkung:
[1] Z.B. Gerald Volkmer, Siebenbürgen zwischen Habsburgermonarchie und Osmanischem Reich. Völkerrechtliche Stellung und Völkerrechtspraxis eines ostmitteleuropäischen Fürstentums 1541–1699, München 2015.

Zitation
Tagungsbericht: Das Fürstentum Siebenbürgen im 17. Jahrhundert im Kontext des Transottomanica-Beziehungsgeflechts, 05.10.2019 – 07.10.2019 Landau, in: H-Soz-Kult, 10.02.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8639>.
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Veröffentlicht am
10.02.2020
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