Übersetzernachlässe in globalen Archiven / Fonds de traducteurs dans les archives globales II

Ort
Caen
Veranstalter
Deutsches Literaturarchiv (DLA) Marbach, Forschungsreferat; Förderung durch die Robert Bosch Stiftung aus Mitteln der DVA-Stiftung; Projekt „penser en langues – In Sprachen denken“ der Fondation Maison des Sciences de l'Homme (FMSH), Paris, und dem Institut Mémoires de l'Éditions Contemporaine (IMEC), Caen
Datum
28.11.2019 - 30.11.2019
Von
Merisa Taranis, Insitut für Literaturwissenschaft, Abteilung für Neuere Deutsche Literatur I, Universität Stuttgart

Nach dem ersten Teil der Doppeltagung in Marbach und der Diskussionsveranstaltung in Paris[1] eröffneten ESTHER VON DER OSTEN (Berlin) und FRANÇOISE DELIGNON (Paris) mit einer Sektion zu Übersetzungen in Tonarchiven den zweiten Teil der Tagung am Institut Mémoires de l'Éditions Contemporaine (IMEC) in Caen. Von der Osten problematisierte zunächst das Verhältnis von Gesprochenem, Transkription und Translation, indem sie den Verlust der Musikalität der Sprache und den des akustischen Mediums nach Erfüllung seiner Funktion als Botschaftsträger zu bedenken gab und für eine systematische Beschreibung des akustisch Wahrnehmbaren in Transkriptionen und Übersetzungen audiovisueller Medien plädierte. Delignon präsentierte eine umfangreiche Audiomontage von poetologischen und poetischen Aussagen von ÜbersetzerInnen, ÜbersetzungstheoretikerIinnen, aber auch Sequenzen zur maschinellen Übersetzung aus den Beständen des Institut national de l’audiovisuel (INA) und von Radio France Internationale (RFI).

Inwiefern eine besondere Musikalität der Poesie inhärent ist, zeigte ELSA JOUBERT-MICHEL (Caen) anhand der Übersetzung von Novalis’ Hymnen an die Nacht durch Armel Guerne. Zentral für Guernes poetologisches Selbstverständnis als Übersetzer und Dichter seien die Poesie als „expérience musicale“ und die Poesie und die Übersetzung gemeinsam als „expériences mystiques“. Dabei gehe es ihm nicht darum, die Klänge und Laute des Originaltextes nachzuahmen, sondern es gelte vielmehr im Prozess des „Eintauchens in die Seele des Autors“, der „re-pensée“, eine Harmonie zwischen Originaltext und Übersetzung herzustellen.

Ausgehend von Barbara Cassins Vocabulaire européen des philosophes. Dictionnaire des intraduisibles entlarvte JUDITH KASPER (Frankfurt am Main) die Diskrepanz zwischen Cassins theoretischen, auf Dekonstruktion und Psychoanalyse basierenden Vorüberlegungen zum Vocabulaire und der praktischen Umsetzung, die zum Frankfurter Vorhaben eines „Supplément“ zum Wörterbuch führt. Dieses soll sich dem „konkreten, punktuellen, idiosynkratischen Übersetzungsvorgang“ widmen – wie THERESA MAYER (Frankfurt am Main) exemplarisch am Eintrag „Homonymie“ zeigte –, weniger begriffsgeschichtlich als zwischen Philologie und Psychoanalyse verankert sein und die Möglichkeit für Kommentare, Diskussionen und Reflexionen bieten. JONATHAN SCHMIDT-DOMINÉ (Frankfurt am Main) diskutierte schließlich anhand von Äquivokationen der grammatikalischen Wörter „überhaupt“ und „nichts“ im Französischen und Deutschen, inwiefern Derridas Minimalprinzip „Alles ist unübersetzbar, alles ist übersetzbar“ auf die Arbeit am „Supplément“ zutreffe.

Die Probleme der ersten Übersetzung Freuds ins amerikanische Englisch untersuchte ANDREAS MAYER (Paris/Berlin) in seiner Analyse. Aus übersetzungshistorischer Perspektive würde die Übersetzung Abraham Brills, selbst Psychoanalytiker, aufgrund terminologischer Schwierigkeiten und Widersprüche sowie der generellen Unübersetzbarkeit Freuds kritisiert. Dabei müsse man, so Mayer, zum einen beachten, dass das Englische nicht Brills Muttersprache war und zum anderen die Korrespondenz zwischen Brill und Freud einbeziehen. Als Konsequenz entstehe ein „traducteur ambivalent“, der die freudschen Konzepte zwar in die Zielsprache übertrage, aber auch immer umschreibt und zur Neuinterpretation freigibt.

Die letzte Sektion rückte ein Plädoyer in den Vordergrund: „Pour une philologie de la traduction“. WOLFGANG HOTTNER (Berlin) griff die von Esther von der Osten bereits erwähnte Metapher Benjamins von der Übersetzung im „Bergwald der Sprache“ auf und diskutierte diese im Verhältnis zwischen Übersetzung und Dichtung an Stefan Georges Übertragung der Göttlichen Komödie. George trete in Benjamins Sinne als dichterischer Übersetzer in den Wald und damit in die „Totalität der Sprache“ ein, konstatierte Hottner und folgerte, dass er sich auf diese Art Benjamins eigentlichem Grundsatz – man müsse sich als Übersetzer vom Material distanzieren – widersetzte.

CAROLINE SAUTER (Frankfurt am Main) ging von der Frage aus, wie sich „das Erotische in der Übersetzung entfalte“, und dekonstruierte die Verwendung erotischen Sprachmaterials bei Werner Hamacher und in Qu’est-ce qu’une traduction ‚relevante‘? von Jacques Derrida. Bei letzterem sei das Wort „als Liebesobjekt der Übersetzung“ zu verstehen, während sich das Erotische – aber auch Philologische – bei Hamacher im Liebes- und Sprachspiel manifestiere, so Sauter. Schließlich plädierte sie für eine Philologie der Übersetzung, die Affekte nicht unberücksichtigt lässt, sondern sich ihrer Bedeutung bewusst ist.

Zuletzt präsentierte SOLANGE ARBER (Paris/Lausanne) den Übersetzernachlass Elmar Tophovens, der einen hohen Grad an translatologischem Bewusstsein aufweist, den der Übersetzer zu Lebzeiten schon als „transparentes Übersetzen“ bezeichnete. Es seien sowohl Übersetzungsnotizen als auch Prä- und Epitexte, Glossare und Momente des hybriden und kollaborativen Übersetzens (etwa mit seiner Frau Erika Tophoven) enthalten, die zur Reflexion und Erforschung von Übersetzungen und Übersetzernachlässen beitragen und idealiter die Bedingungen des Übersetzungsbetriebs verbessern sollen. Mit der Zentralisierung der Genese dieser Hypertexte bei der Untersuchung von Übersetzungen würde die traditionelle Philologie umgekehrt, so Arber.

Die Doppeltagung stellte und beantwortete mit den internationalen und transdisziplinären Vorträgen viele Fragen, legte das Augenmerk auf die ÜbersetzerInnen, ohne die vielfältigen Übersetzungstheorien der letzten Jahrhunderte aus dem Blick zu verlieren, konnte in Fallstudien Diskrepanzen zwischen Theorie und Praxis des Übersetzens bestimmen und den Umgang mit den Vor- und Nachlässen von ÜbersetzerInnen diskutieren, widmete sich der Wissenschaftsgeschichte der Translatologie und gab Anregungen für neue Disziplinen, etwa eine „traducteurologie“. Zugleich wurden die Verflechtungen der einzelnen Nationen und Sprachen deutlich, die zeigten, dass Literatur und Archive heute mehr denn je als Weltliteratur, als übersetzte Literatur und globale Archive verstanden werden müssen.

Konferenzübersicht:

Sektion 1: Sonore Archive

Esther von der Osten (Berlin): Lautstärken. Übersetzung und Tonarchiv

Françoise Delignon (Paris): Les traducteurs dans les archives radio – un énchantillon sonore

Sektion 2: Für eine Geschichte der Übersetzung, ihrer Archive und Gegenstände

Judith Kasper, Theresa Mayer, Jonathan Schmidt-Dominé (Frankfurt am Main): Überlegungen zu einem „Supplement zum Dictionnaire des intraduisibles“

Elsa Jaubert-Michel (Caen): Armel Guerne et les Hymnes à la nuit de Novalis – traduire la musique de la langue

Susanne Klengel (Berlin): L’Unesco 1945. La traduction littéraire, moteur d’une humanité solidaire à venir

Andreas Mayer (Paris/Berlin): Transferts et traductions – pour une histoire des modèles du traduire en psychanalyse

Carla M.C. Renard (São Paulo): Brouillons de l’écriture et de la traduction de L’enfant multiple, d’Andrée Chedid: un face à face

Eric Leroy du Cardonnoy (Caen): Lorand Gaspar – traduction, multilinguisme et traduction collaborative

Viviana Agostini-Ouafi (Caen): Les traducteurs de l’italien vers le français de l’IMEC – variété des fonds, stratégies d’exploration et d’étude
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Caroline Bérenger (Caen): Jean Blot, passeur de littérature russe

Sektion 3: Für eine Philologie der Übersetzung

Wolfgang Hottner (Berlin): Verirrung im Wald/Bergwald. George, Benjamin und Übersetzen als Intervention

Caroline Sauter (Frankfurt am Main): Liebend und bis ins Einzelne. Übersetzung, Philologie, Eros

Philipp Haensler (Zürich): „Sous la forme de document écrit l’objet idéal est virtuel“. Zur (Proto-)Digitalität des Archivs bei Merleau-Ponty und Derrida

Solange Arber (Paris/Lausanne): Elmar Tophoven et la traduction transparente: la constitution d’archives de traducteur

Anmerkung:
[1] Tagungsbericht: Übersetzernachlässe in globalen Archiven / Fonds de traducteurs dans les archives globales I, 25.11.2019 – 27.11.2019 Marbach, in: H-Soz-Kult, 19.05.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8764>.

Zitation
Tagungsbericht: Übersetzernachlässe in globalen Archiven / Fonds de traducteurs dans les archives globales II, 28.11.2019 – 30.11.2019 Caen, in: H-Soz-Kult, 19.05.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8765>.