Historical Dimensions of Religious Violence

Ort
München
Veranstalter
Dorothea Weltecke, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Datum
29.01.2020 - 31.01.2020
Von
Theresa Bachhuber / Marija Bogeljic-Petersen / Susanne K. Weigand, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München

Das Kolloquium, das am Historischen Kolleg München stattfand, war die dritte von Dorothea Weltecke organisierte Tagung zum hochaktuellen Thema der historischen Erforschung von Gewalt.

In ihrem die Konferenz eröffnenden Vortrag stellte DOROTHEA WELTECKE (Frankfurt am Main) zehn Thesen über historische Gewalt dar. Sie begrenzte sich auf die pragmatische Definition von physischer Gewalt und forderte eine klare Benennung von Akteuren und Zeitumständen, da sich die Gewalt nicht a priori mit der Religion erklären ließe. Die Gewalttheologie wird hierbei als Teil des Problems betrachtet, nicht als dessen Erklärung. Interreligiöse Feindschaften seien das Ergebnis von Gewalthandlungen, nicht ihre notwendige Bedingung. Weltecke stellte auch die Frage nach den sozialen Konstellationen und den unmittelbaren Konkurrenten von Gewaltausübenden.

EVA HAVERKAMP (München) plädierte zum einen für eine stärkere Berücksichtigung der Wahrnehmung der Gewalt seitens der Opfer und eine Differenzierung zwischen religiöser Gewalt und Gewalt gegen Mitglieder einer religiösen Gruppe. Um religiöse Gewalt gegen Juden im Mittelalter kontextualisieren zu können, sei eine Berücksichtigung religiöser Sprache notwendig. Zudem sollten die jüdischen Opfer der Gewalt keinesfalls nur als passive Augenzeugen, sondern ihr Handeln und ihr Widerstand müssen sowohl in der Gewaltsituation wie auch in der späteren Verarbeitung des Geschehens berücksichtigt werden. Dies veranschaulichte Haverkamp an Beispielen aus den hebräischen Chroniken zum ersten Kreuzzug 1096 und zu Pogromen zwischen 1348 und 1352.

SASKIA DÖNITZ (Frankfurt am Main) beschäftigte sich mit den möglichen Ursachen, weshalb byzantinischen Juden im Vergleich zu denen in Aschkenas weniger oder kaum noch Gewalt wiederfuhr. Sie identifizierte Unterschiede zwischen dem lateinischen und orthodoxen Christentum sowie Ähnlichkeiten zwischen Byzanz und arabischsprechenden Ländern, wobei sie religiöse Differenzen nicht als einzigen dominanten Faktor von Gewaltausbrüchen sieht. Eher müssten vor willkürlicher Gewalt schützende Integration und Assimilation der Juden in die byzantinische Gesellschaft stärker berücksichtigt werden. Sie war ein Ergebnis der byzantinischen gesetzlichen und ökonomischen Situation sowie des soziokulturellen Aspekts der zugänglichen Bildung und der gemeinsamen griechischen Sprache.

SINA RAUSCHENBACH (Potsdam) analysierte die Chronik Shevet Yehuda von Salomon ibn Verga, dem Zeitzeugen der Vertreibung von Juden von der iberischen Halbinsel im Jahr 1492. Salomon ibn Verga mache darin einen Unterschied zwischen religiöser und profaner Gewalt. Demnach plädierte Rauschenbach dafür, dass die Ursachen der Gewalt gegenüber sephardischen Juden in Irrationalität, sozialem Neid und der prekären Situation sozialer Gruppierungen gesucht werden sollten und nicht primär in religiöser Intoleranz. Auch für das Mittelalter gelte: Rationale Argumentation und soziale Gerechtigkeit sind leistungsstarke Instrumente zur Verhinderung religiöser Gewalt.

HARTMUT LEPPIN (Frankfurt am Main) untersuchte gewalthafte Veranstaltungen in der römischen Arena, die über die Gladiatur selbst hinausgingen. Hierbei verwendete er den Begriff „Religion“ aufgrund seiner antiken Ambivalenz in einem allgemeinen Sinne. Religiöse Gewalt im Falle der Gladiatorenkämpfe sei keine Gewalt, die sich gegen einen religiösen Gegner richtet und habe – im Gegensatz zum Mittelalter – keinen Kontext der religiösen Diversität. Religiosität äußere sich im kultischen und mythologischen Aspekt und vielleicht in der Überhöhung des Leibes. Es sei gerade die Einbettung von Gewalt in religiöse Rituale, die Tertullian in seiner Schrift De spectaculis kritisiert, wobei er jedwede Präsenz von Christen bei diesen heidnischen Handlungen für inakzeptabel erklärt.

LUISE MARION FRENKEL (Tübingen/São Paulo) erforschte die Instrumentalisierung religiöser Gewalt der in lingua franca verfassten historiographischen Quellen im Oströmischen Reich des 6. und 7. Jahrhunderts. Sie zog dabei Parallelen zur frühen Kaiserzeit und betonte, dass sich die Darstellung und Wertung von Gewalttaten immer auch auf die politische Ausrichtung des Autors sowie auf die zeitgenössische Rezeption des jeweiligen Protagonisten beziehe. Religiöse Konnotationen zu Gewaltdarstellungen oder eine Verbindung der beschriebenen Gewalt mit religiöser Motivik approbiere den Protagonisten einen ehrbaren Charakter, so Frenkel.

CHRISTIAN SAHNER (Oxford) beschäftigte sich mit religiöser Gewalt während der frühislamischen Zeit und deren spätantikem Kontext. Er argumentierte, dass in einer konfessionalisierten Gesellschaft und der daraus resultierenden Abhängigkeit des gesellschaftlichen Status von Religionszugehörigkeit alle Arten von Gewaltausübung eine Form religiöser Gewalt darstellen würden. Dies gelte vor allem für intrakonfessionelle, aber auch für innerislamische Konflikte, da letztere durch die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Glaubensfraktionen verschärft worden seien. Gleichzeitig lasse sich in dieser Periode auch eine religiöse Toleranz gegenüber den abrahamitischen Religionen und anderen kleineren Religionsgruppen beobachten.

NIKOLAS JASPERT (Heidelberg) stellte die Frage, welche Begründungen für Gewalt gegen Muslime in der spätmittelalterlichen Krone Aragon in den Quellen genannt werden. Während religiöse Spannungen bereits bestehende soziale Konflikte verschärfen und somit Gewaltakte auslösen konnten, wurde laut Jaspert auch Gewalt, die aus wirtschaftlichen, sozialen oder anderen Gründen entstand, oft (im Nachhinein) religiös begründet. Zudem ließen die Quellen einen Unterschied in der Behandlung von geduldeten und fremden Muslimen erkennen.

DAVID COOK (Houston) beleuchtete, inwiefern sich organisatorische und technische Fortschritte des 13. und 14. Jahrhunderts, ausgelöst durch die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen, Türken und Kreuzfahrern, auf die Jihad-Literatur auswirkten. Die frühe Jihad-Literatur, so Cook, befasse sich hauptsächlich mit Rechtsfragen und neige zu einer Romantisierung der Helden, wohingegen spätere Autoren sich vermehrt mit der technischen Beschreibung aktueller Kriegsführungsstrategien beschäftigten. Diese Verbindung von romantisierter Frömmigkeit mit professioneller Kriegsführung habe den Weg für die zweite islamische Expansion (1300–1600) geebnet.

KURT VILLADS JENSEN (Kopenhagen) widmete sich der christlichen Interpretation des Heiligen Krieges zwischen 1050 und 1300. In seinem Vortrag verband er Theorien zur Rechtfertigung von Kriegsführung, die Theologie der Gnade und die Sakralisierung der weltlichen Umgebung, um eine polykausale Erklärung für die Veränderungen in der Auffassung Heiliger Kriege zu finden. Er stellte fest, dass Änderungen der christlichen Glaubensauffassung – wie das Aufkommen der Transsubstantiationslehre und der Inkarnation Christi – die Gläubigen vermehrt dazu zwangen, sich aktiv für die Rettung der eigenen Seele einzusetzen. Gleichzeitig sprachen christliche Glaubensführer der paganen Welt jedwede Möglichkeit, Gutes zu leisten, ab. Diese Anschauungen hätten eine zeitgenössische Legitimation kämpferischer Auseinandersetzungen mit vermeintlichen Glaubensfeinden ermöglicht.

HERMANN KAMP (Paderborn) befasste sich mit der Darstellung religiöser Gewalt innerhalb von Narrativen. Speziell untersuchte er Widukind von Corveys Sachsengeschichte, Adam von Bremens Darstellung der Erzbischöfe von Hamburg-Bremen und die Chronik von Helmold von Bosau und deren Schilderung oder Auslassung religiöser Motivation bei Gewaltakten. Gewalt von Seiten der Missionierenden werde hier als Reaktion auf das Verhalten der Elbslawen geschildert, während bei der Gewaltausübung der Elbslawen gegen die Missionare auch der religiöse Aspekt erwähnt werde. Dies werfe vor allem die Frage auf, wie im 12. Jahrhundert religiöse Gewalt gesehen wurde.

SABINE SCHMOLINSKY (Erfurt) untersuchte religiöse Gewalt im Kontext der Märtyrer. Sie diskutierte, ob man bei freiwilligem Martyrium noch von Gewalt sprechen könne und stellte einen Wandel im Märtyrerkonzept dar, der sich vom realen zum virtuellen Martyrium – also zum Martyrium durch frommes und gläubiges Leben – vollziehe. Für die Einordnung und Bewertung des Begriffs „Märtyrer“ sei die Interpretation von Gewalt ausschlaggebend.

BÉNÉDICTE SÈRE (Paris) stellte die Frage nach dem Verhältnis von Kirche und Gewalt. Die Kirche habe eine ambivalente Haltung zu Gewalt und Frieden. Auf der einen Seite sei Gewalt ein Mittel, um die Verhältnisse nach innen und außen zu sichern, auf der anderen Seite gäbe es ein Ideal des Friedens. Gewaltanwendungen der Kirche seien von Außenstehenden oft kritisiert worden, und der Grund für die Gewalt wurde häufig im Monotheismus gesehen. Doch Gewaltanwendungen der Kirche seien multikausal, wie Sère darstellte.

BORIS BARTH (Prag) widmete sich der protestantischen Kriegstheologie, die im Rahmen des Ersten Weltkrieges von Geistlichen entwickelt wurde. Seiner Ansicht nach stütze diese sich vor allem auf rassistische Ideen, völkische Gedanken und die Theorie des Sozialdarwinismus, welche wiederum in die Sprache des Alten Testamentes übersetzt worden seien. Ausschlaggebend sei hier auch die Idee, dass Gott im Krieg die Tüchtigen belohne und der Krieg als Heiliger Krieg zu sehen sei, mit dem man seine Überlegenheit gegenüber anderen Völkern demonstrieren könne. Insofern wurde Religion in den Kontext verbaler Gewalt gesetzt.

Im Anschluss an die Vorträge wurde eine Abschlussdiskussion geführt, in der über die Inhalte der Vorträge im Rahmen der einleitenden Fragen reflektiert wurde. Es wurden einige Ansätze herausgearbeitet, die zukünftig für die historische Untersuchung religiöser Gewalt relevant sein werden. Religiöse Gewalt könne als gut oder schlecht gewertet werden. Es sei nicht notwendig, dass der Täter Gewalt als religiös sehe: Zuschauer, Narrativ und Zielpublikum bestimmen durch ihre Interpretation, ob es sich bei Gewalt um religiöse Gewalt handelt. Konzepte von Krieg, Kriegstheologie, Gewalt, Gewaltrechtfertigung und Martyrium veränderten sich im Laufe der Geschichte. Religion sei außerdem nicht der einzige Auslöser für religiöse Gewalt. Oft seien soziale, wirtschaftliche oder politische Motive zusätzliche Faktoren.

Konferenzübersicht:

Dorothea Weltecke (Frankfurt am Main): Einführung

Eva Haverkamp (München): Is Violence Against Jews Religious Violence? Persecutions in 1096 and Around the Middle of the 14th Century

Saskia Dönitz (Frankfurt am Main): Medieval Byzantine Jewry – a “Less” Violent History?

Sina Rauschenbach (Potsdam): Religious Violence from the Perspective of One of its Victims: Salomon ibn Verga and his Shevet Yehudah

Hartmut Leppin (Frankfurt am Main): Die römische Gladiatur als ein Beispiel religiöser Gewalt?

Luise Marion Frenkel (Tübingen/São Paulo): Deus adiuta Romanis – Narratives of 6th- and 7th-Century Religious Violence in the East and the Roman Rhetoric of Peace

Christian Sahner (Oxford): Religious Violence in the Early Islamic Period and its Late Antique Context

Nikolas Jaspert (Heidelberg): Angriffe auf muslimische Minderheiten in der spätmittelalterlichen Krone Aragon. Zur kontextsensiblen Analyse religiöser Gewalt

David Cook (Houston): Late Crusader-era Jihad Literature – the End of Romanticism?

Kurt Villads Jensen (Kopenhagen): Making Sense of Sacred War, in Theory and Practice – the Formative Period in Latin Christianity c 1050–c 1300

Hermann Kamp (Paderborn): „Religiöse Gewalt“ im Kampf gegen die Barbaren? Zur Rechtfertigung und Deutung der Gewalt im Rahmen der Unterwerfung und Christianisierung der Elb- und Ostseeslawen

Sabine Schmolinsky (Erfurt): Martyrdom, Religious Dissent, and Gender in the Middle Ages

Bénédicte Sère (Paris): Comment la violence fait l’Eglise: quatre études de cas

Boris Barth (Prag): Die deutsche protestantische „Kriegstheologie“ im Ersten Weltkrieg

Abschlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Historical Dimensions of Religious Violence, 29.01.2020 – 31.01.2020 München, in: H-Soz-Kult, 12.09.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8806>.