IV. Workshop für Doktorandinnen und Doktoranden zur Geschichte Westfalens

Place
online (Münster)
Host/Organizer
Historische Kommission für Westfalen, Münster
Date
25.03.2021 - 26.03.2021
By
Jan-Hendrik Evers, Historische Kommission für Westfalen, Münster

Anders als ursprünglich geplant, wurde der vierte Workshop nicht im Freiherr-vom-Stein-Saal der Bezirksregierung Münster abgehalten, sondern fand aufgrund der Corona-Pandemie komplett digital mit Zoom statt. So konnten auch in diesem Jahr wieder zwölf Doktorandinnen und Doktoranden ihre thematisch breit gefächerten Dissertationen einer größeren Öffentlichkeit vorstellen. Da landesgeschichtliche Themen an den Universitäten eher zu den randständigen Forschungsfeldern gehören, ist es für Nachwuchsforscherinnen und -forscher umso wichtiger, den überuniversitären Austausch zu suchen und sich neue Anregungen von außen zu holen. In vier Sektionen gaben die Doktorandinnen und Doktoranden Einblicke in den Stand ihrer jeweiligen Dissertation.

Die erste Sektion stand unter dem Titel Verwaltung und wurde von Siegrid Westphal (Osnabrück) eröffnet. JULIA FESCA (Osnabrück) untersucht die Armenfürsorge in einem bikonfessionellen Territorium am Beispiel der Stadt Osnabrück im Zeitraum von 1543 bis 1810, wobei der Fokus auf der Zeit nach 1555 (Augsburger Religionsfrieden) und 1648 (Westfälischer Frieden) liegt. Sie schilderte das Verhältnis zwischen dem protestantischen Stadtrat und dem katholischen Domkapitel hinsichtlich der Organisation der Armenfürsorge und stellte die These auf, dass in der praktischen Verwaltung und in der Versorgung der Bedürftigen ein aus heutiger Sicht durchaus als pragmatisch zu bezeichnender Umgang mit der konfessionellen Zugehörigkeit geherrscht zu haben scheint.

PHILIPP GATZEN (Bonn) befasst sich mit den Statthaltern des Kölner Kurfürsten Clemens August von Bayern (1723–1733). In den einzelnen Bestandteilen Kurkölns, das in der Forschung als eine Composite Monarchy bezeichnet wird, war Clemens August nur selten persönlich anwesend. Wie Gatzen erklärte, gehörte daher die Einsetzung von Statthaltern territorialübergreifend zum festen Bestandteil der Herrschaftspraxis des Kurfürsten.

SEBASTIAN SCHRÖDER (Münster) stellte einen Teilaspekt seiner weit fortgeschrittenen Dissertation vor und nahm die Zuhörenden in die Grafschaft Ravensberg mit, in der der preußische König Friedrich Wilhelm I. mehrere Dörfer zu Städten erhoben hatte, um dort die sogenannte Akzisesteuer einzuführen. Dabei handelte es sich um eine Umsatz- oder Verbrauchssteuer. Schröder beleuchtete die Arbeit des Steuerrats (commissarius loci), der als landesherrlicher Beamter vor Ort die Angelegenheiten in den neuen Städten überwachen sollte. Der Steuerrat fungierte als Sprachrohr zwischen der preußischen Obrigkeit und den Untertanen und war verpflichtet, vor Ort für Ordnung zu sorgen und die Dekrete des Königs umzusetzen. Laut Schröder sei es den Untertanen und ortsansässigen Adligen dennoch möglich gewesen, eigene Forderungen durchzusetzen und sich in manchen Fällen sogar gegen den Steuerrat zu behaupten.

Die zweite Sektion widmete sich dem Thema Adel und wurde von Werner Freitag (Münster) geleitet. PETRA MEUWSEN (Hagen) fertigt eine Fallstudie zu den Ministerialen an der mittleren Ruhr bis 1350 an. Anhand von zehn Familien der Ruhrregion untersucht Meuwsen die herrschaftsübergreifenden sozialen Ordnungsstrukturen der Ministerialen, ihre Beziehungsnetzwerke und wirtschaftliche Situation.

LARS LENNART SCHULZE (Freiburg) behandelte die vordergründig pragmatisch ausgerichtete Verwandtschaftspolitik der Sachsen mittels Eheschließungen (Konnubien) und deren langfristige innen- wie außenpolitischen Auswirkungen. Persönliche Beziehungen (soziales Kapital) seien, so Schulze, das wichtigste politische Mittel gewesen. In seiner Untersuchung möchte er unter anderem der Frage nachgehen, wie soziales Kapital gepflegt und vermehrt wurde.

LISA MARIE BERGANN (Bonn) stellte die frühneuzeitlichen Rollenbilder adliger Frauen aus der Grafschaft Lippe an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert vor: vornehmlich Töchter, Ehefrauen, Mütter, Landesmütter, (Vormundschafts-)Regentinnen, Witwen und Äbtissinnen. In ihrer Arbeit möchte Bergann mehrere Akteurinnen miteinander vergleichen, um idealerweise die Handlungsspielräume lippischer Gräfinnen im politischen Geschehen modellhaft darzustellen.

Mechthild Black-Veldtrup (Münster) eröffnete die dritte Sektion Handel und Wirtschaft. JAN-WILLEM WATERBÖHR (Bielefeld) stellte den im 14. Jahrhundert lebenden Dortmunder Hansekaufmann und Ratsherrn Konrad Bersword vor, der aktiv in der Hanse und im Fernhandel beteiligt war. Dennoch sei er kein politischer Kaufmann gewesen, auch wenn seine Amtszeit als Ratsherr in Dortmund immer wieder Verbindungen zur Hanse oder zu deren Akteuren und Gruppen aufwies. Somit wird die Hanse auf regionaler Ebene durch das Handeln der Akteure sichtbar. Diese müssen aber, so Waterböhr, gruppenbezogen im jeweiligen städtischen Kontext analysiert werden.

Vom späten Mittelalter ging es mit JOHANNA WEBER (Bochum) in die Zeit des Nationalsozialismus. Sie behandelt das Rheinisch-Westfälische Kohlen-Syndikat (RWKS) und setzt sich mit der Marktordnung, Marktbereinigung und Marktmacht am Beispiel des Kohlenmarktes auseinander. Wie Weber erklärte, galt das RWKS als Synonym und Musterbeispiel für ein marktmächtiges Kartell, das versucht habe, zu einer strafferen Verkaufsorganisation zurückzukehren und eine Bereinigung des Marktes anzustreben.

Kultur und Religion lautete das Thema der vierten Sektion, die unter der Leitung von Andreas Oberdorf (Münster) stand. MAIK KEMPE (Münster) untersucht den Einfluss Friedrich Althoffs auf die Berufungspolitik am Beispiel des Kirchenhistorikers Max Sdralek, bei dem nicht wissenschaftliche Qualifikation, sondern staatliche Loyalität im Vordergrund gestanden habe. Althoff habe mit der Berufung des staatsloyalen Liberalen die Ausbildung ultramontaner Kleriker an der Akademie eindämmen wollen. Dabei habe er sich informeller Praktiken bedient, die nach Kempe nur wenig mit der gängigen Berufungspraxis gemein hatten. Rechtliche Formalitäten seien dennoch eingehalten worden.

Im kunstgeschichtlichen Beitrag von ANNA CHARLOTTE MÜLLER (Bonn) ging es um die Geschichte und Sammlung des bischöflichen Diözesanmuseums, dessen Gebäude 1966 abgerissen wurde und vielen Münsteranerinnen und Münsteranern weitestgehend unbekannt zu sein scheint. Dem hundertjährigen Bestehen des Museums steht zudem eine weniger als zehn Jahre und Unterbrechungen umfassende Öffnungsphase entgegen. Müller möchte mit ihrer Dissertation das Haus erneut „öffnen“ und die darin gesammelten Bestände sowie die Sammlungspraxis näher beleuchten.

MARVIN BECKER (Münster) bot spannende Einblicke in sein Dissertationsvorhaben, das sich mit den Deutschen Christen (DC), deren Einstellungen, Netzwerken und Diskursen in der Bundesrepublik von 1945 bis in die 1970er Jahre befasst. Die Deutschen Christen bildeten innerhalb des deutschen Protestantismus jene Gruppierung, die sich während des „Dritten Reiches“ und darüber hinaus besonders eng an dessen totalitäre Ideologie anlehnte. Ihre Anhänger verstanden sich als Christen der Zukunft. Becker stellte fest, dass es auch nach 1945 und trotz interner Untersuchungen seitens der evangelischen Kirche DC-Pfarrer gegeben habe, die weitestgehend in regulären Pfarrstellen tätig gewesen seien.

Ebenfalls in der Nachkriegszeit war der Vortrag von FABIAN KÖSTER (Münster) angesiedelt, der sich mit der kommunalen Kulturpolitik in den westdeutschen Industriestädten Gelsenkirchen und Wolfsburg während des sogenannten Wirtschaftswunders befasst. Beide Städte seien als kulturelle Wüsten wahrgenommen worden. Eine vermeintliche Traditionslosigkeit sei aber eher als Chance verstanden und die Begriffe „Industrie“ (Gelsenkirchen) und „junge Stadt“ (Wolfsburg) positiv besetzt worden. Köster möchte in seiner Arbeit unter anderem der Frage nachgehen, inwiefern sich Kultur identitätsstiftend auf die Kommunen auswirkte und wie innovativ, integrativ und progressiv sie funktionierte.

Der Workshop, der in der Spitze von knapp 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmern verfolgt wurde, endete mit einer Feedbackrunde. So bekamen die Doktorandinnen und Doktoranden interessante Hinweise zu ihren Projekten, und die Historische Kommission erhielt neue und spannende Anregungen zur Weiterführung und Weiterentwicklung des Formats wie auch zum Ausbau des Netzwerks für Doktorandinnen und Doktoranden im Allgemeinen. So wurde unter anderem der Wunsch geäußert, sich in unregelmäßigen Abständen zu treffen, um sich virtuell oder – falls möglich – in Präsenz weiter auszutauschen, zu vernetzen und sich gegenseitig Hilfestellung zu leisten.

Konferenzübersicht:

Sektion I: Verwaltung

Julia Fesca (Osnabrück): Die Verwaltung der Armut – ein konfessionsübergreifendes Projekt?

Philipp Gatzen (Bonn): Die kurkölnischen Statthalter während der Regierungszeit Clemens August von Bayern

Sebastian Schröder (Münster): Neue Besen kehren gut? Der Steurrat und seine Tätigkeit in den preußischen „Akzisestädten“ in Westfalen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts

Sektion II: Adel

Petra Meuwsen (Hagen): Ministeriale an der mittleren Ruhr bis 1350

Lars Lennart Schulze (Freiburg): Eheverbindungen sächsischer Großer – Verwandtschaft und auswärtige Politik im hohen Mittelalter

Lisa Marie Bergann (Bonn): Möglichkeiten weiblicher Herrschaftspartizipation in der Grafschaft Lippe an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert

Sektion III: Handel und Wirtschaft

Jan-Willem Waterböhr (Bielefeld): Dortmunder Kaufleute im 14. Jahrhundert. Tidemann Lemberg, Konrad Bersword und Heinrich Sudermann in England, Köln und Antwerpen

Johanna Weber (Bochum): Marktordnung – Marktbereinigung – Marktmacht. Das Rheinisch-Westfälische Kohlen-Syndikat im Nationalsozialismus

Sektion IV: Kultur und Religion

Maik Kempe (Münster): Das „System Althoff“ und die Katholisch-Theologische Fakultät Münster. Berufungspolitik im Spannungsfeld von Staat und Kirche 1882-1907

Charlotte Anna Müller (Bonn): Das Bischöfliche Diözesanmuseum Münster. Geschichte und Sammlung

Marvin Becker (Münster): Deutsche Christen als „Christen der Zukunft“? Nationalprotestantische Netzwerke, Einstellungen und Diskurse in der Bundesrepublik Deutschland von 1945 bis in die 1970er Jahre

Fabian Köster (Münster): Kommunale Kulturpolitik in den westdeutschen Industriestädten Gelsenkirchen und Wolfsburg während der Wirtschaftswunderzeit

Citation
Tagungsbericht: IV. Workshop für Doktorandinnen und Doktoranden zur Geschichte Westfalens, 25.03.2021 – 26.03.2021 online (Münster), in: H-Soz-Kult, 05.05.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8925>.
Editors Information
Published on
05.05.2021