Seuchen als gesellschaftliche Herausforderung in landeshistorischer Perspektive

Ort
digital (Münster)
Veranstalter
Jahrestagung des Brauweiler Kreises für Landes- und Zeitgeschichte. V.
Datum
03.03.2022 - 04.03.2022
Von
Katrin Wülfing, Abt. Duisburg / Mülheim a. d. Ruhr, Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW

Schon lange vor der Corona-Pandemie stellten epidemisch oder pandemisch auftretende Infektionskrankheiten Menschen, Institutionen und Staaten vor Herausforderungen. Seuchen sowie ihre Eindämmung und Maßnahmen zu ihrer Prävention waren immer wieder Gegenstand von Forschungen, Diskussionen und Konfrontationen. Bei der diesjährigen Tagung des Brauweiler Kreises für Landes- und Zeitgeschichte e. V. stand die Betrachtung von Seuchen aus gesellschaftshistorischer und landesspezifischer Perspektive im Fokus. Zum Auftakt begrüßte SABINE MECKING (Marburg) als Vorsitzende des Brauweiler Kreises die Anwesenden und führte in das Tagungsthema ein. Sie beschrieb die vielfältigen medizinischen, wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen von Seuchen und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten sowie die Notwendigkeiten, diese multiperspektivisch zu betrachten. In seinem anschließenden Grußwort unterstrich der Leiter der Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen GUIDO HITZE (Düsseldorf) diesen Ansatz und betonte, die Tagung biete die Möglichkeit, auf Grund von historischem Wissen über Seuchen einen kleinen Ausblick in die Gegenwart und Zukunft zu ermöglichen. In der anschließenden Keynote befasste sich MALTE THIESSEN (Münster) mit Impulsen, die durch die Landeszeitgeschichte und aus den Erkenntnissen aus dem bisherigen Verlauf der Corona-Pandemie für die bisher wenig ausdifferenzierte Seuchen-Forschung entstehen. Seuchen unterzögen, so der Referent, die Krisenlösungskompetenz staatlicher Akteure einem Test und riefen, dies zeige beispielsweise das Verhältnis der Bundesländer während der Corona-Pandemie zueinander, Konkurrenz und Wettbewerb hervor. Die Corona-Pandemie bewiese zudem, wie schnell tiefsitzende Ängste in Krisenzeiten aktiviert werden können. Sündenböcke und Stigmatisierungen gäben ein Gefühl von Sicherheit und stellten einen Versuch dar, das Unbekannte zu finden und die Kontrolle zurückzugewinnen. So sei auch das „Comeback“ der Bedeutung von Grenzen zu erklären, deren Schließung als Symbolpolitik und Beschwichtigung zu verstehen sei.

Hieran schloss sich dann eine Podiumsdiskussion an, um die aktuelle Covid-Pandemie in ihrer historischen Bedeutung einzuordnen und dabei grundsätzliche gesellschaftliche, mediale, quellenkritische und geschichtswissenschaftliche Fragen zu diskutieren. An der Diskussion nahmen CHRISTIAN BUNNENBERG (Bochum), ANTJE DIENER-STAECKLING (Münster) und DAGMAR HÄNEL (Bonn) teil. Die Frage nach den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf unsere Gesellschaft und wie sich diese dokumentieren lassen, stand zunächst im Mittelpunkt des Gesprächs. Crowdsourcing-Ansätze zur Erfassung des sich in der Corona-Pandemie verändernden Alltags der Menschen und die diese begleitenden Schwierigkeiten – z. B. rechtliche und technische Fragen bei der Dokumentation von Social-Media-Beiträgen und die Grenzen der elektronischen Langzeitarchivierung – wurden eruiert. Daran schloss sich eine Diskussion über die fehlende Multiperspektivität der Überlieferungen zur Corona-Pandemie an. Weil in offene digitale Archive primär Quellen der urbanen Mittelschicht einflössen, darin stimmten alle Diskussions-Teilnehmer:innen überein, werde dort nur eine bestimmte Gruppe abgebildet. Die Arbeit staatlicher Archive sei in diesem Kontext von besonderer Bedeutung, denn ihnen sei es möglich, eine größere Bandbreite von Perspektiven zu erfassen und Verzerrungen zu vermeiden.

Am zweiten Tagungstag befasste sich MARIO KRAMP (Köln) mit der 1870/71 in Köln grassierenden Pockenepidemie. Er rückte in seinem Vortrag die Situation französischer Kriegsgefangener in den Mittelpunkt und beschrieb, wie ihr Transport in Viehwaggons und ihre provisorische Unterbringung in beengten Lagern und in überfüllten Lazaretten die Verbreitung der Krankheit begünstigten. „Hotspots“, so der Referent, seien dort entstanden, wo eine große Nähe zwischen Kriegsgefangenen und Zivilbevölkerung vorhanden war. Letztere infizierten sich etwa durch den Kontakt und Tauschhandel mit Kriegsgefangenen. In diesem Kontext zeige sich zudem die soziale Dimension der Pockenepidemie deutlich; wer arm war, war deutlich häufiger von einer Ansteckung betroffen. Ein kartografischer Vergleich mit Cholera-Ausbrüchen bestätige diese These und zeige, dass beide Epidemien die gleichen (armen) Viertel in Köln betrafen. Impfbefürworter und Impfgegner standen sich auch in dieser Zeit gegenüber. Möglichkeiten zur Impfung seien, obwohl diese die Todesrate nachweislich senken konnten, vergleichsweise wenig genutzt worden, so dass Diskussionen über einen Impfzwang in der Stadtverordnetenversammlung geführt wurden.

MATTHIAS KORDES (Recklinghausen) wandte sich im anschließenden Vortrag der Rezeptionsgeschichte der „Spanischen Grippe“ zu und schilderte, wie diese seit den 1920er-Jahren in Berichten und später in historiografischen Werken ausgeblendet wurde. Erst seit den späten 1980er-Jahren sei die Grippewelle wieder einer breiteren Leserschaft gegenüber erwähnt worden. Dort und in aktuelleren Studien zur Geschichte des Ruhrgebietes zeige sich jedoch eine anekdotenhafte Annäherung an das Thema, das ohne die Herstellung größerer Zusammenhänge punktuell erschlossen wurde. Insgesamt sei der Forschungsstand zur „Spanischen Grippe“ – auch im Vergleich zur angelsächsischen Forschung – in Deutschland lückenhaft. Bereits in zeitgenössischen Darstellungen habe die „Spanische Grippe“ nur wenig bis keine Beachtung gefunden, stellte der Referent fest, und sei im kollektiven Gedächtnis der Menschen im Ruhrgebiet nicht präsent. In der anschließenden Diskussion standen die These, dass das Ende des Ersten Weltkrieges durch die „Spanische Grippe“ beschleunigt wurde sowie die Frage, welche Auswirkungen die Grippewelle auf die neuen Herrschaftsverhältnisse hatte, im Mittelpunkt. Die hierzu vorhandenen disparaten und fragmentierten Forschungsergebnisse bestätigten die Notwendigkeit weiterer Studien.

SEBASTIAN HAUS-RYBICKY (Dortmund) skizzierte in seinem Vortrag die deutsche AIDS-Prävention in den 1980er- und 1990er-Jahren. Den AIDS-Diskurs unterteilte der Referent in zwei Phasen: Von 1981 bis 1985 sei dieser von düsteren Katastrophennarrativen geprägt gewesen, weil es an Heilmitteln und Impfungen mangelte. Zugleich sei eine Verknüpfung mit männlicher Homosexualität und schwuler Lebensweise – begleitet von homophoben Subtexten und Stigmatisierungen – erfolgt. In der Folge sei AIDS in der Schwulenszene als politische Bedrohung für die eingeleitete Reformära wahrgenommen worden, während die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft das Thema zunehmend von sich schob. Seit Mitte 1985 habe sich der gesellschaftliche Diskurs schließlich grundlegend gewandelt, als sich heterosexuelle Ausbreitungsszenarien durchsetzten und die Frage nach dem Umgang mit Infizierten Teil einer gesamtgesellschaftlichen und gesundheitspolitischen Auseinandersetzung wurde. Im Folgenden zeigte der Referent, dass sich der Kreis der Akteure und Netzwerke der AIDS-Prävention in den 1980er-Jahren erweiterte und veränderte. Auch durch diese Öffnung sei die AIDS-Prävention zum Motor für gesundheitspolitische Innovationen geworden, habe zur „Entrümpelung“ des Infektionsschutzes beigetragen und einen wichtigen Beitrag zu Liberalisierungsprozessen geleistet.

MARC VON MIQUEL (Bochum) referierte über die Tuberkulosebekämpfung nach 1945 im Rheinland und in Westfalen. Er beschrieb die problematische epidemiologische Situation nach Kriegsende in Deutschland, die von schlechter Hygiene, mangelhafter Versorgung und großer räumlicher Enge geprägt war. Die Tuberkulosebehandlung sei nur noch rudimentär gewährleistet gewesen, weil es an Personal, finanziellen Mitteln und Räumlichkeiten fehlte. Der Referent stellte fest, dass etliche Kontinuitäten die Tuberkulosebekämpfung prägten: Neben ihrer Finanzierung betrafen diese etwa die Röntgenreihenuntersuchungen, die bereits im Nationalsozialismus eingesetzt wurden, hier propagandistische Zwecke verfolgten und die erst in den 1980er-Jahren ein Ende fanden. Auch in der Zwangsisolierung von „asozialen“ Kranken und in Bezug auf die Infrastruktur der medizinischen Versorgung wies der Referent erhebliche Kontinuitäten zum Nationalsozialismus nach. Noch immer mangele es an Forschungen zu diesen Aspekten und seien viele traumatische Erfahrungsberichte als Nachgeschichte zur Tuberkulosebekämpfung unter Anwendung von Zwang zu verzeichnen.

Im abschließenden Vortrag von FELIX RÖMER (Berlin) standen gesundheitliche Ungleichheiten im Fokus, die der Referent anhand wissenschaftlicher Perspektiven auf soziale Kartographien des 20. und 21. Jahrhunderts aufzeigte. Die Befassung mit gesundheitlicher Ungleichheit, so betonte er, spiele in Deutschland – auch im Vergleich etwa zu Großbritannien – eine untergeordnete Rolle. Es fehlten, trotz einiger Fortschritte in diesem Bereich, Erhebungen und Daten, die zum Beispiel eine Analyse der Mortalität nach Ethnizität, Gender etc. ermöglichten. Dies trüge dazu bei, dass in Deutschland mediale, politische und öffentliche Diskurse zu diesem Thema weitgehend ausblieben. Der Referent verwies in diesem Kontext auf die Bedeutung der lokalen und regionalen Ebene, die im Zusammenspiel mit der Betrachtung nationaler und transnationaler Faktoren wichtige Impulse für die Sichtbarmachung von Ungleichheiten liefern könnten.

Alle Vorträge wurden intensiv diskutiert. Mit unterschiedlichen Perspektiven und zeithistorischen Schwerpunkten zeigten die Tagungsbeiträge verschiedenste Kontinuitäten und Diskontinuitäten bei der Auseinandersetzung mit Seuchen auf, die sich teilweise auch in der Corona-Pandemie wiederfinden. Medizinische, soziale und politische Grundsatzfragen und Kontroversen, die, genau wie Stigmatisierungen und Zuschreibungen, schon im 19. Jahrhundert die konkreten Maßnahmen zur Seuchen-Bekämpfung begleiteten, verdeutlichen die ungebrochene Aktualität des Themas.

Konferenzübersicht:

Begrüßung und Einführung

Sabine Mecking (Marburg)

Guido Hitze (Düsseldorf)

Keynote

Malte Thießen (Münster): Corona als Geschichte unserer Gegenwart. Bilanz und Perspektiven zukünftiger Forschungen

Podiumsdiskussion
Moderation: Malte Thießen (Münster)

Christian Bunnenberg (Bochum) / Antje Diener-Staeckling (Münster) / Dagmar Hänel (Bonn)

Sektion I – Kriege als Seuchentreiber
Moderation: Sabine Mecking (Marburg)

Mario Kramp (Köln): 1870/71: Köln und die Pockenepidemie. Französische Kriegsgefangene, Impfgegner und Hotspots

Matthias Kordes (Recklinghausen): Die „Spanische Grippe“ und das Ende des Ersten Weltkriegs im nördlichen Ruhrgebiet

Sektion II – Seuchen in der öffentlichen Debatte
Moderation: Sabine Kittel (Gelsenkirchen)

Sebastian Haus-Rybicky (Dortmund): AIDS-Prävention in der Bundesrepublik in den 1980er und 1990er Jahren

Sektion III – Seuchen kontrollieren
Moderation: Bärbel Sunderbrink (Detmold)

Marc von Miquel (Bochum): Tuberkulosebekämpfung nach 1945 in Rheinland und Westfalen

Felix Römer (Berlin): Die Entdeckung der gesundheitlichen Ungleichheit. Wissensgeschichtliche Perspektiven auf soziale Kartographien im 20./21. Jahrhundert

Zitation
Tagungsbericht: Seuchen als gesellschaftliche Herausforderung in landeshistorischer Perspektive, 03.03.2022 – 04.03.2022 digital (Münster), in: H-Soz-Kult, 11.05.2022, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-9412>.