Historikertag 2018: Frühe Neuzeit

Von
Jutta Wimmler, Professur für Vergleichende Europäische Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Europa-Universität Viadrina

Besprochene Sektionen:

Globalgeschichte: Eine Standortbestimmung

Steuern von Differenz: Imperien als Räume geordneter Ungleichheit

„Materialität“. Konzepte und Erkenntnispotenzial jenseits der Geschichte der materiellen Kultur

Bürokratie als Einheitsmaschine

Das spanische „Amerika-Monopol“ in der Frühen Neuzeit

Wie steht es im Jahre 2018 um die deutschsprachige Frühneuzeit-Forschung? Betrachtet man das Programm des Historikertags in Münster, könnte man auf den ersten Blick meinen: schlecht. Denn nur vier Panels sind explizit für die Frühe Neuzeit ausgewiesen: Am Mittwoch riefen MAGNUS RESSEL (Frankfurt am Main) und KERSTIN WEILAND (Marburg) die Kreuzzugsideologie zum einheitsstiftendem Faktor in einem gespaltenen frühneuzeitlichen Europa aus, am Donnerstag ging es mit FABIAN FECHNER (Hagen) und ANNE MARISS (Regensburg) um die Bedeutung von local knowledge in Lateinamerika, Europa, Afrika und dem osmanischen Reich, bevor man schließlich am Freitag gleich mit zwei Panels gesegnet war, als ULRIKE LUDWIG (Frankfurt am Main/Dresden) und BIRGIT EMICH (Frankfurt am Main) die Bürokratie zur Einheitsmaschine machten und anschließend KLEMENS KAPS (Wien) und MARTIN BIERSACK (München) das spanische Amerikamonopol in die Mangel nahmen. Was gleich ins Auge fiel: die Frühe Neuzeit kam in diesem Jahr ausgesprochen global daher. Dies gilt auch, wenn wir weitere Sektionen berücksichtigen – denn der Schein der schlecht vertretenen Frühen Neuzeit trügt. Die FachkollegInnen tummelten sich in nicht unwesentlicher Zahl in den epochenübergreifenden Sektionen. Daher ist der Berichterstatterin die Sektionsauswahl auch nicht immer leicht gefallen. Doch wir gehen in diesem Jahr eben nicht nur über regionale, sondern auch über Epochengrenzen hinaus, was insgesamt doch ein schöner Befund ist.

Schade ist vor diesem Hintergrund nur, dass sich die Globalgeschichte im deutschsprachigen Raum nach wie vor wenig um die Frühe Neuzeit zu kümmern scheint. Diesen Eindruck konnte man zumindest gewinnen, wenn man sich Wessel/Weilands spannende Kreuzzug-Sektion entgehen ließ, um an der Podiumsdiskussion „Globalgeschichte: Eine Standortbestimmung“ von ROLAND WENZLHUEMER (München) teilzunehmen. Um Missverständnissen vorzubeugen: die Beiträge der Podiumsdiskussion waren interessant, manche sogar ausgezeichnet, insbesondere JULIA ANGSTERs (Mannheim) offensive und durchaus zurecht etwas überspitzte Forderung an die Globalgeschichte, sich auch den Themen der klassischen Nationalgeschichte zu widmen bzw. genauer: das theoretische und methodische Handwerkzeug der Globalgeschichte anzuwenden, und zwar nicht nur bei der Erforschung von offenkundig als „global“ geltenden Räumen. Dies war erstens eloquent und zweitens notwendig. Auch für die Frühneuzeitforschung ist das relevant, und zwar gerade für Regionen, deren Geschichtsschreibung noch (oder wieder) sehr stark national geprägt ist. Eine globale Geschichte Preußens oder Polens gibt es immer noch nicht, wäre aber ohne weiteres (und mit Zugewinn) zu bewerkstelligen. Angsters zweite Forderung war eine ausgesprochen kulturwissenschaftliche, nämlich die nach der Infragestellung des Selbstverständlichen, im speziellen der Kategorien der Moderne, mit denen wir nach wie vor Historisches beschreiben. Inspirierend also, und brauchbar für FrühneuzeitlerInnen, und doch wurden diese nicht eingeladen mitzudiskutieren – die Vortragenden waren alle ExpertInnen für das 19. und 20. Jahrhundert. Die Frage sei erlaubt, wieviel Sinn eine Standortbestimmung der Globalgeschichte ohne Einbeziehung von FrühneuzeitlerInnen macht. Eine entsprechende Beschwerde kam auch aus dem Publikum, als in einer Wortmeldung ein stärkerer Dialog mit FrühneuzeitlerInnen eingefordert wurde, insbesondere um auch jene Periode stärker bei der Theoriebildung berücksichtigen zu können, in der der Kulturkontakt noch weniger stark von der europäischen Seite bestimmt gewesen sei. Dem ist hinzuzufügen, dass die Frühneuzeitforschung auch deshalb für die Globalgeschichte wichtig ist, weil sie die Selbstbeschreibungsmodi der Moderne aufzubrechen imstande ist, womit Angsters Forderung nach der Infragestellung moderner Begrifflichkeiten zur Beschreibung des Historischen Rechnung getragen werden kann.

Wie gesagt zeigte der diesjährige Historikertag, dass mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum die globalgeschichtliche Frühneuzeit-Expertise mehr als vorhanden ist. Wirklich überraschen sollte das nicht, hatte doch bereits Daniel Hedinger im Querschnittsbericht „Globalgeschichte“ zum Historikertag 2014 die starke Präsenz der Frühen Neuzeit in diesem Themenfeld hervorgehoben.[1] Spannenderweise kristallisierten sich innerhalb dieses Generalthemas zwei rote Fäden heraus: die Rolle von Akteuren und die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Bürokratie, Herrschaft und Staatlichkeit in der Frühen Neuzeit. So etwa in der epochenübergreifenden Sektion von SARAH ALBIEZ-WIECK (Köln), das de facto ein globalgeschichtliches Frühneuzeit-Panel war. Wie ULRIKE LINDNER (Köln) in ihrem abschließenden Kommentar festhielt, zeigte die Sektion, dass eine Untersuchung steuerlicher Regelungen die Charakteristik von Imperien sichtbar machen und zum Verständnis imperialer Herrschaftslogiken beitragen kann. Dies liege daran, dass Menschen durch steuerliche Regelungen gezählt, registriert und vor allem klassifiziert worden sind, das heißt einer sozialen oder rechtlichen Gruppe zugeordnet wurden, wie auch Albiez-Wieck hervorhob. Die dazu notwendige Bürokratie wiederum sei ein wesentliches Element der Staatsbildung gewesen und wirkte, wie Ulrike Lindner in ihrem Kommentar ebenfalls anmerkte, herrschaftsstabilisierend.[2] Um Integration oder die Herstellung kultureller Homogenität sei es hingegen weniger gegangen.

Diese Erkenntnis deckt sich wunderbar mit den Ergebnissen der beiden Freitags-Sektionen zur Frühen Neuzeit. In „Die Bürokratie als Einheitsmaschine“ stand die Frage im Zentrum, wie Herrschaft in der Weite des Raumes gelingen kann und wie Modi der Einheitsstiftung etablierbar sind, wie Ulrike Ludwig in ihrer Einleitung zur Sektion darlegte. Vor dem Hintergrund des Generalthemas des Historikertags nahm sich die Sektion die Frage zum Ausgangspunkt, ob überhaupt Einheit bestand und wenn ja, wie diese hergestellt wurde. Ludwig ging davon aus, dass Administration in erster Linie Differenzen verarbeiten muss, Bürokratie mithin die Akzeptanz von Differenz bedeute, dabei aber gleichzeitig sehr wohl einheitsstiftend wirke.

Dies wurde sehr anschaulich im ersten Vortrag von Birgit Emich deutlich, die sich der katholischen Kirche als Prototyp frühneuzeitlicher Staatlichkeit und Vorreiter bürokratischer Entwicklungen widmete. Die Annahme, dass Bürokratie Einheit stiftet, würde dabei von Seiten der Globalgeschichte in Frage gestellt, z.B. anhand jesuitischer Missionstätigkeit, bei der die Macht der zentralen Kirche bzw. Roms nicht eindeutig bzw. nachweislich eingeschränkt gewesen sei. Emich schlug vor, die Frage nach der „Einheitlichkeit“ in zwei Kategorien aufzuteilen: Erstens, die Einheit der Regelungsgewalt, das heißt die Ebene der Institution und der administrativen Vorgänge und zweitens, die Vereinheitlichung des alltäglichen kirchlichen Lebens. Emich spricht hier von Homogenisierung. Auf dieser Unterscheidung aufbauend fragte sie, ob Kategorie eins überhaupt zur Erreichung von Kategorie zwei eingesetzt wurde. Anhand einer Analyse der Arbeitsweise des Verwaltungsapparates bzw. der Behörde, die im Nachlauf des Konzils von Trient gegründet wurde (der Konzilskongregation), schloss sie, dass dem nicht so war.

Zwar sei in der zeitgenössischen Ratgeberliteratur von einer „tridentinischen Einheitsliturgie“ die Rede, doch die bei der Kongregation eingehenden Ansuchen sowie insbesondere die Antworten der Kongregation würden zeigen, dass eine Einzelfallbearbeitung stattfand, die in der Praxis durchaus zu einer starken Heterogenität im kirchlichen Leben führte. So fand also Emich zufolge keine Homogenisierung nach der oben genannten Definition statt, wohl aber eine Vereinheitlichung auf institutioneller Ebene: Das Konzil hätte dem Papst das Auslegungsmonopol zugestanden (das in weiterer Folge in der Praxis die Kongregation übernahm), wodurch eine Zentralisierung stattgefunden hätte. Diese sei allerdings nur durchsetzbar gewesen, solange die Forderung nach Homogenisierung nicht überstrapaziert wurde. „Verwaltung von Vielfalt“ sei somit das Prinzip gewesen. Vor diesem Hintergrund erscheinen auch die Jesuitenmissionen in Übersee in einem anderen Licht und können als Teil dieser Praxis betrachtet werden; übrigens ein schönes Beispiel für die möglichen Wechselwirkungen zwischen Globalgeschichte und „klassischeren“ Themen, wie hier der Kirchengeschichte.

Emichs Begriffsbildung wurde auch in der Diskussion sehr positiv aufgenommen und lässt sich auf die Sektionen „Steuern von Differenz“ und „Das spanische Amerika-Monopol“ anwenden. In ersterem erfuhren wir, dass Besteuerung innerhalb frühneuzeitlicher Imperien zwar zur Registrierung und Klassifizierung eingesetzt wurde und die dafür notwendige Bürokratie wesentlich herrschaftsstabilisierend wirkte. Andererseits war sie aber nicht dazu gedacht, kulturelle Homogenität herzustellen – ganz im Gegenteil: Differenz sollte „verarbeitet“ werden, um die Worte Ulrike Ludwigs wieder aufzugreifen, und vor allem sollte diese Differenz zur Zentralisierung und damit zur Machterhaltung nutzbar gemacht werden. Zu einem ähnlichen Schluss kam die Sektion zum Spanischen „Amerika-Monopol“, in der Klemens Kaps, Martin Biersack und EBERHARD CRAILSHEIM (Madrid) – wiederum analog zu der Sektion „Steuern von Differenz“ [3] – eine rechtliche Norm der tatsächlichen Praxis gegenüberstellten: Das theoretisch existente „Amerika-Monopol“, das es nur Untertanen der Krone von Kastilien (später auch Aragons) erlaubte, mit Amerika Handel zu treiben, sei auf eine Handelspraxis getroffen, in der „Ausländern“ eine zentrale Rolle zugekommen sei, die auch dem Gesetzgeber klar gewesen ist. Die Umgehung des Monopols habe daher ganz wesentlich zur Idee des Monopolsystems gehört, das vor allem der Aufrechterhaltung der Autorität des Königs (vgl. Zentralisierung und Herrschaftsstabilisierung) gedient habe. Kulturelle Homogenisierung, also Emichs Kategorie zwei von „Vereinheitlichung“, sei auch in diesem Fall nicht der Punkt gewesen.[4] In allen vorgestellten Fällen handelte es sich den Vortragenden zufolge um flexible Systeme, in denen einzelne Punkte immer verhandelbar blieben.

Hier offenbart sich die wichtige Rolle von Akteuren, deren Untersuchung sich als weiterer roter Faden durch die Sektionen zog. Wenzelhuemer hatte in der Podiumsdiskussion zur Globalgeschichte im Rahmen der Diskussion die Frage aufgeworfen, ob ein Fokus auf Akteure gewisse Probleme innerhalb der Globalgeschichte lösen könnte oder diese sogar ein „missing link“ seien. Die vorgestellten Sektionen zur Frühen Neuzeit illustrieren tatsächlich eine Tendenz, Akteure ins Zentrum der Überlegungen zu stellen. Die Flexibilität des spanischen Monopolsystems wird etwa vor allem dann deutlich, wenn der Handlungsspielraum von Händlern und Beamten erkundet wird. Auch in der Sektion „Bürokratie als Einheitsmaschine“ ging es wesentlich um Akteure und ihren Handlungsspielraum innerhalb von Verwaltungsstrukturen. So zeigte etwa Ulrike Ludwig in ihrem Vortrag anschaulich auf, dass die Semantik der Patronage im 17. Jahrhundert nicht nur Teil einer Elitenkultur war, sondern auch „einfache“ Leute deren Spielregeln kannten. Sie schlug den Terminus „amtliche Patronage“ für die von ihr untersuchte Spielart vor. Anders als bei klassischer Patronage sei diese weniger personenbezogen gewesen und konnte zeitlich begrenzt sein. Ludwigs Beispiel: Man schickt einem „Patron“ einen Vorschuss zum Beispiel in der Form von Gänsen, erhält als Gegenleistung eine Amtsleistung, worauf ein Zuschuss etwa in Form von Butter folgt. Durch diese amtlichen Dienstleistungen hätten Menschen auch Zugang zu räumlich weiter entfernten Verwaltungsstrukturen bekommen. Die „Patronage von Amts wegen“ leistete Ludwig zufolge einen wichtigen Beitrag zur Zentralisierung und glich Defizite im Verwaltungswesen aus.

Auf die Bedeutung von Akteuren in Zentralisierungsprozessen verwies auch KOLJA LICHY (Giessen). Am Beispiel der Wirtschafts- und Finanzverwaltung der Habsburgermonarchie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts illustrierte er, dass Zentralisierung weder zeitlich noch räumlich einheitlich erfolgen musste. Während die privaten Geschäftsnetzwerke zwischen Wiener Hof und mährischen Aristokraten die Gründung öffentlicher Bankinstitute unterstützt haben, kam es in Triest nicht zu einer derartigen Entwicklung, was Lichy auf die Schwäche der Netzwerke mit den dortigen kommerziellen Eliten zurückführte. Auch TIM NEU (Bochum) konzentrierte sich in dieser Sektion auf Akteure, als er die britische Fiskalbürokratie als imperiale Einheitsmaschine konzeptualisierte. Die Verschuldung der Regierung bei den britischen Eliten, insbesondere auch jenen in den nordamerikanischen Kolonien, habe unter anderem die Loyalität dieser Eliten gegenüber der Regierung gefördert – und zwar auf Grund eines Phänomens, das von B. Carruthus als „Eumenes-Effekt“ bezeichnet wurde. Wer jemandem Geld leiht, müsse an dessen Überleben und Wohlstand Interesse haben, damit er dieses auch irgendwann wiederbekommt. In der anschließenden Diskussion wurde angemerkt, dass derselbe Effekt auch innerhalb anderer Imperien (zum Beispiel Spanien und Frankreich) beobachtet werden könne. Um dies sichtbar zu machen ist auch hier eine Erforschung der Akteure zentral, die innerhalb imperialer Strukturen agierten.

Eine weitere Möglichkeit, globale Zusammenhänge in ihrer Komplexität zu fassen, bietet der Fokus auf Produkte oder Dinge bzw. die Beziehung zwischen Menschen und Dingen. In der recht bunt zusammengewürfelten Sektion von MARTIN KNOLL (Hamburg) und SEBASTIAN HAUMANN (Darmstadt) widmete sich STEFANIE GÄNGER (Köln) der vielbeachteten Geschichte der Chinarinde und untersuchte, wie der Einsatz von Chinarinde, aus der im 19. Jahrhundert Chinin als erstes effektives Mittel gegen Malaria isoliert wurde, in Europa zu einer Selbstverständlichkeit werden konnte. In Anlehnung an Marcy Norton [5] stellte Gänger fest, dass die Vermittlung des „Rindenwissens“ weniger durch den Diskurs als durch die alltagsmedizinische Praxis erfolgt sei. Hier ist anzumerken, dass Gängers Diskursbegriff kein foucaultscher ist, denn sie bezog sich eindeutig auf den „Gelehrtendiskurs“, das heißt auf schriftliches Expertenwissen, dem sie die deutlich heterogenere medizinische Alltagspraxis gegenüberstellte. Mit Michel Foucault würde man freilich Praktiken als Teil des Diskurses betrachten [6], womit sich auch die Wechselwirkungen zwischen Gelehrtenwissen und Alltagspraxis in den Fokus rücken lassen, die in der Frühen Neuzeit durchaus stark waren.[7]

Die Vorträge zur Frühen Neuzeit hatten also tendenziell eine globale Dimension, bei der der Handlungsspielraum von Akteuren innerhalb eines bestimmten Regelwerks im Zentrum stand. Eine vergleichende Perspektive war in den meisten Sektionen bereits angelegt, ergab sich aber auch aus der gemeinsamen Betrachtung verschiedener Sektionen und Vorträge. Viele der Vorträge wiesen darauf hin, dass in der Frühen Neuzeit eine Tendenz zur Bürokratisierung festzustellen ist, die jedoch nicht unbedingt kulturelle Homogenisierung zum Ziel hatte, sondern vor allem der Systemstabilisierung diente. Damit diese erfolgreich sein konnte, musste ein gewisser Handlungsspielraum für Akteure gewährleistet sein. Die Frage nach der Wechselwirkung zwischen der Charakteristik und Genese europäischer „Staatlichkeit“ und einer zunehmend „globalisierten“ Welt drängte sich auf. Die Sicherstellung herrschaftlicher Autorität in weit entfernten Gebieten erforderte ein ausgeklügeltes Verwaltungssystem, das dennoch ausreichend flexibel sein musste, um überhaupt zu funktionieren. Dies galt ohne Zweifel auch für die katholische Kirche, die ebenfalls zunehmend als globaler Akteur auftrat. Die Wechselwirkungen zwischen Prozessen im globalen bzw. imperialen Raum und der Genese europäischer „Staatlichkeit“ werden damit zunehmend sichtbar.[8]

Umso wichtiger erscheint eine entsprechende theoretische Einbettung der hier geleisteten ausgezeichneten empirischen Fallstudien, sowie eine Diskussion mit der Globalgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Denn auch die FrühneuzeitlerInnen sollten dieses Gespräch stärker suchen. Es fällt auf, dass Schlagwörter wie „Globalgeschichte“ oder „Atlantic History“ auch in entsprechend ausgerichteten Vorträgen kaum bis gar nicht vorkamen. Gerade letzteres überrascht vor dem Hintergrund, dass nicht wenige der Vorträge die Verbindung zwischen Europa und den Amerikas ins Zentrum stellten – der klassische Gegenstand der „Atlantic History“. Wie so oft war Subsahara-Afrika recht abwesend [9] und auch Asien nahm keine zentrale Position in den Vorträgen ein. Letzteres illustriert, dass auf diesem Historikertag die „Atlanticists“ unter den Frühneuzeitlern dominierten, während die traditionell stärker auf Asien fokussierten „GlobalhistorikerInnen“ diesmal weniger präsent waren.

Das wirft zwei Fragen auf: Zunächst jene nach der Verhältnisbestimmung zwischen „Atlantic History“ und Globalgeschichte sowie nach der Kommunikation zwischen den beiden Fachbereichen.[10] Zweitens lässt sich fragen, ob die „globale Perspektive“, oder zumindest die atlantische im Sinne von amerikabezogene, inzwischen zum Standard geworden ist, sodass sich eine Reflexion darüber zu erübrigen scheint. Auch Wenzlhuemer hatte in der Podiumsdiskussion zur Globalgeschichte einleitend darauf hingewiesen, dass sich die Euphorie bezüglich der Globalgeschichte inzwischen etwas gelegt zu haben scheint. Die Frühneuzeit-Vorträge bestätigten seine Einschätzung, dass diese nicht verschwunden sei, sondern dass es sich hierbei um eine „Konsolidierungserscheinung“ handle. Die Globalgeschichte ist nun also zum „Mainstream“ innerhalb der Geschichtswissenschaft geworden – aber welche Art von Globalgeschichte ist das im Falle der Frühneuzeitforschung eigentlich? Schreiben wir die globale Geschichte der Frühen Neuzeit immer noch im Wesentlichen als Expansionsgeschichte der europäischen Seemächte? Zwar sind die „imperialen Räume“ durch den Fokus auf Akteure und Produkte zunehmend porös geworden, doch die als globalgeschichtlich relevant geltenden Räume sind immer noch die gleichen. Wo sind Zentral- und Osteuropa, wo ist Subsahara-Afrika, wo das Mittelmeer? Offenkundig sind diese Fragen, mit denen die Forschung mittlerweile seit Jahrzehnten kämpft, nach wie vor nicht geklärt. Unter Umständen wäre es für uns alle von Vorteil, wenn FrühneuzeitlerInnen und NeuzeitlerInnen diese Dinge gemeinsam angehen.

Anmerkungen:
[1] Daniel Hedinger: Historikertag 2014: Globalgeschichte, in: H-Soz-Kult, 27.02.2015, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2631>.
[2] Martin Biersack: Tagungsbericht: HT 2018: Steuern von Differenz: Imperien als Räume geordneter Ungleichheit, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 09.11.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7942>.
[3] Vgl. ebd.
[4] Vgl. hierzu Jutta Wimmler: Tagungsbericht HT 2018: Das spanische „Amerika-Monopol“, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, (27.11.2018), <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7968>.
[5] Marcy Norton, Sacred Gifts, Profane Pleasures. A History of Tobacco and Chocolate in the Atlantic World, Ithaca/ London 2008.
[6] Mit der wichtigen Rolle von Akteuren haben sich seither mehrere Ansätze beschäftigt, die Foucaults Diskurstheorie weitergedenken. Laut Reiner Keller vollzieht sich der Diskurs „im praktischen Handeln sozialer Akteure“. Marian Füssel und Tim Neu identifizierten in den Akteuren sogar das von Foucault sogenannte „Interface“ zwischen Wissen und Macht, das Foucault als Motor diskursiven Wandels ausgemacht, aber nie genauer benannt hat. Vgl. Reiner Keller, Wissenssoziologische Diskursanalyse. Grundlegung eines Forschungsprogramms, Wiesbaden 2008, S. 146; Marian Füssel / Tim Neu, Doing Discourse. Diskursiver Wandel aus praxeologischer Perspektive, in: Achim Landwehr (Hrsg.), Diskursiver Wandel, Wiesbaden 2010, S. 220–224.
[7] Gerade die aufkommende iatrochemische Medizin lehnte sich stark am empirischen Wissen der sogenannten „Laien“ an, griff also ausdrücklich die medizinische Alltagspraxis jenseits der Gelehrtenmedizin auf. Vgl. Jutta Wimmler, The Sun King’s Atlantic. Drugs, Demons and Dyestuffs in the Atlantic World, 1640–1730, Leiden/Boston 2017, S. 100–127.
[8] Die Rückwirkungen europäischer Expansion auf Europa wurden in den letzten Jahren verstärkt in den Blick genommen. Auf die Notwendigkeit, auch die „Rückwirkungen der frühneuzeitlichen Globalisierung auf den Prozeß [sic] der Staatenformierung“ zu erforschen, hat bereits Reinhard Blänkner verwiesen. Z.B. Reinhard Blänkner, „Absolutismus“. Eine begriffsgeschichtliche Studie zur politischen Theorie und zur Geschichtswissenschaft in Deutschland, 1830–1870, Frankfurt am Main u.a. 2011, S. XXI–XXII.
[9] Eine Ausnahme bildet der Vortrag von Fabian Fechner in der Sektion „Local Knowledge as a Non-Residual Category in Early Modern Latin America, Europe, Africa, and the Ottoman Empire“.
[10] Diese Frage ist keineswegs neu. Vgl. dazu Nicholas Canny, Atlantic History and Global History, in: Jack P. Greene und Philip D. Morgan, Atlantic History. A Critical Appraisal, Oxford/ New York 2009, S. 317–336.

Zitation
Historikertag 2018: Frühe Neuzeit, in: H-Soz-Kult, 04.12.2018, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-4642>.
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Veröffentlicht am
04.12.2018
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