Schweizerische Geschichtstage 2019: Mittelalter

Von
Linda Eichenberger, Historisches Seminar, Universität Zürich

Reichtum. 5 Schweizerische Geschichtstage. Querschnittsbericht Mittelalter

Besprochene Sektionen:

Keynote Lecture: Joel Kaye (Columbia University): From Marketplace to Cosmos: The Emergence of a New Model of Balance and its Impact on Thought, 1250–1375

Panorama: Is history lost in time? Reconsidering long term narratives in research and teaching

Materielle und immaterielle Ressourcen der Herrschaft im Burgund des 11. Jahrhunderts

Materieller Reichtum in christlichen Frauenklöstern und -stiften im mittelalterlichen Europa

Viele Frauen haben. Praktiken und Politiken der Polygynie im Vergleich

Precious Gifts? Der Wert von Geschenken und das Problem mit der Zirkulation

Reich durch Ämter (15.–21. Jhd.). Ämterbewirtschaftung zwischen Ressource und Korruption

Soziale Aspekte der früh- und vormodernen Vermögensstrafe

Während der 5. Schweizerischen Geschichtstage zum Thema „Reichtum“ befassten sich mehrere Panels, Panoramen und Podiumsgespräche sowie die Keynote Lecture von Joel Kaye mit der Geschichte des Mittelalters, von denen im Folgenden wegen zeitlicher Überschneidungen nur eine Auswahl vorgestellt werden kann.

JOEL KAYE (Columbia University) widmete sich in seiner Keynote Lecture, die thematisch an seine 2014 veröffentlichte Monographie anschloss, der Entstehung und dem Wandel eines neuen Konzeptes von aequalitas bzw. Equilibrium, also einer dem mittelalterlichen Denken zugrundeliegenden Idealvorstellung von Ordnung und Gleichgewicht, im Zeitraum zwischen 1250 und 1375. Dieser Wandel, der einen entscheidenden Bruch mit der eigenen intellektuellen Vergangenheit bedeutete, wurde dabei an zehn Merkmalen festgemacht, die eine Verschiebung hin zu einem eher dynamischen, fluiden und flexibleren Verständnis von aequalitas und einen sogenannten „neuen Relativismus“ verdeutlichen. Ausschlaggebend dafür seien in erster Linie wirtschaftliche Entwicklungen, insbesondere die Veränderung ökonomischer Austauschprozesse, die Kommerzialisierung und Urbanisierung und die damit verbundene zunehmende Komplexität und Instabilität des Marktes, sowie eine veränderte Einstellung der Scholastik gegenüber Profit und Kapitalakkumulierung gewesen, womit ideengeschichtliche Tendenzen unmittelbar mit wirtschaftlichen Faktoren in Beziehung gesetzt wurden. Dieses entstehende, fluidere Verständnis von Equilibrium hätte aufgrund der Zentralität dieses Konzepts für das mittelalterliche Verständnis der Welt wiederum neue Denkweisen und -formen in theologischen, rechtlichen, medizinischen, ethischen und naturwissenschaftlichen Diskursen ermöglicht und damit die Grundlage für die modernen Wissenschaften gelegt – eine These, die in der anschließenden Diskussion vor dem Hintergrund gegenwärtiger Kritik an teleologischen Konzepten in der Geschichtswissenschaft durchaus auf Vorbehalte stieß. Im Gegensatz zu bisherigen Forschungen, die das Konzept der aequalitas oft unhinterfragt in einem stark essentialistischen Verständnis verwendet hätten, unterstrich Kaye erstens das historische Wachstum des Konzeptes von Equilibrium, zweitens die Notwendigkeit von dessen Einbettung in seine jeweiligen wirtschaftlichen und ideengeschichtlichen Kontexte sowie drittens die enge Verflechtung verschiedener intellektueller Sphären im Mittelalter.

Das von Simon Teuscher (Universität Zürich) geleitete Podium mit den Diskutanten Antonella Romano (École des hautes études en sciences sociales), Jeremy Davies (University of Leeds), Myriam Spörri (Kantonsschule Zürich Nord) und David Gugerli (ETH Zürich) widmete sich der Problematik von Zeitlichkeit und langfristigen Narrativen in der Beschäftigung mit Geschichte in Forschung und Lehre, die sich auch in der mittelalterlichen Geschichte beispielsweise angesichts der Frage zeitlicher Ein- und Abgrenzungen und somit Zuständigkeiten durch Epochengrenzen unmittelbar stellt. Als Ausgangspunkt diente die Diagnose einer gegenwärtigen Verwirrung in Bezug auf Zeit, Zeitlichkeit, Periodisierungen und Perspektivität vor dem Hintergrund der Infragestellung und Dekonstruktion zeitlicher Kategorisierungen, räumlicher Fokussierungen und somit einer eurozentrischen Geschichtsschreibung durch eine post-koloniale, -moderne und -strukturalistische Kritik in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Diese Dynamisierung historiographischer Praxis biete dabei einerseits die Vorteile der Befreiung von totalisierenden Konzepten und teleologischen Gerüsten, birgt aber andererseits die Gefahr kurzfristiger Betrachtungsweisen.

ANTONELLA ROMANO (Paris) unterstrich zunächst die Dringlichkeit, Zeit und Zeitlichkeit in der Geschichtswissenschaft zu thematisieren. Dies sei unmittelbar verbunden mit der Frage nach Raum sowie einer Bewusstmachung der jeweiligen Perspektive, aus der Geschichte betrieben wird. Im Gegensatz zu gegenwärtigen Vorstellungen sei Zeit kein universales Konzept, sondern werde sowohl in verschiedenen historischen (zeitlichen und räumlichen) Kontexten als auch in verschiedenen, durch Sprachgrenzen definierten, Teilbereichen und Traditionen der Geschichtswissenschaft divers und heterogen verstanden und entsprechend strukturiert. Die gegenwärtige Orientierungslosigkeit in Bezug auf Konzepte von Zeitlichkeit biete dabei einen fruchtbaren Ausgangspunkt der fortlaufenden und notwendigen Reflexion und Neubetrachtung. JEREMY DAVIES (Leeds) erörterte die Frage des Verhältnisses von langfristigen und kurzfristigen Perspektiven und Narrativen in der Geschichtswissenschaft anhand seiner Ausführungen zum Anthropozän, derjenigen Epoche, die vom Eingriff der menschlichen agency in die verschiedenen Dynamiken des Planeten Erde geprägt ist. Vor dem Hintergrund aktueller Klimadebatten biete der aus der Geologie stammende Begriff des Anthropozäns ein attraktives, an geologische und somit langfristige Dimensionen anschließendes Konzept, um u. a. die gegenwärtige Umweltkatastrophe im Kontext einer deep history zu verorten. Somit eröffne das Konzept die Gelegenheit, Zeitlichkeit und historiographische Periodisierungen neu zu denken, stelle die Geschichtswissenschaft aber auch vor neue Herausforderungen. In der folgenden Debatte wurde dabei insbesondere die gängige, eine gewisse polemische Argumentationskraft aufweisende Dichotomie in ein stabiles Holozän und ein instabiles Anthropozän problematisiert sowie die Frage diskutiert, inwiefern auch das Anthropozän ein von westlich-europäischen Kontexten geprägter Zugang sei. MYRIAM SPÖRRI (Zürich) hingegen schloss an ihre Unterrichtspraxis in einem Zürcher Gymnasium an und schilderte die Zeit- und Ressourcenknappheit, was trotz der poststrukturalistischen und postmodernen Kritik an übergreifenden Narrativen irgendeine Form des Ordnungs- und Gliederungsprinzips erfordere. Der daraus resultierende Fokus auf ereignisgeschichtliche Zusammenhänge sowie auf aus europäischer Perspektive konstruierten Epochen stelle verstärkt die Frage, wie Geschichte weniger eurozentrisch, aber dennoch übersichtlich unterrichtet werden könne. Betont wurde dabei u. a. die Notwendigkeit, die verwendeten Ordnungsmuster und Narrative als grundsätzlich problematisier- und diskutierbar und somit historisierbar vorzustellen. DAVID GUGERLI (Zürich) schilderte im Anschluss an seine Forschungen zur modernsten Technikgeschichte den Zusammenhang von Technologiegeschichte und der Geschichte der Technologiegeschichte: So hätte erst die Entwicklung von Computern und die Entstehung der Informatik die zunehmende, von der traditionellen Geschichtswissenschaft aber lange Zeit marginalisierte Erforschung und Dokumentation ihrer Geschichte erfordert. Die digitale Welle hat gewissermaßen ihre eigene Zeitlichkeit erst geschaffen und dies in durchaus widersprüchlichen, sich fortlaufend ändernden Narrativen. Der technologiehistorische Input unterstrich dabei die enge Verwobenheit von Untersuchungsgegenstand, forschungsgeschichtlichen Narrativen sowie der nachträglichen Konstruktion von Zeitlichkeit. Die Problematik der Zeitlichkeit konnte das Podiumsgespräch zwar nicht abschliessend klären, es muss insgesamt aber als Plädoyer für eine selbstreflexive, multi-perspektivische und multi-zentrische Geschichtsschreibung verstanden werden, die sich Asymmetrien bewusst ist und nicht nur in Bezug auf die Frage von Zeitlichkeit nicht-europäische bzw. nicht-westliche Perspektiven für die (Re-)Konstruktion von Komplexität berücksichtigt.

Das von Jessika Nowak (Universität Basel) und Johannes Luther (Universität Zürich) organisierte Panel näherte sich dem Thema Reichtum anhand der Frage nach materiellen und immateriellen Ressourcen der Herrschaft im Burgund des 11. Jahrhunderts an, worunter insbesondere persönliche Netzwerke, Akteursbeziehungen und Parteinahmen verstanden wurden. LISA KLOCKE (Bochum) widmete sich der Integration Burgunds ins römisch-deutsche Reich nach dem Ende der Rudolfingerherrschaft und somit der zunehmenden Durchdringung des burgundischen Raumes durch die Salier. Am Beispiel der (Erz-)Bistümer Basel und Besançon wurde aufgezeigt, wie Konrad II. und sein Nachfolger Heinrich III. durch die bewusste, allerdings noch flächendenkender zu analysierende Investitur von Bischöfen neue Netzwerke etablierten, um Burgund ans Reich zu binden. Auf diese Weise konnten die Salier ihren Machtbereich anhand des burgundischen Episkopats erweitern, womit Herrschaftsraum als Beziehungsraum konzeptualisiert wurde. Daran schloss JOHANNES LUTHER (Zürich) mit seinen Ausführungen zur Rolle der burgundischen Bischöfe während des Investiturstreits, einer konfliktreichen Zeit des Ringens zwischen regnum und sacerdotium um die rechte Ordnung in der Welt, an. Das burgundische Episkopat wurde dabei anhand von Burchard von Lausanne, der als Unterstützer und Ratgeber im Umfeld Kaiser Heinrichs IV. einzuordnen ist, und Guido von Vienne, päpstlicher Legat und später Papst Calixt II., zentraler Akteur im Kontext eines franko-burgundischen Reformnetzwerkes und somit Aushängeschild der päpstlichen Reformbewegung in Burgund, im Spannungsfeld von Reformpapsttum und Kaisertum verortet. Auf diese Weise wurden die ausschlaggebenden Konsequenzen der Parteinahme burgundischer Bischöfe aufgezeigt, was das Verständnis von Reichtum an persönlichen Beziehungen als Herrschaftsressource unterstrich. In seinem Kommentar thematisierte JAN RÜDIGER (Basel) am Beispiel des diesjährigen, aus historisch-kritischer Perspektive durchaus problematischen 1000-jährigen Jubiläums des Basler Münsters die übergeordnete Problematik, wie in der Geschichtswissenschaft aus einer Konjektur ein Fakt werden kann. In der deutschen Mediävistik äußere sich dies u. a. in der normativen Vorstellung, dass gute Herrschaft jeweils als starke Herrschaft konzeptualisiert werde, was Terminologien wie „herrschaftlich durchdringen“ vorführen würden. Er regte dazu an, Macht und konsensuale Herrschaft nicht als Gegenüberstellung zu sehen und das Zusammenwirken verschiedener Kräfte als grundlegendes Merkmal mittelalterlicher Herrschaft zu betrachten.

Auf einer verstärkt materiellen Ebene von Reichtum argumentierte das von Claudia Sutter (Zürich) und Stefan Sonderegger (St. Gallen) zusammengestellte Panel zum Reichtum christlicher Frauenklöster und -stifte im mittelalterlichen Europa. Frauenklöster wurden dabei nicht als geistliche, weltabgewandte Institutionen thematisiert, sondern in erster Linie als Großhaushalte, die für ihr Fortbestehen auf flüssige Mittel angewiesen waren, Boden und Lehen verwalteten, Abgaben und unter Umständen Stiftungen entgegennahmen, Waren produzierten, Handel trieben und Geld verliehen, was eine ausgefeilte schriftliche Verwaltung erforderte. YVONNE ARRAS (Balingen) widmete sich in ihrem Referat am Beispiel des Klosters Kirchberg bei Sulz am Neckar der Frage, inwiefern sorgfältig, stringent und vorausschauend verwaltete Klosterarchive als Wohlstandsgaranten dienen konnten. Insbesondere die vor dem Hintergrund der Unruhen in vorreformatorischer Zeit getroffenen Vorkehrungen zur Sicherung des Archivgutes durch Auslagerung unterstreichen einerseits die Bedeutung der Archivalien sowie deren sorgfältiger Verwaltung im Hinblick auf den materiellen Wohlstand des Klosters, andererseits die Autorität der Dokumente, die das Weiterbestehen des Klosters mit garantierten. CLAUDIA SUTTER (Zürich) wiederum analysierte anhand des Konventsbuches des St. Katharinenklosters in St. Gallen den gezielten Erwerb von Rebbergen ab dem 15. Jahrhundert und den damit verbundenen Anbau, Konsum und Verkauf von Wein. Anhand der ausgewerteten Daten konnte aufgezeigt werden, dass es sich dabei faktisch um ein Verlustgeschäft handelte, was allerdings vor dem Hintergrund der sonstigen wirtschaftlichen Tätigkeit des Klosters sowie der Frage nach Reichtum nur marginal reflektiert und eingeordnet wurde.

JAN RÜDIGER (Basel) begann das von ihm organisierte Panel zu Polygynie bzw. Frauenreichtum mit der Feststellung, dass in einer von ungleicher Ressourcenverteilung geprägten Welt lediglich im Bereich der Paarbildung nach wie vor die Vorstellung einer ausgeglichenen Verteilung nach dem Ideal des Apostels Paulus sowie des Kirchenlehrer Augustinus vorherrsche. Das Panel nahm sich deshalb zur Aufgabe, die auf diesem Gebiet prägende These von Jack Goody zur Entstehung des monogamen Europa ab dem römischen Reich mit einem empirischen Blick auf „periphere“ Regionen des mittelalterlichen Europas zu prüfen und relativieren sowie nach den Kontexten und dem Nutzen von Polygynie zu fragen. MARIA TRANTER (Basel) erörterte die Frage, ob eine Ehe mit mehreren Frauen im England des 11. Jahrhunderts akzeptiert oder lediglich eine Fortführung skandinavischer Praxis gewesen sei. Die Heiratspraxis des dänischen, später zudem angelsächsischen Königs Knut, der nach der Eroberung Englands zusätzlich zu seiner bereits kinderreichen Ehe mit Ælfgifu die Witwe des angelsächsischen Königs Æthelred, Emma, zur Frau nahm, konnte dabei vor dem widersprüchlichen Überlieferungshintergrund sowie Unklarheiten über die genaue Rolle Ælfgifus am Königshof nach der erneuten Eheschließung nicht abschließend beurteilt werden. Die Ausführungen verdeutlichten aber die politische Motivation der Polygynie, u. a. die Verbindung mit einer einflussreichen Adelsfamilie durch die erste Ehefrau sowie die Repräsentation von Kontinuität durch die zweite Ehefrau. Dass Knuts Söhne aus der ersten Ehe bei dessen Nachfolge eine durchaus gleichberechtigte Rolle einnahmen, legt nahe, dass Polygynie im England des 11. Jahrhunderts wohl nicht derart verbreitet war wie in Skandinavien, aber dennoch üblicher als es das kirchliche Ideal verlangte. VYTAUTAS VOLUNGEVIČIUS (Vilnius) befasste sich mit dem östlichen Ostseeraum im 13. Jahrhundert und der Frage, wie weit Polygynie in diesem Gebiet vor der Christianisierung verbreitet und üblich war. Frauenreichtum wurde dabei im Spannungsfeld von „herkömmlichen“ und christlichen Glaubensformen verortet, wobei insbesondere die Problematik zu berücksichtigen sei, dass polygyne Praktiken lediglich aufgrund der weitestgehend einseitigen, aber dennoch sehr widersprüchlichen Überlieferungslage aus christlicher Perspektive an die preußischen Stämme herangetragen worden sein könnten. Der Christburger Friedensvertrag von 1249 legt allerdings nahe, dass verschiedene polygyne Praktiken im Ostseeraum existierten und untrennbar mit Fragen des Eigentums und der Erbschaft verknüpft waren. KERSTIN HITZBLECKS (Basel) Kommentar betonte die Attraktivität des Begriffes der Polygynie, da er, im Gegensatz zu dem aus klerikalen Kontexten stammenden Terminus des Konkubinats, weitestgehend wertfrei sei und verschiedene Praktiken des Frauenreichtums subsumiere. Außerdem sei Polygynie nicht als Gegenüberstellung zur Monogamie zu verstehen, da sich je nach historischem Kontext die beiden Konzepte nicht notwendigerweise ausgeschlossen haben, sondern in ein Spektrum verschiedener Beziehungsformen einzuordnen sind. Allerdings sei es notwendig, den Begriff weiter zu schärfen, um die spezifische Rolle der Polygynie im Kontext von Machterhalt sowie Erbschafts- und Eigentumsfragen hervorzuheben. Beide Referate hätten sich darüber hinaus einer Übergangsphase von vorchristlichen zu christlichen Kontexten und somit einem langsamen Verschwinden polygyner Praktiken gewidmet, wobei eine zunehmende Durchsetzung des kirchlichen Normengerüstes mit dem Bedürfnis nach Dynastiebildung einherging. Dennoch verschwanden alternative Beziehungsformen entgegen dem kirchlichen Ideal nie vollständig und bieten deshalb einen Ausgangspunkt zur Analyse gesellschaftlicher, politischer, juristischer und/oder wirtschaftlicher Aspekte im Mittelalter.

Das von Isabelle Schürch (Universität Bern) und Birgit Tremml-Werner (Universität Zürich) organisierte Panel knüpfte an im Kontext aktueller globalhistorischer und transkultureller Ansätze prominente Diskurse von Schenken und Zirkulation an. So erlaubt die Analyse historischer Geschenkgaben einen Einblick in die Zirkulations- und Diplomatiegeschichte sowie in symbolische Kommunikationsformen und Kulturkontakte. Insbesondere sollte das Panel aber das Zirkulationskonzept durch einen Fokus auf eine mögliche Werttransformation, -generierung oder -diffusion der Gaben kritisch prüfen, indem die Perspektiven der verschiedenen Akteure des Austausches von Geschenken berücksichtigt wurden. ANDREAS OBENAUS (Wien) unterschied in seinem Vortrag zu interkulturellen diplomatischen Geschenkpraktiken zwischen Al-Andalus, Byzanz und lateinisch-christlichen Mächten im 10. Jahrhundert anhand von Fallbeispielen erwünschte bzw. bestellte Geschenke, Standardgeschenke sowie kränkende bzw. wertlose Gaben. Auf diese Weise wurde die breite Palette an Gesandtschaftspräsenten unterstrichen. ISABELLE SCHÜRCH (Bern) behandelte in ihrem Referat den spanisch-mesoamerikanischen Kulturkontakt mit besonderem Fokus auf die Frage nach unmöglichen Geschenken und somit Zirkulationsirritationen. Vor dem Hintergrund der Einseitigkeit der Quellen mit ihren spezifischen Eroberungsnarrativen, die bis in die aktuelle Geschichtswissenschaft nachwirken, griff sie in erster Linie auf bildliche Quellen zurück, um die nicht-spanische Perspektive dieses Austausches zu dokumentieren. Anhand bemalter Leinentücher wurde aufgezeigt, dass Pferde, ein aus spanischer Perspektive eigentlich gängiges Geschenk, im Kontakt mit mesoamerikanischen Kulturen nicht funktionierten, da diese Pferde weder kannten noch zu nutzen wussten. Durch die Integration der Frage nach durchaus kontext- und perspektivespezifischen Wertzuschreibungsprozessen wurden gängige Ansätze zu Zirkulationsprozessen herausgefordert und relativiert. Auch BIRGIT TREMML-WERNER (Zürich) widmete sich Formen der Wertdiffusion und -transformation im Kontext interkultureller Geschenkpraxis anhand der Außenbeziehungen Japans an der Wende zum 17. Jahrhundert. Sowohl das Entsenden eines Elefanten aus Manila, dessen Unterhalt seinen Empfänger durchaus materiell belastete, als auch eine dem japanischen Shogun überreichte Uhr, die allerdings aufgrund unterschiedlicher Zeitmessungspraktiken nicht in ihrem ursprünglichen Zweck verwendet werden konnte, wurden die Grenzen des Zirkulationsmodells aufgezeigt. Dass ältere Paradigmen des Gabentausches und der Zirkulation, beispielsweise nach Marcel Mauss, im Kontext von interkultureller Diplomatie nicht funktionieren, betonte auch MICHAEL JUCKER (Luzern) in seinem Kommentar. Vielmehr könnten Geschenke missverstanden werden, enttäuschen oder im jeweils anderen Kontext nicht funktionieren, was die Notwendigkeit der Berücksichtigung von Übersetzungsprozessen, Werttransformationen und -diffusionen sowie der jeweiligen Objektgeschichte unterstreicht.

Da das von Nathalie Büsser (Universität Zürich) und Simona Slanicka (Universität Bern) zusammengestellte Panel zum Verhältnis von Ämterbewirtschaftung und Reichtum den Fokus auf den frühneuzeitlichen bzw. modernen Staat legte, wird es an dieser Stelle nur kurz zusammengefasst. Anhand von drei Beispielen – UELI MÄDER (Basel) zur modernen Schweiz, DORIT RAINES (Venedig) zum Interessenskonflikt zwischen Kollektiv und Individuum im Venedig des 17. Jahrhunderts und STEFAN BRAKENSIEK (Duisburg-Essen) zu Amtsträgern im territorialen Staatsbildungsprozess des Alten Reiches – wurde die Frage ins Zentrum gerückt, ob Reichtum nach Max Weber nur Voraussetzung oder aber auch Folge von amtlicher Tätigkeit sein kann. Die einzelnen Vorträge sowie der Kommentar von JON MATHIEU (Luzern) unterstrichen dabei die Einseitigkeit des Weberschen Ansatzes und boten darüber hinaus einen Einblick in vor dem Hintergrund von Korruption und Korruptionsdiskursen deutlich werdenden kulturellen Normen.

Das von Lukas-Daniel Barwitzki (Universität Zürich) und Miriam Bastian (Universität Zürich) organisierte Panel nahm sich zur Aufgabe, die Vermögensstrafe im transepochalen Vergleich nicht anhand juristischer und ökonomischer Faktoren in Bezug auf den individuellen Delinquenten zu analysieren, sondern den Blick auf die Konsequenzen der Strafe für das soziale Umfeld des Delinquenten, sei es Familie, Freunde, das politische Netzwerk oder finanziell abhängige Gruppen, zu legen. Dies klärte LUKAS-DANIEL BARWITZKI (Zürich) in seiner Paneleinführung und warf gleichzeitig anhand der Lex salica, dem Lehenswesen sowie der Praxis der Stadtverbannung einige Schlaglichter auf mittelalterliche Kontexte. MIRIAM BASTIAN (Zürich) analysierte die Konsequenzen hoher finanzieller Strafen für die Nachkommen eines Delinquenten im römischen Reich vom 1. –3. Jahrhundert und zeigte das vorherrschende Spannungsfeld rechtlicher Regeln einerseits und Praxis andererseits auf. So sollte von Rechts wegen das Vermögen eines Majestätsverbrechers vollständig eingezogen und unter den Anklägern und dem Fiskus aufgeteilt werden – ein attraktives Mittel, um politische Gegner auszuschalten –, die rechtliche Praxis zeigt aber, dass zuweilen große Teile des eingezogenen Vermögens an die Nachkommen des Delinquenten ausgezahlt wurden. Die effektive Höhe oblag dabei dem urteilsverkündenden Organ, weshalb die Konsequenzen für das soziale Netzwerk, was u. a. am Karriereerfolg der Nachkommen gemessen wurde, durchaus unterschiedlich ausfallen konnten. Die auf einer breiten Quellenbasis basierenden Auswertung konnte darüber hinaus eine Entwicklung nachzeichnen, wobei sich Verurteilungen erst ab dem 2. Jahrhundert zunehmend karrierezerstörend für die Nachkommen auswirkten. FABIAN HENGGELER (Zürich) zeigte in seinem Referat auf, dass Vermögensstrafen, die häufigste Form der Bestrafung in alten Eidgenossenschaft, weniger als Bestrafung denn als adäquater Ausgleich zwischen den beteiligten Streitparteien verstanden wurden, die dem Erhalt des sozialen Friedens dienten. Anhand von zwei Beispielen, der Urfehde Rudolf Holzachs sowie der Familienfehde Reding-Schorno, wurden verschiedene Aspekte des komplexen vormodernen Rechtssystems aufgezeigt, in dessen Rahmen den urteilenden Gerichten ein großer Handlungsspielraum eingeräumt wurde. Maßgeblich mitberücksichtigt wurde dabei die finanzielle Situation der Angeklagten und ihres sozialen Umfeldes, um deren drohende Verarmung zu verhindern. Einen verstärkt rechtshistorischen Blick auf das Thema brachte THOMAS LAU (Fribourg) in seinem Kommentar ein, indem er den Fokus auf das soziale Umfeld der Delinquenten als spezifisch historischen Ansatz diagnostizierte, der in der Rechtsgeschichte lediglich marginal thematisiert werde. Insofern konnte das Panel die Attraktivität und Relevanz von Vermögensstrafen für die Analyse sozialer und machtpolitischer Aspekte im transepochalen Vergleich aufzeigen.

Insgesamt boten die 5. Schweizerischen Geschichtstage aus mediävistischer Perspektive einen abwechslungsreichen Einblick in das Tagungsthema. Indem „Reichtum“ nicht nur in seiner unmittelbaren materiellen Ausprägung konzeptualisiert wurde, unterstrich die Konferenz den Facettenreichtum der Thematik sowie deren Bedeutung für unterschiedlichste Kontexte und Aspekte der mittelalterlichen Geschichte und regt somit zur weiteren Beschäftigung an.

Konferenzübersicht:
Keynote Lecture

Joel Kaye (Columbia University): From Marketplace to Cosmos: The Emergence of a New Model of Balance and its Impact on Thought, 1250–1375

Panorama: Is history lost in time? Reconsidering long term narratives in research and teaching
Moderation: Simon Teuscher (Universität Zürich)

Diskussion: Antonella Romano (École des hautes études en sciences sociales) / Jeremy Davies (University of Leeds) / Myriam Spörri (Kantonsschule Zürich Nord) / David Gugerli (ETH Zürich)

Podium: Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von Reichtum
Moderation: Monika Dommann (Universität Zürich)

Diskussion: Brooke Harrington (Dartmouth College) / Alexander Honold (Universität Basel) / Carola Jäggi (Universität Zürich)

Panel: Teuer – teurer – unbezahlbar: Kommunaler Kirchenbau im späteren Mittelalter

Gerald Schwedler (Universität Zürich) / Richard Nemec (Universität Bern): Teuer – teurer – unbezahlbar: Kommunaler Kirchenbau im späteren Mittelalter – Zur Einführung

Thomas Lentes (Universität Münster): Stadt, Pfarrei und Frömmigkeit in der Vormoderne – 500 Jahre St. Dionysius zu Rheine

Daniel Parello (Corpus Vitrearum Medii Aevi): Der Beitrag bürgerlicher Fensterstiftungen an der Ausstattung spätmittelalterlicher Kirchenbauten

Panel: Le partage des biens dans les communautés chrétiennes de l’Antiquité tardive: entre idéal et réalité (Occident latin, 4e-6e s.)

Cristina Soraci (Università degli studi di Catania): Divites e comunione dei beni: ideali e realtà nelle fonti letterarie ed epigrafiche (IV-VI sec.)

Martin Roch (Université de Genève): Richesse et pauvreté chez Salvien de Marseille (5e siècle), entre devoirs des individus et idéal ecclésial

Mathieu Caesar (Université de Genève): Kommentar

Panel: Materielle und immaterielle Ressourcen der Herrschaft im Burgund des 11. Jahrhunderts

Jessika Nowak (Universtität Basel): Das vertraute Fremde. Versuch einer Binnenperspektive auf das Königtum des letzten Rudolfingers

Lisa Klocke (Ruhr-Universität Bochum): Burgund, die Salier und das Reich – Eine Netzwerkanalyse zur Integration Burgunds in das Reich anhand burgundischer Bistümer

Johannes Luther (Universität Zürich): Garanten der Herrschaft? Die Rolle burgundischer Bischöfe in der Zeit des Investiturstreits

Jan Rüdiger (Universität Basel): Kommentar

Panel: Materieller Reichtum in christlichen Frauenklöstern und -stiften im mittelalterlichen Europa

Yvonne Arras (Stadtarchiv Balingen): Klosterarchive als Wohlstandsgaranten. Wie die historische Überlieferung Nonnenkonventen materiellen Reichtum bescheren konnte

Anne Diekjobst (Universität Kiel): Reichtum als gesellschaftliches Integrationsmedium. Oder: Wenn Nonnen wirtschaften

Claudia Sutter (Universität Zürich): In vino divitiae ac potestas? Nonnen und ihre Rebberge

Panel: Viele Frauen haben. Praktiken und Politiken der Polygynie im Vergleich

Maria Tranter (Universität Basel): Zwei Frauen und ein Königreich: die ehelichen und politischen Beziehungen Knut des Grossen im Kontext angelsächsischer Kultur

Vytautas Volungevičius (Vilniaus universitetas): Frauen, Eigentum und Reichtum im Spannungsverhältnis zwischen herkömmlichen Glaubensnormen und Christentum im östlichen Ostseeraum

Kerstin Hitzbleck (Universität Basel): Kommentar

Panel: Fund-reich?

Matthias Grawehr (Universität Basel): Bilder für Arm und Reich? Römische Grabfunde als methodischer Testfall

Elias Flatscher (Universität Zürich): Pecunia (non) olet. Latrinenarchäologie – Die schmutzige Seite des Reichtums

Lotti Frascoli (Universität Zürich) / Michael Nadig (Universität Zürich): Reichtum im Seewasser. Wohlstand in Zürich vor 1542 im archäologisch-historischen Methodenvergleich

Panel: Precious Gifts? Der Wert von Geschenken und das Problem mit der Zirkulation

Birgit Tremml-Werner (Universität Zürich): Trans-ozeanische diplomatische Geschenke und Wissenszirkulation um 1600

Andreas Obenaus (Universität Wien): Für Kalifen, Kaiser, Könige… – Interkulturelle diplomatische Geschenkpraktiken zwischen Al-Andalus, Byzanz und lateinisch-christlichen Mächten im 10. Jahrhundert

Isabelle Schürch (Universität Bern): Unmögliche Geschenke: Spanisch-mesoamerikanische Zirkulationsirritationen um 1500

Michael Jucker (Universität Luzern): Kommentar

Panel: Reich durch Ämter (15.–21. Jhd.). Ämterbewirtschaftung zwischen Ressource und Korruption

Ueli Mäder (Universität Basel): Reich durch Ämter – und umgekehrt

Dorit Raines (Università Ca' Foscari Venezia): Wealth accumulation, office holding and service to the State – the Venetian governing elite and Republican virtue in the early-modern period

Stefan Brakensiek (Universität Duisburg-Essen): Mitunternehmerschaft. Amtsträger im territorialen Staatsbildungsprozess des Alten Reichs

Jon Mathieu (Universität Luzern): Kommentar

Panel: Soziale Aspekte der früh- und vormodernen Vermögensstrafe

Lukas-Daniel Barwitzki (Universität Zürich): Das „Soziale“ und die „Strafe“ – Einführung in das Panel

Miriam Bastian (Universität Zürich): Existentielle Vermögensstrafen im Römischen Reich. Folgen für Macht und Reichtum des sozialen Umfelds

Fabian Henggeler (Universität Zürich): Die Vermögensstrafe in der Rechtspraxis der alteidgenössischen Länderorte

Thomas Lau (Université de Fribourg): Kommentar

Panel: Staatsdiener: Rollenverständnis und gesellschaftliche Ressourcenverteilung im epochenübergreifenden Vergleich

Sarina Kuersteiner (Columbia University): Notaries as Harmonizers of Desire: Poetry, Music, Sacrality and Financial Gain in medieval Bologna (ca. 1280-ca. 1330)

Nathalie Büsser (Universität Zürich): Die Patrimonialisierung der kommunalen Ämter in der vormodernen Eidgenossenschaft

Ruben Hackler (Universität Zürich): Netzwerke als Ressource: Strategien der Kapitalakkumulation von Richtern im Kaiserreich und in der Weimarer Republik

Mischa Suter (Universität Basel): Kommentar

Zitation
Schweizerische Geschichtstage 2019: Mittelalter, in: H-Soz-Kult, 03.08.2019, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-4820>.
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Veröffentlicht am
03.08.2019
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