Cover
Titel
Archiv der Gegenwart 1931-1997.


Herausgeber
Siedler & Co Verlag
Erschienen
Anzahl Seiten
Preis
980.00 DM
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Boehler, Ingrid, Institut fuer Zeitgeschichte, Universitaet Innsbruck

Problematische Adaptierung
1. Die "Papier-Variante"
Das Archiv der Gegenwart (AdG) dokumentiert seit 1931 wichtige Begebenheiten aus Politik und Wirtschaft auf der ganzen Welt. In Form einer Zeitschrift mit derzeit zwoelf Heften pro Jahr enthaelt es Artikel, die in chronologischer Reihenfolge ueber die verschiedenen Ereignisse berichten. Bei diesen Beitraegen handelt es sich um Kompilationen, die auf der Auswertung der internationalen Presse, auch zahlreicher Informationsdienste etc. beruhen. Mit Herkunftsangaben versehen, wird der Inhalt dieser Quellen zu einem bestimmten Thema ohne Stellungnahmen oder Kommentare durch die Redaktion wiedergegeben. Querverweise im Text fuehren zu Berichten zum selben Thema in frueheren Heften. Ausserdem hilft ein ausfuehrliches Sach- und Personenregister fuer jeweils ein Kalenderjahr dem Benutzer, die ungeheuer grosse Fuelle an Informationen zu erschliessen. Das AdG vereint die Eigenschaften eines Nachschlagewerks mit jenen einer Quellensammlung, denn Vertraege, Proklamationen, Reden fuehrender Persoenlichkeiten oder Presseerklaerungen finden sich haeufig im Wortlaut abgedruckt. Fuer Historiker aus den diplomatie- oder wirtschaftsgeschichtlichen Fachrichtungen und fuer Politologen stellt das AdG somit bei vielen Fragen eine reichhaltige "Fundgrube" dar, der Wert seines Inhalts steht ausser Frage.

2. Die CD-ROM
Ohne Zweifel wird durch die Digitalisierung die Arbeit mit dem AdG in mancher Hinsicht erleichtert, schliesslich muessen die in dicke "Waelzer" gebundenen Jahrgaenge nicht mehr einzeln aus den Bibliotheken herbeigeschleppt oder die gefundenen Informationen abgetippt werden. Bevor man aber in den Genuss dieser Vorteile kommt, ist die erste Huerde der Installation zu absolvieren. Ein kleines, zwanzig Seiten duennes Heftchen, das sich ausser der CD-ROM in der Verpackungsschachtel findet, erklaert, wie es gehen sollte. Getestet wurde auf den Plattformen Windows 95 und NT sowie Macintosh OS.[1] Waehrend bei letzterem Betriebssystem keine Installation notwendig ist und die Anwendung direkt vom CD-ROM-Laufwerk gestartet wird, verheisst das Manual fuer die genannten Windows-Systeme die Ausfuehrung eines Setup-Programms. Entspricht man dieser Anweisung, folgen als "Belohnung" eine Fehlermeldung sowie der Abbruch des Installationsvorganges. Auch mehrere Versuche auf anderen Rechnern machten mich nicht klueger, zumal sich das AdG durch Aufruf der Datei "Adg.exe" anstandslos starten liess. Aus Neugier verschickte ich einen dem Produkt beigefuegten Support-Fragebogen, auf den die lapidare Antwort eintraf: "Sollten Sie die CD das erste Mal benutzen, doppelklicken Sie einfach die Datei 'ADG.EXE' im Unterverzeichnis AdG. Die CD startet dann ganz normal. Der Fehler wird durch die 'Autorun.inf' hervorgerufen, hat aber ueberhaupt keinen Einfluss auf das Laufverhalten des Programmes."

Wer sich nicht mit dieser "Quick and dirty"-Methode zum Starten der CD-ROM abfinden will, kann per Hand eine Verknuepfung auf dem Desktop erstellen. Uebrigens ist dies nicht der einzige Programmierfehler, der gleich beim Einstieg zutage tritt, denn beim Laden der Datenbank geraten in den Meldungsfenstern Woerter und Saetze durcheinander, ein Phaenomen das es bereits bei der Version "1931-1996" gab.

Nachdem dann das sogenannte "Auswahlmenue" auf dem Bildschirm erschienen ist, beginnen die naechsten Probleme, die hier alle aufzuzaehlen muessig waere. Anhand einiger Beispiele moechte ich versuchen, einen Eindruck zu vermitteln. Im Unterschied zum traditionellen Medium fahndet der Neuling auf der CD-ROM vergeblich nach einer "Einleitung" oder Hinweisen zum Aufbau des AdG. Da ist es dann hilfreich, das papierene Original zu kennen, da dessen hierarchische Gliederungsebenen "Datum - Schlagwort - Ueberschrift - Dokument" die Vorlage fuer die Datenbankstruktur bilden und sich daraus der Benutzer die Logik des Datensatzes bzw. der verschiedenen Datenfelder, in denen gesucht werden kann, selber erklaeren muss. Bei den vier Moeglichkeiten der Abfrage handelt es sich um

"Gefuehrte Suche ueber ‚'Rubrik'",
"Gefuehrte Suche ueber 'Hauptueberschrift'",
"Gefuehrte Suche ueber 'Datum'" sowie
die "Komplexe Suche".
Mittels Anwahl des Menuepunktes mit der kryptischen Bezeichnung "Rubrik" kann im Schlagwort-Register geblaettert werden, ueber die zweite Funktion in einem Verzeichnis aller Worte, die in den Dokumenten-Ueberschriften aufscheinen, in der dritten gelangt man von einer Liste der Jahre zu den einzelnen Tagen und nach Aufruf der "Komlexen Suche" erscheint eine Maske auf dem Bildschirm, wo in die Felder "Rubrik", "Ueberschrift", "Volltext", "Datum" und "Seite" Suchbegriffe eingegeben werden koennen. Der Test ergab, dass sich die Bezeichnungen "Ueberschrift" in dieser Maske und "Hauptueberschrift" in der vorhergehenden Oberflaeche auf dasselbe Datenfeld beziehen wie jenes "Unterueberschrift" betitelte im Menuepunkt "Sortieren" und dass das, was hier "Hauptueberschrift" heisst, sonst dem Feld "Rubrik" entspricht!

Verwundert es noch, dass zum verwendeten Datenbanksystem keine "Hilfe" vorhanden ist - wohl aber ein Menuepunkt mit diesem Namen, der uns aber lediglich verraet, dass wir es mit einer File Maker-Applikation (deren Eigenheiten durchaus Fragen aufwerfen) zu tun haben? Das mitgelieferte kleine Handbuch liefert einzig eine Einfuehrung in die Abfrage-Syntax bei der Kombination mehrerer Suchbegriffe. Es leistet wertvolle Dienste, denn in der in der Datenbank anwaehlbaren Liste der zur Verfuegung stehenden Operatoren scheinen gerade die wichtigsten, jene fuer die "AND" und "OR"-Verknuepfungen, nicht auf.

Mit mehr oder weniger Muehe bzw. Irritation, das haengt ganz von den Vorkenntnissen ab, werden die meisten Benutzer schliesslich doch zu den Dokumenten finden, die jene Begriffe enthalten, nach denen gesucht wurde. Wie die gedruckte Ausgabe enthalten die einzelnen Texte numerische Querverweise - leider ohne Hypertext-Funktion, so dass die Ziffern in die Zwischenablage kopiert und dann der Referenz-Datensatz in einem eigenen Arbeitsschritt angesteuert werden muss. Am Ende der Dokumente sind ebenfalls wie im Original die Quellenangaben angefuehrt, im Unterschied zu diesem aber ohne eine Aufschluesselung der zahlreichen Abkuerzungen in einem Verzeichnis, indes: nicht jeder weiss, dass die Bezeichnung "JANA" fuer die libysche Nachrichtenagentur steht.

Die Brauchbarkeit der digitalisierten Fassung des AdG als Nachschlagewerk reduziert sich zudem, weil auf die Aufnahme des Personenregisters, das Namen und Positionen angibt, verzichtet wurde. Schliesslich sei noch als letztes Defizit vermerkt, dass es nicht moeglich ist, mehrere Datensaetze gleichzeitig in das Textverarbeitungsprogramm zu exportieren.

Das AdG als CD-ROM kostet 980,- DM. Durch diesen hohen Preis werden in erster Linie Bibliotheken dieses Produkt kaufen. Angesichts seiner vielen Unzulaenglichkeiten entsteht der Eindruck, dass der Herausgeber versucht, die Aufgabe, den potentiellen Benutzern Hilfestellungen zu leisten oder solide Anleitungen zu verfassen, "auszulagern", d.h. an die Informationsvermittlungsinstitutionen zu delegieren. Aber selbst wenn diese in der Regel ueberlasteten Einrichtungen dies tun wuerden, koennten sie ihren Kunden den gelegentlichen Weg zum Regal und den Blick in das Original nicht ersparen. Fazit ist, dass dessen hoher editorischer Qualitaetsstandard beim Transfer auf die CD-ROM auf der Strecke blieb. Man haette mit den technischen Moeglichkeiten, die dem neuen Medium zur Verfuegung stehen, mehr aus dem Unternehmen machen koennen.

Anmerkung:
[1] Laut Hersteller-Beschreibung laeuft die Anwendung auch unter Windows 3.x ab der Prozessor-Generation 486/33 MHz und 8 MB RAM.

Redaktion
Veröffentlicht am
25.03.1999
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