"Anstaendige Leute"Moral - Geschlecht - LebensartBRD und DDR zwischen Nachkrieg und Vorwende

"Anstaendige Leute"Moral - Geschlecht - LebensartBRD und DDR zwischen Nachkrieg und Vorwende

Veranstalter
Heinrich Boell Stiftung (Heinrich Boell Stiftung)
Ausrichter
Heinrich Boell Stiftung
Ort
Berlin
Land
Deutschland
Vom - Bis
01.12.2000 - 03.12.2000
Deadline
15.05.2000
Von
Zepp, Marianne

Papers und Beitraege zu den vier beschriebenen Panels koennen bis zum 15. Mai 2000 bei der Adresse zepp@boell.de eingereicht werden.
Wert- und Moralvorstellungen waren in beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften von konstitutiver Bedeutung für die Herausbildung ihrer nationalen Identitaeten. Für vier gesellschaftliche Bereiche sollen die Konzepte und Realisierungen von Anstand und Wohlstand, Konvention und Rebellion, Widerstand und Anpassung, aber auch von Tradition und Fortschritt unter geschlechterdifferenter Perspektive diskutiert werden:
- Verwaltete und gestaltete Räume
- öffentliche und private Räume
- wirtschaftlich-gesellschaftlicher Aufbau und Konsum
- politisches System und politische Bewegungen.
Dabei gehen wir von einer Verschraenkung historischer Leitbildern, politischer Ideen und Steuerungsansprueche mit individuellen Lebenskonzepten sowie individuellen und kollektiven Gegenentwuerfen aus. Politische Ideen und Konzepte sind nicht nur an die moeglichen individuellen Gegenreaktionen gebunden, sondern entwickeln sich in spannungsreicher Beziehung zu ihnen.
Zugleich bleiben die sich in ihnen aeussernden Formen von Anpassung und Konformitaet , ebenso wie die jeweiligen Proteste und Gegenentwuerfe dem verhaftet, was sie zu erneuern beanspruchen bzw. wovon sie sich abzugrenzen glauben. Die Verknuepfung von Ordnung , Subversion, Anpassung und Widerstand soll eine zentrale Blickachse für die vier genannten Themenfelder bilden.
1.Verwaltete und gestaltete Koerper
Koerper sind Schnittstellen der Identitaetsbildung: Schnittstellen zwischen Individuum und Gesellschaft. Ihre Formung, Zurichtung und Codierung erfolgt im Spannungsfeld von normativen Setzungen und subversiven Strategien, die sich zu Leitbildern verdichten, wie z.B. in Vorstellungen: - vom psychischen und physischen Wohlbefinden - vom funktionstuechtigen und leistungsverweigernden Körper(n) - vom "gesunden" und "schoenen" Koerper(n) - von der "richtigen" versus "falschen" , der kontrollierten versus unkontrollierten Sexualitaet.
Die darin verhandelten geschlechtsspezifischen Anweisungen und Konventionen werden von Gruppen oder Individuen affirmativ oder abgrenzend bewaeltigt. Ausgewaehlte Beitraege sollten Bereiche fokussieren, in denen sich entsprechende Leitbilder entfalteten und wirksam wurden (Medizin, Mode, Kunst, Wissenschaft, Politik, Bildung, Medien, Religion usw.).
2. Zwischen Balkon und Promenade
Moralentwuerfe artikulieren sich sowohl im familiaeren oder privaten Binnenraum als auch im oeffentlich organisierten und kontrollierten Stadtraum.
In ihnen wird mittels ideologischer, funktionaler, aesthetischer Formen von Ueberredung und Ueberwaeltigung verhandelt, was Konventionen werden und was Subversion bleiben darf, was "anstaendig" und was "unanstaendig" ist. So z.B. kann der Wohnraum als privater Gegenentwurf zur oeffentlichen Moral interpretiert werden, aber auch als gelungene Uebersetzung oeffentlicher Moral in den privaten Raum. Raeume fungieren als strukturierende Momente für Individuations- und Sozialisationsprozesse. Zu fragen waere, inwieweit diese an der Setzung von Moralcodices beteiligt sind und welche Uebereinkuenfte und Differenzen diesbezueglich in Ost und West auszumachen sind. Als Orte dieser Prozesse koennten verhandelt werden: Wohnzimmer, Shopping Malls, City bis hin zur "privaten" Stadt (z.B. Potsdamer Platz) usw.
3. Anstand und Wohlstand
Für beide Staaten waren die Wirtschaft und der wirtschaftliche Aufbau, Konsum und Wohlstand zentrale Identifikationsfaktoren. Die Konstitution der BRD und der DDR war gleichzeitig mit der Suche nach neuen Wertvorstellungen und Regeln sowohl im Oeffentlichen als auch im Privaten verbunden. Zugleich wurden Konsum- und Genussgueter als gesellschaftliche Distinktionsmitteln in beiden Gesellschaften genutzt. Die Durchlaessigkeit sozialer Stratifkaktionen machte sich in den popularisierten "Benimmregeln" sowie in dem propagierten "Wohlstand für alle" bzw. "besser leben" deutlich. Es waere zu eruieren, welche Rolle Konsum und Wohlstand in der Neuorientierung der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft spielten und welche Wirkung sie in der Folge hatten. Nachzufragen waere, wie in der DDR die Begruendung einer sozialistischen Moral von einem alltaeglichen Kodex und oeffentlicher Moral flankiert wurde, die ebenfalls ein Wohlstandsversprechen beinhalteten. Untersuchungsgegenstaende koennen sein: Mode, Ausgestaltung familiaerer Binnenraeume, Benimmregeln und ihre Funktion, Freizeitgestaltung, Produktionsgeschichte, Essen und Trinken.
4. Politische Systeme und Politische Korrektive
Anforderungen und Erwartungen an das politische Verhalten von Maennern und Frauen werden sowohl von den jeweils herrschenden Systemen als auch von einzelnen Organisationen, Gruppen und oppositionellen und sozialen Bewegungen gestellt. Die Entstehung und Veraenderung politischer Verhaltensnormen und ihre Bedeutung für die alltaegliche Lebenspraxis soll hinterfragt werden.
Moegliche Themen könnten sein - antifaschistische und antikommunistische Verhaltensnormen und ihre Veraenderung zwischen 1945 und 1975 in ihrer zweistaatlich identitaetsbildenden Bedeutung und in geschlechterreflektierender Perspektive - Die Moral der Verdraengung und der Funktionalisierung des Erinnerns an den NS - "Korrekte Staatsbuergerschaft" in maennlicher und weiblicher Variante - Alltagsweltliche Verhaltensnormen in oppositionellen und sozialen Bewegungen: Friedensbewegungen, Studentenbewegung und Folgegruppen, Frauenbewegungen - Orientierungsmuster, Kontroll- und Sanktionsformen für politisches Verhalten in unterschiedlichen bzw. gegensaetzlichen politischen Systemen
Marianne Zepp
Referentin Zeitgeschichte
Programmteamkoordination Zeitgeschichte und Demokratie-Entwicklung
Heinrich Boell Stiftung
Tel. +49-30-28534-234
Fax +49-30-28534-108
e-mail: zepp@boell.de

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Marianne Zepp
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Veröffentlicht am
22.03.2000
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