Rassenpolitik in den Kolonien des deutschen Kaiserreichs

Rassenpolitik in den Kolonien des deutschen Kaiserreichs

Veranstalter
PD Dr. Frank Becker, Historisches Seminar der Universität Münster
Ort
Münster
Land
Deutschland
Vom - Bis
08.10.2003 - 10.10.2003
Deadline
01.09.2003
Von
PD Dr. Frank Becker, Historisches Seminar der Universität Münster

Das späte 19. Jahrhundert hat mit der Ethnisierung des Nationsbegriffs auch den Terminus Rasse politisiert. Schrittweise gewannen Deutungsschemata an Gewicht, die Rasse zur zentralen sozialen Einteilungskategorie und zum Subjekt politischen Handelns erklärten. Folgerichtig entstanden Geschichtsentwürfe, die den historischen Prozess als eine Abfolge von Rassenkämpfen interpretierten. Im kolonialen Kontext schienen diese Entwürfe besondere Plausibilität zu besitzen. Sie traten in Konkurrenz zu oder überlappten sich mit älteren Kolonialideologien wie dem machiavellistischen Machtstreben, der Erschliessung von Märkten bzw. Sicherung von Ressourcen und dem Erziehungspostulat.

Die Tagung setzt sich zum Ziel, die Durchsetzung und Virulenz von Rassenbegriff und rassenpolitischen Kategorien im Kolonialdiskurs und in der Kolonialpolitik des Deutschen Kaiserreichs zu untersuchen. Dabei soll die qualitative Dimension - die Frage nach der Semantik der Begriffe und Wahrnehmungsmuster - ebenso berücksichtigt werden wie die quantitative Praesenz der neuen Deutungsstränge im Vergleich zu etablierten Formen. Um einen thematischen Fokus zu erzeugen, werden vor allem die beiden Extremformen bei der Begegnung der Ethnien, der maximale Antagonismus bei Aufstand und Kolonialkrieg auf der einen, die maximale Annäherung in Gestalt von gemischtrassigen Ehen oder Beziehungen auf der anderen Seite in den Blick genommen. Die aus den Ehen und Beziehungen hervorgehenden Mischlinge stellten eine besondere Herausforderung für Kolonialverwaltung und Deutungskultur dar. Aber auch andere Formen der Segregation und der rassenpolitischen Intervention sollen Beachtung finden.

Zentrum und Peripherie, also die Diskussion und die politischen Weichenstellungen in Deutschland und ihre Pendants vor Ort in den Kolonien, waren miteinander vernetzt. Auf beiden Feldern waren verschiedene Akteure tätig. In den Schutzgebieten brachten Regierung, Mission und Siedlerschaft ihre Vorstellungen ein. Eine weitere Differenzierung betrifft die verschiedenen kolonialen Räume. Das größte Gewicht erhält Schwarzafrika, wo mit dem heutigen Namibia die einzige deutsche Siedlungskolonie entstand. In Siedlungskolonien verschärfen sich die ethnischen Gegensätze. China und die Südsee bilden Sonderfälle, weil die Kolonialmacht hier auf Völker traf, die anders bewertet wurden als die Schwarzafrikaner. Diese Differenz hat möglicherweise auf die Implementierung von Rassenpolitik zurückgewirkt.

Hannah Arendt hat den Kolonialismus als ein Laboratorium bezeichnet, in dem sich der Totalitarismus des 20. Jahrhunderts vorbereitet habe. Diese Kontinuitätsthese, die gerade auf die deutsche Geschichte gemünzt war, will die Tagung kritisch befragen: Wurden bei der brutalen Niederschlagung von Aufständen, in der Politik der Rassentrennung sowie in den Ansätzen von Biopolitik bei der Behandlung der Frage der Halbblütigen bereits die Denkschemata, Terminologien und Handlungsmuster vorweggenommen, die in radikalisierter Form die Rassenpolitik des Dritten Reiches bestimmten, oder waren die Unterschiede doch so gravierend, dass die Analogisierung nur die Spezifika der jeweiligen Handlungskontexte zudeckt und insofern differenziertes historisches Erkennen eher behindert als fördert?

Programm

Mittwoch, 8. Oktober 2003

14.00 Uhr
Begrüßung

14.15 Uhr
Eröffnungsvortrag: Horst Gründer, Münster: Zum Stellenwert des Rassismus im Spektrum der Kolonialideologien

Sektion 1: Kolonialismus und Rassenpolitik

15.00 Uhr
Michael Schubert, Osnabrück:
Rassenbegriffe und Kolonialpolitik im Deutschen Kaiserreich

15.30 Uhr
Christian Geulen, Bielefeld/Köln:
Rassenpolitische Konzepte im Denken von Carl Peters

16.00 Uhr
Diskussion

16.30 Uhr
Kaffeepause

17.00 Uhr
Thorsten Altena, Dortmund:
Der Rassenbegriff der evangelischen Missionsgesellschaften in Afrika

17.30 Uhr
Christoph Marx, Essen:
Das Konzept der "Siedlungskolonie" und seine rassenpolitischen Konsequenzen

18.00 Uhr
Diskussion

18.30 Uhr
Abendessen

Donnerstag, 9. Oktober 2003

Sektion 2: Rassenpolitik in Deutsch-Südwestafrika

2.1: Rasse und Sozialstruktur

9.30 Uhr
Juergen Zimmerer, Coimbra (Portugal):
Die "rassische Privilegiengesellschaft" in Deutsch-Südwestafrika

10.00 Uhr
Jan Boettger, Bochum:
Chinesische Arbeiter in Südwest? Rassenpolitik und Arbeiterfrage nach dem Hererokrieg

10.30 Uhr
Diskussion

11.00 Uhr
Kaffeepause

2.2: Das Problem der ethnischen Mischung

11.30 Uhr
Marc Schindler, Bielefeld/Paris:
Das Verbot der Rassenmischehe. Deutsche und französische Kolonialpolitik im Vergleich

12.00 Uhr
Harald Sippel, Bayreuth:
Rechtspolitische Ansätze zur Vermeidung einer Mischlingsbevölkerung in Deutsch-Südwestafrika

12.30 Uhr
Diskussion

13.00
Mittagspause

15.00 Uhr
Kathrin Roller, Berlin:
Biopolitik aus erfahrungsgeschichtlicher Perspektive. Eine deutsch-afrikanische Missionarsfamilie im Kreuzfeuer der Mischehendebatten

15.30 Uhr
Medardus Brehl, Bochum:
Textliche Repräsentationen der "Halbblütigen" während des Hererokrieges in Deutsch-Südwestafrika

16.00 Uhr
Diskussion

16.30 Uhr
Kaffeepause

18.30 Uhr
Abendessen

Freitag, 10. Oktober 2003

Sektion 3: China und die Südsee

9.00 Uhr
Thoralf Klein, Erfurt:
Rasse - Kultur - soziale Stellung. Konzeptionen des Fremden und koloniale Segregation in Kiautschou, 1897-1914

9.30 Uhr
Roland Samulski, Münster:
Rassenpolitik und Rassenmischung auf Deutsch-Samoa

10.00 Uhr
Diskussion

10.30 Uhr
Kaffeepause

11.00 Uhr
Simon Haberberger, Bayreuth/Pegnitz:
Kannibalismus in Neu-Guinea

11.30 Uhr
Abschlussvortrag: Alexander Honold, Berlin/Konstanz: Der Exot und sein Publikum. Menschenschau in der Kolonialzeit

12.00 Schlussdiskussion

13.00 Tagungsende

Anmeldung
bitte schriftlich an: PD Dr. Frank Becker, Historisches Seminar der Universitaet Münster, Domplatz 20-22, 48143 Münster; Fon 0251/8324338, Fax 0251/8325417; e-mail fbecker@uni-muenster.de. Anmeldeschluss ist der 1. September 2003.

Kontakt und Hilfestellung bei der Reservierung eines Hotelzimmers: Christian Schäffer, Tom-Rink-Str.15, 48153 Münster; Fon 0251/25172; e-mail scheffer@uni-muenster.de.

Kontakt

Frank Becker

Historisches Seminar der Universitaet Münster
Domplatz 20-22 48143 Münster
0251/8324338
0251/8325417
fbecker@uni-muenster.de


Redaktion
Veröffentlicht am
03.08.2003