Sammelband "Kinematographie des Menschenversuchs"

Sammelband "Kinematographie des Menschenversuchs"

Veranstalter
DFG-Forschungsgruppe "Kulturgeschichte des Menschenversuchs"
Ort
Bonn
Land
Deutschland
Vom - Bis
10.04.2006 - 30.06.2006
Deadline
30.06.2006
Von
Marcus Krause, Nicolas Pethes

Dr. Münsterberg and Mr. Hyde
Zur Kinematographie des Menschenexperiments
Exposé für einen Sammelband der Forschungsgruppe »Kulturgeschichte des Menschenversuchs«

Die Entwicklung des Kinematographen am Ende des 19. Jahrhunderts war nicht nur eine Errungenschaft der Wissenschaft, sie war vor allem auch eine Errungenschaft für die Wissenschaften der Zeit, deren empirische Beobachtungen der Film apparativ perfektionierte und es ihnen erlaubte, die Schwelle des dem menschlichen Auge Sichtbaren zu überschreiten. Insbesondere für die Vermessung und Beobachtung des Menschen in der Phrenologie, der Kriminalanthropologie, der Chirurgie und der experimentellen Psychologie ermöglichte die »Realaufzeichnung« bewegter Bilder die Erstellung eines optischen Archivs des Menschen.
Die Filmkamera kam daher zunächst in medizinischen und psychologischen Laboren zum Einsatz, und die ersten Kinotheorien – etwa Hugo Münsterbergs The Photoplay von 1916 – heben immer wieder den wissenschaftlichen – z.B. wahrnehmungspsychologischen – Beitrag des neuen Mediums hervor. Zugleich vollzog dasselbe neue Medium aber in kürzester Zeit den »eleganten Sprung aus Experimentalanordnungen in Unterhaltungsindustrie« (Friedrich Kittler): Das Kino ist nun ein Massenmedium, und als solches versucht es, nachdem die Attraktionen der an experimentellen Aufzeichnungen angelehnten Tricktechnik ausgereizt sind, sein Publikum mit spektakulären Plots zu locken. Der Menschenversuch scheint dabei – denkt man an Klassiker wie Frankenstein (1931), Dr. Jekyll and Mr. Hyde (1931) oder The Island of Dr. Moreau (1933) – von Beginn an eine besondere Faszination auszuüben. Den epistemologischen Zusammenhang mit der medizinischen oder psychologischen Experimentalpraxis geben solche Filme aber auf den ersten Blick auf, indem sie sich auf populäre Topoi der Erzählliteratur des ausgehenden 19. Jahrhunderts wie den Mad Scientist oder den künstlichen Menschen beziehen. Wissenschaft spielt seither im Kino nurmehr die Rolle eines narrativen Hintergrunds oder inhaltlichen Motivs, als welche sie bis heute, etwa in Studien zur ›Science on Screen‹, auch meist untersucht wird.
Der projektierte Sammelband möchte aber nicht bei einer Motivgeschichte des Menschenversuchs im Spielfilm stehenbleiben, sondern fragen, ob sich für das Kino unterhalb des »eleganten Sprungs« von der Wissenschaft zur Populärkultur Verbindungslinien nachweisen lassen, anhand derer die Verwandtschaft des Films mit experimentellen Praktiken der Menschenbeobachtung auf einer strukturellen oder formalen Ebene kenntlich geblieben ist. Anhaltspunkte für eine solche Frage liegen in der psychoanalytischen Filmtheorie bei Baudry, Silverman u.a. vor, die das apparative Dispositiv der Kinematographie und die Objektivierung des Subjekts im Blick der Kamera herausgearbeitet haben. Welcher – den Rahmen der Psychoanalyse unter Umständen übersteigenden – Bezug aber zwischen den Szenarien und Strukturen der Menschenbeobachtung im Film und den vielfältigen experimentellen Projekten der Wissenschaften vom Menschen im 20. Jahrhundert im einzelnen besteht, ist die noch zu erschließende Frage einer epistemologisch informierten Filmwissenschaft.

Dr. Münsterberg and Mr. Hyde unternimmt einen ersten Schritt zu einer Antwort, indem hier exemplarische Analysen zu Spielfilmen versammelt werden, innerhalb derer die experimentelle Beobachtung von Menschen nicht nur ein Motiv oder den Plot abgibt, sondern die Möglichkeiten des filmischen Mediums zur Menschenbeobachtung mit thematisiert. Wir gehen mithin von einer spezifischen Selbstreferenz aus, die das filmische Narrativ eines Menschenversuchs zu seinem Medium unterhält. Einen ersten Anhaltspunkt für die Beschreibung dieser Selbstreferenz bietet die Unterscheidung von Medium (als lose Kopplung materialer, apparativer, bildlicher, symbolischer Elemente) und Form (als feste Fügung dieser Elemente zu konkreten Filmmotiven und -narrativen). Daran anschließend lassen sich einige Leitunterscheidungen, mittels derer Filme das Dispositiv Menschenversuch thematisieren, ausmachen und in drei Gruppierungen sortieren:

1. Die materialen und apparativen Bedingungen und Strukturierungen von Filmen über bzw. als Menschenversuche, also die mediale Seite des Kinos, lassen sich vor dem Hintergrund von Unterscheidungen wie Spektakel (der Tricktechnik) vs. Avantgarde (des Experimentalfilms) oder Wahrnehmung (z.B. Inszenierung pathologischer oder drogeninduzierter Wahrnehmungen) vs. Darstellung (Zurschaustellung/Dekonstruktion bestimmter Darstellungskonventionen) thematisieren.

2. Die Form-Seite des Kinos des Menschenversuchs, also die inhaltliche, motivische Gestaltung von Experimentalobjekten und -zielen läßt sich einerseits anhand der Inszenierung klassischer Unterscheidungen wie Körper vs. Geist, Natur vs. Technik, Individuum vs. Gesellschaft, Mensch vs. Tier oder auch der Frage, wie gewisse Plots immer wieder Kontrolle und Komplexität (das Phantasma eines alles beherrschenden Machtwissens vs. der Widerständigkeit/Vieldeutigkeit der Realität) gegeneinander ausspielen, untersuchen.

3. Schließlich sind die fraglichen Filme von einer Reihe von Unterscheidungen geprägt, bei der der Bezug auf die mediale Formierung mit demjenigen auf die narrativen Elemente zusammenfällt: so etwa die Unterscheidung zwischen Versuchsleiter und Versuchsperson (d.h. die Kongruenz des ›Kameraauges‹ mit der wissenschaftlichen Blickhierarchie gegenüber der Perspektive des Versuchsobjekts), zwischen Dokumentation und Fiktion sowie zwischen Ikonographie und Kulturkritik (d.h. der Blick auf prominente Wissenschaftler als kulturelle Ikonen gegenüber dem Topos von der ›unmenschlichen‹ oder ›gefährlichen‹ Wissenschaft).

Angebote für Beiträge sollten einen Film in den Mittelpunkt der Analyse stellen, anhand dessen eine für das Kino des Menschenversuchs zentrale Unterscheidung behandelt werden kann. Die o.g. Leitunterscheidungen sollen natürlich nur als Anregung dienen, ebenso ist die Wahl der behandelten Filme frei. Den Herausgebern ist allerdings daran gelegen, daß die ›Klassiker‹ des Menschenversuchsfilms im Band repräsentiert sind. Neben den drei oben genannten Klassikern kämen z.B. in den Sinn: Peeping Tom (GB 1959), La jetée (F 1962), A Clockwork Orange (GB 1971), Altered States (USA 1980), Cube (USA/CA 1997). Filmographische Angaben zu diesen Filmen sowie eine Vielzahl weiterer Anregungen bietet die Filmliste auf unserer Projekt-Homepage!

Vorschläge (Titel und 1-2 S. Abstract) bitte bis zum 30. Juni 2006 an die o.g. Email!

Programm

Kontakt

Nicolas Pethes
"Kulturgeschichte des Menschenversuchs"
Germanistisches Seminar
Universitaet Bonn
Am Hof 1d
53113 Bonn
pethes@gmx.net
kgmv@uni-bonn.de

www.germanistik.uni-bonn.de/kgmv/
Redaktion
Veröffentlicht am
11.04.2006
Beiträger
Klassifikation
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Sprache Veranstaltung