Antisemitismus in Ostmitteleuropa. Idee, Politik und Praxis der Judenfeindschaft in vergleichender Perspektive ca. 1880-1939

Antisemitismus in Ostmitteleuropa. Idee, Politik und Praxis der Judenfeindschaft in vergleichender Perspektive ca. 1880-1939

Veranstalter
Deutsches Historisches Institut (DHI) Warschau/Zydowski Instytut Historyczny (ZIH) Warszawa
Veranstaltungsort
DHI Warschau
Ort
Warschau
Land
Poland
Vom - Bis
14.02.2013 - 16.02.2013
Deadline
30.04.2012
Von
Tim Buchen

In der Geschichte des Antisemitismus kommt Ostmitteleuropa eine besondere Bedeutung zu. Denn in der Region lebten viele, kulturell sowohl untereinander, als auch von der sprachlich und konfessionell heterogenen christlichen Umgebung separierte Juden. Jene Berufsfelder, die mit dem Aufstieg der Marktwirtschaft zentrale Funktionen im Wirtschaftsleben übernahmen, waren oftmals von Juden dominiert. Daher verknüpften wichtige gesellschaftliche, insbesondere kirchliche Akteure ökonomische, zivilisatorische und nationale Diskurse mit der jüdischen Frage, die damit zentraler Bestandteil der kommunikativen Konstruktion moderner, auch jüdischer Gemeinschaften wurde. Da die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen des Zusammenlebens, innerhalb deren diese Diskurse verliefen, von den imperialen Vielvölkerstaaten vorgegeben wurden, standen die verschiedenen Nationalitäten und Gesellschaften Ostmitteleuropas in besonders engem Austausch. Christlich-jüdische Beziehungen und Kontakte gehörten für viele Menschen zum Teil des Alltags, daher waren antisemitischer Diskurs und Praxis eng miteinander verflochten.

Mit dem Zusammenbruch der Imperien und der Gründung von Nationalstaaten nach dem Ersten Weltkrieg versuchten Antisemiten die Diskriminierung von Juden im Kontext von Minderheitenpolitik bzw. Nationsbildung zur staatlichen Politik zu machen.

Die vom Jüdischen Historischen Institut (ŻIH) und dem Deutschen Historischen Institut (DHI) in Warschau gemeinsam organisierte Konferenz fragt nach der Dynamik von Judenfeindschaft, nach Kontinuitäten und Brüchen im Kontext der einschneidenden historischen Ereignisse und Entwicklungen. Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen dem politischen und ideologischen Feld und gesellschaftlichen Praktiken in vergleichender Perspektive zu beschreiben.

Die Konferenz möchte damit auch zur theoretischen und methodischen Diskussion innerhalb der Antisemitismusforschung, die der spezifischen regionalen und historischen Situation in Ostmitteleuropa gerecht wird, beitragen. Wir bitten um Beiträge mit Bezug auf übernationale Kontexte zu den folgenden Bereichen.

A. Politischer Antisemitismus
Im Untersuchungszeitraum entwickelte sich bedingt durch parlamentarische Praxis und die Herausbildung eines differenzierten Zeitungsmarktes eine politische Landschaft, welche die Diskussion der jüdischen Frage durch Einbindung neuer Wähler und Leser dynamisierte und veränderte. Eine große Bedeutung erlangte die moderne Massenkommunikation, die antisemitische Skandale mit breiter Bekanntheit ermöglichte und Medienereignisse (insbesondere. sog. Ritualmordfälle) schuf, die auch im Sinne der antisemitischen Agenda von politischen Zeitungen interpretiert werden konnten.
Der antisemitische Diskurs wurde für die Mobilisierung von Wählern, die Formulierung moderner Gemeinschaften und in der parlamentarischen Praxis genutzt. Darüber hinaus wurde er instrumentalisiert und modifiziert durch die Verbindung mit wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erscheinungen im Kontext der Durchsetzung der kapitalistischen Wirtschaftsweise, etwa bei der Propagierung von Konsum- und Landwirtschaftsgenossenschaften und sog. „christlicher Läden“. Inwiefern schloss der Wirtschaftsnationalismus der Zwischenkriegszeit, der die einstige imperiale Peripherie in ein nationales Wirtschaftszentrum verwandeln sollte, neben protektionistischen, „nach außen“ gerichteten Maßnahmen auch antisemitische, „nach innen“ gerichtete Programmpunkte mit ein? In welcher Beziehung standen sie zu den nationalistischen Diskursen der Vorkriegszeit?
Welches Verhältnis hatten antisemitischen Akteure wie Parteien, Zeitungen und einzelne Intellektuelle zu politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Fragen wie dem Verschwinden traditioneller Kultur, dem Aufstieg und dem Niedergang des Liberalismus, der Entwicklung neuer Formen der Massenkommunikation und der modernen nationalen Gemeinschaft ohne, bzw. im Nationalstaat? In welchem Zusammenhang stand die Propagierung antisemitischer Ideen und Programme mit der Dynamik der politischen Landschaft, insbesondere zum Engagement der katholischen Kirche und jüdischer Interessenvertretungen im politischen Leben? Welche Gruppen vertraten judenfeindliche Positionen? Welche Bedeutung nahm Antisemitismus im Programm insgesamt ein? Wie positionierten sich diese Gruppen gegenüber dem Staat? Welche gesellschaftliche Resonanz lösten die Äußerungen antisemitischer Vorstellungen aus? Welche Folgen zeitigten Versuche, antisemitische Gesetze zu erlassen? Welche Zäsuren lassen sich in den verschiedenen Imperien, Ländern und späteren Nationalstaaten im Laufe des Untersuchungszeitraums feststellen?
Mit dem affirmativen Bezug auf Antisemitismus als einer bewussten Einstellung gegen Juden war der Verweis auf wissenschaftlich argumentierende Glaubenssysteme verbunden. Welche Rolle spielte Rassismus und verschiedene wissenschaftliche Diskurse wie biologische Anthropologie, Medizin, empirische Kriminologie oder Psychiatrie bei der Formulierung der „jüdischen Frage“ und der Propagierung des sogenannten „rationalen Antisemitismus“? Welche Rezeption und Transfers rassistischer Ideen in die politische Diskussion der „jüdischen Frage“ lassen sich feststellen?

B. Gewalt und soziale Praktiken der Judenfeindschaft
Diskurs und soziale Praxis beeinflussen sich gegenseitig. Daher verlangt die Erforschung des politischen Antisemitismus nach der Rekonstruktion von Wechselbeziehungen mit Alltagsbegegnungen und Konflikten zwischen Christen und Juden. Wie beeinflussten politische Agitation und Entscheidungen die soziale Praxis und welche Ereignisse und Konflikte fanden Aufnahme in den politischen Diskurs? Ein besonderes Augenmerk der Konferenz wird daher auf Diskriminierungspraktiken gegen Juden gelegt. Es sollen sowohl organisierte, als auch spontane Akte von kollektiver Gewalt, Demonstrationen, Boykott und Exklusion von Juden diskutiert und verglichen werden. Welche materiellen, symbolischen und ideologischen Ziele verfolgten die Beteiligten? Welchen Stellenwert hatte das physische Handeln gegen Juden für antisemitische, studentische, nationalistische oder paramilitärische Organisationen? Wann und wie gelang es ihnen, weitere Kreise oder Institutionen für antisemitisches Handeln zu gewinnen? Wie rechtfertigten sie den Einsatz von Gewalt? Wie verhielt sich der Staat auf polizeilicher, juristischer und legislativer Ebene gegenüber dieser Form politischer Gewalt?

C. Widerstand gegen Antisemitismus
Für das Verständnis der gesellschaftlichen Bedeutung von Antisemitismus sind die Erforschung von Reaktionen und dezidiertem Widerstand unerlässlich. Aufmerksamkeit gebührt den historischen Zeugen von Antisemitismus und den Einstellungen verschiedener gesellschaftlicher und staatlicher Institutionen wie Parteien, Kirchen, Regierungen, und lokalen wie auch internationalen Organisationen. Wie verheilten sich jüdische Akteure auf institutioneller, intellektueller und politischer Ebene? Welche Möglichkeiten und Grenzen der Zusammenarbeit bestanden mit nichtjüdischen Organisationen? Welche Folgen zeitigten physischer und medialer Widerstand, bzw. Selbstverteidigung?

Wir bitten um die Zusendung eines Beitragsvorschlags von ca. 1 Seite sowie einem Lebenslauf mit Angabe der Fremdsprachenkenntnisse in englischer, deutscher oder polnischer Sprache bis zum 30. April 2012 an konferencja@dhi.waw.pl Unter Voraussetzung der Mittelzusage werden Kosten für Reise und Unterkunft von den Veranstaltern übernommen.

Programm

Kontakt

Tim Buchen

Deutsches Historisches Institut Pałac Karnickich Aleje Ujazdowskie 39 PL 00-540 Warszawa

buchen@dhi.waw.pl