Kontinuitäten im deutschen Naturschutz der Bundesrepublik von 1933 bis Mitte der 1970er Jahre: Konzepte, Netzwerke und Personen

Kontinuitäten im deutschen Naturschutz der Bundesrepublik von 1933 bis Mitte der 1970er Jahre: Konzepte, Netzwerke und Personen

Veranstalter
Dr. Uwe Pfenning, Universität Stuttgart; Dr. Nils M. Franke, Wissenschaftliches Büro Leipzig
Ort
Mainz
Land
Deutschland
Vom - Bis
29.11.2012 -
Deadline
15.07.2012
Von
Dr. Franke, Nils

RechtsextremistInnen versuchen seit einigen Jahren systematisch das Themenfeld Naturschutz zu besetzen. Sie stellen dabei Anknüpfungspunkte zur Geschichte und zu Konzepten dieser sozialen Bewegung her und versuchen sie für ihre Argumente zu nutzen.[1]

Diesem Vorgehen ist nur dann erfolgreich zu begegnen, wenn die Geschichte des Naturschutzes für die Zeit ab 1933 und nachfolgend für die Bundesrepublik transparent gemacht wird, tatsächliche und scheinbare Verstrickungen getrennt sowie involvierte Personen, Konzepte und Verantwortungen klar benannt werden.

NaturschützerInnen, in der entsprechenden Fachverwaltung tätig oder in Verbänden und Vereinen freiwillig organisiert, wurden wie andere Berufs- oder gesellschaftliche Gruppen „gleichgeschaltet“. Viele NaturschützerInnen waren aber auch aus Überzeugung im nationalsozialistischen Staat engagiert. Zudem erreichten sie durch geschicktes Lobbying und durch die Protektion Hermann Görings 1935 die Verabschiedung des Reichsnaturschutzgesetzes, der ersten in ganz Deutschland geltenden Rechtsgrundlage für den Naturschutz. Sie galt in kaum veränderter Form in der Bundesrepublik Deutschland bis 1976 und wurde erst danach durch das Bundesnaturschutzgesetz bzw. die jeweiligen Ländergesetze abgelöst.

Diese Fakten sind nur in wenigen Fachkreisen bekannt. In der breiten Öffentlichkeit bestehen nur rudimentäre Kenntnisse darüber, welche Bedeutung diese Vergangenheit des Naturschutzes für seine weitere Entwicklung im Ehrenamt, in der Verwaltung wie auch bzgl. seiner Inhalte, Konzepte und Ideologien in der Bundesrepublik hatte.

Im Zusammenhang mit diesem Call for Papers für eine wissenschaftliche Fachtagung am 29.11.2012 in Mainz sollen entsprechende ideologische Inhalte und Konzepte in Verwal-tungspraxis, Wissenschaft, Naturschutzrecht, Lehre sowie Verbändehandeln, bei einzelnen Personen und vor allem in deren Netzwerken angesprochen werden.

Daraus abgeleitet wird die Frage gestellt, welchen Einfluss diese – Personen wie Konzepte – auf die Institutionalisierung des Naturschutzes in der BRD hatten. [2]

Der 8. Mai 1945 kann auch im Naturschutz nicht als eine „Stunde Null“ bezeichnet werden. Es bestehen mannigfaltige, aber noch nicht einheitlich zusammengefasste Hinweise darauf, dass bedeutende Protagonisten des Naturschutzes aus der Zeit des Nationalsozialismus beim Wiederaufbau und der Fortsetzung des amtlichen und verbandlichen Naturschutzes in der BRD bis zu Beginn der 1970er Jahre aktiv waren und maßgebliche Akzente setzten.
Außerdem bemühten sie sich wie andere soziale Gruppen um eine eigene Vergangenheitspolitik, die z. B. die Verdrängung von jüdischen oder gemäß der Nürnberger Rassegesetze von 1935 als jüdisch qualifizierten MitbürgerInnen aus den Naturschutzverbänden verschleierte oder Planungen im Bereich des Generalplan Ost zu rechtfertigen suchte.

Des Weiteren steht eine umfassende Analyse aus, in wie weit Naturschutzbegründungen des Nationalsozialismus unter Beibehaltung ihres ideologischen Kerns in der BRD neu formuliert wurden, um sie demokratisch erscheinen zu lassen. Hier ergeben sich nach Auffassung der Veranstalter besonders wichtige Anknüpfungspunkte zur heutigen Argumentationsweise von RechtsextremistInnen im Bereich Naturschutz.

Die Konferenz lädt zu Beiträgen ein, die sich mit folgenden Themen auseinandersetzen:

1. Die Kontinuität bedeutender personeller Netzwerke im Bereich Naturschutz aus der Zeit des Nationalsozialismus bis in die BRD bis etwa 1970 (z.B. Biographieforschung, Organisationsnetzwerke, Personalunionschaften);

2. die Analyse bedeutender ideologischer Ansätze bzw. Konzepte im Bereich Naturschutz aus der Zeit des Nationalsozialismus, die in die BRD ein demokratisches Gewand erhielten, und ihre Institutionalisierung z. B. in der wissenschaftlichen Lehre (z.B. Umgang mit Neozoen, Neophyten, Verwissenschaftlichung, Landschaftsbegriff, Heimat- und Naturschutz, Flächenschutz);

3. die Analyse der von wichtigen AkteurInnen des Naturschutzes in der BRD unternommenen Vergangenheitspolitik für den Naturschutz der Zeit zwischen 1933 und 1945 und die Analyse der aktiven Aufarbeitung der Geschichte des Naturschutzes in den Bundesländern oder dem Bund.[3]

Damit verfolgt die Konferenz das Ziel, die Geschichte des Naturschutzes transparent sowie Verantwortungen, Fehlverhalten und – entwicklungen deutlich zu machen und Kontinuitäten bis in die frühe Bundesrepublik hinein zu analysieren. Es soll ein Beitrag geleistet werden, rechtsextremistische Versuche zu vereiteln, scheinbare Übereinstimmungen des aktuellen Naturschutzes mit den eigenen Positionen zu konstruieren.

Die Vorträge sollen 30 Minuten umfassen. Daran schließt sich eine Diskussion an.

Erwünscht sind Beiträge zu den o.g. Themenfeldern aus soziologischer, historischer, kulturwissenschaftlicher, juristischer, planerischer, biologischer und umweltpädagogischer Sicht. Die Abstracts sollten eine Textlänge von 800 Zeichen (exkl. Leerzeichen) nicht überschreiten. Bewerbungen sollen zusätzlich den Namen des/der ReferentIn, den Titel des Beitrags, einen kurzen wissenschaftlichen Lebenslauf und Kontaktdaten (E-Mail, Telefon, Adresse) umfassen. Diese Angaben zählen nicht zur gewünschten Textlänge. Eine Publikation der Beiträge ist geplant.

Der Veranstalter übernimmt die Reisekosten und zahlt ein Honorar.

Bitte senden Sie das Abstract und die genannten Unterlagen bis spätestens 15. Juli 2012 per mail an: franke@rechercheauftrag.de

Durchgeführt wird die Konferenz von der Universität Stuttgart.

Gefördert wird die Veranstaltung vom Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Ernährung, Weinbau und Forsten Rheinland-Pfalz.

[1] Vgl. z. B. Naturschutz gegen Rechtsextremismus – eine Argumentationshilfe. Verfasst von N. Franke. Hrsg. v. Landeszentrale für Umweltaufklärung. Mainz 2012.
[2] Hier wird vom Institutionalisierungsbegriff im Sinne von P. L. Berger, T. Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. (21. Aufl.). Frankfurt am Main 2007 ausgegangen und dieser auf die programmatische (z. B. Grüne Charta von der Mainau 1961), organisatorische (z. B. Bund für Vogelschutz) und die gesetzliche Ebene (z. B. Anpassung des Reichsnaturschutzgesetzes an die Anforderungen des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland) bezogen.
[3] Der Begriff „Vergangenheitspolitik“ soll hier im Sinne von „N. Frei: Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit. München 1996“ verstanden sein.

Programm

Kontakt

Dr. Nils Franke

Herloßsohnstr. 17/04155 Leipzig

0341 5831 469

franke@rechercheauftrag.de