Kirche im ländlichen Raum

Kirche im ländlichen Raum

Veranstalter
Gesellschaft für Agrargeschichte e.V.
Veranstaltungsort
DLG-Haus, Eschborner Landstraße 122, 60489 Frankfurt am Main
Ort
Frankfurt am Main
Land
Deutschland
Vom - Bis
13.06.2014 - 13.06.2014
Deadline
10.06.2014
Von
Stefan Brakensiek

Kirche im ländlichen Raum
Verantwortlich: Prof. Dr. Martina Schattkowsky (Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde, Dresden) und Dr. Johann Kirchinger (Fakultät für katholische Theologie, Abt. Kirchengeschichte der Universität Regensburg)

Kirche und ländlicher Raum standen bis zur Moderne in einem engen und wechselseitigen Verhältnis. Dies liegt schon an der ökonomischen Bedeutung der Landwirtschaft für die Kirche. Vom einfachen Dorfgeistlichen bis hin zum Bischofsstaat stellte die Landwirtschaft bis weit ins 19. Jahrhundert die existenzielle Grundlage des kirchlichen Lebens dar. Deshalb gestalteten die verschiedenen kirchlichen Institutionen aller Konfessionen diesen ländlichen Raum schon im eigenen Interesse aktiv mit. Die Kirche war durch Pfarreien, Klöster und Stifte, aber auch durch die Sammelbezirke der Bettelordenskonvente vielerorts auf den Dörfern präsent. Die Grundherrschaften geistlicher Institutionen prägten in wirtschaftlicher, sozialer und rechtlicher Hinsicht den bäuerlichen Alltag und veränderten die Kulturlandschaft. Als herausragendes Beispiel seien nur die technologischen Leistungen der mittel-alterlichen Zisterzienserklöster für die Urbarmachung ganzer Landstriche etwa in der Mark Brandenburg genannt. In der Frühen Neuzeit betätigten sich dann zahlreiche Landgeistliche als Agrarreformer und -schriftsteller, so etwa der evangelische Kupferzeller Pfarrer Johann Friedrich Mayer (1719–1798) oder als spätes Beispiel der oberbayerische „Apfelpfarrer“ Korbinian Aigner (1885–1966). Dabei übten die Geistlichen im Dorf auch eine wichtige herrschaftsstabilisierende Funktion aus, waren sie doch oft die einzigen öffentlichen Amtsträger vor Ort. Die Verkündigung von Gesetzen und Verordnungen von der Kirchenkanzel war bis ins 19. Jahrhundert in vielen Territorien üblich. Schließlich kam der Kirche bis weit ins 20. Jahrhundert hinein – und mancherorts noch heute – eine große soziologische Bedeutung zu. War doch die Kirche der herausragende Ort, an dem sich das Dorf als sozial gegliederter Organismus des göttlichen Beistandes angesichts einer ehedem kaum und heute auch noch nicht völlig durchschaubaren Natur vergewisserte.

Für das Mittelalter spielt vor allem die Pfarrei eine herausragende Rolle. Das Niederkirchenwesen hat sich in Mitteleuropa auf der Grundlage der frühmittelalterlichen Eigenkirchen entwickelt, im Hochmittelalter institutionell voll ausgebildet und im späten Mittelalter weiter entfaltet. Bereits vor der Reformation gab es eine dichte Kirchenorganisation, die flächendeckend die religiöse Versorgung der Bevölkerung sicherstellte, darüber hinaus aber in vielfältiger anderer Hinsicht den Alltag der Menschen prägte. Allein im deutschsprachigen Raum dürfte es um 1500 schätzungsweise 50.000 Pfarreien gegeben haben. Zum aller-größten Teil waren dies Landpfarreien. Die bekannte Sentenz, man solle „die Kirche im Dorf lassen“, hat hier ihren Hintergrund.

Stärker noch als in der Stadt überschnitten sich in den Kirchspielen religiöse und weltliche Funktionen, denn sie deckten sich vielfach mit der Dorfgemeinde, waren in manchen Regionen zugleich auch Gerichts- und Wehrbezirke. Während der Pfarrseelsorge in den spät-mittelalterlichen Städten durch die im 13. Jahrhundert aufkommenden Bettelorden eine zeitweilig starke Konkurrenz erwuchs, blieb die Pfarrei im ländlichen Raum unangefochten die wichtigste Institution kirchlicher Heilsvermittlung und wurde zum Ziel vielfältiger Stiftungen. Die dadurch anfallenden Güter und Einkünfte bildeten die Kirchenfabrik, die im späten Mittelalter zur wichtigsten Einfallschneise der Laien wurde, um Mitspracherechte im Niederkirchenwesen geltend zu machen.

Die Grundstrukturen des mittelalterlichen Niederkirchenwesens haben die Reformation überstanden. Auch nach der Glaubensspaltung des 16. Jahrhunderts bildete die Pfarrei für alle Konfessionskirchen das bewährte religiöse Organisationsmodell. Die Pfarrei erweist sich so, wie der Göttinger Historiker Wolfgang Petke einmal treffend bemerkt hat, als eine „Institution von langer Dauer“. In diesem relativ beständigen institutionellen Rahmen haben sich aber nicht nur die religiösen Lebensformen immer wieder gewandelt, sondern auch die Seelsorger haben ihre Rolle in der Pfarrei und ihr Verhältnis zur Pfarrgemeinde stets aufs Neue finden müssen. Ohne die Berücksichtigung der Pfarrgeistlichkeit lässt sich die Bedeutung der Pfarrei nicht angemessen verstehen.

Ein unbekannter Autor aus dem Bistum Meißen – vermutlich ein Pfarrer – hat Ende des 15. Jahrhunderts eine satirische Schrift über den Alltag des Dorfpfarrers verfasst. Diese mehrfach gedruckte „Epistola de miseria curatorum seu plebanorum“ stellt den Dorfpfarrer in ein soziales Beziehungsgeflecht, das durch neun Teufel verkörpert wird, die ihn in Gestalt des Bischofs und Offizials, aber auch des Bauern und der Pfarrersköchin ständig quälen. Die Tatsache, dass diese Schrift auch nach der Reformation nachgedruckt und variiert wurde, zeigt, dass der Verfasser Grundkonstanten des Lebens in der Dorfpfarrei thematisiert hat. Gleichwohl ist nicht zu übersehen, dass das hier gezeichnete Bild auch stereotyp war und sich gerade in der Neuzeit auch neue Dimensionen der Rolle von Landgeistlichen erschließen lassen.

Die Reformationsgeschichte wird seit langem vor allem als Fürsten- und als Stadtreformation gedeutet. Doch war die Reformation keineswegs nur ein „urban event“ (Arthur G. Dickens), sondern erfasste eine Gesellschaft, die überwiegend in Ackerbürgerstädten und Dörfern lebte. Hinsichtlich ihrer Rezeption, Durchsetzung (oder Verhinderung) bedarf die Reformation im ländlichen Raum noch intensiverer Erforschung. Peter Blickles Konzept des „Kommunalismus“ weist darauf hin, doch bleibt für eine Reformationsgeschichte des platten Landes noch viel zu tun. Mit Blick auf die Frühe Neuzeit ist nicht zuletzt auch im Umfeld der Vorbereitungen auf das Reformationsjubiläum 2017 die Diskussion über Religion und Konfessionsbildung wieder lebhafter geworden. Die Rolle von Kirche, Religion und Glauben und ihre spezifischen Prägungen durch die Erfahrung des ländlichen Lebensraumes sind dabei allerdings eher in den Hintergrund gerückt. Themen wie die Handlungsspielräume von Geistlichkeit, Obrigkeit und Gemeinden auf dem Land, das Engagement und das Selbstverständnis der hier tätigen lutherischen und katholischen Seelsorger, die Dorfkirche als Instrument der Verhaltensmodellierung der Gläubigen und des Klerus sind noch nicht ausreichend und für alle Konfessionen gleichermaßen gut erforscht und werden auf der Tagung zu diskutieren sein. Dabei wird besonderes Augenmerk darauf liegen, inwieweit die großen kirchlichen und politischen Umbrüche des 16. Jahrhunderts auch die Beziehungen zwischen „Kirche“ und „Dorf“ beeinflusst haben.

Die ökonomische Bedeutung der Landwirtschaft für die Kirchen hat im Rahmen des allgemeinen Strukturwandels abgenommen. Zugenommen hat indes die Bedeutung der Land-bevölkerung als Rekrutierungsbasis für kirchliches Personal, wobei nicht nur an Pfarrer zu denken ist, sondern gerade im 19. und frühen 20. Jahrhundert an die vor allem weiblichen Orden (auf katholischer Seite) und Diakonissen (auf evangelischer Seite), mit denen sich die Kirchen den sozialen Problemen der Zeit zuwandten. Zugenommen haben auch die politischen Kontakte zwischen Kirchen und Landbevölkerung im Rahmen der immer größer werdenden politischen Partizipationsmöglichkeiten. Dabei stand die Landbevölkerung zunächst als (passives) kirchentreues Wählerreservoir im Mittelpunkt des Interesses. Von dieser (oft vermeintlichen) Kirchentreue abgeleitet wurden dann die Leitbilder vom bäuerlichen Familienbetrieb und vom Agrarstaat in der katholischen und protestantischen Sozialethik. Seither ist die Landwirtschaft für beide Großkirchen vor allem ein Thema der Ethik bzw. der Moraltheologie. Im Rahmen der innerkirchlichen ethischen Diskurse hat sich infolge der Industrialisierung der Landwirtschaft der Schwerpunkt von der sozialethischen auf die bioethische Dimension verlagert, wobei sich das Leitbild des bäuerlichen Familien-betriebes als stabil erwiesen hat. Dabei gestaltet sich das Verhältnis zwischen (Verbands)-Landwirtschaft und Kirchen aktuell durchaus gespannt. Angesichts des Säkularisierungs-trends, schwindender Bindekraft der großen Kirchen und neuer Seelsorgestrukturen stellt sich die Frage, welche Rolle die Kirche im Dorf künftig noch spielen wird.

Programm

Freitag, 13. Juni 2014
11:15
Prof. Dr. Martina Schattkowsky (Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., Dresden)
Einführung in das Thema der Tagung
11:30
Friedrich Pollack, M.A. (Sorbisches Institut Bautzen)
„Zum Heyl des einfeltigen wendischen PawernVolcks“. Zur sozialen und kulturellen Verortung der sorbischen Landgeistlichkeit in der Frühen Neuzeit
Moderation: Martina Schattkowsky
12:15
Dr. Johann Kirchinger (Universität Regensburg)
„… kein Aschkricher der Geistlichen u. Beamten, aber auch kein Fresser derselben …“. Ländlicher Antiklerikalismus im 19. und 20. Jahrhundert
Moderation: Stefan Brakensiek (Universität Duisburg-Essen)
13:00
Mittagspause mit Imbiss
13:30
Clemens Dirscherl (Geschäftsführer des Evangelischen Bauernwerks Württemberg)
Der ländliche Raum. Zielgruppe und Themenfeld kirchlicher Arbeit am Beispiel der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)
Moderation: Johann Kirchinger
14:15
Verleihung des Förderpreises der Gesellschaft für Agrargeschichte durch den Vorsitzenden Prof. Dr. Stefan Brakensiek an Andreas Schenker, M.A. (Universität Bamberg)
14:30
Andreas Schenker, M.A. (Universität Bamberg)
Die Beziehungen der Bischberger Landjuden zum Kloster Michelsberg in Bamberg in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
Moderation: Dr. Gunter Mahlerwein (Johannes Gutenberg-Universität Mainz)

Kontakt

Angelika Köffer

Historisches Institut, Universität Duisburg-Essen, 45141 Essen

0201-183 3584

angelika.koeffer@uni-due.de


Redaktion
Veröffentlicht am
22.05.2014
Klassifikation
Region(en)
Weitere Informationen

Land Veranstaltung
Sprache Veranstaltung