Du bist, was du nicht isst! Gesundheit und Ernährung seit 1850

Du bist, was du nicht isst! Gesundheit und Ernährung seit 1850

Veranstalter
Veronika Settele (FU Berlin); Norman Aselmeyer (EUI Florenz)
Veranstaltungsort
Freie Universität Berlin, Henry-Ford-Bau, Garystr. 35, 14195 Berlin
Ort
Berlin
Land
Deutschland
Vom - Bis
27.02.2016 -
Deadline
30.09.2015
Von
Veronika Settele

Konferenz „Du bist, was du nicht isst! Gesundheit und Ernährung seit 1850“ am 27. Februar 2016 im Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin

Konzept:
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich das Gesundheitsdispositiv kontinuierlich auf die Ernährung ausgedehnt. Aus der gesamtgesellschaftlichen Aufgabe, Gesundheit durch ausreichende Ernährung sicherzustellen, wurde die individuelle Verpflichtung zur selbstverantwortlichen Wahrung von Ge-sundheit und Vitalität – durch „richtige“ Ernährung. Die Konferenz geht der historischen Entwicklung des wandelbaren Zusammenspiels von Gesundheit und Ernährung in der westlichen Moderne nach, das nicht nur Auskunft über die Halbwertzeit wissenschaftlicher Erkenntnis gibt, sondern zugleich über die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Spezifika seiner Zeit. Der analytische Zugriff über das „Nicht-Essen“ macht das Spektrum des historisch kontingenten Zusammenhangs zwischen Ernährung und Gesundheit greifbar: War es in mangelhaften Zeiten das Überwinden des „Nicht-Essens“, das der Gesundheit zuträglich sein sollte, wurde „Nicht-Essen“ als selbstgewählter Verzicht im 20. Jahrhundert zum Ausdruck von Gesundheitsbewusstsein. In der Negation bestimmter Nahrungsmittel – nicht nur, aber vorwiegend aus Gründen der Gesundheit – konstituiert sich das Subjekt in der Überflussgesellschaft. Die Angst vor dem Hunger wurde abgelöst von der Angst vor Krankheit, und zwar im Bewusstsein, dass der moderne Mensch selbst seine größte Gesundheitsbedrohung darstellt. Das widersprüchliche Wechselspiel zwischen dieser Individualisierung und der gesamtgesellschaftlichen Ordnungspolitik seit 1850 ist ein Wesenszug der „Ambivalenz der Moderne“. Die Ernährung ist zugleich individuelles Residuum, das dem Menschen die Illusion erlaubt, sein Schicksal selbsttätig handhaben zu können, und zentraler Gegenstand staatlicher Planung und Organisation.

Die Ausgangsfrage, inwieweit Krisen und Kriege, Demokratie und Diktatur, Mangel und Überfluss im Untersuchungszeitraum das Verhältnis von Gesundheit und Ernährung re- und neukonfiguriert haben, soll auf der Konferenz mithilfe der drei dynamischen Prozessbegriffe Subjektivierung, Verwissenschaftlichung und Regulierung beantwortet werden. Insbesondere deren Verknüpfung ermöglicht eine Entschlüsselung des komplexen Zusammenspiels von Gesundheit und Ernährung. Deshalb sind Beiträge, die sich an den genannten und nachfolgend spezifizierten Prozessen oder deren Beziehungsgeflecht orientieren, besonders willkommen.

1. Subjektivierung:
Essen changiert zwischen physischer Notwendigkeit und soziokultureller Praxis. Gesellschaftliche Bewegungen wie Lebensreform- und New-Age-Bewegung, Vegetarismus und Veganismus, aber auch Initiativen für ein Recht auf Fleisch verdeutlichen die Mobilisierungsfähigkeit sowie das Distinktions- und Identitätspotential von Essen. In der Wohlstandsgesellschaft seit den 1960er Jahren, in der breiter Zugang zu einer Vielzahl an Lebensmitteln sichergestellt worden ist, konstituierte sich die soziale Distinktion horizontal über die moralische begründete Ernährungsweise. Die Beschleunigung der Moderne spiegelte sich im Umgang mit Ernährung, deren zunehmend industrieller Verarbeitung und in den Ende des 19. Jahrhunderts aufkommenden Schnellkochküchen wider, die sich in der McDonaldisierung der 1970er Jahre fortsetzten. Die Entwicklung von der Volksgesundheit zur individuellen Verpflichtung schlug sich in der (vergeschlechtlichten) Körperlichkeit der Nahrungsaufnahme und deren Indikatoren wie Hormonen, Enzymen, dem Geschmack und den Zielen Fitness und Schlankheit nieder. Essen und Nicht-Essen sind zudem Gegenstand kultureller Verarbeitung: vom Hungerkünstler auf hochkultureller Ebene, über Diäten, hin zu Konsumtrends und pathologischen Ernährungsgewohnheiten.

2. Verwissenschaftlichung:
Wann und unter welchen Umständen konstituierte sich der ambivalente Zusammenhang zwischen Ernährung und Gesundheit jenseits existentieller Bedürfnisse? Die philosophischen Gesundheitslehren wurden seit 1850 von einem (natur-)wissenschaftlichen Blick auf Ernährung abgelöst, der beispielsweise zu der bis heute fortwirkenden dreigliedrigen Nährwerttabelle führte. Zur gleichen Zeit begründete u.a. die Herausbildung der Hygiene eine staatstragende Rolle der Medizin. Essen und Trinken traten in den Diskursen der Medizin als Ursache von, als Prävention vor und als Heilung von Krankheit auf, dabei jeweils als individuelle sowie epidemiologische Fehl- oder Mangelernährung und Therapieinstrument. Dies hatte Auswirkungen auf die wissenschaftliche Differenz von männlichem und weiblichem Körper. Heterotopen Orten kam große Bedeutung zu für Produktion, Verbreitung, Anwendung und Transfer von Wissen um den Zusammenhang zwischen Ernährung und Gesundheit, der fortwährendem Wandel unterliegt: Gesundheitsvorstellungen wie auch die Indikatoren für Gesundheit (BMI, Cholesterin, Kalorien, Ampel, Nährwerte) änderten sich. Parallel zum (vermeintlich) größer werdenden Wissen um die gesundheitlichen Auswirkungen der Ernährung ging Herstellungs- und Zubereitungswissen in der Wohlstandsgesellschaft verloren.

3. Regulierung:
Staatliche Gesundheitspolitik verfolgt das Ziel, die Gesellschaft möglichst leistungsfähig zu halten. Mittel hierfür sind Steuern, aber auch die Pädagogisierung der Ernährung in politischen Kampagnen. Krankenkassen honorieren die eigenständige Überprüfung und Übermittlung von BMI, Cholesterin- und Blutzuckerwerten und unterstreichen damit die fortschreitende Medikalisierung der individuellen Ernährung. Das Machtpotential (verweigerter) Nahrungsaufnahme entfaltet sich in staatlicher Obhut am stärksten: Hungerstreik als Widerstand gegen und Zwangsernährung als Durchsetzung der Staatsgewalt waren stets Indikatoren für einschneidende politische Veränderungen.

Teilnahme:
Interessierte bitten wir um die Zusendung eines Abstracts im Umfang von maximal 300 Wörtern samt einer biografischen Notiz bis zum 30. September 2015 an veronika.settele@fu-berlin.de. Die Konferenzsprache ist Deutsch, die 20-minütigen Vorträge können jedoch auf Deutsch oder Englisch gehalten werden. Wir bemühen uns um die Übernahme der Kosten für Anreise und Verpflegung. Eine Publikation der Beiträge in einer geschichtswissenschaftlichen Fachzeitschrift ist vorgesehen.

Organisation:
Veronika Settele (FU Berlin) und Norman Aselmeyer (EUI Florenz)

Programm

Kontakt

Veronika Settele

Freie Universität Berlin, Friedrich-Meinecke-Institut
Koserstr. 20, 14195 Berlin

veronika.settele@fu-berlin.de


Redaktion
Veröffentlicht am
06.08.2015
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