Grenzüberschreitende institutionalisierte Zusammenarbeit von der Antike bis in die Gegenwart. Strukturen und Prozesse

Grenzüberschreitende institutionalisierte Zusammenarbeit von der Antike bis in die Gegenwart. Strukturen und Prozesse

Veranstalter
AG Internationale Geschichte des Verbands der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD), Claudia Hiepel, Guido Thiemeyer, Henning Türk
Veranstaltungsort
Universität Duisburg-Essen
Ort
Essen
Land
Deutschland
Vom - Bis
16.03.2017 - 18.03.2017
Deadline
31.05.2016
Von
Henning Türk

Die „Arbeitsgruppe Internationale Geschichte“ im Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) veranstaltet vom 16.–18. März 2017 ihre Jahrestagung zu dem Thema „Grenzüberschreitende institutionalisierte Zusammenarbeit von der Antike bis in die Gegenwart. Strukturen und Prozesse“.

Grenzüberschreitende institutionalisierte Zusammenarbeit ist in der heutigen globalisierten Welt eine Selbstverständlichkeit. Für eine Vielzahl von Problemen und Anliegen bieten nationale Räume keine Lösungsansätze mehr, so dass eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit notwendig ist. Dabei haben sich auf gesellschaftlicher, wirtschaftlicher oder politischer Ebene zahlreiche in unterschiedlichem Maße institutionalisierte Kooperationsformen herausgebildet. Diese Zusammenarbeit ist allerdings kein alleiniges Phänomen des 19. und 20. Jahrhunderts, wie die bisherigen Schwerpunkte der historischen Forschung nahelegen, sondern eine institutionalisierte grenzüberschreitende Zusammenarbeit lässt sich sowohl in der Antike als auch im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit identifizieren.

Ziel der Konferenz soll es sein, an ausgewählten Beispielen die Entwicklung grenzüberschreitender Zusammenarbeit in der Geschichte zu untersuchen. Die Tagung verfolgt dabei ein doppeltes Ziel: Erstens soll an konkreten Beispielen untersucht werden, wie die Zusammenarbeit funktionierte, auf welchen formellen und informellen Strukturen sie beruhte und welche Akteure in die Zusammenarbeit eingebunden waren. Zu fragen ist in diesem Zusammenhang auch, wie sich feste Institutionen der Zusammenarbeit herausbildeten. Welche Probleme sollten durch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit gelöst werden? Lassen sich die untersuchten Einzelfälle systematisieren? Können auf diese Weise die Strukturelemente des politischen Systems und ihr dynamisches Zusammenspiel genauer herauspräpariert werden? Zweitens soll nach der Entwicklung grenzüberschreitender Zusammenarbeit über die klassischen Epochengrenzen hinaus gefragt werden. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede bestehen zum Beispiel in dieser Hinsicht zwischen griechischen und römischen Organisationsformen oder in der Organisation der Zusammenarbeit vom 17. zum 19. Jahrhundert? Durch solche diachronen Vergleiche können Erkenntnisse über die Longue Durée grenzüberschreitender Zusammenarbeit gewonnen werden.

Der Begriff der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit ist dabei bewusst weit gefasst. Er bezieht sich zunächst auf die Grenzen eines Herrschaftsgebiets. Diese sind zwar in den Epochen unterschiedlich stark ausgeprägt, doch lassen sie sich relativ präzise fassen. Entscheidend für den für die Konferenz gewählten Ansatz ist allerdings die Institutionalisierung beziehungsweise Regelhaftigkeit der Zusammenarbeit. So ist der Handelsaustausch beispielsweise für die Tagung erst relevant, wenn formelle und informelle Institutionen zur Regelung des Handelsaustauschs entstehen oder wenn sich ein bestimmtes Muster des Handelsaustauschs etabliert, an das sich alle beteiligten Akteure halten. Bi- oder multilaterale politische Gespräche sind für die Tagung erst dann bedeutsam, wenn sie sich zu offiziellen und inoffiziellen Institutionen verfestigen.

Um langfristige Entwicklungen nachverfolgen zu können, wird angestrebt, dass die Beiträge auf einem gemeinsamen methodischen Zugriff basieren. Hier bietet sich der im Kontext der politikwissenschaftlichen Forschung in den letzten Jahrzehnten entwickelte Governance-Ansatz an. Dabei bezeichnet Governance nicht alleine die Tätigkeit des Regierens, sondern dessen Art und Weise, d.h. es wird der komplexe Zusammenhang von Strukturen, Prozessen und Inhalten in den Blick genommen. Drei Aspekte des Governance-Ansatzes scheinen für die Erforschung grenzüberschreitender Zusammenarbeit besonders fruchtbar zu sein:
- Zum einen betrachtet der Ansatz die Zusammenarbeit als nicht-hierarchisch, d.h. der Gegensatz zwischen Regierungen und gesellschaftlichen Akteuren wird aufgehoben. Private und gesellschaftliche Akteure werden prinzipiell gleichberechtigt in die Analyse einbezogen.
- Zweitens werden nicht nur formelle Strukturen der Zusammenarbeit betrachtet, sondern auch informelle. Grenzüberschreitende Zusammenarbeit, so die Annahme, basiert nicht nur auf den einmal etablierten Institutionen, sondern es bilden sich um sie herum weitere informelle Institutionen, die ebenfalls Teil der Analyse sind.
- Drittens konzentriert sich der Governance-Ansatz nicht nur auf die Strukturen der Zusammenarbeit, sondern auch auf die Prozesse. In dem Kontext wird danach gefragt, wie ein Problem grenzüberschreitend verhandelt wird, aber ebenso, wie sich die Zusammenarbeit selbst im Verhandlungsprozess ändert.

Mit dem themenübergreifenden methodischen Ansatz ist auf der Tagung die Möglichkeit des intertemporalen Vergleiches grenzüberschreitender Zusammenarbeit über einen langen Zeitraum gegeben. Auf diese Weise lassen sich Veränderungen und Kontinuitäten sowie Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeiten, die in der bisherigen streng nach Epochen getrennten Forschung noch überhaupt nicht diskutiert wurden. Zudem lässt sich die in den letzten Jahren intensivierte Diskussion über das Verhältnis von Sozialwissenschaften und Geschichtswissenschaften vorantreiben. In welcher Hinsicht ist der Governance-Ansatz für eine Geschichte der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit über die Epochengrenzen hinweg fruchtbar, wo liegen seine Defizite?

Legt man den oben dargelegten erweiterten Begriff grenzüberschreitender Zusammenarbeit und den methodischen Zugriff zu Grunde, so ist es möglich alle historischen Epochen in die Untersuchung mit einzubeziehen. Auf der Basis dieses Begriffes könnten Beispiele aus der Antike wie die griechischen Amphiktyonien oder hellenistischen Koina untersucht werden. Aus mittelalterlicher Perspektive bietet sich zum Beispiel eine Analyse von Land- und Seehandelskonsortien (Hanse etc.) oder der Ritterorden an. Für die Frühe Neuzeit liegt der Einbezug des Westfälischen Friedens nahe, weil in dessen Art. 64-67 erstmals der Unterschied zwischen innerer und äußerer Politik formuliert wurde. Grenzüberschreitende Zusammenarbeit erfolgte somit zunehmend im Rahmen des sich entwickelnden Völkerrechts. Veränderte sich dadurch auch die Art der Zusammenarbeit? Eine wichtige Zäsur bildete zudem der Wiener Kongress, durch den mit der Zentralkommission für die Rheinschifffahrt zum ersten Mal eine internationale Organisation mit permanenten Institutionen und supranationalen Elementen gegründet wurde. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts entstand eine Vielzahl von internationalen Organisationen mit meist technisch-ökonomischen Aufgaben (z.B. Weltpostverein, Europäische Donaukommission). Mit dem Völkerbund (1919) und den Vereinten Nationen (1945) etablierten sich im 20. Jahrhundert zwei umfassende Organisationen mit zudem globalem Anspruch. Durch den weiten Zeitraum, den die Konferenz erfassen möchte, ist es möglich, die bisherigen zeitlichen Abgrenzungen zu hinterfragen und neue Erkenntnisse über die Veränderung der jeweiligen Handlungsfelder und der Ausgestaltung grenzüberschreitender Zusammenarbeit in einer langen Sicht zu generieren.

Interessenten schicken bitte einen zweiseitigen Abstract (max. 5.000 Zeichen) zum geplanten Vortrag sowie einen einseitigen knappen Lebenslauf bis zum 31.5.2016 an Guido.Thiemeyer@uni-duesseldorf.de; claudia.hiepel@uni-due.de; henning.tuerk@uni-due.de. Es ist geplant, die Fahrt- und Übernachtungskosten für die Referentinnen und Referenten zu übernehmen.

Programm

Kontakt

Henning Türk

Historisches Seminar - Zeitgeschichte
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Jakob-Welder Weg 18
55128 Mainz

henning.tuerk@uni-due.de


Redaktion
Veröffentlicht am
14.03.2016
Beiträger