Transfer, Zirkulation und Netzwerke gelehrten Wissens im 18. Jahrhundert. Eine deutsch-französische Perspektive / Transferts, circulations et réseaux savants au XVIIIe siècle. Une perspective franco-allemande

Transfer, Zirkulation und Netzwerke gelehrten Wissens im 18. Jahrhundert. Eine deutsch-französische Perspektive / Transferts, circulations et réseaux savants au XVIIIe siècle. Une perspective franco-allemande

Veranstalter
Claire Gantet, Chaire d'histoire moderne, Universität Fribourg
Veranstaltungsort
Salle Jäggi (Universität Fribourg Mis 4112), salle Rossier (Hôpital des bourgeois, rue de l’Hôpital 2, CH-1700 Fribourg)
Ort
Fribourg
Land
Switzerland
Vom - Bis
16.11.2016 - 18.11.2016
Von
Gantet, Claire

Der Begriff des Kulturtransfers wurde vor rund 30 Jahren von Michel Espagne und Michael Werner vorgeschlagen. Die beiden Wissenschaftler verliehen damit ihrem Unbehagen an dem bis dahin vorherrschenden Paradigma des historischen Vergleichs Ausdruck, den sie als zu statisch und zu geschlossen kritisierten. Vor allem sei ein komparatistisches Vorgehen nicht in der Lage, kulturelle Austauschprozesse zwischen einem Land A und einem Land B mitsamt den dabei vorfallenden Anverwandlungen und Transformationen in den Blick zu bekommen. Seither haben sich zahlreiche Studien der Erforschung dieses kulturellen Transfers angenommen, vor allem auf dem Gebiet der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und der (neueren) Literaturwissenschaft. In der Wissensgeschichte dagegen hat das Konzept des Kulturtransfers etwas überraschend nur wenig Beachtung gefunden, liegt es doch eigentlich nahe, gerade den Austausch gelehrter Wissensbestände unter dem Aspekt von Adaption und Transformation zu untersuchen. Zugleich scheinen die spezifischen Fragestellungen der Wissensgeschichte geeignet, das Konzept des Kulturtransfers zu überdenken und gegebenenfalls zu reformulieren.

In der Tat wirft es methodologische Fragen auf, die Geschichte des Transfers gelehrten Wissens zwischen Deutschland und Frankreich im 18. Jahrhundert zu schreiben, in einer Epoche also, die auf diesem Gebiet über weite Strecken weniger durch nationalstaatliche Institutionen als durch die Netzwerke einer ideell europaweiten Gelehrtenrepublik geprägt war. In die Betrachtung eines deutsch-französischen Transfers gelehrten Wissens im 18. Jahrhundert müssen daher unbedingt auch die Schweiz und die Niederlande als Räume der sprachlichen Begegnung zwischen Französisch und Deutsch einbezogen werden.

Aufgrund seiner Emphase auf dem Aspekt der örtlichen, semantischen und symbolischen Loslösung scheint der Begriff der « Zirkulation » grundsätzlich besser dazu geeignet, kulturelle Austauschprozesse in den Blick zu bekommen, als der stets Ungleichgewicht insinuierende der Begriff des « Transfers ». Aber auch dieser wirft neue Fragen auf: Wie verliefen diese Zirkulationen, gab es bevorzugte Themen oder geographische, institutionelle oder persönliche Zentren bzw. Knotenpunkte? Welchen Einfluss hatten politische Faktoren und Herrschaftsverhältnisse? Wie verliefen die Übergänge zwischen persönlicher und schriftlicher Kommunikation bzw. zwischen direktem und medialem Austausch? Und auf welcher dieser Ebenen lassen sich Aneignungs- oder Zurückweisungsprozesse am besten beobachten?

Die Netzwerkanalyse als methodischer Zugang der „mittleren Ebene“ erscheint am ehesten geeignet, Antworten auf diese Fragen zu geben, bildet ein Netzwerk doch ein Ensemble von Beziehungen mitsamt den diesen unterliegenden strukturellen und zeitlichen Veränderungen ab. Es erscheint daher zulässig, von deutsch-französischen Netzwerken innerhalb der europäischen Gelehrtenrepublik zu sprechen. Wiederum allerdings ist es nötig, die Gesamtheit der – persönlichen, institutionellen und medialen – Beziehungen in die Untersuchung einzubeziehen und sich zu fragen, ob diese beispielsweise hierarchisch oder dauerhaft waren und welche Auswirkungen sie hatten. Denn auch die Gelehrten des 18. Jahrhunderts waren nur teilweise Herr ihrer Beziehungen und der Wirkungen ihrer Briefe und Aufsätze auf andere und hatten daher allenfalls ein vages Gefühl der gemeinsamen Zugehörigkeit.

In diesem Sinn soll die schnelle (Vor-)Annahme einer französischen Dominanz zugunsten einer sorgsamen Analyse zurückgestellt werden, in der es die Motivationen, Konkurrenzen, Praktiken und Medien des gelehrten Austauschs, die Übersetzung der Sprachen und die Verschachtelung der Netzwerke zu erhellen, die Maßstäbe der Untersuchung kritisch zu reflektieren und schließlich Topographien zu entdecken gilt, die sicher nicht in einer einfachen Gegenüberstellung von Deutschland und Frankreich aufgehen.

Eine deutsch-französische Publikation wird zusammen mit Markus Meumann (Gotha/Erfurt) angestrebt.

Programm

16.11.2016
14 h 00 – 18 h (salle Jäggi)

Accueil / Begrüssung : Bernadette Charlier (Fribourg, Doyenne / Dekanin)

Introduction / Einführung : Claire Gantet (Fribourg)

Espaces, échelles, constructions / Räume, Massstäbe, Konstruktionen

Simona Boscani (Bern) : Le transfert des savoirs naturalistes entre espaces germanophone et francophone : thèmes, acteurs, réseaux

Anne Saada (Paris) : La construction de Göttingen comme carrefour de l’Europe : choix, enjeux et mise en œuvre

16h-16h15 Pause-café / Kaffeepause

Élisabeth Décultot (Halle) : Ästhetik – Zur französischen Rezeption eines deutschen Begriffs, 1750-1810

Béla Kapossy (Lausanne) : commentaire

17.11.2016
8 h – 12 h (salle Rossier)

Intertextualités, langues, circulations / Intertextualitäten, Sprachen, Zirkulationen

Helmut Zedelmaier (Halle) : Gelehrter Fleiß versus selbständiges Denken. Anmerkungen zu einem deutsch-französischen Klischee in der Frühen Neuzeit

Flemming Schock (Leipzig) : Journale aus Journalen. Die Rezeption französischer Zeitschriften in deutschen Periodika des 18. Jahrhunderts

Avi Lifschitz (London/Halle) : The Berlin Academy as a Centre of Franco-German Intellectual Transfer, 1746-1786

10h15-10h30 Pause-café / Kaffeepause

Ulrich Johannes Schneider (Leipzig) : Stadt, Land, Fluss. Über die Entlokalisierung des Wissens in Enzyklopädien

Thomas Lau (Fribourg) : Kommentar

14 h – 18 h (salle Rossier)

Radicalités, clandestinités / Radikalität, Untergrund

Cécile Lambert (Paris) : De la presse savante au roman de la Spätaufklärung : les réceptions contrastées de La Mettrie en Allemagne

Markus Meumann (Gotha/Erfurt) : Der Illuminatenorden und Frankreich
15h45-16h Pause-café / Kaffeepause

Martin Mulsow (Gotha/Erfurt) : Paalzow und Abauzit: Clandestiner Transfer und Kritik am Biblischen Kanon

Caspar Hirschi (St. Gallen) : Kommentar

18.11.2016, 8 h – 12 h (salle Rossier)

Institutions, politiques, organisations du savoir /Institutionen, Politik, Organisation des Wissens

Kirill Abrosimov (Augsburg) : Die Kulturpolitik des Kurfürsten Max Emanuel von Bayern und das „Modell Colbert“. Transfer des staatsbezogenen Praxiswissens im Europa des frühen 18. Jahrhunderts

Florence Catherine (Strasbourg) : Diffuser les savoirs pour embrasser l’ordre de la nature : les mécanismes d’échanges informatifs entre Albrecht von Haller et les lettrés français

9h30-9h45 Pause-café / Kaffeepause

Vincent Robadey (Fribourg) : Société économique de Berne et Encyclopédie Economique (1770-1771), de la compilation au transfert de savoirs agronomiques ?

Martin Stuber (Bern) : Kommentar

Discussion finale / Abschlussdiskussion

Kontakt

Claire Gantet
Av. de l'Europe 20, Mis 4129
Universität Fribourg
CH-1700 Fribourg
claire.gantet@unifr.ch

https://lettres.unifr.ch/fr/hist/histoire/histoire-moderne.html
Redaktion
Veröffentlicht am
13.10.2016
Beiträger
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Land Veranstaltung
Sprach(en) der Veranstaltung
Deutsch
Sprache der Ankündigung