Gabe und Verpflichtung

Gabe und Verpflichtung

Veranstalter
Institut für Philosophie, FU Berlin
Ort
Berlin
Land
Deutschland
Vom - Bis
24.04.2020 -
Deadline
14.02.2020
Von
Dirk Quadflieg

Die Behauptung, dass die Gabe den „Felsen“ unserer gegenwärtigen Gesellschaften bildet, die Marcel Mauss in seinem Essay „Die Gabe“ von 1925 aufgestellt hat, ist bis heute ebenso verblüffend wie erklärungsbedürftig geblieben. So beeindruckend die sozialintegrative Kraft der von Mauss zusammengestellten Gabepraktiken ist, die er vor allem in ethnologischen Berichten über indigene Stammesgesellschaften aus dem Pazifikraum findet, so unerheblich scheinen derartige Praktiken für den Zusammenhalt funktional ausdifferenzierter und staatlich organisierter Gesellschaften geworden zu sein. Dennoch war Mauss der Überzeugung, dass sich in traditionalen Gabebeziehungen ein einzigartiges Zusammenspiel von Freiwilligkeit und Verpflichtung, man könnte auch sagen: Freiheit und Normativität finden lässt, das auch für die moderne Spannung zwischen dem Anspruch auf individuelle Selbstentfaltung und der Notwendigkeit sozialer Normierung von Interesse ist. Obwohl man also feststellen muss, dass Praktiken des Gebens und Schenkens in westlichen Industriegesellschaften fast ausschließlich in den privaten Nahbereich abgewandert sind, weckt das von Mauss in den Mittelpunkt gerückte Prinzip der Verpflichtung durch Gaben die Hoffnung, darin Antworten auf die Erosion sozialer Bindungskräfte zu finden.
Fast ein Jahrhundert ist seit dem Erscheinen des Gabe-Essays vergangen, aber weder das „Rätsel der Gabe“, das ihre eigentümliche Verpflichtungsstruktur aufwirft, noch das Problem des schwindenden sozialen Zusammenhalts in den an individueller Freiheit orientierten Gesellschaften des Westens sind gelöst. In den letzten Jahrzehnten hat das Denken der Gabe eine Art Renaissance erfahren. Teils in direktem Anschluss an die Arbeit von Marcel Mauss, teils weit darüber hinaus gehend, haben eine Reihe von Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Disziplinen Vorschläge vorgelegt, inwiefern sich sowohl konkrete Praktiken des Gebens als auch Denkfiguren der Gabe für eine kritische Betrachtung der Gegenwart fruchtbar machen lassen. Vor diesem Hintergrund möchte der Workshop junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Fachdisziplinen zusammenbringen, um über die verpflichtende Kraft der Gabe und ihre Bedeutung für die Sozial- und Geisteswissenschaften zu diskutieren. Dazu bitten wir um Abstracts für Vorträge, die möglichst eine eigene These zur Bedeutung der Gabe in modernen Gesellschaften oder in einem ihrer Teilbereiche vertreten. Die These kann sich sowohl auf eine Auseinandersetzung mit Mauss beziehen als auch eine These zu einem bestimmten Bereich und der Struktur und Funktion der Gabe dort sein.

Am 19./20.4. 2018 fand an der FU Berlin bereits ein Workshop zum Thema „Gabe und Sorge“ statt (organisiert von Dina Emundts, Hilge Landweer und Tanja Stähler), am 05.04.2019 einer zum Thema „Gabe und Gegengabe in modernen Gesellschaften. Methodologische Probleme“ (organisiert von Dina Emundts, Hilge Landweer und Fabian Bernhardt). Jetzt möchten wir den Kreis der Interessierten erweitern.

Abstracts von max. 500 Wörtern werden erbeten an: Ilona.Anders@fu-berlin.de
Bitte fügen Sie Ihrem Abstract in der Email Angaben zu Ihrem Fach und Ihrer gegenwärtigen akademischen Position bei. Der Workshop richtet sich primär an Doktorand/innen und Postdocs.

Einreichungsfrist für die Abstracts: 14. Februar 2020.
(Rückmeldung bis zum 28. Februar 2020)

Diskussionssprache: Deutsch, Vorträge in Englisch sind möglich.
Dauer der Vorträge: 30 Minuten

Programm

Keynote Speaker: Prof. Dr. Erhard Schüttpelz (Universität Siegen)

Kontakt

Ilona Anders

Freie Universität Berlin, Institut für Philosophie, Habelschwerdter Allee 30, 14195 Berlin

Ilona.Anders@fu-berlin.de