Krieg und Geschlecht im 20. Jahrhundert

Krieg und Geschlecht im 20. Jahrhundert

Veranstalter
Vincent Streichhahn, Riccardo Altieri
Ort
Halle / Potsdam
Land
Deutschland
Vom - Bis
11.10.2020 - 28.02.2021
Von
Altieri, Riccardo

CfA: Krieg und Geschlecht im 20. Jahrhundert

Hrsg.: Vincent Streichhahn (Halle) und Riccardo Altieri (Potsdam)

„Ich habe immer versucht, den Krieg zu gestalten. Ich konnte es nie fassen. Jetzt endlich habe ich eine Folge von Holzschnitten fertiggemacht, die einigermaßen das sagen was ich sagen wollte. [...] Diese Blätter sollen in alle Welt wandern und sollen allen Menschen sagen: so war es – das haben wir alle getragen durch diese unaussprechlich schweren Jahre.“
Diese Zeilen richtete die Künstlerin Käthe Kollwitz im Oktober 1922 in einem Brief an Romain Rolland. Seit Kriegsende hatte Kollwitz an ihren Holzschnitten gearbeitet, mit denen sie vor allem das Leid des Krieges thematisierte. Ihren eigenen Sohn, Peter Kollwitz, hatte sie bereits 1914 an der Front verloren. Es sind daher überwiegend die Mütter und Witwen, die im Zentrum der künstlerischen Auseinandersetzung von Käthe Kollwitz stehen. Während diese Darstellung des Krieges das Motiv der getrennten Erfahrungsbereiche der Heimat- und Kriegsfront zu perpetuieren scheint, hat die Frauen- und Geschlechterforschung das Narrativ einer starken Trennung der vergeschlechtlichten Fronten für den Ersten Weltkrieg relativiert und die gemeinsamen Kriegserfahrungen herausgearbeitet (Hagemann/Schüler-Springorum 2002). Dennoch ist der Krieg zweifelsfrei ein Ereignis, in welchem die Geschlechterdifferenz vielleicht am entschiedensten formuliert wird, weshalb Margaret Higonnet den Krieg als „gendering activity“ beschrieben hat (Higonnet 1987).
Die allgemeine Geschichtsschreibung und vor allem die Militärgeschichte zeigen sich insbesondere in Deutschland jedoch weiterhin überraschend resistent gegenüber den Erkenntnissen der Geschlechterforschung. Nach wie vor herrscht die Tendenz vor, männliche Erfahrungen zu verallgemeinern, während die Erfahrungen von Frauen einerseits homogenisiert werden und andererseits als Geschlechtergeschichte einem Nischendasein überlassen bleiben. Das soll keineswegs über die partielle Integration geschlechtergeschichtlicher Perspektiven in die allgemeine Geschichtsschreibung hinwegtäuschen (Sharp 2015). Im Falle der geschlechtergeschichtlichen Beschäftigung mit Krieg bleibt jedoch viel zu tun, um verschiedene kriegerische Auseinandersetzungen in den Blick zu bekommen und sich nicht auf einen eurozentrischen Rahmen zu beschränken.
Der geplante Sammelband widmet sich dem Themenfeld „Geschlecht und Krieg“ im kurzen 20. Jahrhundert (Hobsbawm) und fühlt sich dabei dem von Ute Frevert formulierten wissenschaftlichen Anspruch verpflichtet, „den ‚Produktionsprozess‘, dem Geschlecht und Geschlechterdifferenz unterliegen, zu historisieren, räumlich-zeitlich zu situieren, seine Triebkräfte zu benennen, seine Verfahrensweise zu analysieren, seine Alternativen zu bedenken und seine Folgen zu ermitteln“ (Frevert 1995: 14). Aus diesem Anspruch resultiert die transnationale sowie interdisziplinäre Konzeption des Bandes. Erwünscht sind Beiträge zu den verschiedenen Kriegen des 20. Jahrhunderts auf dem gesamten Globus, die auch jenseits des „großen Krieges“ geschlechtergeschichtliche Fragestellungen unterschiedlichster Art verfolgen. Wünschenswert ist darüber hinaus eine hohe Diversität der Zugänge, die unter anderem historiographisch, politikwissenschaftlich, kunsthistorisch, ethnologisch sowie methodologisch und theoretisch erfolgen sollen, aber gerne weitere Zugänge aufgreifen können. Eine unvollständige Auswahl möglicher Themenfelder lautet:
- Nationale und internationale Antikriegs-Bewegungen: Welche Gründe gegen den Krieg und welche Ursachen für denselben sind in den Zeitdiagnostiken der Akteur_innen zu finden? Welche Rolle spielen Geschlechtskonstruktionen dabei und welche (geschlechtsspezifischen) Organisations- und Protestformen lassen sich beobachten?
- Antizipation, Perzeption und Rezeption des Krieges: Wie wurde der Krieg in den unterschiedlichen politischen, sozialen und konfessionellen Lagern sowie innerhalb derselben zwischen den Geschlechtern antizipiert, perzipiert und rezipiert?
- Das Verhältnis von Heimat- und Kriegsfront: Wie lässt sich das Verhältnis der beiden Fronten beschreiben? Inwiefern wurden dadurch die Emanzipationsbestrebungen von Frauen gefördert oder unterlaufen? Lässt sich diese Trennung überhaupt aufrechterhalten? Verschwindet sie im Laufe des 20. Jahrhunderts mit dem Wandel des Krieges oder entpuppt sie sich sogar für die beiden Weltkriege als Konstruktion? Welche anderen Erfahrungsräume waren von Bedeutung?
- Das Verhältnis von Progress und Regress im Geschlechterverhältnis: Welche Rolle spielten die im Krieg formulierte Geschlechterdifferenz und Prozesse für den Progress im Geschlechterverhältnis und für dessen Regress in der Nachkriegsperiode? Welche Bedeutung kam dabei der Staatsbürgerschaft/Citizenship zu?
- Frauen als Opfer – Frauen als Täterinnen? Frauen waren nicht nur Leidtragende von Kriegen, sondern konnten und waren ebenso Täterinnen. Was für Täterinnen-Gruppen gab es? Wie wurden diese wahrgenommen? Wie nahmen und stellten sie sich selbst dar?
- Wehrhaftigkeit von Frauen: Frauen konnten darüber hinaus selbst Soldatinnen, Heldinnen und Widerstandskämpferinnen sein. In welchen Kriegen des 20. Jahrhunderts und in welcher Form kämpften und waren Frauen wehrhaft? Waren sie eher im Widerstand oder in den nationalstaatlichen Armeen aktiv?
- Kriegsmobilisierungen: Wie wurden Frauen und Männer für den Krieg mobilisiert? Welche Ansprachen und Propagandatechniken lassen sich dabei beobachten? Inwiefern waren diese für Männer und Frauen unterschiedlich?
- Vergeschlechtlichte Kriegstechniken: Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt sind inzwischen als Kriegswaffe anerkannt und geächtet, wenngleich nicht verschwunden. Inwiefern wurden diese systematisch in den Kriegen des 20. Jahrhunderts eingesetzt? Welche anderen vergeschlechtlichten Kriegstechniken lassen sich beobachten?
- Nachwirkungen: Wie wurde der Krieg künstlerisch, literarisch, ikonographisch und anderweitig verarbeitet? Welche Bilder traten dabei zum Vorschein und welche Wirkung entfalteten diese?

Das Exposé für einen Beitrag (max. 2 Seiten) senden Sie bitte bis zum 11.10.2020 an vincent.streichhahn@politik.uni-halle.de und altieri@uni-potsdam.de. Als Herausgeber des Bandes werden wir bis Anfang November eine Auswahl der eingereichten Beitragsvorschläge vornehmen. Die Einsendung der fertigen Beiträge (40.000 bis 60.000 Zeichen) ist für den 28.2.2021 vorgesehen. Über ein geplantes Crowdfunding-Projekt wird ein Honorar für die Autor_innen der eingereichten Beiträge angestrebt.

Literatur
Ute Frevert: ‘Mann und Weib, und Weib und Mann’. Geschlechterdifferenz in der Moderne, München 1995, S. 14.
Karen Hagemann und Stefanie Schüler-Springorum (Hrsg.): Heimat-Front. Militär und Geschlechterverhältnisse im Zeitalter der Weltkriege, Frankfurt am Main 2002.
Margarett Higonnet et al.: Introduction, in: dies.: Behind the Lines. Gender and the Two World Wars, London 1987, S. 1-17, S. 4.
Ingrid E. Sharp: Geschlechtergeschichte und die Erforschung des Ersten Weltkrieges in Deutschland: Entwicklungen und Perspektiven, in: Geschichte und Region 2014/2, S. 49-64.

Programm

Kontakt

Riccardo Altieri

Am Neuen Palais 10, 14469 Potsdam

altieri@uni-potsdam.de


Redaktion
Veröffentlicht am
07.08.2020
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