Versorgungspläne wurden über einen längeren Zeitraum entwickelt, ausgeführt, abgeschlossen oder auch wieder verworfen. Sie antworteten auf einen vorhandenen Mangel, strebten ein konkretes Soll an und bewirkten die Entstehung von Institutionen, welche zeitgenössische Vorstellungen von Versorgung in die Praxis umsetzten.
Eine systematische Auseinandersetzung mit Versorgungsbegriffen aus Nationalsozialismus und Staatssozialismus weist auf regimespezifische Organisationsformen sowie Menschenbilder hin. Versorgung konnte einerseits staatliche Aufgabe, andererseits Privatsache sein, alle betreffen oder bestimmte Gruppen ausschließen. Dieses Verständnis hing von vielfältigen Rahmenbedingungen ab, die sich im Laufe der zwei Weltkriege in Europa wandelten, ebenso im geteilten Deutschland. Wer brauchte wann welche Versorgung? Wem stand sie (juristisch, politisch, gesellschaftlich) zu? Wer entschied über Versorgung und wer waren die jeweils handelnden Akteure? Welche unterschiedlichen Vorstellungen von Leistung standen hinter Versorgungsplänen?
Unter diesen Gesichtspunkten wollen wir Versorgung als analytischen Begriff hinterfragen, nicht zuletzt als Ergänzung zu benachbarten Forschungsfeldern wie Hunger, Mangel, Verteilung oder in Differenz zum Bedürfnisbegriff. Im Sinne einer neoliberalen Marktlehre und -ideologie ist Versorgung als Gegenspieler des Marktes zu betrachten und dabei negativ als Synonym für Unfreiheit und Nivellierung konnotiert. Dennoch erlebt das Versorgungsprinzip beispielsweise pandemiebedingt gerade eine Renaissance. Wird sich Versorgung somit als Technik des Regierens und Führens rehabilitieren? Vor diesem Hintergrund interessiert uns besonders, von welchen Wertebezügen, Ordnungsprinzipien und Funktionszuschreibungen Versorgungspläne bzw. sogenannte „Versorger“ mit ihren imaginierten Gegenspielern ausgingen. Versorgung spielte im Europa des 20. Jahrhunderts eine wesentliche Rolle, ob nun in Verbindung mit Ideologien und Wirtschaftsplänen „von oben“, oder im Alltag, wenn es um die Versorgung mit Lebensmitteln, Obdach oder fürsorglicher Pflege ging. Das Thema verbindet Forschungen zu Herrschaftspraxis, Wirtschaftsgeschichte und sozialem Alltag.
Wir begrüßen in diesem Workshop Beiträge von Wissenschaftler/innen aus der Geschichtswissenschaft, der Sozialanthropologie, den Kultur- und Sozialwissenschaften oder benachbarten Disziplinen. Insbesondere Nachwuchswissenschaftler/innen (Promotionsstudierende/Post-Docs) möchten wir zu Beitragsvorschlägen ermutigen. Mögliche Themen sind beispielsweise Ernährung, Hunger, Agrarpolitik, Gesundheit, Fürsorge/Care, Gemeinwohl, Migration oder Gouvernementalität. Versorgung wird häufig als Nullsummenspiel beschrieben, bei dem einer mehr bekommt, wenn ein anderer (freiwillig oder unfreiwillig) verzichtet. Wir begrüßen daher auch Beiträge, die sich kommunikations- oder emotionsgeschichtlich damit auseinandersetzen, wie Vorstellungen von Versorgung kommuniziert und dokumentiert werden bzw. wurden.
Der Workshop findet am 19. und 20. April 2021 online via Zoom statt. Beitragsvorschläge im Umfang von max. 300 Wörtern inklusive kurzem Lebenslauf bitte bis zum 1. April an Anselm.Meyer@mailbox.tu-dresden.de und Maren.Hachmeister@mailbox.tu-dresden.de. Für die einzelnen Beiträge werden bei dem Workshop jeweils max. 20 Minuten zur Verfügung stehen. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, anschließend Beiträge (im Umfang von jeweils max. 7.500 Zeichen) auf dem HAIT-Blog “Denken ohne Geländer” (haitblog.hypotheses.org) zu veröffentlichen.
Anselm Meyer ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am HAIT. Seit Oktober 2020 bearbeitet er dort sein Promotionsprojekt zu Herbert Backe, dem “Ernährungsdiktator” des Nationalsozialismus.
Dr. Maren Hachmeister ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am HAIT, wo sie seit Februar 2020 ihr Post-Doc-Projekt zum Thema “Freiwilligkeit und Fürsorge in Transformation” bearbeitet.