Sozialgeschichte der Bildung

Sozialgeschichte der Bildung. Tagung des Archivs für Sozialgeschichte in Vorbereitung auf Band 62 (2022)

Veranstalter
Archiv für Sozialgeschichte (Friedrich-Ebert-Stiftung)
Ausrichter
Friedrich-Ebert-Stiftung
PLZ
10785
Ort
Berlin
Land
Deutschland
Vom - Bis
28.10.2021 - 29.10.2021
Deadline
31.07.2021
Von
Philipp Kufferath, Friedrich-Ebert-Stiftung

Sozialgeschichte der Bildung

Das Archiv für Sozialgeschichte will die Rolle von Bildung im historischen Wandel neu vermessen. Welche Rolle spielte Bildung in den gesellschaftlichen und politischen Transformationen der vergangenen beiden Jahrhunderte? Wie gestalteten soziale Bewegungen und politische Regime Bildung aus? Welche Errungenschaften, aber auch welche Widersprüche und Probleme zogen Bildungsreformen nach sich?

The Social History of "Bildung" through Formation and Education

Archiv für Sozialgeschichte aims aims to reassess the role of education in the longue duree of historical change. What was the role played by education and formation in the social and political transformations of the nineteenth and twentieth centuries? How did social movements and political regimes shape the process of education? What were the achievements, but also the inherent contradictions and problems of educational reforms?

Sozialgeschichte der Bildung. Tagung des Archivs für Sozialgeschichte in Vorbereitung auf Band 62 (2022)

»Bildung« ist ein ebenso zentraler wie schillernder Begriff der Gegenwart. Sie wird als eine wichtige ökonomische und nationale Ressource verstanden, durch Lehrpläne und Abschlüsse garantiert und formalisiert, aber auch als ein Prozess zur Persönlichkeitsbildung und zur Aneignung von Wissen und Kompetenzen angesehen. Häufig werden ihr hohe Ziele zugeschrieben, soll sie doch entscheidend dazu beitragen, gesellschaftliche Missstände zu beseitigen und eine gerechtere und harmonischere Gesellschaftsordnung zu verwirklichen. Der »Index der menschlichen Entwicklung« der Vereinten Nationen benennt die Bildungsdauer daher neben der Lebenserwartung und dem Einkommen als zentrales Kriterium für Wohlstand. Zugleich kann »Bildung« in dynamischen Gesellschaften als stetige Aufforderung zur (Weiter-)Qualifikation und Eigenverantwortung erfahren werden. »Lebenslanges Lernen« kann dabei positiv als Bereicherung erlebt, aber auch mit Leistungsdruck, Auslese und Situationen des Scheiterns in Verbindung gebracht werden. Debatten um soziale Ungleichheit, gesellschaftliche Integration und die Zukunft der Demokratie, um hier nur einige Beispiele zu nennen, kreisen deshalb immer auch um Bildung. Sie strukturiert (zugleich) Lebensläufe, bestimmt individuelle Lebenschancen und verweist auf unterschiedliche Lebensweisen und Formen der Vergemeinschaftung.

Was genau »Bildung« ist, welche gesellschaftliche Bedeutung ihr zukommt und wie sie politisch gestaltet werden soll, ist dabei umstritten. »Bildung« stellt ein sehr deutsches Reizwort dar, das oftmals eine Verständigung darüber erschwert, worüber überhaupt gestritten wird. Die Verworrenheit der aktuellen, von sozialwissenschaftlicher Expertise dominierten Debatten lässt eine erneute historische Beschäftigung mit Fragen der Bildung lohnend erscheinen, um mit einer historischen Tiefenschärfe Abstand zu gewinnen und dabei die Sicht auf aktuelle Debatten zu schärfen. Dabei fällt auf, dass Bildungsthemen in der Geschichtswissenschaft oftmals nur eine Nebenrolle spielen, wie der Blick in historische Gesamtdarstellungen zeigt.

Vor diesem Hintergrund will das Archiv für Sozialgeschichte die Rolle von Bildung im historischen Wandel der vergangenen beiden Jahrhunderte neu vermessen. Welche Rolle spielte Bildung in den gesellschaftlichen und politischen Transformationen der vergangenen beiden Jahrhunderte? Wie gestalteten soziale Bewegungen und politische Regime Bildung aus? Welche Errungenschaften, aber auch welche Widersprüche und Probleme zogen Bildungsreformen nach sich?

Das Archiv für Sozialgeschichte lädt Beiträge zur ganzen Breite des Rahmenthemas ein. Sie können sich an folgenden Dimensionen und Fragestellungen orientieren, aber auch weitere Aspekte einer Sozial- und Kulturgeschichte der Bildung seit dem 19. Jahrhundert in den Blick nehmen:

Bildung und soziale Ungleichheit
Über Bildung versuchten moderne Gesellschaften immer auch soziale Mobilität zu gestalten und Ungleichheiten ganz unterschiedlicher Art (soziale Herkunft, Geschlecht, ethnische Zuordnungen) abzubauen, oft unter Schlagwörtern wie »Aufstieg der Begabten« oder »Aufstieg durch Bildung«. Wie der französische Soziologe Didier Eribon in seinem Werk »Rückkehr nach Reims« beschreibt, kann der individuelle Bildungserfolg jedoch auch eine Entfremdung von dem Herkunftsmilieu mit sich bringen und Ungleichheiten und Klassengrenzen zusätzlich verstärken. Zudem ist umstritten, was in Bezug auf Bildung als sozial gerecht angesehen wird.

Gesellschaftliche Integration
Bildung war seit dem 19. Jahrhundert immer auch ein Mittel zur politischen und sozialen Einbindung unterschiedlicher Bevölkerungs- und gerade auch von Zuwanderungsgruppen. Es wäre zu fragen, wie sich Integration durch Bildung darstellt, sowohl mit Blick auf die sozialgeschichtliche Entwicklung als auch als auch aus der Perspektive der Politik- und Institutionengeschichte. Diese Zugänge könnten als Sonde dafür dienen, welche Rolle Bildung als kulturelles und symbolisches Kapital im Kampf um gesellschaftliche Anerkennung spielte und spielt. Bildungsinstitutionen konnten dabei je nach gesellschaftlichem Kontext sowohl zu einer Festigung und Vertiefung von demokratischen Prozessen beitragen, wurden aber gleichzeitig genutzt, um Autorität zu stabilisieren und politische Loyalität zu schaffen.

Bildungsreformen
Bildungspolitik verdichtete sich in den letzten beiden Jahrhunderten immer wieder in Reformphasen, in denen öffentliche Bildungsstrukturen und -konzeptionen auf eine neue Grundlage gestellt wurden. Die Bewertung der Reformen, ihrer Zielsetzungen und ihrer Folgen war und ist dabei oft umstritten. Sie besaßen dabei ganz unterschiedliche Ausrichtungen, die vergleichend und in diachroner Perspektive zu untersuchen wären, z.B. mit Blick auf die Einflussfaktoren (Staat vs. Kirche). Sie zielten oft auf den Abbau sozialer Unterschiede, schufen aber auch neue Unterschiede, etwa zwischen »Gebildeten« und »Ungebildeten«, »Akademikern« und »bildungsfernen Schichten«.

Arbeit und Bildung
Der Wandel von Wirtschaft und Arbeitswelt veränderte die Ansprüche an Bildung und gab ihr neue Formen, die in ihren Auswirkungen noch kaum erforscht sind. Wie veränderte sich Bildung im Zuge der Debatten über »Wissensgesellschaften« und ökonomischen Strukturwandel? Welche Bildungsvorstellungen vertraten Unternehmer und Gewerkschaften und welche Rolle spielte Bildung in industriellen Konflikten? Die wandelnden Anforderungen an berufliche Bildung könnten ebenso thematisiert werden wie die Anstrengungen gesellschaftlicher Transformationen mittels Umschulung, Weiterbildung und Akademisierung.

Ökonomisierung und Privatisierung
Eine Ökonomisierung und Privatisierung von Bildung werden oftmals heftig kritisiert, sind aber in ihrer Entwicklung von der Geschichtswissenschaft bislang kaum beachtet worden. Lässt sich ein übergreifender Trend zur Vermarktlichung und Monetarisierung konstatieren? Wird Bildung durch internationale Vereinbarungen und formale Vereinheitlichungen wie den Bologna-Prozess zur »Ware«? Welche Rolle spielten nichtstaatliche, private Bildungsanbieter, wie veränderte sich die Nachfrage nach privaten Bildungsangeboten durch unterschiedliche soziale Gruppen?

Globale Dimensionen
Bildung war und ist ein wichtiger Aspekt der »Entwicklungspolitik«. Während im 19. Jahrhundert Bildung ein Kernelement einer europäischen »Zivilisierungsmission« darstellte, erlangte sie im Prozess der Dekolonisation eine veränderte Bedeutung sowohl bei der Nationalstaatsgründung der ehemaligen Kolonien als auch in der Entwicklungszusammenarbeit. Historisch zu untersuchen wäre, unter welchen Voraussetzungen institutionelle Kooperationen, transnationale Bildungskarrieren und Studienreisen diese Beziehungen und Interdependenzen postkolonial festigten oder internationale Lernprozesse und Verbundenheit erst ermöglichten.

Bildungskonzeptionen und -praktiken
Moderne Gesellschaften zeichnen sich durch vielfältige Weltanschauungen und soziale Positionierungen aus. Konkurrierende Bildungskonzeptionen sind Ausdruck dieser Pluralität und können als Deutungskämpfe sozialhistorisch eingeordnet werden. Auch die gegenwärtige Debatte um Populismus, Wissenschaftsfeindschaft und »fake news« hat eine lange Geschichte, in der um »richtige« und »falsche« Bildung gestritten wurde – etwa zwischen säkularisierten Liberalen und kirchlichen Kreisen, Kultureliten und Emanzipationsbewegungen. Als lohnend könnte sich außerdem der Blick auf unterschiedliche Bildungspraktiken erweisen, beispielsweise in Bildungsvereinen, an Volkshochschulen, bei sozialpädagogischen Angeboten oder auf Ansätze des digitalen Lernens bis hin zum Homeschooling.

Auf einer Tagung, die nach jetzigen Planungen am 28./29. Oktober 2021 von der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgerichtet wird, möchten wir Beitragsideen, Themenangebote und gemeinsame Fragen des hier skizzierten Rahmenthemas des Archivs für Sozialgeschichte 62 (2022) entwickeln. Wir laden alle Interessierten ein, uns bis zum 31. Juli 2021 Vorschläge einzureichen. Sie sollten 3.000 Zeichen nicht überschreiten und können, ebenso wie die Vorträge und die späteren Texte, auf Deutsch oder Englisch verfasst werden. Die anschließend von der Redaktion für den Band ausgewählten Beiträge im Umfang von etwa 60.000 Zeichen sollten bis zum 31. Januar 2022 fertiggestellt werden.

Das Archiv für Sozialgeschichte wird herausgegeben von Kirsten Heinsohn, Thomas Kroll, Anja Kruke, Philipp Kufferath (geschäftsführend), Friedrich Lenger, Ute Planert, Dietmar Süß und Meik Woyke.

The Social History of "Bildung" through Formation and Education. Conference of Archiv für Sozialgeschichte as preparation for vol. 62 (2022)

»Bildung« is an equally pivotal and ambiguous concept of the present age. In its German understanding, the term denotes the inner formation of the self as well as formal education. For the sake of brevity, the English term education can stand here for the manifold connotations of the German concept. Education is an important economic and national resource, guaranteed and formalised by curricula and educational qualifications. Yet, at the same time, it is also understood as a process of personality formation and of acquiring both knowledge and competencies. Education is often charged with a higher purpose, expected to contribute to resolve dysfunctional tendencies in society and to realise a more just and harmonious social order. Thus, the Human Development Index, created by the United Nations, identifies the length of the time spent in formal education together with life expectancy and income as a key parameter for the affluence of a society. In modern dynamic societies, education can be perceived as a constant challenge to add even further qualifications and rely on personal responsibility. The notion of »lifelong learning« can be experienced positively, as a form of personal enrichment, yet it can also be associated with the pressure to perform, with tough selection criteria and with situations of personal failure. Debates over social inequality, societal integration and on the future of democracy, to name just a few examples, hence always also revolve around the need for education. At the same time, education is an important structural parameter that shapes life courses, determines the social trajectory of individuals and their possibilities and implies different lifestyles and forms of community building.
How education and its social relevance must be understood and how political processes should shape its form, however, is highly contested. In German public discourse, Bildung is a highly emotive buzzword, one that often hinders agreement on the issues that are contested rather than enabling debate. Current discussions on notions of education are dominated by the expertise of social scientists, and the often muddled state of these discussions makes it a worthwhile endeavour to step back and look at them from the depth of historical processes. At the same time, it seems obvious that themes around education only play a minor role in current historiography, as a glance at the most recent works of synthesis confirms.

Against this backdrop, the Archiv für Sozialgeschichte aims to reassess the role of education in the longue duree of historical change during the last two centuries. What was the role played by education and formation in the social and political transformations of the nineteenth and twentieth centuries? How did social movements and political regimes shape the process of education? What were the achievements, but also the inherent contradictions and problems of educational reforms?

The Archiv für Sozialgeschichte invites contributions in regard to the whole range of topics in this wider framework. Contributions can address one of the following themes and agendas, but they can also take up other aspects of a social and cultural history of education since the nineteenth century.

Education and social inequality
In modern societies, education is always employed as an instrument to facilitate social mobility and reduce inequalities of various kinds (social status, gender, ethnicity). These attempts are often headed by flag words such as »advancement of the skilled« or »advancement through education«. As the French sociologist Didier Eribon argues in his book Return to Reims, the upward trajectory of individuals through education can also result in an alienation from the milieu in which the individual grew up and can thus further accentuate inequalities and class divides. There is also a controversial debate about the definition of social justice in relation to education.

Societal integration
Since the nineteenth century, education has always been used as a means to integrate different social groups, and here especially groups of immigrants, politically and socially into mainstream society. What are the contours of integration through education, both in terms of the social history of these groups and in regard to the political and institutional framework that pushes and integration agenda? Looking at education from this vantage point allows to probe into various forms of social and cultural capital that it provides in struggles for recognition in society. Educational institutions can, depending on the societal context, contribute to a strengthening of democratic processes, but they were also used to stabilise deference towards authorities and to create political loyalties.

Educational reforms
In periods of reform optimism throughout the last two centuries, education policies often took centre stage, and the public infrastructure and conceptual underpinnings of education were placed on a new footing. How these educational reforms have to be assessed in their effectivity, in their agendas and outcomes was and is often contested. Thus, it is necessary to analyse different pathways to and forms of reform in comparative and diachronic perspectives, also taking into account key stakeholders such as the state and the churches. Educational reforms often aimed to reduce social inequality, but also created new distinctions such as between the »learned« and the »uneducated«, between »academics« and »subliterates«.

Work and education
The sweeping changes in the economy and the worlds of labour altered expectations in regard to the educational qualifications of the workforce and led to new forms of labour in ways which have yet to be explored in their dynamics and outcomes. How did education change in the context of the ongoing debates about »knowledge societies« and structural economic change towards tertiarization? Which concepts of education did employers and trade unions promote, and what was the role of education in industrial conflicts? In this context, changing specification of education in vocational training can be addressed as well as the efforts to cope with economic transformations through professional retraining, skills training and the promotion of degree-level training.

Economisation and privatisation
It has been widely criticised that education has been subjected to the imperatives of economic efficiency and that educational institutions have been privatised. However, these developments have yet to be scrutinised by historians. Is there an overarching trend towards the marketisation and monetarisation of education? In the wake of international agreements and standardised frameworks such as the Bologna-process, is education turned into a commodity? What is the role of non-state, private purveyors of educational qualifications, and how did the demand for privately organised educational resources by different social groups change over time?

Global dimensions
Education was and still is a key aspect of development policies. Throughout the nineteenth century, education was a core element of the European »civilising mission«. In the wake of decolonization, it adopted a new meaning both during the nation-building process of the former colonies as well as in the development aid cooperation with of these states with the West. Under which circumstances did institutional co-operations, career trajectories forged by transnational education processes and study trips connections and mutual dependency between the former colonies and the western nations, either in terms of postcolonial hierarchies or by mutual learning and agreement?

Concepts and practices of education
Modern societies are characterised by a pluralism of world-views and social positions. Competing concepts of education reflect this plurality, and their competition can be understood, from the vantage point of a social history of education, as a struggle for interpretive hegemony. The current debates over populism, anti-science currents and »fake news« can be situated in a longer historical tradition of competing visions of a »proper« or »false« and exaggerated education – for instance between secular liberals and Christian groups and churches, between cultural elites and emancipation movements. In this context it is also promising to analyse different practises of education, for instance in educational associations, in adult education centres or provision for social pedagogy, or, more recently, in the context of digital learning and home schooling.

A workshop with short papers by invited authors will be held by the Friedrich Ebert Foundation, according to our current planning on 28/29 October 2021. Here, we will develop ideas for contributions to the theme issue of the Archiv für Sozialgeschichte 62 (2022) and share and discuss relevant questions. We invite interested scholars to submit abstracts for possible contributions by 31 July 2021. Abstracts, presentations during the workshop and subsequent articles can be submitted in English and German. Abstracts should not be longer than 3,000 characters. Subsequently, the editors of the Archiv für Sozialgeschichte will select contributions for the theme issue, which should have a length of around 60,000 characters (including footnotes). The deadline for article manuscripts is 31 January 2022.

The Archiv für Sozialgeschichte is edited by Kirsten Heinsohn, Thomas Kroll, Anja Kruke, Philipp Kufferath (managing editor), Friedrich Lenger, Ute Planert, Dietmar Süß and Meik Woyke.

Kontakt

Achiv für Sozialgeschichte
Friedrich-Ebert-Stiftung
Dr. Philipp Kufferath
afs[at]fes.de

https://www.fes.de/afs