Beschreiben und Vermessen. Raumwissen in der östlichen Habsburgermonarchie im 18. und 19. Jahrhundert

Ort
Tübingen
Veranstaltungsort
Wilhelmstraße 7, Neue Aula, Großer Senat
Veranstalter
Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde, Tübingen
Datum
29.10.2009 - 31.10.2009
Bewerbungsschluss
26.10.2009
Von
Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde, Tübingen

Raumwissen wird in diskursiven Praktiken der Verwaltung generiert und stellt eine Vorbedingung für politisches, militärisches und administratives Handeln dar. Mit der östlichen und südöstlichen Machterweiterung des Habsburgerreiches im ausgehenden 17. und 18. Jahrhundert stellte sich die Frage nach der Ordnung des Raumwissens in verschärfter Weise. Tradiertes und neu erworbenes Wissen wurde neu geordnet. Die räumliche Repräsentation territorialpolitischer, erdoberflächlicher, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, demographischer, konfessioneller und ethnischer Gegebenheiten erfolgte vor allem über Landesbeschreibungen und kartographische Darstellungen. Mit diesen Instrumenten versuchte die staatliche Verwaltung, die Komplexität eines Territorialgebildes oder Landschaftsraums im Hinblick auf ihre eigenen Ziele und Anforderungen zu erfassen.

Ziel der multidisziplinären Tagung ist es, die epochenspezifische Funktion von Raum und Räumlichkeit in den Wissensgebieten „Landesbeschreibung“ und „Landesvermessung“ zu erörtern. Dabei sollen an Fallbeispielen oder an einschlägigen Analysen sowohl der Quellenbestand aufgezeigt, wie auch das gesamte Forschungsfeld mit den dazugehörigen entwicklungsgeschichtlichen Positionen, Diskussionen und Forschungsperspektiven dargestellt werden. Es soll deutlich werden, dass gerade für Fragestellungen der ostmitteleuropäischen, mithin auch frühen „donauschwäbischen“ Geschichte, eine quellengestützte raumwissenschaftliche Diskussion von Nutzen ist.

Im Blickfeld der Referate steht die Überführung des „wahrgenommenen“ Raumes in Raumwissen im Ergebnis administrativen Handelns auf verschiedenen Ebenen. Raumvorstellungen befinden sich nämlich in komplexer Wechselwirkung mit den erkennenden und gestaltenden Akteuren. Gefragt werden soll in erster Linie nach dem Raumverständnis der Verwaltung und ihrer Beamten, aber auch nach dessen öffentlicher Wirkung.

Der Fokus auf Räumlichkeit bietet die Möglichkeit einer vergleichenden Betrachtung demographischer, wirtschaftlicher, sozialer und technischer Entwicklungen wie auch ökologischer Prozesse auf gesamt-, territorialstaatlicher und regionaler Ebene. Die Fragestellungen nehmen Bezug vor allem auf jene historischen Konstellationen, die für die „kolonialen“ Erschließungsräume in der östlichen Habsburgermonarchie wichtig sind.
Ausgehend von der lang andauernden Beziehung von Landesbeschreibung und kartographischer Darstellung soll der Blick abschließend auf die Entstehung der modernen geschichtlichen, geographischen und ethnographischen Länderkunde wie auch der wissenschaftlichen Kartographie gelenkt werden.

Programm

Donnerstag, 29. Oktober 2009
19:00 Uhr
Eröffnung der Tagung – Begrüßung
Prof. Dr. Reinhard Johler, Leiter des Instituts für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde

Einführungsvortrag
Information und Kommunikation: Zur Entstehung des modernen Staates
Prof. Dr. Peter Becker, Linz

20:30 Uhr
Empfang im Kleinen Senat der Eberhard Karls Universität

Freitag, 30. Oktober 2009
I. Landesbeschreibungen: Begriff und regionale Ausformungen
Moderation: Prof. Dr. Reinhard Johler

9:00 bis 9:30 Uhr
Ordnungen des Verwaltungswissens: Frühneuzeitliche Landesbeschreibungen in der östlichen Habsburgermonarchie
Josef Wolf M.A., Tübingen

9:30 bis 10:00 Uhr
„... daß das ganze Banat aufgenommen und geometrisch ausgemessen werden möchte“: Raumerkenntnis und Verwaltungshandeln in den Banatreisen des k.k. Kommissars Wolfgang von Kempelen
Dr. Alice Reininger, Wien

10:00 bis 10:30 Uhr
Domänen- und Werkbeschr eibungen am Beispiel des Banater Montangebiets
Prof. Dr. Rudolf Gräf, Cluj-Napoca (Klausenburg)

10:30 bis 11:00 Uhr Diskussion
11:00 bis 11:30 Uhr Pause

11:30 bis 12:00 Uhr
Die Ethnisierung des Raumes: Ungarische Landesbeschreibungen des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts im Dienst der Nation
Prof. Dr. Róbert Keményfi, Debrecen (Debrezin)

12:00 bis 12:30 Uhr
Staatsbildung und Landesbeschreibung im Königreich Württemberg 1806 bis 1918
Dr. Wolfgang Zimmermann, Stuttgart

12:30 bis 13:00 Uhr Diskussion
13:00 bis 14:30 Uhr Mittagspause

II. Vermessen und Kartieren
Moderation: Dr. Mathias Beer, Tübingen

14:30 bis 15:00 Uhr
Festung und Grenze: Die habsburgisch-osmanischen Auseinandersetzungen und die Entwicklung der Kartographie in Ostmitteleuropa
Dr. Robert Born, Leipzig

15:00 bis 15:30 Uhr
Im Dienste des Krieges, des Fried ens und des Wiederaufbaus: Ungarnkarten des späten 17. und 18. Jahrhunderts
Dr. Antal András Deák, Esztergom (Gran)

15:30 bis 16:00 Uhr Diskussion
16:00 bis 16:30 Uhr Pause

16:30 bis 17:00 Uhr
Die Josephinische Landesvermessung in Ungarn
Dr. Antal Szántay, Budapest

17:00 bis 17:30 Uhr
Das „neue Dorf“ als Ideal und in der Praxis: Vermessung und Ertragsoptimierung im 18. Jahrhundert
Dr. Karl-Peter Krauss, Tübingen

17:30 bis 18:00 Uhr Diskussion

18:00 bis 18:30 Uhr
„… um der Zerrüttung Schranken zu setzen“: Kataster und Grundbuch als Mittel der Raumkonsolidierung im österreichischen Kaiserstaate am Beispiel der Bukowina
Dr. Kurt Scharr, Innsbruck

18:30 bis 19:00 Uhr
Kartierung und Beschreibung der Kroatischen und Slawonischen Militärgrenze im ausgehenden 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Prof. Dr. Alexander Buczynski, Zagreb (Agram)

19 :00 bis 19:30 Uhr Diskussion

Samstag, 31. Oktober 2009
III. Raumwissen in der modernen Länderkunde, Ethnographie und Kartographie
Moderation: Dr. Márta Fata, Tübingen

9:00 bis 9:30 Uhr
Militärwissenschaftliche Bestrebungen zur Raumbeherrschung in der zweiten Hälfte des 18. und im 19. Jahrhundert aus mitteleuropäischer Perspektive: Die Entwicklung der Kartographie zu einer militärwissenschaftlichen Teildisziplin
Prof. Dr. rer. nat. Dr. phil. habil. Gyula Pápay, Rostock

9:30 bis 10:00 Uhr
Die Entstehung der geographischen Länderkunde: Raumbegriffe, Analyse- und Darstellungsmethoden
Prof. Dr. Sebastian Kinder, Tübingen

10:00 bis 10:30 Uhr Diskussion
10:30 bis 11:00 Uhr Pause

11:00 bis 11:30 Uhr
Die Karten der Ethnographen und die Entstehung der österreichischen Volkskunde
Prof. Dr. Reinhard Johler, Tübingen

Resümee und Forschungsperspektiven
Moderation: Josef Wolf M.A., Tübingen
11:30 bis 12:30 Uhr

Kontakt

Josef Wolf

Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde
Mohlstraße 18, 72074 Tübingen
0049/(0)7071/2002514
0049/(0)7071/2002535
poststelle@idgl.bwl.de

Zitation
Beschreiben und Vermessen. Raumwissen in der östlichen Habsburgermonarchie im 18. und 19. Jahrhundert, 29.10.2009 – 31.10.2009 Tübingen, in: H-Soz-Kult, 02.10.2009, <www.hsozkult.de/event/id/termine-12337>.