Buchprojekt "Angewandte Geschichte"

Ort
Berlin
Veranstalter
Humboldt-Universität zu Berlin Prof. Dr. Wolfgang Hardtwig / Lehrstuhl für Neuere Geschichte Unter den Linden 6 10099 BERLIN Vergangenheitsagentur, Berlin Alexander Schug M.A.
Datum
24.07.2007
Bewerbungsschluss
28.09.2007
Von
Alexander Schug

Call for Papers: Buchprojekt „Angewandte Geschichte“

Im Jahr der Geisteswissenschaften werden an ihre Disziplinen verstärkt Fragen über ihre Relevanz und Legitimation gestellt. Auch für die Geschichtswissenschaft ließe sich erneut mit Schiller philosophieren: Wozu und zu welchem Ende studiert man Geschichte im 21. Jahrhundert?
Der Nutzen der akademischen Geschichte scheint heute nicht mehr selbstverständlich zu sein. Die Anzahl von Planstellen für Historiker an den Universitäten ist in den letzten Jahren – trotz anhaltender Popularität des Fachs mit derzeit 37.000 Studierenden (2006) - kontinuierlich zurückgegangen. Selbst das Bundesbildungsministerium behauptet auf seiner Website anlässlich des Jahres der Geisteswissenschaften, dass dieser akademische Zweig sich nicht „vorrangig über [seinen] unmittelbaren gesellschaftlichen Nutzen“ definieren lässt.

In der ökonomischen Theorie versteht man unter dem Nutzen das Maß für die Fähigkeit eines Gutes oder einer Gütergruppe, die Bedürfnisse eines wirtschaftlichen Akteurs (z.B. eines Haushaltes) zu befriedigen. Nutzen ist ein Maß für Zufriedenheit und Glück, heißt es in ökonomischen Handbüchern. Geht man davon aus, dass sich der Diskurs über die Geisteswissenschaften, konkret über die Geschichtswissenschaft, außerhalb dieser Wissenschaften selbst weit hin an ökonomischen Überlegungen, Nutzen und konsumistischen Bedürfnissen orientiert, ist man nicht weit von einem historischen Markt entfernt, auf dem es unterschiedliche Bedürfnislagen und Anbieter gibt. Die Wissenschaften und ihre Vertreter wären dabei lediglich ein Anbieter neben anderen.

In diesem Zusammenhang ließe sich eine seit circa zehn Jahren virulente Entwicklung in die Diskussion einbeziehen: die starke Ausdifferenzierung des Angebots an historischem Wissen, die neben die Geschichtswissenschaft als einen Produzenten von historischem Wissen auch die so genannte Angewandte Geschichte treten ließ.

Unter dem Begriff der Angewandten Geschichte soll hier ein Geschichtsverständnis und eine Art und Weise der Geschichtsvermittlung verstanden werden, die sich außerhalb des akademischen Betriebs bzw. verwandten Institutionen wie Museum und Archiv in den letzten 10 Jahren besonders deutlich herausgebildet hat, allerdings nicht vollkommen neu ist. Zur Angewandten Geschichte gehören bspw. historische Festivals, Geschichtsparks, das History Marketing sowie andere Formen der Geschichtsvermittlung, die sich - nach akademischen Maßstäben - unkonventioneller Medien bedienen und damit auch nicht mehr als klassische Geschichtsschreibung in Texten zu verstehen sind. Sowohl die Themen als auch die Medien der Angewandten Geschichte sind andere als die der universitären Geschichte. Die spezifische Multi-Medialität als auch das ausdifferenzierte Themenspektrum der Angewandten Geschichte gehen einher mit dem deutlichen Ansatz zur Popularisierung ihrer Inhalte, damit auch ihrer Marktgerichtetheit, was als vordringlichstes Definitionsmerkmal verstanden werden kann.
Eine zentrale Frage ist, ob es sich bei dieser Konjunktur der Angewandten Geschichte tatsächlich um eine – vielleicht auch positiv zu bewertende – Ausdifferenzierung des historischen Feldes handelt oder ob im Grunde die universitäre und die außeruniversitäre Geschichtsdarstellung um Deutungsmacht bzw. – in der hier gewählten Terminologie : um Marktanteile kämpfen. Entsprechend der geltenden Aufmerksamkeitsökonomie innerhalb der Mediengesellschaft hätte die universitäre Geschichtsschreibung dann sicherlich ein Nachsehen gegenüber historischen PC-Games, Geschichtsbilderbüchern, Reality-Dokus oder der spektakelhaften Inszenierung bei Geschichtsfestivals. Das Histotainment trägt unverkennbar einem starken Bedürfnis heutiger Gesellschaften Rechnung: es ist vor allem unterhaltend und geht damit von einem völlig anderen Ausgangspunkt aus als die in den letzten 200 Jahren gewachsene Geschichtswissenschaft.

Ein kurzer Rückblick auf die Prämissen des akademischen Fachs macht die Diskrepanz zwischen Universitätsgeschichte und marktgerichteter Angewandter Geschichte deutlich.
Geschichte etablierte sich als akademische Disziplin seit dem 18. Jahrhundert und institutionalisierte sowie verwissenschaftlichte sich zunehmend, nachdem eigene Lehrstühle eingerichtet worden waren und die Gründungsväter des Fachs die theoretischen Grundlagen definiert hatten. Die Grenzen zu vor- und nicht-wissenschaftlicher Beschäftigung mit Geschichte blieben fluide, jedoch lehrte die entstehende Geschichtswissenschaft in Abgrenzung zu nicht-wissenschaftlichen Darstellungen der Vergangenheit, das Wissen kritisch zu prüfen und zu vermehren. Vormoderne Weltbilder ersetzte die emanzipatorische Geschichte als Disziplin durch systematische Erkenntnis, Bildungsdrang, Identitätsstiftung und Seins-Reflexion. Dabei ergänzten die professionellen Historiker des 19. und 20. Jahrhunderts eine Art von Geschichtsschreibung, die vor allem von vereinzelten, zufälligen, interessanten, insgesamt kontingenten Tatsachen berichtete und bemühten sich, das Individuelle an Strukturen und generalisierbare Verlaufsprozesse zu binden, wenn nicht gar, es dadurch zu verdrängen. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand – entlang bildungsbürgerlicher Kriterien - somit eine klare, konsensbildende Vorstellung von historischer Bildung, deren Voraussetzungen und den Bedürfnissen, die diese Form von Geschichte befriedigte. Die historistische Geschichtsschreibung wurde zu einem richtungsweisenden Element des öffentlichen Meinungsbildungsprozesses. Der Historiker stieg zum gesuchtesten Interpreten der gesellschaftlich-politischen und kulturellen Zustände auf. Die Frage nach seinem Nutzen stellte sich nur bei intellektuellen Außenseitern.

Der gesellschaftliche Orientierungsanspruch der Historiker mit ihren entwickelten Kriterien der Wissenschaftlichkeit (Wahrheitspostulat, Systemcharakter, Ableitungscharakter) bestimmte die universitäre Geschichtsschreibung. Das Forschen definierte die Haupttätigkeit des Historikers, der schließlich in unterschiedlichen Gelehrtentypen auftrat: vom politischen Professor des deutschen Vormärz, der Reichsgründungsphase und des Kaiserreichs angefangen über den asketischen Kontemplator Jacob Burckhardt bis zum wissenschaftlichen Arbeiter wie ihn Theodor Mommsen und Max Weber darstellten. Der Aktionsrahmen der professionalisierten Historiker war durch die wechselnden Ziele und Interessen von Staat und Politik beeinflusst, die aus ihrem kulturell-politischen Selbstverständnis heraus die historische Forschung organisierten und finanzierten. Das hatte zur Folge, dass historische Interessen vielfach auf zentrale Kategorien wie Nation, Staat, Krieg, Frieden, Individualität und sozialer Wandel bezogen waren.

Wenn es im geplanten Sammelband um die Angewandte Geschichte, ihren theoretischen Referenzrahmen und ihre Praxis in Abgrenzung zur Geschichtswissenschaft mit ihren zitierten Traditionen geht, dann liegt die Frage nahe, wie Geschichtsbilder und Geschichtskulturen aussehen, die durch eine marktorientierte Geschichtsdarstellung geprägt sind. Wie verändert sich heute durch die Angewandte Geschichte die Funktion der Geschichtsdarstellung? Provozierend könnte man angesichts der Etablierung der Angewandten Geschichte, der gestiegenen Zahl freiberuflicher Historiker und gewaltigen Umsätzen auf dem Markt der Angewandten Geschichte fragen:

Liegt die Zukunft der Historiker vielleicht in der Produktion von Content für PC-Games, bei der Beratung von Fernsehproduzenten oder der Organisation von History-Festivals? Wird aus dem Historiker, wie ihn das 19. Jahrhundert hervorgebracht hat, ein Event- und Content-Manager, dem der Habitus eines asketischen Kontemplators, aber auch eines Gelehrten-Politikers und selbst eines immer noch primär erkenntnisorientierten Wissenschaftsmanagers völlig fern steht? Was sind überhaupt die Axiome einer nicht-wissenschaftlichen Geschichtsvermittlung? Geht es auch in der populären, marktgerichteten Angewandten Geschichte zumindest im Kern um „alte Werte“ wie Sinnstiftung, Erkenntnis, Wahrheit und Identität? Oder etabliert sich gerade eine Dominanz der Unterhaltungskultur, die letztlich auch auf das wissenschaftliche Feld zurückwirkt, bzw. dessen Legitimität und Nutzen in Frage stellt.

Das Buchprojekt zur Angewandten Geschichte, das von Prof. Dr. W. Hardtwig (Humboldt-Universität zu Berlin) und A. Schug M.A. (Humboldt-Universität zu Berlin/Vergangenheitsagentur, Berlin) betrieben wird, hinterfragt das etablierte Verständnis von Geschichtskultur und Wissenschaft und inspiziert den Ansatz der Angewandten Geschichte in Theorie und Praxis.

Zu Beiträgen aufgerufen sind WissenschaftlerInnen und PraktikerInnen, die sich mit Fragen aus folgenden Themenfeldern beschäftigen (Interessenten sind aufgefordert über die genannten Themenfelder hinaus eigene Perspektiven in das Buchprojekt einzubringen):

1. Teil: Theoretische Ansätze – was ist der Referenzrahmen der Angewandten Geschichte?

Bürgerliche Geschichtskultur vs. Geschichte in der postmodernen Konsumgesellschaft – Wissenschaftlichkeit und Popularisierung – Geschichte und Öffentlichkeit – Angewandte Geschichte zwischen Demokratisierung der Geschichtsschreibung und Kommerzialisierungsdruck - Erinnerungskultur zwischen Elitendiskurs, Alltag und Unterhaltungsindustrie – Geschichtsschreibung zwischen Freiheit der Forschung und Auftragsarbeit – Geschichtsdidaktik für Erwachsene – theoretische Ansätze der Angewandten Geschichte – Selbstverständnis von Historikern im 19. und 20./21. Jahrhundert

2. Teil: Geschichte der populären Geschichtsvermittlung – wie neu ist die Angewandte Geschichte?

Urania – Volkshochschulenbewegung – Panoramabilder im 19. Jh. – Geschichtswerkstättenbewegung der 1980er - etc.

3. Teil: Praktische Ansätze der Angewandten Geschichte – wie sieht die Angewandte Geschichte im Alltag aus?

Fallbeispiele selbständiger Historiker (Geschichtsagenturen und Personal Historians) – Geschichtsfestivals – History Marketing – Geschichte in Unternehmen - Geschichte und Fernsehen – historische PC-Games etc.

4. Teil: Internationale Perspektiven – welche Traditionen einer Angewandten Geschichte gibt es im Ausland?

USA – Skandinavien (grabe wo du stehst-Bewegung) – Großbritannien – etc.

Das Buch wird in einem renommierten Wissenschaftsverlag im Sommer/Herbst 2008 veröffentlicht; konkrete Verhandlungen laufen derzeit.

Interessenten senden bitte ein Abstract Ihrer Themenvorschläge von 1 DIN A 4 Seite (Word-Standardformat) sowie eine kurze Darstellung wissenschaftlicher Credits in einer Word-Datei an:

Humboldt-Universität zu Berlin
Prof. Dr. Wolfgang Hardtwig / Lehrstuhl für Neuere Geschichte
Unter den Linden 6
10099 BERLIN
E-Mail: HardtwigW@geschichte.hu-berlin.de

Für konkrete Rückfragen wenden Sie sich an:
Vergangenheitsagentur, Berlin
Alexander Schug M.A.
as@vergangenheitsagentur.de
Mobil: 0179-5485994

Einsendeschluss: 28.9.2007

Kontakt

Humboldt-Universität zu Berlin
Prof. Dr. Wolfgang Hardtwig / Lehrstuhl für Neuere Geschichte
Unter den Linden 6
10099 BERLIN
E-Mail: HardtwigW@geschichte.hu-berlin.de

Für konkrete Rückfragen wenden Sie sich an:
Vergangenheitsagentur, Berlin
Alexander Schug M.A.
as@vergangenheitsagentur.de
Mobil: 0179-5485994

Zitation
Buchprojekt "Angewandte Geschichte", 24.07.2007 Berlin, in: H-Soz-Kult, 29.07.2007, <www.hsozkult.de/event/id/termine-7686>.