Das Ideal des schönen Lebens und die Wirklichkeit der Weimarer Republik. Vorstellungen von Staat und Gemeinschaft im George-Kreis

Ort
Frankfurt am Main
Veranstaltungsort
Campus Westend, Grüneburgplatz 1, Casino, Raum 1.802
Veranstalter
Prof. Dr. Dres. h.c. Bertram Schefold (Univ. Frankfurt/M.) Prof. Dr. Werner Plumpe (Univ. Frankfurt/M.)
Datum
27.09.2007 - 28.09.2007
Bewerbungsschluss
17.09.2007
Von
Roman Köster

Die Weimarer Republik zeigte in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen massive Desintegrationstendenzen. Weltkrieg und Revolution mitsamt ihren Folgewirkungen stellten umfassende Kontingenzerfahrungen dar. Bei genauerer Betrachtung der „Krise“ der Weimarer Republik fällt indes auf, dass diese nicht allein durch die Zeitumstände bedingt war. Vielmehr radikalisierte der Krisendiskurs der Weimarer Republik die seit den 1880er Jahren virulente Kulturkritik, indem die Gegenwartsprobleme der Weimarer Republik zum Höhepunkt einer Krise der Moderne insgesamt erklärt wurden. Aus dieser Perspektive heraus erschien es sinnlos, die Verhältnisse zu reformieren: vielmehr war ein radikaler Neuentwurf nötig, um die Strukturdefekte der Moderne zu überwinden.
Diese Lage bildet den historischen Hintergrund, vor dem sich die Konferenz mit den Vorstellungen von Staat und Gemeinschaft im George-Kreis beschäftigen möchte. Den Georgeanern ging es darum, ihrer als desintegriert empfundenen Gegenwart das Ideal des „schönen Lebens“ gegenüberzustellen. Als Heilmittel gegen Ordnungsverlust, gesellschaftliche Konflikte und innere Zerrissenheit zielten die im George-Kreis entwickelten Gemeinschaftsvorstellungen darauf, ausgewählten Mitgliedern die Möglichkeit zu geben, ihr ganzheitliches Menschsein zu entwickeln und ihre ästhetischen und intellektuellen Potentiale unter der Führung eines Meisters, Stefan Georges, zu entfalten. Die Frage, ob darüber hinaus durch das Modell einer solchen Gemeinschaft die Gesellschaft als Ganze verändert und ein „Neues Reich“ geschaffen werden könnte, entstand bei einzelnen Mitgliedern des Kreises schon vor dem Ersten Weltkrieg, blieb aber umstritten.
Die Konferenz möchte diskutieren, wie die georgeanischen Konzeptionen von Staat und Gemeinschaft vor dem Hintergrund der geistesgeschichtlichen Situation der Weimarer Republik zu verorten sind. Zugleich soll aber auch der Frage nachgegangen werden, auf welche Weise sich diese Vorstellungen im Denken, in der literarischen und wissenschaftlichen Produktion sowie den Lebensentwürfen der Kreismitglieder manifestierten. Der Fokus der Aufmerksamkeit soll also nicht so sehr auf die Dichtung und Person Stefan Georges, sondern stärker auf die Rezeption und die Weiterentwicklung seiner Gedanken zu diesem Themenkomplex durch die einzelnen Kreismitglieder gerichtet werden. Von ihrer Zielsetzung her soll die Konferenz somit zugleich einen Forschungsbeitrag zum George-Kreis als eines geistesgeschichtlichen Phänomens des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts leisten, wie auch einen analytischen Beitrag zur Geistesgeschichte der Weimarer Republik erbringen.
Dafür eignet sich, so die Überlegung, der George-Kreis als Gegenstand ganz besonders, weil hier das Idealbild einer guten Ordnung nicht nur im Bereich des Utopischen belassen, sondern in der Lebens- und Forschungspraxis der Kreismitglieder zu verwirklichen versucht wurde. Neben der Kernfrage nach den staatlichen Vorstellungen im Kreis und bei den Zeitgenossen soll in der Diskussion auch thematisiert werden, inwiefern die in diesem Kontext entwickelten gestalttheoretischen Vorstellungen von Wissenschaft trotz ihrer irrationalen Bestandteile Anregungen für die aktuelle wissenschaftliche Arbeit bieten können.

Programm

Donnerstag, 27.9.

11-12.30 Vorstellung der Projekte:
- Korinna Schönhärl: Vorstellungen von Gemeinschaft und Gesellschaft im Kreis um Stefan George am Beispiel der Nationalökonomen
- Roman Köster: Universalismuskonzepte in der Nationalökonomie der Weimarer Republik

Mittagspause

13.30-16.30 Vorstellungen von Staat und Gemeinschaft in der Weimarer Republik

- Gangolf Hübinger: Individuum und Gemeinschaft in der intellektuellen Streitkultur der 1920er Jahre
- Klaus Lichtblau: Staat und Gesellschaft in der Soziologie der 1920er Jahre
- Harald Hagemann: Volkswirtschaftslehre in den 1920er Jahren

16-18.30 Konzepte des schönen Lebens im Georgekreis I: die philosophische Sicht
- Gerhard Plumpe: Individualität und Typus im Georgekreis
- Gesine Schiewer: Das Problem des Politischen in der Philosophie Edith Landmanns

Freitag, 28.9.

9-11 Konzepte des schönen Lebens im Georgekreis II: die ästhetische Sicht
- Wolfgang Chr. Schneider: Friedrich Wolters und Robert Boehringer in ihren Vorstellungen von Gesellschaft
- Robert Norton: Gemeinschaftsvorstellung und lyrische Ideale

11-13 Konzepte des schönen Lebens im Georgekreis III: die biographische Sicht
- Carola Groppe: Individuum und Gemeinschaft. Funktionen und Ideale der Bildung in Theorie und Praxis des George-Kreises
- Bruno Pieger: Menschliche Gemeinschaft oder „Das Leben von Gedichten“

13-14 Mittagessen

14-16.30 Die Vorstellungen des Kreises vor den Herausforderungen der Realität
- Tetsushi Harada: Der andere Nachfolger der Historischen Schule der deutschen Nationalökonomie. Edgar Salin im George-Kreis
- Graf Vitzthum: Weimarer Republik und Völkerbund aus der Sicht von Berthold von Stauffenberg

Kontakt

Roman Köster

Fb 08, Historisches Seminar, WSG
JWG-Universität, 60323 Frankfurt/M.
069 798 32617
069 798 32614
r.koester@em.uni-frankfurt.de

Zitation
Das Ideal des schönen Lebens und die Wirklichkeit der Weimarer Republik. Vorstellungen von Staat und Gemeinschaft im George-Kreis, 27.09.2007 – 28.09.2007 Frankfurt am Main, in: H-Soz-Kult, 28.08.2007, <www.hsozkult.de/event/id/termine-7800>.
Redaktion
Veröffentlicht am
28.08.2007
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