Nachts. Clubkultur in München

Nachts. Clubkultur in München

Veranstalter
Münchner Stadtmuseum
Veranstaltungsort
Münchner Stadtmuseum
PLZ
80331
Ort
München
Land
Deutschland
Vom - Bis
24.07.2021 - 07.01.2024

Publikation(en)

Cover
Eymold, Ursula; Gürich, Christoph (Hrsg.): Nachts. Clubkultur in München München 2021: Sorry Press , ISBN 978-3-9820440-7-1, 354 S., zahlr. Abb. € 29,00.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bodo Mrozek, Institut für Zeitgeschichte München-Berlin (IfZ)

Den Weg in die Münchner Nacht weist geduldiges Papier: Flyer und Eintrittskarten aus dem Analogzeitalter, säuberlich unter Glas aufgereiht. Hardbop im Domicile mit Herbie Lewis am Bass und Billie Higgins an den Drums (undatiert). The Doors 1972 im Krone-Bau, The Wipers in der Theaterfabrik Unterföhring. Progressive Acid House im Jennerwein am 4. Dezember 1994 mit DJ Paul Evans „ab 20 Uhr“ und natürlich DJ Hell im Tanzlokal Größenwahn. Wer dem Papier folgt, um die Ausstellung „Nachts“ des Münchner Stadtmuseums zu betreten, findet sich – ganz wie im echten Nachtleben – erstmal vor einer Tür wieder. Auch die ist historisch: Es ist die blechbeschlagene und mit einer Sichtluke ausgestattete Original-Tür des Atomic Café, das von 1997 bis 2015 in der Neuturmstraße residierte, unweit des Hofbräuhauses, einer Institution der Nacht aus älterer Vergangenheit. Die härteste Tür der Republik hatte jedoch unbestreitbar der Techno-Club Tresor in der ehemals preußischen Hauptstadt (50 cm dicker Panzerstahl und 2,5 Tonnen Gewicht), und auch sie befindet sich bereits im Museum, in der Ausstellung „Berlin Global“ des Stadtmuseums Berlin im Humboldt Forum. Historisierung und Musealisierung der Clubkultur, das zeigt der Weg beider Objekte an, schreiten zügig voran.[1]

Den Türen kommt dabei eine doppelt transmissive Funktion zu, denn sie öffnen in zweierlei Vergangenheit: Diejenige des Tresors stammt aus dem von den Nazis „arisierten“ jüdischen Kaufhaus Wertheim und wurde nach 1945 im Niemandsland des Mauerstreifens vergessen, bevor findige Nacht-Unternehmer die Schließkammer 1991 neu belebten.[2] Und auch Münchner Clubtüren weisen in länger zurückliegende Epochen. Die des Schickimicki-Clubs P1 hängt noch immer in der Prinzregentenstraße 1 in ihren Angeln, wo im nationalsozialistischen Haus der Kunst jene Ausdrucksformen als „entartet“ denunziert worden waren, die nach dem Krieg am selben Ort gefeiert wurden: Hier eröffnete 1949 mit dem Officerʼs Club der US-Besatzungsmacht ein Vorläufer des Hot Club Munich, der aus München die Hauptstadt der Hüft-Bewegung machte.

Die Club-Türen verweisen aber nicht nur auf die Tiefensedimente wechselhafter Stadtgeschichte, sondern auch auf eine immanente Janusköpfigkeit der Clubkultur. Das Gemeinschaftsversprechen des „We are Family“, 1979 programmatisch von Sister Sledge formuliert und in den 1990er-Jahren von den Clubculture Studies in Theoriesprache übersetzt[3], war schon zur Hochzeit von Disco umstritten. Denn so inklusiv sich das Nachtleben gegenüber gender, race, class und sex gab, so sehr begründeten seine exkludierenden Türpolitiken neue „lookistische“ Körper-, Alters- und Kleiderregime: was die Mode streng geteilt. Schon 1979 wehrte sich Richard Dyer daher in einem mittlerweile kanonischen Text „In Defence of Disco“ gegen Kommerzialisierungs- und Eskapismusvorwürfe.[4] Und zwei Jahre später klagte die „bayrische Band“ Spider Murphy Gang im Song „Schickeria“ mundartlich darüber, dass „Leit wie di und mi“ nicht überall hineingelassen würden, wo in Schwabing der Schampus floss und die Lines gezogen wurden.

Im Stadtmuseum kontrolliert kein strenger Cerberus, sondern der freundliche Uniformierte einer Münchner Wach- und Schließgesellschaft die Eintrittskarten, nicht die Gesichter, und schon öffnet sich die historische Tür. Dahinter finden sich die von Ursula Eymold und Christoph Gürich kuratierten Hinterlassenschaften vergangener Clubkultur: DJ-Pulte, Slipmates mit und ohne bavarisierende Motive, Fotos von Tanzenden im Sugar Shack und von Herumstehenden im Crash. Uschi Obermaier im Big Apple, Freddie Mercurys Geburtstagsparty 1985 im Old Mrs. Henderson, „Tischtelefonkontaktparty“ 1994 in der Wunderbar. Eine komplette Bar aus den Sixties mit blitzenden Shakern und säuberlich eingehängten Cocktailgläsern. Szene-Outfits wie Vivien Westwoods „Pirates“ (1981) oder ein Tschador der Münchner Designerin Ayzit Bostan für die Blumenbar (2008), deren Nachtleben ein literarisches Nachleben als Verlag beschieden war – Bavarica neuen Typs.[5] Das Herzstück bilden Teile der Originaleinrichtung des Atomic, mittlerweile im Fundus des Stadtmuseums eingelagert, teilrestauriert und nun erstmals ausgestellt. Ihre orangefarbene, tulpenförmige Materialität lässt sich als retronostalgisch gebrochene Referenz der 1990er- an die 1960er-Jahre lesen: als ihrerseits vergangene ästhetische Historisierung.

All dies taugt als Erinnerungsmaterial für Zeitzeug:innen aus der Epoche der Mitfeiernden, birgt aber die Gefahr der Hermetik eines selbstreferenziellen Zeichensystems. Die semiotische Kryptografie von Flyern blieb schon damals Außenstehenden verschlossen und gewinnt mit zeitlichem Abstand nicht unbedingt an Zugänglichkeit. Daher dienen etliche Kontrastpaare der historischen Kontextualisierung. So sind der Cocktail-Bar Poster der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gegenübergestellt („Kenn Dein Limit“); Streichholzheftchen und Aschenbecher mit Club-Werbung kontrastieren mit einer „No smoking“-Kampagne, ein mit Sex Toys bestückter Zigarettenautomat („um 1980“) mit einer Kampagne zur Verhütung von HIV. Das wirkt bemüht brav, zeigt aber auch, dass die Geschichte des urbanen Vergnügens mit jener der öffentlichen Hygiene eng verwoben ist. Ein Nachruf auf den „Hallenmogul und Impresario“ Wolfgang Nöth (1943–2021), Sohn jüdischer KZ-Häftlinge und Gründer zahlreicher Münchner Institutionen der Nacht, zieht abermals eine lange Linie in die braune Stadtgeschichte.

Das auratische Zentrum des Nachtlebens selbst, die Performanz des Dancefloors, entzieht sich hingegen der tendenziell objektophilen Musealisierung. Ausstellungsarchitekt Michael Hoffer hat daher ein Substitut ersonnen: Der Ausstellungs-Parcours endet im Dark Room einer Rotunde, auf deren Wänden historische Tanzaufnahmen als Loop laufen – eine immersive Versuchsanordnung, die dazu einlädt, einmal selbst den Twist (1961), den Footsie (1976) und auch den Mussolini (1981) als soziale Bewegungen zu reenacten, worauf sich einige Mutige einlassen, wenn auch leicht verschämt.

Der Versuchung reiner Selbstreferenzialität stemmt sich auch der Katalog entgegen. Großformatig und mit hochglänzendem Cover fügt er sich nur augenscheinlich in die bereits fortgeschrittene Coffee Table Book-Verwertung der Clubgeschichte ein. Zwar stellt der Pop-Schriftsteller Andreas Neumeister in einem impressionistisch geschriebenen Essay pointiert fest, München habe schon vor der „Fusion von Kreuzberg und Friedrichshain zu Berghain“ mit Techno-Clubs wie dem Kunstpark Ost oder dem Liberty aufwarten können: Schwabylon versus Babylon, wie ehedem. Doch geht es seinem und den anderen Katalogbeiträgen um weit mehr als den lokalpatriotischen Imperativ „Monaco, tanze!“. So entwickeln Hannah Maischein und Isabella Belting anhand früher Jazzclubs gerade kein ungebrochenes Liberalisierungsnarrativ, wenn sie nachvollziehen, wie Schwarzes Armee- und Zivilpersonal als DJs und Tänzerinnen neue kulturelle Räume erobern konnte, in der Münchner Nachtgesellschaft aber weiterhin rassistisch markiert blieb.

Später waren es die aus dem Iran stammenden „Samy-Brüder“ Anusch und Temur, die mit dem Blow Up 1967 eine der ersten deutschen Großraumdiscos eröffneten und mit vielen weiteren Projekten unter explizitem Modernisierungsanspruch als „Könige von Schwabing“ reüssierten, wie ein Foto-Essay von Max Zeidler aus dem intervox-Archiv illustriert (S. 94). Der imaginären Weltkarte populärer Musik schrieb sich schließlich der Munich Sound der 1970er-Jahre ein. Komponist und Produzent Giorgio Moroder sowie Ton-Techniker Harald „Harry“ Thumann schlossen an afroamerikanische Vorbilder wie Philly Sound, Soul und Disco an, als sie ihren stilprägenden Klang im queeren Club Warehouse entwickelten, wie der DJ und Club-Chronist Mirko Hecktor darlegt.[6]

In den subkulturell fragmentierten 1980er-Jahren knüpften Roderich Fabian zufolge DJs in Clubs wie dem Cadillac, das noch immer rege von Schwarzem Personal der McGraw-Kaserne besucht wurde, nun unter dem Label Funk an diese Traditionslinien an. Pia Singer, Theresa Bittermann und Keith Zenga-King widmen sich hingegen schwulen und queerfeministischen Impulsen sowie solchen des queer black and people of colour-Aktivismus im Münchner Nachtleben, welches sich jedoch nur bedingt als safe space beschreiben lässt. Dies zeigt auch Julian Schmitzberger in seinem Beitrag über Gewaltprävention, etwa in städtischen Regulierungen durch Sperrstunden (seit 2004 zu „Putzstunden“ verkürzt), Aktionsbündnissen des „allparteilichen Konfliktmanagements“ und Kampagnen wie „Cool bleiben“, die bis in die Gegenwart hinein das Verhältnis zwischen Kontrollverlust und Kontrolle auszutarieren suchen. Wie sehr das Nachtleben an der Isar auch Jahrzehnte nach den Schwabinger Krawallen[7] noch immer ein Ort der Aushandlung städtischer Ordnungen ist, zeigt auch Simon Zeitler in einem Beitrag über illegale Partys.

Ist die ökonomische Nutzbarmachung von Bunkern oder Brachen wie dem ehemaligen Schlachthofviertel zumindest temporär geduldet, so sind es lautstarke und auf Dauer angelegte Praktiken der Raumaneignung oftmals nicht, da gerade in München „kulturelle und soziale Freiräume unter immensem Druck stehen und öffentlicher Raum stetig weiter privatisiert und ordnungspolitisch aufgeräumt wird“ (Zeitler, S. 149). Der auch in anderen Städten oft und gern gezeichneten simplen Dichotomie zwischen altruistischen Kreativen auf der einen und merkantilem Immobiliensektor auf der anderen Seite verweigert sich im Katalog schließlich Moritz Ege. Der Zürcher Populärkulturforscher attestiert dem Münchner Nachtleben stattdessen die Gleichzeitigkeit von kultureller Demokratisierung und „neofeudale[r] Willkür“ seiner Türpolitiken. Dabei wirke die selektive „Selbstpopkulturalisierung“ (Ege) „prägend und plausibilisierend“ für das kulturell Imaginäre einer Stadt (S. 51). Genau dazu leisten Ausstellung und Katalog nun einen nicht unerheblichen Beitrag, der aber erfreulich selbstreflektiert ausfällt.

Anmerkungen:
[1] Anmerkung der Redaktion: Leider war es nicht möglich, für die vorliegende Ausstellungsrezension Bildmaterial zu erhalten, das dauerhaft auf unserer Website gezeigt werden darf.
[2] Vgl. Moritz van Dülmen u.a., BERLIN GLOBAL (Katalog). Erschienen anlässlich von BERLIN GLOBAL – Berlin Ausstellung im Humboldt Forum, Berlin 2021, S. 78–81.
[3] Vgl. Sarah Thornton, Club Cultures. Music, Media and Subcultural Capital, Cambridge 1995.
[4] Richard Dyer, In Defence of Disco, in: Gay Left 8 (1979), S. 20–23, http://gayleft1970s.org/issues/gay.left_issue.08.pdf (02.12.2022). Vgl. dazu Luis-Manuel Garcia, Richard Dyer, “In Defence of Disco” (1979), in: History of Emotions – Insights into Research, November 2014, https://dx.doi.org/10.14280/08241.32 (02.12.2022).
[5] Vgl. das Wiki sub-bavaria: https://www.sub-bavaria.de/wiki/Hauptseite (02.12.2022).
[6] Vgl. Mirko Hecktor, Mjunik Disco. Von 1949 bis heute, München 2008.
[7] Vgl. Gerhard Fürmetz (Hrsg.), Schwabinger Krawalle. Protest, Polizei und Öffentlichkeit zu Beginn der 60er Jahre, Essen 2006.