Das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück – Geschichte und Erinnerung

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Ort
Fürstenberg/Havel
Veranstalter
Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten <http://www.ravensbrueck.de>
Datum
21.04.2013
Publikation
Beßmann, Alyn; Eschebach, Insa (Hrsg.): Das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Geschichte und Erinnerung. Berlin : Metropol Verlag  2013 ISBN 978-3-86331-122-3, 327 S., zahlr. Abb. € 24,00.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Carina Baganz, Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin

Der 21. April 2013 ist ein Meilenstein in der Geschichte der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. An diesem Tag wurde anlässlich des 68. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Ravensbrück die lang erwartete neue Hauptausstellung eröffnet. Ravensbrück war das zentrale und größte Frauen-KZ im Deutschen Reich. Insgesamt waren im Komplex Ravensbrück, zu dem neben dem Frauenlager auch ein kleineres Lager für Männer, das Siemenslager, das „Jugendschutzlager“ Uckermark sowie 43 Außenlager gehörten, etwa 132.000 Frauen und Kinder sowie 20.000 Männer inhaftiert. Zehntausende wurden ermordet oder starben an Krankheiten, chronischer Unterversorgung oder infolge medizinischer Versuche. Ab dem 24. April 1945 trieb die SS die männlichen und weiblichen Häftlinge auf Todesmärsche Richtung Nordwesten, am 30. April 1945 befreite die Rote Armee die im Lager zurückgelassenen etwa 2.000 Kranken. Von 1945 bis 1994 nutzte die sowjetische Armee Teile des ehemaligen KZ-Geländes – erst als Repatriierungslager, später als Militärstützpunkt für die Besatzungstruppen. 1959 wurde auf einem kleinen Teil des Geländes des ehemaligen KZ eine „Nationale Mahn- und Gedenkstätte“ der DDR eingeweiht, wo in den folgenden Jahrzehnten vor allem des antifaschistischen Widerstands und der aus politischen Gründen inhaftierten Frauen gedacht wurde. 1993 übernahm die nach der deutschen Einheit gegründete Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten das ehemalige KZ Ravensbrück. Zwei Ausstellungen, zur Geschichte des Frauen-KZ Ravensbrück und zu einzelnen Biografien, wurden 1993 und 1994 eröffnet. Diese sind nun durch die neue Hauptausstellung ersetzt worden, die jedoch weit über die bisherigen Inhalte hinausgeht.

Insa Eschebach, Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, beschreibt die Ziele des neuen Ausstellungskonzeptes folgendermaßen: Das Frauen-KZ Ravensbrück soll als Herrschafts- und Verfolgungsinstrument des NS-Regimes dargestellt werden, die Internationalität und Vielzahl unterschiedlicher Haftgruppen und damit die geschlechtsspezifischen Verfolgungskontexte sollen vermittelt sowie die Nachkriegsgeschichte des Lagers und die Geschichte der Erinnerung erschlossen werden (Katalog, S. 12).

Aufgrund der Vielzahl an Informationen und Quellen, die in den vergangenen 20 Jahren zugänglich wurden, konnten nun auch Themen in die Ausstellung aufgenommen werden, die bisher unberücksichtigt geblieben waren – zum Beispiel die Zwangsprostitution von etwa 200 weiblichen Ravensbrück-Häftlingen, die in anderen Konzentrationslagern Männern zu Diensten sein mussten, oder das „Jugendschutzlager“ Uckermark, in dem seit seiner Gründung 1942 etwa 1.200 Mädchen inhaftiert waren. Dieses lange aus dem Ravensbrück-Gedächtnis gestrichene Lager hat mit zwei Ausstellungsräumen nun endlich den Platz erhalten, der ihm gebührt.

Für die neue Ausstellung hätte es keinen besseren Ort geben können: die ehemalige SS-Kommandantur des Lagers. Das 1940 errichtete Verwaltungsgebäude wurde für den jetzigen Zweck denkmalgerecht saniert und kann somit als erstes Ausstellungsobjekt gesehen werden. Auf rund 900 Quadratmetern, verteilt auf zwei Stockwerke, wird sowohl die Geschichte des Lagerkomplexes Ravensbrück in der Zeit von 1939 bis 1945 als auch die Nachnutzung dargestellt. Der Ausstellungsrundgang beginnt im Obergeschoss, in dem damals die „Schreibstuben“ des Kommandanten, des Adjutanten und des Verwaltungsführers sowie ein als Besprechungs- und Speisesaal genutzter Raum untergebracht waren. In diesen Räumen sind nun mehrere Themenkomplexe zu besichtigen: Entstehung und Entwicklung des Lagers, die Häftlinge und ihr Lageralltag, die SS und ihr Gefolge sowie Zwangsarbeit und Außenlager.

Im Erdgeschoss der einstigen Kommandantur befanden sich die Politische Abteilung mit Erkennungsdienst, die Postzensurstelle mit Paketausgabe sowie das ärztliche Sprechstundenzimmer für das SS-Personal. Dort gibt es nun Informationen über das „Jugendschutzlager“ Uckermark, das Krankenrevier im Lager, Mord und Massensterben, Auflösung und Befreiung des Lagers, das Leben nach der Befreiung sowie über den Gedenkort Ravensbrück und das Ravensbrück-Gedächtnis in Europa.

Sobald der Besucher den ersten Ausstellungsraum im Obergeschoss betritt, wird seine Aufmerksamkeit auf eine große Schautafel gelenkt. Als Grundlage dient eine Luftaufnahme, auf der die verschiedenen Phasen der Entwicklung des Lagers dargestellt werden. Lichter leuchten auf, markieren die Umrisse des Lagers und dessen Erweiterung, illustriert mit Fotos. Wenngleich diese Tafel als Blickfang und Einführungsexponat gelten kann und viele Informationen in sich vereint, sind die Besucher geteilter Meinung: Begrüßen die einen die Form der Darstellung, beklagen andere die Undurchsichtigkeit bzw. Überfrachtung, da das Schema dieser Schautafel erst nach längerem Davorstehen begreiflich werde.

Der sich anschließende Rundgang ist übersichtlich gegliedert. Die Ausstellung hat ein klares Konzept und zeichnet sich durch eine gute gestalterische Form aus. In Hörstationen und Monitoren mit Videosequenzen äußern sich Überlebende des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück. Vor allem durch diese Erzählungen zum Leben bzw. Überleben im Lager, zu Erinnerungen an die Wachmannschaften oder zum Widerstand im Lager bekommt der Ort seine Bedeutung. Doch nicht nur die Videosequenzen, sondern vor allem auch die vielen Erinnerungsstücke, die von ehemaligen Ravensbrück-Häftlingen aus ganz Europa zur Verfügung gestellt wurden, machen die Ausstellung zu etwas Besonderem. Die Objekte reichen von bestickten Taschentüchern über Miniaturen wie beispielsweise einem aus einem Kirschkern geschnitzten Körbchen oder aus Brot geformten Stiefelchen bis hin zu Schmuck. Zu den bewegendsten Zeugnissen gehört das Hemdchen von Sylvia van Otten, die am 29. Januar 1945 im KZ Ravensbrück zur Welt kam und nur vier Wochen alt wurde. Ihre Mutter überlebte die KZ-Haft und bewahrte das Hemdchen auf. Zeugt dieses Exponat vom frühen Tod, so steht beispielsweise ein ausgestellter Lippenstift für die Hoffnung auf ein Weiterleben im KZ, konnte man sich damit doch ein wenig frische Farbe aufs Gesicht legen, um gesünder auszusehen und dadurch vielleicht der Selektion zu entgehen. Anders als früher sind derartige Exponate nicht unkommentiert in die Ausstellung gestreut worden, um den Widerstand und Überlebenswillen der Häftlinge zu symbolisieren. Hier werden Relikte historisiert, nicht Reliquien auratisiert. So könnte ein von Häftlingen angefertigter Beutel ohne Kommentar lediglich als kreatives Produkt gesehen werden und nicht als ein Gegenstand aus Schnüren, die ursprünglich als Tragegriffe von Versandkisten der im Außenlager Holleischen (Holýšov) produzierten Munition verwendet wurden. Gezeigt werden insgesamt mehr als 1.500 Exponate. Neben persönlichen Erinnerungsstücken sind dies vor allem schriftliche Dokumente, Berichte oder von Häftlingen angefertigte Zeichnungen.

Die neue Ravensbrück-Ausstellung ist inhaltlich und gestalterisch auf dem aktuellen Stand; sie hat von vielen Forschungen der letzten Jahre profitiert und entspricht allen wissenschaftlichen Standards. Als Besucher erhält man sowohl einen Überblick zur Gesamtgeschichte des KZ Ravensbrück als auch vertiefende Einblicke. Bei einer so großen Ausstellung darf sich auch mal ein kleiner Fehler einschleichen. So trieb die SS die Häftlinge nicht zu Fuß zum Außenlager Wöbbelin, wie in dem Ausstellungsbereich „Auflösung und Befreiung des Lagers“ zu lesen ist, sondern sie wurden mit dem Zug dorthin transportiert.[1]

Zur Ausstellungseröffnung ist der Katalog „Das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Geschichte und Erinnerung“ erschienen (im November 2013 zudem auch in englischer Übersetzung), der die Präsentation hervorragend dokumentiert. Aufgrund der Größe der Ausstellung und der Menge an Exponaten kann der Katalog natürlich nur eine Auswahl berücksichtigen, doch handelt es sich dabei um einen wohldurchdachten Querschnitt. Hinzu kommen ein Grußwort von Annette Chalut, der Präsidentin des Internationalen Ravensbrück-Komitees, eine Einführung der Gedenkstättenleiterin Insa Eschebach und ein ausführliches Impressum der Ausstellung. Auf den Innenseiten des Buchdeckels ist sowohl ein Plan der Ausstellung abgebildet als auch ein Lageplan des ehemaligen Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück.

Die neue Hauptausstellung der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück kann als eine der bislang komplexesten und besten Ausstellungen dieser Art bezeichnet werden. Sie wird, so der damalige brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck in seiner Rede zur Eröffnung, die vermeintliche Idylle dieses Ortes ganz sicher hinterfragen und dazu beitragen, „der fatalen Bequemlichkeit des Vergessens und Verdrängens zu widerstehen“. Die aus Polen stammende, später nach Palästina emigrierte Batsheva Dagan, die Ende Januar 1945 im Zuge der Evakuierung des KZ Auschwitz nach Ravensbrück überstellt wurde, brachte ihre Begeisterung mit wenigen Worten auf den Punkt: „Das kommt einer Revolution gleich für Ravensbrück.“[2]

Anmerkungen:
[1] Siehe etwa die Erinnerungen von Franz Unikower, in: Heute und Morgen. Literarische Monatszeitschrift, Heft 5/1949, oder die Erinnerungsberichte weiterer ehemaliger Häftlinge, die von Ravensbrück in das KZ Wöbbelin deportiert wurden – beispielsweise Salomon Birenbaum, Erich Kary oder Joshua Laks.
[2] Zit. nach Thomas Pilz, Die Erinnerung hat eine Zukunft, in: Märkische Onlinezeitung, 22.4.2013, URL: <http://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/1138471> (15.1.2014).

Zitation
Carina Baganz: Rezension zu: Das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück – Geschichte und Erinnerung, 21.04.2013 Fürstenberg/Havel, in: H-Soz-Kult, 18.01.2014, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-177>.