... denn die Zeiten ändern sich

Cover
Place
Stuttgart
Host/Organizer
Haus der Geschichte Baden-Württemberg
Date
22.12.2017 - 24.06.2018
Publication
Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Hrsg.): ... denn die Zeiten ändern sich. Die 60er Jahre in Baden-Württemberg. Stuttgart : Haus der Geschichte Baden-Württemberg  2017 ISBN 978-3-933726-55-1, 174 S., zahlr. Abb. € 19,80.
Reviewed for H-Soz-Kult by
Silke Mende, Institut für Zeitgeschichte München - Berlin

Alle zehn Jahre wieder steht ein Jubiläumsmarathon zu „1968“ ins Haus. Während viele der damaligen Protagonistinnen und Protagonisten mittlerweile in die Rentenjahre gekommen sind, findet die Auseinandersetzung mit dem Erbe von 1968 dieses Mal vor einer veränderten politischen Landschaft in Deutschland und Europa statt: Systemkritik und Populismus machen sich allenthalben lautstark bemerkbar, und mit der AfD sitzt eine Partei aus diesem Spektrum im Bundestag, die dezidiert „weg vom links-rot-grün-versifften 68er-Deutschland“ will.[1] Die kalendarische Gelegenheit zur weniger ideologischen Rückschau und Bilanz lassen sich selbstredend auch zahlreiche Institutionen und Museen nicht entgehen, so etwa das Haus der Geschichte Baden-Württemberg. Mit der dortigen Schau, die am 22. Dezember 2017 eröffnete, ist man in Stuttgart einige Monate früher dran als in Karlsruhe, wo das Stadtmuseum sowie das Badische Landesmuseum thematisch verwandte Ausstellungen angekündigt haben – um nur zwei Beispiele aus demselben Bundesland zu nennen.[2]

Die von Paula Lutum-Lenger geleitete sowie von Sebastian Dörfler und Katja Nagel kuratierte Ausstellung hat die „60er Jahre in Baden-Württemberg“ zum Thema. Das titelgebende Motto – „… denn die Zeiten ändern sich“ – lehnt sich an Bob Dylans ikonischen Song „The Times They Are A-Changin‘“ von 1964 an. Beides signalisiert bereits, dass sich die gesamte Ausstellung differenziert auf der Höhe des aktuellen Forschungsstandes zu „1968“ bewegt, der knapp und pointiert, gleichsam en passant in das Gezeigte einfließt. Denn die zeithistorische Forschung hat inzwischen bereits hinreichend herausgearbeitet, dass zum einen gerade die alltagshistorischen und popkulturellen Dimensionen einen Großteil der zeitgenössischen Erfahrungen wie der Langzeitwirkungen von „1968“ ausmachten und das Jahr zum anderen als „Chiffre“ in einem chronologisch länger gefassten Zeitraum zu situieren ist.[3] Diesen hatten Axel Schildt, Detlef Siegfried und Karl Christian Lammers in einem um die Jahrtausendwende vorgelegten, bis heute prägenden Periodisierungsvorschlag als „lange 60er Jahre“ bezeichnet und mit dem Interpretament „Dynamische Zeiten“ versehen.[4] Die Stuttgarter Ausstellung betrachtet dementsprechend die Jahre von 1958 bis 1973, die in Baden-Württemberg unter anderem mit Kurt Georg Kiesingers Ministerpräsidentschaft (1958–1966) begannen und dort – wie auch anderswo – mit der ersten Ölpreiskrise endeten, geprägt von einem vielfältigen Wandel.


Abb. 1: Ausstellungsbereich „Freiräume“ – links im Bild ein Protestplakat vom Juli 1969. Eine Stuttgarter Aktionsgruppe um Peter Grohmann hatte den damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) in das Foto eines Treffens von Hitler und Franco aus dem Oktober 1940 hineinmontiert (mit dem Schriftzug „Ein Mann hat seine festen Freunde“). In der rechten Vitrine sieht man eine Aktentasche von Rudi Dutschke, ebenfalls eine Leihgabe aus Grohmanns Besitz.
(Foto: Haus der Geschichte Baden-Württemberg / Daniel Stauch)

Diesem Wandel spürt die Ausstellung in insgesamt sechs thematischen Bereichen nach. Die große Sektion am Beginn des Rundgangs ist dem „Klang der Revolte“ gewidmet. Hier können die Besucherinnen und Besucher nicht nur eine Vielzahl entsprechender Exponate in Augenschein nehmen, wie Instrumente, Plattenhüllen und Tonbandgeräte, die quasi das Grundgerüst der sich dynamisch verändernden Musiklandschaft jener Jahre waren, sondern an zahlreichen Hörstationen auch selbst (wieder)entdecken, welche musikalischen Experimente – von Jazz über Rock’n’Roll und Beat bis Psychedelic – Künstler und Bands überall im Südwesten unternahmen. Dieser Abschnitt ist offenbar der größte Besuchermagnet der Ausstellung, zumindest bildeten sich dort an einem gut besuchten Sonntag lange Schlangen.


Abb. 2: Der Bereich „Klang der Revolte“ zu Beginn des Ausstellungsrundgangs
(Foto: Haus der Geschichte Baden-Württemberg / Daniel Stauch)

Ungeduldige Besucher werden deshalb das eine oder andere Tondokument übersprungen haben, um gleich die nächste Sektion in Augenschein zu nehmen, die sich mit „Geschlechterverhältnissen“ beschäftigt. Dort geht es neben der sich wandelnden Rolle der Frau auch um die sich verändernde Sexualmoral und das Aufkommen der Homosexuellenbewegung. Eine von 1964 datierende Packung der „Antibabypille“ aus dem Hause Schering stellt neben viel „Flachware“ wie Infobroschüren, Zeitungsausschnitten und Flyern ein recht erwartbares Exponat dar.


Abb. 3: Beispiele für Mode der frühen 1970er-Jahre (Vordergrund); rechts im Bild Fragmente eines großen Mao-Porträts des Künstlers Ulrich Bernhardt, das 1967 im Rahmen der Anti-Springer-Kampagne auf dem Stuttgarter Schlossplatz zu sehen war
(Foto: Haus der Geschichte Baden-Württemberg / Daniel Stauch)

Die Sektion „Mode als Spiegelbild der Gesellschaft“ macht wiederum deutlich, dass sich gesellschaftlicher Wandel vor allem auch im Alltag niederschlug. Die beiden folgenden, stark aufeinander bezogenen Sektionen behandeln die im Kern politischeren und eng miteinander verknüpften Themen Protest – ob gegen die Notstandsgesetze, den Axel-Springer-Verlag oder den Vietnamkrieg – sowie Provokation, Eskalation und Gewaltfrage. Der letzte Bereich ist schließlich den zahlreichen zu erobernden „Freiräumen“ gewidmet: Diskotheken und Clubs, Jugendhäusern und Jugendzentren, aber auch privaten Orten wie den (elterlichen) vier Wänden als Schauplatz von Partys. Gleichsam als Ausblick schlägt dies auch einen Bogen in die 1970er-Jahre, indem das Aufkommen anderer Themen und Protestformen im Kontext der Neuen Sozialen Bewegungen gezeigt wird.


Abb. 4: Sitzungskoffer (um 1970) von Karl-Otto Völker, Mitglied des Club Manufaktur in Schorndorf (ca. 25 Kilometer östlich von Stuttgart). Das Exponat ist Teil des Ausstellungsbereichs „Freiräume“.
(Foto: Silke Mende)

Neben dem ersten Bereich zur Musikkultur ist dieser letzte Abschnitt vielleicht der am besten gelungene, unterstreicht er doch abermals die Effekte des Aufbruchs in sehr unterschiedlichen und auch kleinen, über den gesamten Südwesten verteilten Orten. Auffällig sind hier zudem die häufig eher subtilen Rückwirkungen auf die „Mehrheitskultur“, etwa über die bald aufkommende Discowelle, die zwar nicht dezidiert politisch war, aber dennoch „zur kulturellen Pluralisierung der Gesellschaft“ beitrug (Katalog, S. 160). Regelrecht umrahmt wird der gesamte Rundgang durch eine großformatige Audio- und Videoinstallation, auf der eine an Jahreszahlen orientierte Abfolge nationaler und internationaler Ereignisse präsentiert wird, welche die Entwicklungen im deutschen Südwesten in einen größeren Kontext stellen.

In der Ausstellung selbst wie auch im informativen, die fast 300 Exponate detailreich abbildenden Katalog werden insbesondere zwei Deutungsperspektiven immer wieder sichtbar. Das ist erstens die Frage, wie der angenommene gesellschaftliche Wandel auch Baden-Württemberg prägte, und zweitens diejenige nach dem, „was bleibt“. Vor allem der erste Punkt durchzieht die gesamte Ausstellung. Wie sehr die legendäre und inzwischen als nicht mehr als ganz so revolutionär wie in zeitgenössischen Selbst- und Fremddarstellungen eingestufte Kommune 1 von West-Berlin bis in die Provinz ausstrahlte, unterstreicht etwa ein vom Bodensee stammender Brief aus dem Dezember 1967. Eine Friedrichshafenerin bat darin die – von ihr konsequent gesiezten – Kommunarden darum, ihre zum „Abhauen“ entschlossene 17-jährige Schwester für ein paar Tage aufzunehmen (der Originalbrief ist im Katalog reproduziert, S. 138). Wie sehr sich im Südwesten nicht nur bundesdeutsche, sondern auch internationale oder gar globale Erscheinungen widerspiegelten, wird wiederum mehrfach anhand unterschiedlicher kultureller Transferprozesse deutlich, die über die nationalstaatlichen Grenzen hinweg wirkten: So finden sich Verweise auf die Bedeutung ausländischer Radioprogramme und -sender oder auch auf den Mannheimer DJ Klaus Hiltscher, der bei einer Jugendfreizeit in den Alpen seine einschneidende Begegnung mit dem Twist dem Austausch mit einigen jungen Franzosen (und einer Französin) verdankte. Dass es bei der Übernahme „fremder“ Kultureinflüsse immer auch um Provokation und Abgrenzung zu Eltern und Älteren ging, brachte wiederum der Schlagzeuger der – allerdings in West-Berlin beheimateten – Band „Ton Steine Scherben“, Wolfgang Seidel, auf den Punkt, der im Katalog mit folgenden Worten zitiert wird: „Englisch zu singen reichte völlig aus, um die alte Generation den Krieg noch einmal verlieren zu lassen.“ (S. 21)

In der von den Stuttgarter Ausstellungsmachern gewählten Perspektive erscheint der während der 1960er-Jahre angestoßene Wandel in den allermeisten Fällen als eine Einbahnstraße – was er zumindest insofern auch war, als vielseitige Impulse von unterschiedlichen Zentren in die baden-württembergische Provinz gesendet wurden. Welche Bedeutung umgekehrten Triebkräften und Initiativen zukam – etwa aus Heidelberg als Hochburg der Studentenbewegung oder Wyhl als späterem Hauptort der Anti-AKW-Bewegung – bleibt hingegen weitgehend offen, obwohl besonders das erste Beispiel an sich breiten Niederschlag in der Ausstellung findet. Dies wirkt sich wiederum auf ein weiteres Interpretament der Präsentation aus. So ist zwar augenfällig, dass „[i]m Spiegel der Regionalgeschichte […] globale Trends besonders lebendig nachvollzogen werden“ können (Paula Lutum-Lenger, S. 12). Wenn es aber darum geht, „nach[zu]prüfen, ob sich auch die Baden-Württemberger im Bob-Dylanschen Sinn ‚befreit‘ haben“ (ebd.), oder – anhand des roten Minikleides einer Abiturientin aus Oberkollwangen im Nordschwarzwald – gezeigt werden soll, dass im Jahr 1972 „Mary Quants Minirock aus London in der baden-württembergischen Provinz angekommen“ sei (S. 11), dann klingt damit zugleich jene Liberalisierungserzählung an, die weiterhin ein dominantes (und m.E. grundsätzlich auch schlüssiges) Narrativ für die breitere Einbettung von „1968“ darstellt. Die von den Ausstellungsmachern aufgeworfene zweite Frage nach den Wirkungen der 1960er-Jahre wird damit insofern immanent beantwortet, als die Schau die progressiven Elemente des Gesellschaftswandels betont sowie den Besucherinnen und Besuchern vor Augen führt, dass vieles von dem, was uns heute als gewöhnlich gilt, im damaligen Alltag eben eine handfeste Provokation darstellte. Nicht zuletzt jene Sektionen, die sich auch mit den Protestformen und der Gewaltfrage beschäftigen, sparen dabei kritische Aspekte, wie zum Beispiel antiamerikanische Töne, keineswegs aus.

Doch was unterschied den deutschen Südwesten von anderen Regionen – jenseits des hier zugespitzten Mantras: „Das gab es auch in Baden-Württemberg“? Kritisch ließe sich anführen, dass dezidiert regionale Spezifika weitgehend blass bleiben. Vielleicht ist dies aber auch deshalb der Fall, weil sie sich eben kaum finden lassen. Vor allem bei den politischen Themen, etwa der Studenten- und Protestbewegung, legt die Ausstellung zudem einen starken Schwerpunkt auf Heidelberg, das wiederum weit über Baden-Württemberg hinauswirkte und ein bundesrepublikanisches, kein bloß regionales Zentrum des Protests war. Gerade wenn aber einmal weniger prominente Beispiele zur Sprache kommen, werden auch die Unterschiede zu diesen zentralen Protesthochburgen deutlich, etwa bei der Frage von Fahrpreiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr. Anders als 1969 in Heidelberg waren die Proteste Anfang der 1970er-Jahre in Esslingen nicht erfolgreich.

Alles in allem eröffnet die Schau einen facettenreichen Blick auf die 1960er-Jahre in Baden-Württemberg. Der Spagat, das Thema einerseits differenziert und an aktuellen Forschungstendenzen orientiert aufzubereiten und es andererseits einem breiten Publikum zugänglich zu machen, gelingt summa summarum sehr gut. Während für ersteres der Ausstellungskatalog wertvolle Unterstützung leistet, trägt zu letzterem sicher auch das Begleitprogramm bei, das neben Führungen und Lesungen mit Konzerten, Partys und „musiktheatralischen Aktionen“ [sic!] einen Schwerpunkt auf den „Sound der Revolte“ legt.[5]

Anmerkungen:
[1] „Wir wollen weg vom links-rot-grün-versifften 68er-Deutschland und hin zu einem friedlichen, wehrhaften Nationalstaat.“ So Jörg Meuthen auf dem Stuttgarter Parteitag der AfD am 30. April 2016; zit. nach Jörg Köpke / Jan Sternberg, AfD-Parteitag. Der Stuttgarter Rechtsruck, in: Hannoversche Allgemeine, 30.04.2016, http://www.haz.de/Nachrichten/Politik/Deutschland-Welt/AfD-Parteitag-in-Stuttgart (09.03.2018).
[2] Das Stadtmuseum zeigt ab 27. April 2018 die Ausstellung „Bewegt euch! 1968 und die Folgen in Karlsruhe“, während das Badische Landesmuseum „1968“ ab dem 21. April unter dem historisch weiter gefassten Rubrum „Revolution!“ gemeinsam mit anderen Zäsuren wie 1848 oder 1918/19 behandelt. Vgl. https://www.karlsruhe.de/b1/stadtgeschichte/stadtmuseum/karlsruhe1968.de (09.03.2018) sowie http://www.landesmuseum.de/website/Deutsch/Sonderausstellungen/Vorschau/Revolution.htm (09.03.2018).
[3] Als Referenzwerk zur Alltags- und Populärkultur: Detlef Siegfried, Time Is on My Side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre, Göttingen 2006, 3., um ein Nachwort ergänzte Aufl. 2017. Die Bezeichnung von 1968 als „Chiffre“ geht zurück auf Wolfgang Kraushaar, 1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur, Hamburg 2000.
[4] Axel Schildt / Detlef Siegfried / Karl Christian Lammers (Hrsg.), Dynamische Zeiten. Die 60er Jahre in den beiden deutschen Gesellschaften, Hamburg 2000, 2. Aufl. 2003.
[5] Siehe https://www.hdgbw.de/ausstellungen/60er-jahre/begleitprogramm-fuehrungen/ (09.03.2018). Vgl. Detlef Siegfried, Sound der Revolte. Studien zur Kulturrevolution um 1968, Weinheim 2008.

Citation
Silke Mende: Rezension zu: ... denn die Zeiten ändern sich, 22.12.2017 – 24.06.2018 Stuttgart, in: H-Soz-Kult, 17.03.2018, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-306>.