‚Charlottengrad’ und ‚Scheunenviertel’. Osteuropäisch-jüdische Migranten im Berlin der 1920/30er Jahre

‚Charlottengrad’ und ‚Scheunenviertel’. Osteuropäisch-jüdische Migranten im Berlin der 1920/30er Jahre

Projektträger
Lehrstuhl für Geschichte Ostmitteleuropas, Osteuropa-Institut, Freie Universität Berlin
Ort des Projektträgers
Berlin
Land
Deutschland
Vom - Bis
01.02.2008 - 31.01.2010
Von
PD Dr. Verena Dohrn

Projektleitung: Prof. Dr. Gertrud Pickhan
Projektkoordination: PD Dr. Verena Dohrn

Das Projekt wird aus den Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert.

Die deutsche Metropole bildete während der Weimarer Republik eines der größten Migrationszentren in Europa. Für Juden aus dem östlichen Europa war Berlin seit den Pogromen der Jahre 1881/2 nach dem Mord an Alexander II., vermehrt seit dem Ersten Weltkrieg, der Russischen Revolution und bis zur ‚Machtergreifung’ durch die Nationalsozialisten 1933 ein Zufluchtsort. Während des Krieges wurden auch jüdische Zwangsarbeiter aus dem östlichen Europa in Berlin festgehalten. Die Migranten kamen vor allem aus dem Russischen Reich, aber auch aus Rumänien und den östlichen Provinzen des Habsburger Reiches (Galizien, Bukowina, Ungarn, Böhmen) und Preußens (Posen, Schlesien). Sie waren Teil des deutsch-jüdischen wie auch des historischen Russischen Berlin und wahrten dennoch kulturelle, sprachliche und mentale Eigenheiten. Im Projekt wird die Migration und ebenso, nach Milieus differenziert, die Lebenswelt der Migranten rekonstruiert. Prozesse der Gemeinschafts- und Netzwerkbildung, der Integration und Individualisierung werden Gegenstand der Forschungen sein, Nations- und Kanonbildung in der Emigration einerseits und Repräsentationen des Selbst in der Exilliteratur andererseits untersucht werden. Von zentraler Bedeutung für das Verständnis der Migranten sind deren Diskurse über die traumatischen Erfahrungen des Krieges, der Vertreibungen, Pogrome und der Revolution, aus denen Kunstwerke sowie Pionierleistungen in Wissenschaft und Politik entstanden.

Das Zentrum des Untersuchungszeitraums bildet die Ära der Weimarer Republik. Von Interesse sind aber auch die für Juden in Deutschland zunehmend schwieriger werdenden Jahre nach 1933 und bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs, in denen die Migranten unter ihnen als Ausländer einen besonderen Status hatten. Die Weimarer Republik steht für den Beginn von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie in Deutschland, aber auch für politische Konfrontationen, wirtschaftliche und soziale Labilität. Das Weimarer Berlin stellte einen hochgradig komplexen Raum dar. Als urbaner Mikrokosmos wies es extreme Gegensätze auf. Es war zugleich preußische Residenzstadt und europäische Metropole.

Geschichte, Lebenswelt und Kultur der osteuropäisch-jüdischen Migranten in Berlin sollen – der Realfunktion der jungen Hauptstadt der Weimarer Republik als Migrationszentrum entsprechend – als Raum der Segregation, des ‚Fremden’ beschrieben, aber gleichermaßen – Berlins Bedeutung als europäische Metropole gemäß – unter dynamischen Gesichtspunkten wie Integration, Individualisierung und Hybridität betrachtet werden. Eine wichtige Frage in dem Zusammenhang ist, welche Rolle Gemeinschafts- und Netzwerkbildungen in diesen unterschiedlich gerichteten Prozessen spielten. Begegnungen und kultureller, sozialer, politischer Austausch zwischen osteuropäischen Migranten und den alteingesessenen Berlinern gehörten in den 1920/30er Jahren zum Alltag der Hauptstadt. Aber die Lebensbedingungen sowie die Leid- und Fremderfahrungen trennten die Flüchtlinge und Zwangsarbeiter von der autochthonen Bevölkerung. Dennoch kam es vor allem in Kreisen der Arbeiterbewegung und der linken Kunst-, Theater- und Literaturavantgarde zu Verflechtungen und Wechselwirkungen west- und osteuropäischer Einflüsse. Jüdische Künstler und Intellektuelle aus dem östlichen Europa bildeten im kulturellen Leben der Weimarer Republik ein konstitutives Segment.

Das Gesamtprojekt besteht aus sechs Teilprojekten und wird von einer interdisziplinären und internationalen Forschergruppe bearbeitet. Vier Projekte befassen sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit dem russisch-jüdischen, eines mit dem jiddischen und eines mit dem hebräischen Berlin. In allen Teilprojekten werden Verbindungen und Übergänge zur deutschen Sprachgemeinschaft und Gesellschaft thematisiert.

Zusammen mit dem Osteuropahistoriker Prof. Dr. Oleg Budnickij (International Center for Russian and East European Jewish Studies, Moskau) leitet Gertrud Pickhan ein gemeinsames deutsch-russisches Forschungsprojekt in zwei Teilen zum russisch-jüdischen Berlin. Darin geht es um Gemeinschaftsbildung und Integration der russisch akkulturierten Juden unter den Revolutionsflüchtlingen in der Berliner Emigration. Ein von dem Osteuropahistoriker Prof. Dr. Karl Schlögel (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder) geleitetes Projekt befasst sich mit dem Diskurs über die Juden und die Russische Revolution im russischen Berlin, der sich in einer Reihe von Veranstaltungen sowie Zeitschriften- und Buchpublikationen manifestierte und an dem Vertreter des gesamten politischen Spektrums beteiligt waren. Der Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Matthias Freise (Georg-August-Universität, Göttingen) hat die Verantwortung für ein Projekt zum Problemfeld der Selbstrepräsentationen in der russischen Exilliteratur aus dem Berlin der 1920/30er Jahre. In den Teilprojekten zum russisch-jüdischen Berlin, in denen die Sprache als Identifikationsmerkmal des „Jüdischen“ entfällt, stellt sich die Frage nach der Unterscheidbarkeit zwischen russischer und jüdischer Kultur und Literatur sowie nach der Bestimmung der Zugehörigkeit zur jüdischen Kultur.

Das Projekt zum jiddischen Berlin, betreut von Prof. Gertrud Pickhan, konzentriert sich auf die jiddischsprachigen Migranten im urbanen Mikrokosmos des Weimarer Berlin und deren Lebenswelt. Die Mutter- und Alltagssprache der osteuropäischen Juden Jiddisch war das Idiom der prosten jidn, der jüdischen Unterschichten sowie der jüdischen Arbeiterbewegung. Die jiddischsprachigen Migranten machten einen beachtlichen Teil des osteuropäisch-jüdischen Berlins aus. Da die Zentren der jiddischen Kultur außerhalb des Landes lagen und ihre Protagonisten in alle Welt verstreut waren, werden auch die transnationalen Verbindungen der Migranten, ihre Mittlerrolle zwischen Ost und West, thematisiert.

Der Historiker und Experte für Jüdische Geschichte und Kultur Prof. Dr. Michael Brenner (Ludwig-Maximilians-Universität, München) leitet das Projekt zum hebräischen Berlin. Bereits seit der Jahrhundertwende entwickelte sich in Berlin eine hebräische Bewegung, die von osteuropäischen Juden maßgeblich initiiert und getragen wurde. Die Zuwanderung seit dem Ersten Weltkrieg bewirkte, dass das Weimarer Berlin zum Zentrum der Bewegung wurde. Das Vorhaben wird die Blütezeit der hebräischen Bewegung im zionistischen Berlin analysieren und dabei die Entstehungszusammenhänge der Bewegung im östlichen Europa und ihre Wege nach Palästina berücksichtigen.

In den Teilprojekten werden unterschiedliche Fragen gestellt, verschiedene Sprachgemeinschaften und Kulturkreise, soziale Gruppen und politische Orientierungen untersucht. Gleichwohl geht es stets um dieselbe Gruppe von Akteuren in einem begrenzen Raum und in einer überschaubaren Zeit, die durch mehrere Merkmale miteinander verbunden waren: die Herkunft, die Mehrsprachigkeit und ein gemeinsames kulturelles Gedächtnis, das Erlebnis der Revolution, den Verlust des Domizils, den Status des Fremden in der deutschen Emigration und die Sorge um die Zukunft.

Die allen osteuropäisch-jüdischen Migranten im Berlin der 1920/30er Jahre eigenen Prägungen bilden den gemeinsamen Ausgangspunkt für sämtliche Teilprojekte bei aller Verschiedenheit der Perspektiven, unter denen die Migranten betrachtet werden.