G. Drossbach: Hospitäler in Mittelalter und Früher Neuzeit

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Titel
Hospitäler in Mittelalter und Früher Neuzeit. Frankreich, Deutschland und Italien. Eine vergleichende Geschichte


Herausgeber
Drossbach, Gisela
Reihe
Pariser Historische Studien 75
Erschienen
München 2007: Oldenbourg Verlag
Anzahl Seiten
267 S.
Preis
€ 39,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Kroll, Historisches Institut, Universität Rostock

Das Interesse an der Erforschung spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Hospitäler ist in der jüngsten Vergangenheit nicht zuletzt im deutschsprachigen Raum wieder erheblich angewachsen. Eine zunehmende Rolle spielt dabei der über Ländergrenzen hinausreichende internationale Vergleich. So finden sich in einem einschlägigen Tagungsband, den Michael Matheus 2005 herausgegeben hat, neben Aufsätzen zu Hospitälern im deutschsprachigen Raum auch Beiträge mit einem regionalen Schwerpunkt im heutigen Italien, in Frankreich und im Benelux.[1] Ein anderer, 2007 von Neithard Bulst und Karl-Heinz Spieß herausgegebener Sammelband, der sich mit der Sozialgeschichte mittelalterlicher Hospitäler beschäftigt, enthält unter anderem Untersuchungen zu englischen, italienischen, französischen und byzantinischen Beispielen.[2] Ebenfalls 2007 erschien ein Doppelheft der „Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsschreibung“ mit dem Themenschwerpunkt „Europäische Spitäler“.[3] Hier wurden auch die Verhältnisse in Polen, Litauen, Dalmatien, Transsylvanien und den Niederlanden thematisiert sowie eine Reihe wichtiger Neuerscheinungen der letzten Jahre vorgestellt. Während die beiden ersten Sammelbände ihren Schwerpunkt vorrangig im Spätmittelalter haben, berücksichtigt das Doppelheft der MIÖG gleichrangig auch die frühneuzeitliche Epoche. Als ein wesentliches Ergebnis dieser vor allem räumlich breit gefächerten Untersuchungen hat sich deutlich herauskristallisiert, dass es das typische, durch einheitliche Charakteristika zu beschreibende Hospital in der Vormoderne nicht gegeben hat.

Diese Heterogenität der frühen Hospitäler spiegelt sich auch in den Beiträgen des hier zu besprechenden Bandes wider, in dem in vergleichender Perspektive Hospitäler aus Frankreich, Deutschland und Italien untersucht werden. Neben einem einführenden Überblick über den Forschungsstand und einem kurzen, persönlichen Resümee von Andreas Meyer enthält der Sammelband insgesamt neun Beiträge von Forschenden aus Deutschland, Italien, Frankreich, England und der Schweiz. Der Fokus liegt dabei im Wesentlichen auf dem 13. bis 16. Jahrhundert. Anders als aufgrund der Titelwahl vielleicht zu erwarten, wird die Frühe Neuzeit damit nur gestreift. Es darf auch nicht unerwähnt bleiben, dass der protestantische Raum nicht behandelt wird. Ebenso wie die zuvor genannten Sammelbände vereint auch der von Gisela Drossbach herausgegebene Band Beiträge mit höchst unterschiedlichen methodischen Ansätzen, thematischen Schwerpunkten und konkreten Fragestellungen. Vielfalt und Differenzierung ist dabei Programm.

Der einführende Artikel von Gisela Drossbach, François-Olivier Touati und Thomas Frank beschreibt – mit dem Fokus auf das mittelalterliche Hospital – den jeweiligen Forschungsstand in den drei Ländern Deutschland, Frankreich und Italien. Es folgt ein kürzerer Beitrag von Beate Sophie Fleck, der einen knappen quellenkundlichen Überblick zu Insassen westfälischer Hospitäler im 15. und 16. Jahrhundert bietet. Im Mittelpunkt stehen Quellen zu Namensnachweisen, zur Aufnahmepraxis, zur sozialen Herkunft und zum Alltagsleben.

Die Herausgeberin des Bandes hat sich mit Hospitalstatuten beschäftigt und für ihren eigenen Beitrag fünf dieser normativen Quellen ausgewählt. Miteinander verglichen werden Spitalregeln aus dem 13. und 14. Jahrhundert, die sich auf Hospitäler in Altopascio/Toscana, Paris, Regensburg und Nürnberg sowie im Kloster Ettal beziehen. Näher untersucht werden dabei die Organisations- und Verfassungsstruktur der Spitäler, die dort geltenden Normen des Zusammenlebens sowie die geistlichen Leistungen, die von der jeweiligen Spitalbruderschaft erbracht werden sollten. Nicht unerwartet kommt die Verfasserin zu dem Ergebnis, dass die Hospitalstatuten „normative wie auch verfassungsrelevante Autorität besitzen“ (S. 54), zugleich aber die Verfassungswirklichkeit der Spitäler nur unvollständig abbilden.

Mit gut 50 Seiten besonders umfangreich ist der Aufsatz von Andreas Meyer, der sich mit den Geldgeschäften des norditalienischen Hospitals von Altopascio im 13. Jahrhundert beschäftigt. Fast zwei Drittel des Beitrags werden dabei – in durchaus verdienstvoller Weise – durch den Abdruck einschlägiger Dokumente gefüllt. Eine besondere Rolle spielte die mit päpstlicher Erlaubnis fast im ganzen Abendland durchgeführte Almosenbettelei, mit der vor allem der Unterhalt der Brücke von Fucecchio finanziert wurde. Diese erleichterte Pilgern und Bittstellern den nicht ungefährlichen Weg nach Rom. Kaufleute übernahmen in „profitable[r] Symbiose“ (S. 72) mit dem Hospital von Altopascio den Transfer der gesammelten Gelder in die Toskana.

Ebenfalls in einer Kombination aus Quellenedition und -interpretation setzt sich Christine Jéhanno in umfassender Weise mit den Speisen des Hôtel-Dieu de Paris am Ende des Mittelalters auseinander. Sie untersucht deren Beschaffung, Zubereitung und Austeilung an diverse Personengruppen (z.B. Reisende und Arme), die dort versorgt wurden. Dabei geht sie besonders der Frage nach, welche Bedeutung die Speisepläne in der Praxis besaßen. Ediert werden zudem die umfangreichen Hospitalsstatuten von 1535.

John Henderson nimmt sich in einem kurzen, zehn Seiten umfassenden Aufriss der Armenfürsorge in den Florentiner Hospitälern der Renaissance an. Näher untersucht werden neben den Pfründnern vor allem die Tätigkeitsfelder und die soziale Zusammensetzung des Pflegepersonals im Erzspital Santa Maria Nuova.

Brigitte Kurmann-Schwarz befasst sich in ihrem Beitrag vorrangig mit der Gründungsphase des französischen Hospitals Nôtre-Dame-des-Fontenilles in Tonnere. Daneben gilt ihr Interesse der architektonischen Ausgestaltung und der künstlerischen Ausstattung dieser Einrichtung. Der Artikel wird durch verschiedene Abbildungen anschaulich illustriert. Dazu passend stellt Andreas Meyer in einer weiteren Quellenedition die aus dem Jahre 1297 stammende Gründungsurkunde des Hospitals in Tonnere vor. Er ersetzt damit einen mangelhaften Druck aus dem 17. Jahrhundert.

Zu den wenigen wirklich vergleichenden Beiträgen des Sammelbandes gehört der von Thomas Frank. Im Mittelpunkt seiner Untersuchung steht die Sorge um das Seelenheil. Die liturgische „memoria“ war sowohl ein Dienst an den Toten als auch ein geistliches Werk, und zwar durch die Aufforderung, für Sünder zu beten. Frank hat für das 13. bis 15. Jahrhundert Quellen aus deutschen, italienischen und französischen Hospitälern zusammengetragen und analysiert. Besonders in den größeren Hospitälern, die sich klerikales Personal leisten konnten, war die Bandbreite der Memorialleistungen ausgesprochen breit.

Einen weiteren Beitrag hat Andreas Rehberg beigesteuert. Unter Einsatz prosopographischer Methoden geht er der Frage nach, welche Motive und Interessen für die Gründung von Hospitälern im spätmittelalterlichen Rom maßgeblich gewesen sind. Außerdem interessieren ihn die damit verbundenen sozialen und politischen Hintergründe. Konkret ins Blickfeld genommen werden das Hospital von Santo Spirito in Sassia, das Erlöser-Krankenhaus am Lateran, das Hospital von S. Maria in Portico und das Hospital der Anima. Zumindest für diese vier Hospitäler ließen sich gleich mehrere wichtige Gründungsmotive herausarbeiten: erstens der religiös motivierte Drang, dem Nächsten zu dienen, zweitens das Bestreben, das eigene Seelenheil zu sichern, drittens die Bemühung um eine sanitäre Basisversorgung und schließlich viertens der Wunsch nach Gründung einer Bruderschaft, die die soziale oder landsmannschaftliche Verbundenheit einer Gemeinschaft zum Ausdruck bringen konnte.

Insgesamt bietet der Band einen weiteren interessanten Einblick in die Frühgeschichte europäischer Hospitäler. Der beabsichtigte überregionale Vergleich kommt dabei allerdings gegenüber den – für sich genommen durchaus verdienstvollen – Fallstudien etwas zu kurz. Der Band ordnet sich ein in eine Reihe einschlägiger Sammelpublikationen der letzten Jahre, ohne dabei herausragendes Innovationspotenzial erkennen zu lassen.

Anmerkungen:
[1] Michael Matheus (Hrsg.), Funktions- und Strukturwandel spätmittelalterlicher Hospitäler im europäischen Vergleich, Stuttgart 2005.
[2] Neithard Bulst / Karl-Heinz Spieß (Hrsg.), Sozialgeschichte mittelalterlicher Hospitäler, Ostfildern 2007.
[3] Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Band 115 (2007), Heft 3-4.