B. Siegert: Passagiere und Papiere

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Titel
Passagiere und Papiere. Schreibakte auf der Schwelle zwischen Spanien und Amerika


Autor(en)
Siegert, Bernhard
Erschienen
München 2006: Wilhelm Fink Verlag
Anzahl Seiten
176 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Arndt Brendecke, Abteilung Frühe Neuzeit, Historisches Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität München

Bernhard Siegert schließt mit seinem Buch ‚Passagiere und Papiere’ an die Anfangskapitel seiner 2003 erschienenen Monographie ‚Passage des Digitalen’ an.[1] Während dort das Vorhaben der spanischen Kolonialverwaltung der Frühen Neuzeit im Zentrum stand, ihre Regierung auf ‚vollständige Information’ über die überseeischen Gebiete zu gründen, konzentriert er sich nun auf das Sevilla des 16. Jahrhunderts und die dortige Casa de la Contratación. Diese 1503 gegründete Behörde hatte den gesamten atlantischen Schiffsverkehr, den Handel und die Ströme an Gütern und Menschen zu regulieren. Wenn dabei von der „Erfindung des Passagiers“ (S. 13) die Rede ist, so nicht im Sinne einer Kulturgeschichte des Reisens, sondern deshalb, weil an den bürokratischen Praktiken der Casa de la Contratación abgelesen werden soll, welche Relation sich zwischen dem „Am-Platz-Sein“ von Dingen und Menschen und dem „Am-Platz-Sein“ von Signifikanten einstellte. Auf der Spur dieser Phänomene greift Siegert Leitfragen Michel Foucaults auf und führt den Leser in einer kulturwissenschaftlichen tour de force zu Vergleichskontexten, Vorgeschichten sowie medialen und sozialen Parallelphänomenen, wie der Armutsbekämpfung, der Geschichte der Sesshaftigkeit, der Entwicklung des Schelmenromans, der Zentralperspektive und der Stadtplanung.

Den Ausgangspunkt des ersten Kapitels bildet die Überlegung, dass der Atlantik eine nicht nur räumlich-nautische, sondern eben auch bürokratische Schwelle darstellte. Die Überfahrt war nur Kastiliern altchristlicher Abstammung gestattet. Wer allein reiste, hatten zudem nachzuweisen, dass er unverheiratet war. Dies führte zu komplizierten Versuchen des In-Deckung-Bringens der jeweils eigenen Familien- und Lebensgeschichte mit den normativen Ansprüchen der Krone und damit zur Produktion passfähiger Lebensentwürfe. Diese mussten in der Formelsprache der Verwaltung niedergeschrieben und angemessen beglaubigt werden. Letzteres geschah in der Regel durch Zeugen, so dass sich die bürokratische Objektivierung sozialer Tatbestände auf Ketten subjektiver Wahrheitspostulate zu stützen hatte. Siegert analysiert diese Prozedur zu Recht als eine Urszene des Kontroll- und Aufzeichnungsgebarens staatlicher Instanzen, strapaziert jedoch die Begeisterungsfähigkeit des Lesers im Laufe des Buches mit einer Reihe alter Stereotypen über die spanische Geschichte, mit sprachlichen und historischen Fehlern und einem unbekümmerten Umgang mit der Forschung. So irritiert es beispielsweise, dass Studien zur Demographie und zur atlantischen Migration, die sich ja zentral mit Sesshaftigkeit und Mobilität beschäftigen, nur in Ansätzen und nur bis in die 1970er-Jahre berücksichtigt wurden und solche zur pragmatischen Schriftlichkeit, etwa auch zu den Aufschreibepraktiken in Stadtkommunen, an Pass- und Zollstationen, fehlen.

Das zweite Kapitel nützt Siegert, um zu verdeutlichen, dass es neben den eigentlichen Kontroll- und Schriftlichkeitsnormen der Casa de la Contratación eine komplexe Praxis und Kultur der Umgehung der Vorschriften, des Spiels mit Beglaubigungen und Identitäten gab, die von einfachen Täuschungsversuchen mit falschen Zeugen vor den Beamten der Casa bis hin in die literarischen Figuren des spanischen Schelmen- bzw. Pícaroromans nachweisbar ist. Ausgerechnet das Leitbeispiel des zweiten Kapitels basiert jedoch auf einem Lesefehler: Nicht „Francesco de Melgar, el moco“ (S. 75) beantragte die Amerikapassage, sondern ein Mann, der statt eines italienischen den spanischen Vornamen „Francisco“ und auch nicht den Beinamen ‚el moco’ (der Popel) trug, sondern den tausendfach zu findenden Zusatz ‚el mozo’ (der Bursche). Die Schreiber kürzten Vornamen ab, schrieben das kleine ‚z’ als Cedilla (ç). Aber „Fran.co de Melgar, el moço“ lässt sich ohne paläographische Kenntnisse auflösen, wenn man die gedruckt und auch online verfügbaren Passagierkataloge konsultiert.[2] Siegert entwickelt aus dem Lesefehler ‚el moco’ jedoch eine Geschichte, die den Brückenschlag zum Pícaroroman erlauben soll: ‚El moco’ sei in diesem Fall mit „der Schlingel“ (S. 77) zu übersetzen und Melgar hätte sich „leicht prahlerisch“ (S. 78) selbst so bezeichnet, wodurch einerseits die doppelbödig zwischen Fiktion und Wirklichkeit oszillierende Welt des Registerführens durchschaubar, andererseits der Weg erkennbar werde, den das im Bürokratischen sich einnistende ‚Als-Ob’ auf das Feld des Literarischen, insbesondere des Schelmenromans (‚der Schlingel’!), nahm. Es ist in der Tat von großer Wichtigkeit, die präliterarischen Schreibpraktiken zu rekonstruieren, vor deren Hintergrund etwa der Lazarillo de Tormes entstand. Die jüngere Lazarillo-Forschung diskutiert dabei jedoch eine andere administrative Schreibpraktik der spanischen Kolonialzeit, die die Identitäts- und Biografiefiktionen der frühen Schelmenromane sehr viel plausibler vorwegnimmt als die knappen, von Amtsschreibern vorgenommenen Einträge der Passagierregister, nämlich die ausführlichen, biografischen Leistungs- und Verdienstberichte (relaciones de méritos y servicios), die die Subjekte selbst verfassten.[3]

Die Grundfrage nach den Motiven der Registrierung und Reglementierung reisender Menschen vertieft Siegert im dritten Kapitel, das sich mit der Idealisierung des sesshaften Menschen und der Angst vor seinem mobilen Gegenüber, dem Vagabunden, beschäftigt. Spannend ist dabei der Abschnitt über die Maßnahmen, die sich in den oberitalienischen Handelszentren des Quattrocento zur Bekämpfung von Pestepedimien ausbildeten (Quarantänen, Gesundheitsbescheinigungen, Listenführung) und Aufenthaltsorte von Bevölkerungsgruppen zu einem politisch-administrativen Projekt machten. Die spätmittelalterliche Bettlerkritik richtet sich jedoch nicht gegen „mendicantes invalidi“, wie Siegert darlegt (S. 109), sondern gegen die „mendicantes validi“, denn diese sind die ‚falschen Bettler’, die betteln, obwohl sie arbeitsfähig sind.

In einer abschließenden Betrachtung der kolonialen, rasterförmigen Stadtanlagen wird verdeutlicht, wie sich das Fixieren von Menschen im Raum in einem urbanen Rasterformat mit klaren Adressen manifestierte. Ob die in den Stadtplänen aufzeigbare Trennung von Daten und Adressen „zum ersten Mal ein Speichermodell [realisiert], wie man es heute von den Arbeitsspeichern unserer Computer her kennt“ (S. 150) lässt sich diskutieren. Diese These verweist aber nebenbei auf eine gewisse Teleologie der Darstellung, die Fragen nach der spezifischen Heuristik und Methodik des hier gepflegten Ansatzes aufwirft. So ist die Konzentration auf Prozesse und Verfahren des Aufschreibens ein ohne Zweifel sinnvoller Ansatz, ja einer der Schlüssel zur Analyse und Dekonstruktion der Moderne. Siegert neigt jedoch dazu, die von ihm dargestellten historischen Schreibakte und Maßnahmen mit einer Sprache vor Augen zu führen, die den Gegenstand entfremdet, exotisiert und Fragen nach der spezifischen Ratio dieser Zeit und ihrer Praktiken kaum mehr zulässt. Dass etwa dem Registerbuch der Casa ein Schreiben Philipps II. vorangestellt wurde, in dem dieser vor falschen Zeugen warnt, ist nach Siegert für die inszenierte Objektivität ihrer Registereinträge ein „Prankenschlag ihrer Nichtigkeit“ und ein Indiz, dass der König „den Worten seines eigenen Zweitkörpers nicht mehr“ glaubt (S. 75f.). Kann man es aber nicht als Ausweis dafür verstehen, dass zeitgenössisch die Grenzen und Gefährdungen dieser Verfahren reflektiert und sehr genau verstanden wurden, es also die Versessenheit auf schriftliche Objektivierung zwar gab, aber nur innerhalb eines spezifischen administrativen Diskurses? Insgesamt wird so gewissermaßen niemals die spanische Bürokratie erklärt, sondern permanent die Moderne. Dies birgt die Gefahr, ein im Grunde zutiefst modernes Geschäft weiterzubetreiben, nämlich die Gegenwart im Spiegel entfremdeter Vergangenheitspraktiken zu bestätigen. Auch wird Foucaults Interesse an einem komplexeren Machtbegriff dadurch unterlaufen, dass hier ‚Macht’ beinahe vollständig auf den Vorgang des Aufschreibens reduziert und das Funktionsspektrum des Aufschreibens unnötig eng gehalten wird, indem staatlich-administrative Schriftlichkeit unter dem steten Verdacht und in der Metaphorik biopolitischer Absichten betrachtet werden. Sich für die Überfahrt registrieren zu lassen, heißt demnach, „für einen kurzen Moment gezwungen“ zu sein, „in den Lichtkegel der Macht zu treten“ – also aufgeschrieben zu werden –, und dann „für immer im Dunkel“ zu verschwinden (S. 24).

Das Leseerlebnis ist zutiefst ambivalent. Siegert operiert mit einem sicheren Gespür für interessante historische Phänomene und verknüpft sie zu einer Erzählung über bürokratische Obsessionen der Moderne. Er arbeitet an dem Versuch einer transdisziplinären Synthese auf hohem Niveau, leistet aber den Rückbezug zum historischen Gegenstand und dem Forschungsstand der sachlich betroffenen Fachdisziplinen nicht mit ausreichender Verlässlichkeit. Sprachlich verfällt er, offenbar von keinem Lektorat und Kollegen unterstützt, immer wieder in Italianismen und Halb-Italianismen (ponte, visitá, Francesco und Francesca), setzt das Betonungszeichen der Tilde nach Belieben und schreibt die Namen der Personen so, wie sie in den Quellen auf den ersten Blick zu stehen scheinen. Antonio de Eraso, Philipps II. Sekretär, heißt so bei ihm „de Crasso“ (S. 55).

Anmerkungen:
[1] Siegert, Bernhard, Passage des Digitalen. Zeichenpraktiken der neuzeitlichen Wissenschaften 1500-1900, Berlin 2003.
[2] Catálogo de pasajeros a Indias durante los siglos XVI, XVII y XVIII, Bd. 3 (1539-1559), Sevilla 1946.
[3] Dazu: Folger, Robert, Die Institutionalisierung einer Institution oder wie die Autorität in die Geschichte von Amerika kam, in: Schulze, Winfried; Regn, Gerhard; Oesterreicher, Wulf (Hrsg.), Autorität der Form - Autorisierungen - Institutionelle Autoritäten, Münster 2003, S. 277-291; nun auch: Folger, Robert, The picaresque subject writes: Lazarillo de Tormes, in: Ehland, Christoph; Fajen, Robert (Hrsg.), Das Paradigma des Pikaresken. The Paradigm of the Picaresque, Heidelberg 2007, S. 45-68; zur Bürokratie als Kontext auch: Rutherford, John, Breve historia del pícaro preliterario, Vigo 2001.

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11.10.2007
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