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Titel
Knigge. Die Biographie


Autor(en)
Hermann, Ingo
Erschienen
Anzahl Seiten
386 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Olga Weckenbrock, Universität Osnabrück

Heute ist „Knigge“ ein Markenzeichen für gute Manieren und den guten Stil. Eine Google-Recherche unter dem Stichwort „knigge“ verweist auf rund 3.200.000 Einträge und ist deshalb von besonderem Interesse, da sich nur die wenigsten dieser Einträge der Person von Adolph Freiherr Knigge und seinem Hauptwerk „Über den Umgang mit Menschen“ widmen. Die unzähligen Ratgeber mit dem Namen „Knigge“ im Titel bedienen alle Lebenslagen und verschiedene Kulturkreise der Gegenwart. Es geht um Benimm- und Spielregeln und um Zugangsvoraussetzungen für bestimmte Gesellschaftskreise. Wohl kaum jemand – Fachleute ausgenommen – denkt bei „Knigge“ an diese interessante Persönlichkeit der Aufklärung und an Knigges Hauptwerk, das ursprünglich nicht als Ratgeber für gute Manieren bestimmt war. Es versammelte lediglich Gedanken des Autors über den zwischenmenschlichen Umgang, um die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Entstehen begriffene bürgerliche Gesellschaft friedfertiger, gerechter und toleranter zu gestalten.

Der Publizist Ingo Hermann nimmt sich nach seiner 2003 erschienenen Biographie des preußischen Kanzlers Hardenberg [1] nun der Persönlichkeit von Knigge und seines Werkes an. Er verfolgt dabei das Ziel, die interessierte Öffentlichkeit – weniger die Fachleserschaft – auf einen "bedeutenden Wegbereiter demokratischen Denkens" (S. 21) aufmerksam zu machen und mit den Vorurteilen über dessen Hauptwerk „Über den Umgang mit Menschen“ aufzuräumen. In der Auseinandersetzung mit Knigges Person und Werk sieht Hermann auch einen Schlüssel zum besseren Verständnis der Aufklärung und des Menschenbildes dieser Zeit. Mit dem, was Hermann dem Leser bietet, betritt er allerdings kein Neuland. Das Forschungsinteresse an Knigges Leben und Werk ist schon seit langer Zeit groß, was sich in den zahlreichen Werk- und Gesamtwerkausgaben sowie in unzähligen Publikationen verschiedener Fachspezialisten äußert. [2] Das Verdienst von Ingo Hermann besteht darin, dass er den von der Forschung bisher wenig beachteten Ansatz von Wolfgang Peters aus dem Jahre 1954 aufgreift, Knigges Schaffen aus der Perspektive eines Publizisten und Journalisten auszuleuchten, und damit neue Interpretationsmöglichkeiten vorschlägt.

In der Einleitung legt Hermann die Gründe für das Entstehen der bis heute hartnäckig nachwirkenden Fehlinterpretationen von Knigges Absichten sowie die verschiedenen Abschnitte der Rezeption seines Hauptwerkes dar. Die nachfolgenden sechs Teile mit insgesamt 48 Unterkapiteln zeichnen chronologisch das Leben und die Karriere Knigges in enger Verbindung zu seinem Gesamtwerk und dem sozialen und politischen Kontext seiner Zeit nach. Die Quellengrundlage der Biographie bilden die gedruckten und ungedruckten Briefe und Tagebucheinträge. Darüber hinaus werden auch die literarischen und publizistischen Aufzeichnungen von Knigge, die für Hermann durchaus einen biographischen Mehrwert besitzen, miteinbezogen.

Adolph Freiherr Knigge gehörte zu jenen öffentlichen Persönlichkeiten der Aufklärungsepoche, die als die letzten Universalgenies vor der Ausdifferenzierung der Wissenschaften im 19. Jahrhundert zu bezeichnen sind. Er war vielseitig gebildet und interessiert und bis zu seinem frühen Tod unermüdlich geistig aktiv. Parallel zu seinen langjährigen vergeblichen Versuchen, an einem der deutschen Höfe eine dauerhafte einträgliche Stellung zu erlangen, entschied sich Knigge für die Tätigkeit als Schriftsteller, was für einen Adeligen ungewöhnlich war. Diese Aufgabe bot ihm allerdings zusätzliche Einnahmen für ein bescheidenes, aber standesgemäßes Leben. Neben seinen literarischen Werken, die wegen mangelnder Virtuosität kaum Anerkennung fanden, schrieb er über 1000 Rezensionen, unzählige – zum Teil veröffentlichte – Briefe, Übersetzungen und Aufsätze zu Werken und Themen seiner Zeit. Hermann sieht Knigge als einen Berichterstatter der Aufklärung, der aus seinem eigenen Erfahrungs- und Beobachtungsschatz schöpfend, auf Missstände hinwies und sie öffentlich kritisierte. Neben der schriftstellerischen Tätigkeit suchte Knigge auch andere Plattformen für die politische Mitsprache und Diskussion wie etwa die Arkangesellschaften der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die ihn und sein Weltbild nachhaltig prägten, was bereits in vielen Forschungsarbeiten thematisiert wurde.

Ingo Hermann wird seinem Hauptziel gerecht: In einer leicht lesbaren Sprache führt er die bisherigen Forschungsergebnisse zur Person von Adolph Freiherr Knigge und seinen Werken zusammen und leuchtet überzeugend das eigentliche Programm von „Über den Umgang mit Menschen“ sowie die Ursachen für das heutige verzerrte Bild aus. Zu den gelungensten Teilen des Buches sind ohne Zweifel die sich mit Knigges satirischem Werk befassenden Kapitel zu zählen, in denen die ganze Breite seiner Persönlichkeit und Reflexionsfähigkeit offenbart wird. Der beachtliche Anmerkungs- und Quellenapparat sowie ein Personenregister ergänzen die Biographie.

Die Aufschlüsselung der Aufklärungszeit und des in dieser Zeit formulierten Menschenbildes gelingen dem Autor jedoch nicht ganz, da er die Ereignisse und Inhalte mit heutigen Maßstäben beurteilt. Bei der Bewertung von Knigges sozialer Stellung folgt Hermann den adelskritischen Interpretationsmustern und berücksichtigt nicht die ambivalente Situation eines Adeligen, der gleichzeitig Träger aufklärerischen Gedankenguts war. Er betont zwar richtig, dass Knigge einerseits dezidiert die Lebensweise und Mentalität des Hofadels kritisierte, andererseits aber eine positive Quintessenz aus den adeligen Umgangsformen zog und diese in seinem Hauptwerk für die Bürgerkultur übersetzte. Hermanns Einschätzung der ins Wanken geratenen Ständegesellschaft ruft jedoch viele Fragen auf. Außerdem leiden die Analysen zuweilen an der im Buch nahezu vollständig fehlenden kritischen Auseinandersetzung mit den Quellen. Wie schon in früheren Biographien zu Knigge (die letzte 1936!) nutzt auch Hermann die Romane Knigges, um die lückenhaften biographischen Informationen zu ersetzen, und verwischt so die Grenze zwischen dem Tatsächlichen und dem Fiktiven.

Die allgegenwärtige Subjektivität des Autors und sein unkritischer Umgang mit den Quellen und Begriffen aus der Zeit um 1800 wird sicherlich beim Fachleser ein Stirnrunzeln verursachen. Auch bietet das Buch wenig neue Erkenntnisse. Trotz dieser kritischen Anmerkungen hat Ingo Hermann für die interessierte Öffentlichkeit ein lesenswertes und unterhaltsames Sachbuch mit einer fundierten Einführung in das Werk und Leben von Adolph Freiherr Knigge vorgelegt.

Anmerkungen:
[1] Hermann, Ingo, Hardenberg. Der Reformkanzler, Berlin 2003.
[2] Einen Überblick über Forschung und Literatur zu Knigge bieten die Sammelbände: Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.), Adolph Freiherr Knigge, München 1996; Rector, Martin (Hrsg.), Zwischen Weltklugheit und Moral. Der Aufklärer Adolph Freiherr Knigge, Göttingen 1999.

Redaktion
Veröffentlicht am
05.12.2007
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