M. Thießen: Eingebrannt ins Gedächtnis

Cover
Titel
Eingebrannt ins Gedächtnis. Hamburgs Gedenken an Luftkrieg und Kriegsende 1943 bis 2005


Autor(en)
Thießen, Malte
Reihe
Forum Zeitgeschichte 19
Erschienen
Anzahl Seiten
502 S., 44 Abb.
Preis
€ 30,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Widera, Dresden

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus war im Nachkriegsdeutschland Gegenstand lautstarker öffentlicher Debatten und klammheimlicher Vergesslichkeiten – und ist es bis heute. Wenn westdeutsche Erinnerungspolitik und ostdeutscher „Antifaschismus“ inzwischen mehr als die NS-Zeit als solche konstitutiv auf das Selbstverständnis der gegenwärtigen Gesellschaft einwirken, ist das ein Resultat der Wirkungsmächtigkeit von Symbolen und historischen Orten. Diese prägen der Vergangenheit das Siegel der Unverwechselbarkeit ein. Es scheint sogar, als sei in dem Maß, wie im Europa der Regionen die großen Nationalgeschichten ihre zuvor unvereinbaren Gegensätzlichkeiten verloren haben, die Bedeutung der an Orte gebundenen Vergangenheit gewachsen.[1]

Entstanden trotz der Vielzahl der Erinnerungen kollektive Gedächtnisse, die soziale Integration und normative Orientierung ermöglich(t)en? Der Frage, wie sich die Stadt Hamburg und ihre Bewohner der nationalsozialistischen Vergangenheit erinnerten, geht Malte Thießen in seiner Dissertation über „Hamburgs Gedenken an Luftkrieg und Kriegsende 1943 bis 2005“ nach. In fünf Kapiteln beschreibt er den langen Weg seit der Bombardierung im Sommer 1943, der über Stationen und Wendepunkte der Erinnerung bis zu den Gedenkveranstaltungen der Jahre 2003 und 2005 führt. Sein Buch handelt von 60 Jahren einer unverwechselbaren städtischen Erinnerungskultur, in der sich Entwicklungen bundesdeutscher Vergangenheitspolitik spiegeln.

Eine der Ausgangsthesen lautet, dass die NSDAP, wie überall im „Dritten Reich“, auf die Zustimmung der Bevölkerung angewiesen war. Den umlaufenden Gerüchten über die Zahl der Toten von mehr als 100.000 Opfern bei den schweren Bombardierungen vom 25. Juli bis 3. August 1943 musste die nationalsozialistische Führung energisch entgegentreten, um nicht die Deutungshoheit über das Geschehen zu verlieren und keine Zweifel am Sieg über die Alliierten aufkommen zu lassen. Da das Ausmaß der Zerstörung eine Verharmlosung ausschloss, entschied sie sich für die offensive Variante und verklärte die Bombennächte zur Bewährungsprobe in der Absicht, den Widerstandswillen der Bevölkerung zu mobilisieren.

Thießen zeigt, dass die in der Presse verbreitete Behauptung, die Angriffe hätten die Bevölkerung zusammengeführt und die Solidarität der Volksgemeinschaft vertieft, eine frei erfundene „autosuggestive Leitvorstellung“ war (S. 93). Indem die Nationalsozialisten den Schicksalsschlag in städtische Traditionen einordneten, konnten sie Legitimationsressourcen erschließen und Prestigeverluste kompensieren. Sie inszenierten in der Gestaltung des Massengrabes einen „quasireligiösen Totenkult“ (S. 88), ein Gedenken, das nicht erinnern, „sondern aktuelle Botschaften vermitteln und die Erinnerungsgemeinschaft mobilisieren“ sollte (S. 177). Das Arrangement aus sprachlichen und rituellen Metaphern, die ihre nationalsozialistische Herkunft verschleierten, indem sie das Ereignis aus dem historischen Rahmen herausbrachen, lagerte sich dauerhaft im kulturellen Gedächtnis der Bevölkerung ab. So ließen sich die individuellen Erinnerungen in einen übergeordneten Sinnzusammenhang einfügen und für politische Zwecke funktionalisieren.

Die Mobilisierungsfähigkeit dieser Sprachformeln und Erinnerungsrituale bewährte sich auch in den Trümmerbergen der Nachkriegszeit. Denn die zu erbringenden gigantischen Wiederaufbauleistungen verlangten weiterhin Durchhaltewillen. Gedenkveranstaltungen zelebrierten den Luftkrieg als Verpflichtung und Mahnung; Politik und Wissenschaft verquickten seine Ursachen und Folgen zu motivierenden Lehren an die Überlebenden. Wie im übrigen Deutschland wurde ein von der Realität abweichendes Geschichtsbild konstruiert, das einen Gegensatz zwischen den Bewohnern Hamburgs und dem Nationalsozialismus behauptete. Gewissenlose Menschen hätten „Deutschland entehrt“ und dessen „Untergang herbeigeführt“ (S. 123).

Thießen unterteilt die Entwicklung der städtischen Erinnerungskultur in drei Phasen: Der „Etablierung des Gedenkens 1945–1955“ (Kapitel III) folgte das „Erinnern in bewährten Mustern 1956–1979“ (Kapitel IV). Mit dem Beginn der Friedensbewegung 1980 setzte die dritte Phase eines bis 1995 dauernden „Erinnerungsbooms“ ein (Kapitel V). Dieser beendete zwar nicht die Konkurrenz unterschiedlicher Gedenktage an die Zerstörung 1943 und an das Kriegsende 1945, stellte aber die Metaphern „Feuersturm“, „Befreiung“, „Stunde Null“ und „Zweite Schuld“ in einen gemeinsamen historischen Zusammenhang. Luftkrieg und Kriegsende wurden während dieses Prozesses in den Gesamtkontext des Nationalsozialismus eingeordnet und zu gleichwertigen kollektiven Erinnerungsorten erhoben. Das abschließende Kapitel VI „Gedenken im neuen Jahrtausend 2003 und 2005“ problematisiert die von einer starken Emotionalisierung geprägten Debatten über die Opfer von Bombardierung und Vertreibung. Thießen konstatiert mit dem „Abschied der Erlebnisgeneration“ (S. 453) einen Wandel der Erinnerungskultur, der Ausdruck einer Historisierung im Umgang mit dem Nationalsozialismus sei.

Mit Präzision zeichnet Thießen divergierende Entwicklungen nach, ohne dass der Leser den Überblick über die zahlreichen Akteure in Bürgerschaft und Behörden, Politik, Kirchen sowie Opferverbänden und die von ihnen verfolgten Interessen verliert. Das Kriegsende verstanden die Hamburger lange Zeit als geschichtspolitische „Stunde Null“, ohne dabei die nationalsozialistische Vergangenheit zu thematisieren. Die „empathische Würdigung der Bombenopfer“ war der „Schlüssel zur politischen Kultur“ (S. 162). Während die Bombenopfer bereits 1952 ein Mahnmal erhielten, wurde über viele Jahre der in Neuengamme getöteten Häftlinge weit außerhalb gedacht, am Ehrenmal der Toten der zwei versenkten Schiffe „Cap Arcona“ und „Thielbeck“ in Neustadt am Ufer der Lübecker Bucht. 1977, bei der Einweihung der zur zentralen Gedenkstätte ausgebauten Kirchenruine St. Nikolai, die mit einem Mosaik Oskar Kokoschkas ein Gesamtdenkmal aller Opfer von Krieg und nationalsozialistischer Gewaltherrschaft sein sollte, fanden endlich die deportierten jüdischen Bürger Hamburgs Erwähnung. Weite Teile der Bevölkerung nahmen allerdings das Kreuzigungsmotiv in der Ruine weiterhin als „Menetekel des Luftkriegs“ (S. 234) für sich in Anspruch. Erst mit der Einweihung der neugestalteten Gedenkstätte Neuengamme am 60. Jahrestag des Kriegsendes wurden Zwangsarbeiter und Konzentrationslagerhäftlinge deutlich stärker in das Gedenken einbezogen.

Die konkreten Narrative und zeittypischen Formen der städtischen Erinnerung stellt Thießen in klaren Argumentationslinien dar; er informiert eingehend über den gesellschaftlichen Wandlungsprozess. Lediglich die These, dass nicht eine bewusste „Verdrängungsstrategie“, sondern das „Bedürfnis nach konsensstiftenden Vergangenheitsdeutungen“ die „Externalisierungsstrategien“ hervorgebracht habe (S. 180), vermag nicht recht zu überzeugen. Ebenso könnte der scheinbare Mangel an kritischem Denken das Ergebnis der willentlichen Abwendung von den Ambivalenzen des Erinnerns[2] gewesen sein, wie eine anhaltende Diskussion nahelegt. Mit profunder Quellenkenntnis analysiert Thießen die unterschiedlichen Perioden des Erinnerns. Das öffentliche Interesse an der eigenen Geschichte war stets den Erfordernissen einer sinnvollen Gegenwartsdiagnose und einer positiven Zukunftsperspektive geschuldet. Daraus ergab sich zwangsläufig ein Wandel des Gedenkens, da es für die nachwachsenden Generationen nicht genügte, die etablierten Deutungsmuster des Kriegsendes zu übernehmen – sie wollten sich die Vergangenheit auch als „Befreiung“ aneignen können, was mitunter neue Einseitigkeiten hervorbrachte.

Thießen wertete für seine Studie eine Fülle von Archivmaterial aus; die Unterlagen des Hamburger Senats ermöglichten ihm eine spannende und auf die Gegenwart bezogene Aufbereitung des Untersuchungsgegenstands. Besonders ist die umfangreiche Presseauswertung zu würdigen, weil der Autor damit längst vergessene Details zurückliegender Auseinandersetzungen berücksichtigen kann. Er zeigt die Gedenkkultur der Hansestadt als eigene Entwicklungsgeschichte, „an deren Ende ‚Drittes Reich’ und Zweiter Weltkrieg zunehmend als ein Erinnerungsort gedacht wurden“ (S. 12). Es ist zu wünschen, dass die Lektüre des mit zahlreichen Abbildungen und einem umfangreichen Index versehenen Buchs dazu anregt, Thießens Hinweis aufzugreifen, in vergleichenden Monographien auch andere Städte und deren Erinnerungsformen zu untersuchen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. etwa Frei, Norbert; Knigge, Volkhard (Hrsg.), Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, München 2002; Sachse, Carola; Wolfrum, Edgar; Fritz, Regina (Hrsg.), Nationen und ihre Selbstbilder. Postdiktatorische Gesellschaften in Europa, Göttingen 2008 (im Erscheinen).
[2] Vgl. Levi, Primo, Die Untergegangenen und die Geretteten, Wien 1990, S. 19-30.