O. Hekster u.a. (Hrsg.): Crises and the Roman Empire

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Titel
Crises and the Roman Empire. Proceedings of the seventh workshop of the International Network Impact of Empire (Nijmegen, June 20-24, 2006)


Herausgeber
Hekster, Olivier; de Kleijn, Gerda; Slootjes, Daniëlle
Reihe
Impact of Empire 7
Erschienen
Anzahl Seiten
XIII, 448 S.
Preis
€ 129,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Klaus-Peter Johne, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Die Krise des Römischen Reiches im 3. Jahrhundert n.Chr. steht seit über zwei Jahrzehnten verstärkt im Blickfeld der internationalen Forschung. Dabei wird der Charakter dieser Epoche recht unterschiedlich beurteilt: Gegenüber der konventionellen Deutungstradition, die einem Niedergang und Verfall in der Soldatenkaiserzeit den Neubeginn mit den diokletianisch-konstantinischen Reformen gegenüberstellt, wird nun das Konzept einer Reichskrise in Frage gestellt und durch Begriffe wie „Wandel“ und „Transformation“ ersetzt, bei denen der Prozesscharakter und Elemente der Kontinuität im Vordergrund stehen. Vor allem um diese kontrovers diskutierte Krise ging es auf dem Workshop an der Radboud Universität in Nijmegen, der Forscher aus den gastgebenden Niederlanden mit Kollegen aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Kanada, Spanien und den USA vereinigte. Die 29 gehaltenen Vorträge sind in einem umfangreichen Band enthalten, gewidmet Lukas de Blois, der seit Jahrzehnten zu den führenden Erforschern der Soldatenkaiserzeit zählt. Die Beiträge beschränken sich aber nicht allein auf die zahlreichen Probleme des 3. Jahrhunderts, die Autoren wollen vielmehr die Krisen von der späten römischen Republik bis zur Spätantike analysieren, ein höchst anspruchsvolles Ziel, das leider nur in begrenztem Maße erreicht wird.

Ein Eingangsteil (S. 3–20) stellt zuerst in einer von den Herausgebern aus Nijmegen verfassten Einführung die vier im folgenden untersuchten Themenkomplexe – Krise und Reich, Krise und Wirtschaft, Krise und Kaiser, Krise und Literatur – kurz vor. Der zweite Beitrag dieses Teils von Wolf Liebeschuetz stellt die Frage nach der Berechtigung der Bezeichnung „Krise“ für die Mitte des 3. Jahrhunderts und spricht sich in Auseinandersetzung mit Arbeiten von Karl Strobel und Christian Witschel aus den 1990er-Jahren mit Nachdruck für die Beibehaltung des Begriffs aus. Der längste Beitrag des ersten Themenkomplexes „Crisis and the Empire“ (S. 23–152) widmet sich unter dem Titel „Krise oder Nichtkrise – das ist hier die Frage“ ebenfalls grundsätzlichen Problemen. Werner Eck gelangt zu demselben Ergebnis wie Liebeschuetz. Er betont, dass die Krise einer Region stets Folgen und Auswirkungen auch auf andere Regionen hatte, so dass es in der Soldatenkaiserzeit zu einer allgemeinen Krise in der Stabilität des Reiches gekommen sei. Im Detail belegt Eck dies mit der Situation in Köln und dem Niederrheingebiet und Zeugnissen aus den Jahren zwischen 231 und 275. Anthony R. Birley beschäftigt sich mit Britannien in derselben Zeit unter vorwiegend militärgeschichtlichen Aspekten. Die Insel blieb von Bürgerkriegen und Invasionen weitgehend verschont und erlebte im Vergleich zu anderen Reichsteilen nochmals eine relativ friedliche Zeit.

Um den vielbehandelten Aufstand der Gordiane 238 in Afrika und dessen Folgen für das Reich geht es in dem Beitrag von Arbia Hilali. John Drinkwater weist auf die krisenhaften Elemente hin, die der Prinzipatsordnung durch das Fehlen einer stabilen Nachfolgeregelung innewohnten. Dabei dürfte allerdings die Fixierung der Kaiser auf die Stadt Rom überbewertet worden sein. Die von Drinkwater hervorgehobene Gründung Konstantinopels stand ja erst am Ende einer langen Entwicklung, die bereits mit den Severern begonnen hatte. Schon Maximinus Thrax ließ den neuen Typus des Soldatenkaisers auch daran erkennen, dass er ausschließlich vom Feldlager aus regierte und sich in den drei Jahren seiner Regierung nicht einmal für einen Kurzbesuch in Rom die Zeit nahm. Seit Claudius Gothicus hielten sich die Herrscher nur noch zu Konsulatsantritten, Triumphen und Regierungsjubiläen in der Hauptstadt auf. So war schon vor Diokletians Regierungsantritt die Anwesenheit in Rom zur Ausnahme geworden, die Residenz im Feldlager oder in Städten im Hinterland der Front beinahe zur Regel. Unter der Tetrarchie begannen dann sedes imperii wie Nikomedia, Mailand und Trier das caput imperii faktisch zu ersetzen, Konstantinopel tat es dann auch de iure. Ebenfalls mit dem latent krisenhaften Charakter des Prinzipats beschäftigt sich Michael Peachin; er arbeitet dabei vor allem die Rolle der exempla für die Legitimation der Kaiserherrschaft heraus, wie im Falle der lex de imperio Vespasiani. Zu den Beiträgen von Drinkwater und Peachin ist allerdings zu bemerken, dass die sich aus der ungeregelten Nachfolgeordnung ergebenden Probleme zwischen Augustus und den Severern doch recht deutlich von der Krise der Soldatenkaiserzeit unterschieden werden müssen. Wirkliche Parallelen dazu waren doch wohl nur die Vorgänge der Jahre 68/69 und 193–197.

Wieder der Mitte des 3. Jahrhunderts wendet sich Pierre Cosme mit einer Untersuchung zum Edikt des Gallienus zu. Als Hintergründe für den Ausschluss der Senatoren vom Militärkommando vermutet er hohe Verluste an senatorischen Amtsträgern, die durch die Teilreiche eingeschränkten Möglichkeiten des Gallienus und die gewachsene Bedeutung der Kavallerie. Unbeschadet der persönlichen Motive dieses Kaisers ist die Verdrängung der Senatoren aus der Armeeführung jedoch als ein Prozess zu verstehen, der sich von den Severern bis zur Tetrarchie hingezogen hat und in dem die Regierung des Gallienus nur eine, allerdings wichtige Etappe darstellt. Als Beispiel für eine Senatorenfamilie, die ihre Stellung von Mark Aurel bis Konstantin behaupten konnte, stellt Inge Mennen die Caesonii in den Mittelpunkt ihrer prosopographischen Betrachtungen. Der wohl bekannteste Vertreter war L. Caesonius Lucillus Macer Rufinianus, der im Jahre 238 der gegen Maximinus Thrax gewählten Zwanzigmännerkommission angehörte. Um die außerordentlichen Provinzialkommanden bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts geht es in dem ebenfalls prosopographisch orientierten Beitrag von Frederik J. Vervaet. Neben den Laufbahnen des jüngeren Plinius und des Avidius Cassius wird vor allem die Stellung des Julius Priscus, Bruder des Kaisers Philippus Arabs, erörtert. Bei der Thematik des Sammelbandes hätte allerdings ein Vergleich mit den verschiedenen Sonderkommanden in den Donauprovinzen seit Philippus Arabs und mit Odainathos als dem Kaiserstellvertreter im Osten sehr viel näher gelegen, worauf nur in einer Anmerkung eingegangen wird (S. 137, Anm. 35). Eine sehr spezielle Abhandlung zur Entwicklung der römischen Artillerie liefert Salvatore Martino.

Hatte sich der erste Themenkomplex im Wesentlichen auf das 3. Jahrhundert beschränkt mit Rückblicken bis zum 1. Jahrhundert, so wird im zweiten unter der Überschrift „Crisis and the economy“ bis in die späte Republik zurückgegriffen (S. 155–257). John W. Rich beschäftigt sich mit den Reformen des Tiberius Gracchus im Lichte der neueren Forschungen und gelangt zu der Erkenntnis, dass keine wirkliche Agrarkrise an deren Anfang stand. Als die Ursache sieht er vor allem das Ende der Binnenkolonisation in Italien in der Generation vor den Gracchen an. Luuk de Ligt erörtert die Bürgerzahlen der späten Republik und wendet sich gegen eine angebliche demographische Krise. Tatsächliche oder vermeintliche Krisen in der Landwirtschaft und auf dem Gebiet der Arbeitskräfte besitzen aber einen völlig anderen Charakter als die Phänomene, die für die Krise des 3. Jahrhunderts relevant sind.

Der interessante Beitrag von Willem M. Jongman unter dem Titel „Gibbon was right“ betont den mit der Soldatenkaiserzeit beginnenden Niedergang und wendet sich damit ebenfalls gegen die Verfechter einer Transformationstheorie. Die hohe wirtschaftliche Prosperität der frühen Kaiserzeit sei unter Mark Aurel mit der Pestepidemie zu Ende gegangen. Gleich der folgende Aufsatz relativiert allerdings diese These: Den Untersuchungen Christer Bruuns zufolge hatte die antoninische Epidemie nicht die ihr unterstellten katastrophalen Wirkungen und spielte keine ursächliche Rolle für die nachfolgenden Krisenerscheinungen. Recht zu geben ist Jongman allerdings hinsichtlich der wirtschaftlichen Stärke des Imperium Romanum bis zum 2. Jahrhundert, die als die Ursache dafür angesehen werden muss, dass sich das Reich seit der Tetrarchie überhaupt einigermaßen erholen konnte. Jongman schließt mit einer Verbeugung vor Edward Gibbon: „The age of Antoninus Pius was indeed probably the best age to live in pre-industrial history“ (S. 199). Tony Naco del Hoyo kehrt wieder in die spätrepublikanische Zeit zurück und zeigt, wie in Spanien in der Zeit des Bürgerkriegs zwischen Caesar und Pompejus Vorformen des Steuersystems der Kaiserzeit entstanden sind. Den römischen Osthandel über das Rote Meer behandelt Dario Nappo. Die Krisenerscheinungen führten hier zeitweise zu einem Rückgang und auf Dauer zu einer Verlagerung der Handelsrouten zwischen dem späten 2. und dem frühen 4. Jahrhundert. Den Zusammenbruch des Augusteischen Münzsystems schreibt Koenraad Verboven erst den Reformen Diokletians zu und nicht – wie die opinio communis – schon denen Aurelians.

Die Soldatenkaiserzeit steht dann wieder im Mittelpunkt des dritten Themenkomplexes „Crisis and the emperor“ (S. 259–351). Der unterschiedlichen Konstruktion kaiserlicher Identität bei Cassius Dio, Herodian und den Rhetoren einerseits und in der Herrschertitulatur andererseits geht Stéphane Benoist nach. Betonen die Schriftsteller den „guten Kaiser“ als civilis princeps, so wird in der Titulatur seit der Severerzeit vor allem ein sakrales Herrschertum propagiert. Erika Manders untersucht methodische Probleme bei der Analyse der Herrschaftsrepräsentation und erörtert die verschiedenen Formen der Münzpropaganda. Der Bedeutung der Kaiserfamilie in der Münzprägung widmet sich Marietta Horster. Sie zeigt die Bedeutung dynastischer Themen gerade in einer Zeit, in der sich keine Dynastie länger behaupten konnte. Die Formel CONCORDIA AVGG. für den Augustus wie für die Augusta sollte die Bedeutung der Kaiserin als der Begründerin einer neuen Kaiserfamilie hervorheben. Das Aufkommen des Beinamens invictus in der Severerzeit untersucht Janneke de Jong am Beispiel der ägyptischen Papyri. Patrizia Arena behandelt die Art und Weise, in der die Kaisererhebung im Laufe der Zeit ritualisiert wurde. Im ständigen Vergleich zwischen den Machtübernahmen im 1. und 2. Jahrhundert mit denen im 5. und 6. Jahrhundert konstatiert die Autorin eine Ausprägung dieses Rituals bis zur Severerzeit. Claire Grandvallet weist die ideologische Auseinandersetzung zwischen Gallienus und dem gallischen Gegenkaiser Postumus in der Münzprägung im Detail nach. Beide griffen auf ähnliche Motive wie die Gestalt des Herkules zurück und reagierten auf die Prägungen des jeweils anderen.

Ausschließlich um das 3. Jahrhundert und die Spätantike geht es in dem letzten Themenkomplex „Crisis in (legal) writing“ (S. 353–428). Hier sind drei Beiträge dem juristischen Schrifttum gewidmet, einer der Philosophie, ein weiterer der Literaturrezeption. Bernard H. Stolte versteht das Ende der Jurisprudenz in der klassischen Tradition um 250 nicht als ein Phänomen des Niedergangs, sondern als einen Transformationsprozess des Rechts. Um Fragen der Soldatentestamente nach der Constitutio Antoniniana drehen sich die Ausführungen von Willem Zwalve, um juristische und wirtschaftliche Veränderungen des 4. Jahrhunderts, wie sie die Historia Lausiaca des Palladius aus der Zeit um 420 widerspiegeln, diejenigen von Antonio Polichetti. Eine aufschlussreiche Analyse des Niedergangs der Philosophie liefert Johannes Hahn: Nach seinen Ausführungen hat dieser bereits im 2. Jahrhundert begonnen und lässt sich vor allem aus immanenten Entwicklungen in den Philosophenschulen erklären und weniger aus den allgemeinen Krisenerscheinungen. Mit Plotin habe der Rückzug der Philosophen aus der Gesellschaft begonnen. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Herrscher dieser Jahrzehnte in ihrer übergroßen Mehrheit nicht mehr aus der traditionellen Bildungselite kamen, für die die Philosophie ein unverzichtbares Gut darstellte. Allein Gallienus war in der Soldatenkaiserzeit ein Mäzen der Philosophie, doch seine Möglichkeiten waren ungleich eingeschränkter als die von Hadrian, Mark Aurel und auch noch der Julia Domna. Die allgemeinen Verhältnisse nach der Severerzeit sollten daher nicht zu gering veranschlagt werden.

Mit strukturellen Veränderungen der Literaturrezeption in der Spätantike beschäftigt sich Armin Eich. Als ein Novum konstatiert er den Typ argumentierender Texte, die sich nicht mehr auf die literarische, sondern auf die öffentlich-politische Sphäre beziehen. Dies betrifft sowohl kaiserliche Verlautbarungen wie Texte im Rahmen der heidnisch-christlichen und der innerkirchlichen Auseinandersetzungen. Ein kurzer Epilog zur Krise des 3. Jahrhunderts von John Nicols beschließt den Band (S. 429–437). Im Mittelpunkt stehen darin die Möglichkeiten, die Komplexität dieser Krise in der akademischen Lehre zu vermitteln. Es folgt noch ein Index mit Eigennamen und Sachbegriffen (S. 439–448).

Ein abschließendes Urteil fällt angesichts der großen Unterschiedlichkeit der Beiträge nicht leicht. Der Band vereinigt zweifellos eine Reihe interessanter und stimulierender Aufsätze zur Krise des 3. Jahrhunderts. Es fehlt jedoch der Vergleich zu den anderen Krisenphasen. Am Beginn und am Ende geht es nur um die Soldatenkaiserzeit. Der erste Themenkomplex greift auch in das 1. und 2. Jahrhundert zurück, der zweite gar bis in das 2. vorchristliche Jahrhundert, der dritte wieder bis in die frühe Kaiserzeit, der vierte bezieht die Spätantike bis Justinian mit ein. Am Ende hätte man sich doch sehr gewünscht, eine Stellungnahme zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen der mit den Gracchen beginnenden Krise der spätrepublikanischen Staatsordnung, den im Prinzipat angelegten krisenhaften Elementen, der Soldatenkaiserzeit und der Spätantike zu lesen. Umso bedauerlicher ist es, dass die „concluding remarks at the end of the workshop“ von Lukas de Blois nicht in den Band aufgenommen worden sind (S. 4). Auch bei dem Verständnis von Krise bleibt es bei den Meinungen der einzelnen Autoren. Während mehrere in die Debatte um den Charakter der Soldatenkaiserzeit teilweise mit Vehemenz eingreifen, neigen andere ohne einen Bezug darauf zu der Transformationstheorie. Gravierender ist, dass in einem Beitrag im Unterschied zu allen anderen die Spätantike des 3.–6. Jahrhunderts insgesamt als „Krise des Imperium“ bezeichnet wird (S. 415) und in einer ganzen Reihe anderer der Bezug zu dem Thema des Buches wenig bis kaum erkennbar wird. Eine stärkere Konzentration entweder auf das 3. Jahrhundert und sein Umfeld allein oder aber auf einen konsequenten Vergleich zwischen den einzelnen Jahrhunderten, die dann aber nicht so ungleichmäßig hätten behandelt werden dürfen, wäre wohl ein erfolgversprechenderer Weg gewesen.