Ch. Lerouge: L'image des Parthes

Cover
Titel
L'image des Parthes dans le monde gréco-romain. Du début du Ier siècle av. J.-C. jusqu'à la fin du Haut-Empire romain


Autor(en)
Lerouge, Charlotte
Reihe
Oriens et Occidens 17
Erschienen
Stuttgart 2007: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
427 S.
Preis
€ 62,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Udo Hartmann, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Während die Vorstellungen der Griechen und Römer über die Achämeniden bereits gut erforscht sind, stießen bislang die westlichen Bilder über ihre Nachfolger im Iran, die Arsakiden, auf wenig Interesse.[1] Dies hat wohl vor allem zwei Ursachen: In den westlichen Quellen haben sich nur wenige Passagen bei kaiserzeitlichen Autoren erhalten, in denen genauer auf die Parther eingegangen wird; Quellen aus hellenistischer Zeit liegen kaum vor, ethnographische Schriften fehlen ganz. Zudem sind die Bilder stark von tradierten Topoi über die orientalischen Barbaren geprägt, so dass sich ein eigenes Partherbild nur in einer genauen Quellenanalyse aufzeigen lässt. Charlotte Lerouge hat nun erstmals umfassend das Bild der Parther in den griechischen und lateinischen literarischen Quellen vom 1. vorchristlichen bis zum 3. nachchristlichen Jahrhundert in den Blick genommen. In ihrer Pariser Dissertation untersucht sie zum einen die Entwicklung der politischen Vorstellungen der Römer über das Arsakidenreich und analysiert zum anderen die ethnographischen Konzepte und Bilder über die Parther. Archäologische Zeugnisse, also bildliche Darstellungen auf Reliefs, Statuen oder Münzen, werden von Lerouge vergleichend herangezogen, jedoch nicht systematisch untersucht.

In ihrer „Introduction“ (S. 11–39) gibt Lerouge einen knappen Überblick über Geschichte und Zivilisation der Parther, stellt kurz die wichtigen Quellenzeugnissen aus dem Arsakidenreich vor [2], umreißt den Forschungsstand und erörtert die relevanten griechischen und lateinischen Autoren. Im ersten Teil („L’image des Parthes et les relations romano-parthiques“, S. 43–169) betrachtet Lerouge den Wandel der römischen Partherbilder in den politischen Kontakten beider Großmächte vom ersten Zusammentreffen zwischen Sulla und einem Gesandten Mithradates’ II., das sie ins Jahr 92 v.Chr. datiert (S. 43) [3], bis zum Untergang der Arsakiden Anfang des 3. Jahrhunderts. In sehr knappen Überblicken stellt sie jeweils die Ereignisse vor und erörtert dann den Wandel des politischen Partherbildes. Ihre Leitfragen sind dabei: Welche Stärke schrieben die Römer den Parthern zu? In welchem Verhältnis stand ihr Reich zu Rom? Sulla habe Parthien noch als eines der vielen, Rom nicht gleichrangigen orientalischen Reiche betrachtet, ohne seine besondere Bedeutung zu erkennen. Der angebliche Plan des Lucullus 69 v.Chr., das Partherreich zu erobern (Plut. Lucull. 30, 2), beruhe zwar nur auf einem Gerücht, doch sei in der Mitte des 1. Jahrhunderts diese Eroberung ein durchaus vorstellbares Ziel geworden. Dabei habe Parthien für Rom keine akute Gefahr dargestellt, wie Pompeius habe auch Crassus in der Offensive gegen die Arsakiden vielmehr militärischen Ruhm im Orient gesucht. Nach Lerouge war es nicht so sehr die römische Unkenntnis über die Parther, sondern die Vorstellung vom militärisch schwachen Osten und das hohe Prestige eines Orientfeldzuges auf den Spuren Alexanders des Großen, die Crassus in die Niederlage führten. Nach dieser Katastrophe stand dann für Caesar und Antonius der Gedanke der Rache und der Unterwerfung der nunmehr als militärisch mächtig vorgestellten Parther auf der politischen Agenda, auch wenn die realen Ziele der beiden Feldherren von Lerouge als westlich begrenzter eingeschätzt werden. Die Parther seien nun zu unversöhnlichen Feinden Roms, zu „ennemis dangereux“ (S. 98) geworden.

Augustus hielt bis zur Rückgabe der Feldzeichen durch die Parther (20 v.Chr.) am Ziel einer Eroberung des Partherreiches fest, wie Lerouge insbesondere an der augusteischen Dichtung aufzeigt. Mit diesem diplomatischen Akt, der von Augustus als militärischer Erfolg gefeiert worden sei, habe man in Rom die Parther dann als unterworfenes Volk angesehen. Gleichzeitig habe sich auch das Bild einer faktischen Zweiteilung der Welt zwischen den beiden Großmächten herausgebildet; man habe damit in Rom Parthien aber nicht so sehr als gleichwertige Macht anerkennen, sondern eher den Anspruch auf die Herrschaft über die ganze westliche Welthälfte unterstreichen wollen. Von Tiberius bis Domitian blieben die Römer in den von Augustus vorgegebenen Bahnen: Lerouge zeigt auf, dass die Kaiser in der Nachfolge des Augustus Parthien als unterworfenes Reich ansahen, das zu Rom in einem Klientelverhältnis stand, eine Rolle, die die realpolitisch denkenden Arsakiden weitgehend akzeptiert hätten. Die Perspektive einer baldigen Offensive gegen Parthien sei von den Kaisern des 1. Jahrhunderts aufgegeben worden, sie hätten es jedoch nicht akzeptiert, „sur un pied d’égalité avec leurs voisins orientaux“ zu leben (S. 149). Erst Trajan habe dann die expansive Politik wieder aufgenommen.[4] In der Betrachtung der Ziele der Offensiven unter Trajan, Lucius Verus, Septimius Severus und Caracalla bestreitet Lerouge, dass hierbei strategische Überlegungen zur Sicherung der Ostgrenze eine wichtige Rolle spielten; die „hypothèse stratégique“ könne letztlich die folgenlosen Vorstöße nach Ktesiphon nicht erklären (S. 156f.): In diesen Zügen hätten die Kaiser in erster Linie nach militärischem Ruhm gestrebt. Ziel sei nicht gewesen, das Partherreich zu erobern, auch habe man die bisherige Ansicht aufgegeben, nach der die Arsakiden sich in einem Klientelstatus zu Rom befinden; es sei vielmehr einzig um einen prestigeträchtigen Sieg über die Barbaren und dessen propagandistische Auswertung gegangen. Da Lerouge aber die jeweiligen historischen Kontexte und besonderen Umstände der einzelnen Kriegszüge nicht hinreichend betrachtet, kann ihre Minimierung strategischer Überlegungen der Kaiser nicht recht überzeugen.

Im ersten Teil der Untersuchung zeigt Lerouge detailliert und weitgehend plausibel den Wandel der politischen Bilder über die Parther von der späten Republik bis zur Hohen Kaiserzeit auf; sie liefert dabei gegenüber älteren Arbeiten [5] allerdings kaum neue Erkenntnisse. Wirklich innovativ ist dagegen der zweiten Teil („L’image ethnographique des Parthes“, S. 173–360), in dem sich Lerouge den Vorstellungen westlicher Autoren über das Partherreich zuwendet und diese erstmals umfassend untersucht; dabei betrachtet sie die Angaben zur Herkunft der Parther, zur Geographie, zu ihren Institutionen und Sitten. Lerouge konzentriert sich dabei auf die Bilder der Römer, nur in einigen Fällen wird nach dem Realitätsgehalt der Angaben gefragt. In den Berichten über die Herkunft der Parther arbeitet Lerouge überzeugend drei Versionen heraus, die bereits in augusteischer Zeit vorlagen: nach der ursprünglichen, weitgehend historischen Variante waren die Parther nomadische Skythen, die unter Arsakes aus dem Norden einwanderten und Parthien in Besitz nahmen; nach einer zweiten Version, die die Arsakiden unter Mithradates II. in Umlauf brachten, waren die einst skythischen Parther bereits schon lange im Iranischen Hochland ansässig und wurden durch Arsakes von den Makedonen befreit; in der jüngsten dritten Version, die die Arsakiden zur ihrer Legitimation im 1. Jahrhundert v.Chr. verbreiteten, werden die Arsakiden als Perser charakterisiert, die bereits von Alexander in der Parthyene eingesetzt worden waren.[6] Die Herkunftsversionen bedingen eine widersprüchliche Dualität im Partherbild, die Lerouge dann in der weiteren Untersuchung an verschiedenen Aspekten plausibel machen kann: Als lange Zeit im Orient lebendes Volk und Nachfolger der Perser schreiben die westlichen Autoren den Parthern die typischen Orientalentopoi zu, als Skythen, die sich nie ganz im Orient akklimatisierten, erhalten sie aber auch die Charaktereigenschaften der wilden und kriegerischen skythischen Reiternomaden. Ausführlich erörtert Lerouge dann die Vorstellungen von den Grenzen der Parther, die nur im Westen gut bekannt waren[7]; im Norden sei die Grenze entsprechend der skythischen Herkunft als offen gedacht worden, im Osten habe man sie an die des Achämenidenreiches angeglichen.

In Lerouges Analyse der Berichte über die Institutionen der Parther steht die Frage eines Adelsrates im Mittelpunkt; einen solchen Senat habe es nicht gegeben, die westlichen Quellen hätten auf diese Weise die bedeutende Machtposition des Adels in ihre eigene Terminologie übertragen.[8] Zudem erörtert sie die Vorstellungen vom Arsakidenkönig als Despoten, dessen orientalische Haremswirtschaft und skythische Grausamkeit verurteilt werden. Aufgrund ihrer nomadischen Herkunft wird die Partherherrschaft zudem als instabil charakterisiert. Im Gegensatz zu allen anderen Orientalen findet bei ihnen aber das Dekadenzmodell keine Anwendung. In den ethnographischen Schilderungen der westlichen Quellen stehen zumeist militärische Aspekte im Mittelpunkt, daher widmet Lerouge diesem Thema auch eine besonders ausführliche Analyse (S. 273–321); eingehend werden hier die Berichte über die parthische Kampfweise, insbesondere in der Schlacht bei Karrhai, erörtert.[9] Lerouge zeigt schließlich die widersprüchliche Wertung der Parther durch die Römer auf: Einerseits werden sie als gefährlicher und mächtiger Gegner stilisiert, der auf Grund seiner skythischen Herkunft von besonderer Kampfkraft ist, wobei dabei vor allem die Größe des römischen Erfolges unterstrichen werden soll; andererseits werden sie als schwache orientalische Macht in der Nachfolge der Perser beschrieben, um so den Gegner zu verunglimpfen. Lerouge erörtert danach die wenigen Quellenangaben über die Religion der Parther, hier sei zumeist auf Vorstellungen über die Religion der alten Perser zurückgegriffen worden. Auch das Bild über Ehe und Sexualverhalten der Parther, über Polygamie und Inzestehen sei von den Vorstellungen der griechischen Autoren über die Sitten der Perser geprägt.[10] Schließlich untersucht Lerouge das Motiv des Reichtums. Hier kann sie erneut eine Dualität von orientalisch-persischen und skythischen Elementen aufzeigen: Die Parther sind einerseits unermesslich reich, andererseits pflegen sie ihre einfache skythische Lebensweise.

Lerouges zweiter Teil zur Ethnographie liefert neben der Analyse einzelner Aspekte des Quellenbildes viele wertvolle Detailuntersuchungen zum Partherreich, so etwa zum Adel, zur Herrschaftslegitimation der Arsakiden oder zur parthischen Taktik. An einigen Stellen hätte man sich aber noch einen genaueren und detaillierteren Blick auf die Vorstellungen über den Arsakidenstaat und seine Verwaltung sowie über die parthische Gesellschaft, die Adels- und Unterschichten, die griechischen Poleis und die griechische Kultur in Parthien gewünscht. In ihrer kurzen Zusammenfassung (S. 361–363) streicht Lerouge noch einmal überzeugend die Dualität im Partherbild heraus: Sie werden einerseits als reiche, verweichlichte Orientalen und Nachfolger der Perser und andererseits als kampfstarke, aber wilde und unzivilisierte skythische Barbaren dargestellt; „deux images des Parthes totalement opposées entre elles subsistent tout au long de la période“ (S. 362). Die Realität des Partherreiches sei hinter diesen Klischees zurückgetreten und könne kaum noch erfasst werden; die römische Ethnographie zu den Parthern sei daher arm geblieben. Das Literaturverzeichnis (S. 365–390), einige wenig qualitätsvolle Abbildungen von römischen Partherdarstellungen und zwei Karten (S. 393–398) sowie ein nach Quellen, Personen und geographischen Begriffen aufgeschlüsselter Index (S. 399–418) beschließen den Band.

Lerouge analysiert gründlich und gut strukturiert die Vorstellungen der griechischen und lateinischen Autoren der Kaiserzeit zu den Parthern.[11] Auf breiter Forschungsbasis zeigt sie auf, wie sich die Bilder über den östlichen Gegner in der späten Republik und der Kaiserzeit entwickelten und wie diese politisch instrumentalisiert wurden. Ihre Untersuchung der römischen Vorstellungen über das Arsakidenreich demonstriert zudem eindringlich, wie sehr die Schilderungen von topischen Bildern über Perser und skythische Nomaden geprägt waren. Über die Parther selbst wussten die westlichen Autoren oft nur sehr wenig. Die Ergebnisse der Analyse von Lerouge mahnen somit zur Vorsicht beim Umgang mit den Quellen. Ihre anregende Arbeit kann zweifellos von jedem, der sich für das Arsakidenreich und die römisch-parthischen Beziehungen interessiert, mit großem Gewinn gelesen werden.

Anmerkungen:
[1] Einschlägig hier nur Sonnabend, Holger, Fremdenbild und Politik, Frankfurt am Main u.a. 1986, S. 157–299; Wiesehöfer, Josef (Hrsg.), Das Partherreich und seine Zeugnisse, Stuttgart 1998. Eine reine Materialsammlung bietet Landskron, Alice, Parther und Sasaniden, Wien 2005, S. 177–183; 187–195; 200–210.
[2] Zu den Astronomical Diaries (S. 16) sollte nun die Edition von Sachs, Abraham J.; Hunger, Hermann (Hrsg.), Astronomical Diaries and Related Texts from Babylonia, Bd. 3 u. 5, Wien 1996–2001 verwendet werden. Die Einnahme Babylons durch die Parther 141 v.Chr. (Lerouge, S. 14, Anm. 13) erwähnt AD III Nr.-140 A, obv. 1; rev. 7’–9’ (Sachs/Hunger, Bd. 3, S. 130f. u. 134f.).
[3] Gegen Ernst Badian (Sulla’s Cilician command, Athenaeum N. S. 37, 1959, S. 279–303) und die ihm folgende communis opinio der Forschung, die das Treffen ins Jahr 92 setzt. Zu diesem Treffen vgl. jetzt auch Angeli Bertinelli, Maria G., Agli esordi delle relazioni fra Roma e l’Iran: la diplomazia al tempo di Silla (Plut. Sull. 5, 8–11), in: Mélanges de l’Université Saint-Joseph 60 (2007), S. 461–482.
[4] Zumindest für Domitian muss man aber wohl von ernsthaften Anstrengungen für einen größeren Partherkrieg ausgehen, vgl. dazu Gebhardt, Axel, Numismatische Beiträge zur spätdomitianischen Ostpolitik – Vorbereitungen eines Partherkrieges?, in: Schuol, Monika; Hartmann, Udo; Luther, Andreas (Hrsg.), Grenzüberschreitungen, Stuttgart 2002, S. 35–59.
[5] Vgl. bes. Ziegler, Karl-Heinz, Die Beziehungen zwischen Rom und dem Partherreich, Wiesbaden 1964; Sonnabend (wie Anm. 1).
[6] Zur nomadischen Herkunft der Arsakiden vgl. auch die von Lerouge nicht berücksichtigte Arbeit von Hauser, Stefan R., Die ewigen Nomaden? Bemerkungen zu Herkunft, Militär, Staatsaufbau und nomadischen Traditionen der Arsakiden, in: Meißner, Burkhard; Schmitt, Oliver; Sommer, Michael (Hrsg.), Krieg – Gesellschaft – Institutionen, Berlin 2005, S. 163–208, bes. 170–178. Hauser zeigt auf, dass der in der Forschung unterstellte nomadisch-kriegerische Charakter des Partherreiches auf einem literarischen Topos in den römischen Quellen beruht.
[7] In der Erörterung der Euphratgrenze werden die recht detaillierten geographischen Vorstellungen etwa bei Isidor von Charax zu Grenzregionen und -orten eher vernachlässigt; zu Isidor vgl. noch Kramer, Norbert, Das Itinerar Stathmoi Parthikoi des Isidor von Charax – Beschreibung eines Handelsweges?, in: Klio 85 (2003), S. 120–130.
[8] Gegen Adelsrat und Wahlkönigtum wendet sich auch Hauser (wie Anm. 6), S. 187–192.
[9] Zu Plutarchs Partherbild in der Crassus-Vita vgl. zudem Schmidt, Thomas S., Plutarque et les barbares, Louvain u. a. 1999, S. 47–49; 51f.; 248f.; 299–314.
[10] Nicht berücksichtigt wurde Huber, Irene; Hartmann, Udo, ‚Denn ihrem Diktat vermochte der König nicht zu widersprechen ...‘ Die Position der Frauen am Hof der Arsakiden, in: Panaino, Antonio; Piras, Andrea (Hrsg.), Proceedings of the 5th Conference of the Societas Iranologica Europæa, Bd. 1, Milano 2006, 485–517.
[11] Sinnvoll wäre allerdings ein letzter Korrekturgang gewesen, vgl. etwa die Verschreibungen bei deutschen Titeln S. 12, Anm. 5 („Überlegungen“); ebenso S. 181, Anm. 18; 382; S. 13, Anm. 8 („Göttinger“); S. 16, Anm. 23 („Gesellschaft“); S. 107, Anm. 31 („Reichskultur“); ebenso S. 109, Anm. 40 u. 41; Flüchtigkeitsfehler S. 96, Anm. 57 („Polyaen. 7, 41“); S. 295, Anm. 89 („Tyche 2, 1987“); fehlende Endkorrektur in S. 120, Anm. 84.