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Titel
Introducción a la cosmografía y las Cuatro navegaciones de Américo Vespucio. Traducción del latín, estudio introductorio y notas de Miguel León-Portilla


Autor(en)
Waldseemüller, Martin
Erschienen
Anzahl Seiten
147 S.
Preis
$100.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Iris Gareis, Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main

Anlässlich des 500-jährigen Jubiläums der Erstpublikation erschien 2007 in Mexiko eine Neuausgabe der Kosmographie von Martin Waldseemüller mit einer Übersetzung ins Spanische und der berühmten Weltkarte, die erstmalig die Bezeichnung „America“ für den neuentdeckten Kontinent vorschlug. Das unter Leitung des mexikanischen Ethnologen und Historikers Miguel León-Portilla herausgegebene Werk besteht aus drei Teilen. Ein erster Band reproduziert das Faksimile der Cosmographiae Introductio, die 1507 in Saint Dié erschien und als Einführung in die Kartenwerke gedacht war. Der zweite Band präsentiert die von Miguel León-Portilla verfasste kenntnisreiche Einführung und die ebenfalls von ihm besorgte spanische Übersetzung des lateinischen Textes. Ein dritter Teil enthält die Weltkarte in zwei Ausführungen: verkleinert als Faltkarte und in digitaler Form auf einer CD-Rom.

Martin Waldseemüller, der sich den griechisch-lateinischen Gelehrtennamen Ilacomilus gab, hatte in Freiburg im Breisgau studiert und gehörte seit etwa 1505 der Humanistengruppe „Gymnasium Vosagense“ im lothringischen Saint Dié an. Unter dem Mäzenatentum des Herzogs René II. von Lothringen berief der Leiter der Gelehrtengruppe Gaulthier Ludd unter anderem den elsässischen Altphilologen, Mathematiker und Kosmographen Matthias Ringmann (Philesius Vogesigena). Waldseemüller und Ringmann hatten darüber hinaus beide umfassende Kenntnisse der Druckkunst erworben, die sie an der neuen Druckpresse in Saint Dié erproben konnten.[1] Vornehmliches Ziel der Gelehrtengruppe war es ursprünglich gewesen, eine neue Edition der Geographia von Ptolemäus unter Einbeziehung der neuen Entdeckungen zu erstellen. Bevor dieses Vorhaben umgesetzt wurde, ging Waldseemüllers Kosmographie mit den beiden Karten in Druck. Zum einen stand somit die ptolemäische Weltsicht Pate bei der Entstehung der Kosmographie und der Kartenwerke. Zum andern dienten die Vespucci-Briefe den Gelehrten von Saint Dié als Quellen. Die Berichte des Amerigo Vespucci über seine Reisen in die Neue Welt lagen dem Gelehrtenzirkel in einer französischen Übersetzung aus dem italienischen Original vor (León-Portilla, Einführung, S. 25). Aus dem Französischen ins Latein übersetzt, wurden Vespuccis Berichte von seinen vier Reisen im Anschluss an Waldseemüllers „Einführung in die Kosmographie“ mit abgedruckt. Die Vespucci-Texte sind für sich selbst genommen nicht sonderlich interessant, zumal die Authentizität bei zwei der vier Reiseberichte ohnehin angezweifelt wird und es sich außerdem um eine doppelte Übersetzung handelt. Bedeutsam ist vielmehr der hohe Stellenwert, den Waldseemüller und der Gelehrtenkreis von Saint Dié den Vespucci-Briefen zugestand. Im oberen Teil der großen Weltkarte befinden sich zwei kleine Planisphären, die den östlichen und den westlichen Teil des Globus repräsentieren. Zu ihrer Linken ist Ptolemäus porträtiert, zur Rechten Vespucci. Eine Textzeile am unteren Ende der Waldseemüller-Karte informiert die Betrachter, dass die Darstellung nach der ptolemäischen Tradition mit Ergänzungen aus den Berichten Amerigo Vespuccis erfolgte.

Waldseemüllers Werk ist zwar untrennbar mit der Namensgebung der Neuen Welt verbunden, er selbst verwendete den Namen „America“ jedoch in späteren Arbeiten selbst nicht mehr. Fast scheint es – wie León-Portilla in seiner Einführung (S. 9, 34) bemerkt – als hätte er seinen Vorschlag nachträglich bereut und versucht, ihn zurückzunehmen. 1507 schlug Waldseemüller jedenfalls in den drei „Taufscheinen“ Amerikas[2], das heißt den drei zusammenhängenden Werken, der Kosmographie und den beiden Karten die Bezeichnung „America“ für den neuen Kontinent vor. Neben der großen Weltkarte veröffentlichte er auch eine Karte in zwölf Segmenten, die zur Montage auf einem Globus gedacht war. Im Text der Cosmographiae (unter anderem in Kap. IX, S. XXX) erläuterte Waldseemüller seinen Vorschlag zur Benennung des neuen Kontinents.

Die mexikanische Edition liefert reichhaltiges Kartenmaterial. Im Anhang zu seiner einführenden Studie präsentiert León-Portilla Weltkarten, die chronologisch fortlaufend Etappen der Kartographie im Zeitraum von 1490 bis 1596 dokumentieren (S. 44-55). Außerdem demonstrieren die auf Waldseemüllers Kartenwerke folgenden Darstellungen, wie schnell sich der Name Amerika für die Neue Welt in Europa durchsetzte. Auf der iberischen Halbinsel hieß Amerika freilich noch lange Zeit „Westindien“ (Indias occidentales) oder einfach Neue Welt. Abbildungen der Kartensegmente für den Globus sind sowohl in der spanischen Übersetzung der Kosmographie, als auch in den Faksimile-Band der lateinischen Version eingeheftet. Zur Weltkarte liegen in einem Etui zwei Ausführungen bei: Eine große Faltkarte (87cm x 60cm) und eine digitale Version auf CD. Die Originalkarte misst 1,29 m in der Höhe und 2,32 m in der Breite. Sie wurde in 12 Teilen auf Holzstöcken gedruckt, die in drei Reihen übereinander angeordnet waren. Wegen der Größe der Karte ist die digitale Version außerordentlich nützlich. Nach Belieben lassen sich einzelne Punkte auf der Karte anfahren und die entsprechenden Abschnitte vergrößern. Besonders an den zu Waldseemüllers Zeit schon besser bekannten Küstenstrichen sind die Ortsnamen sehr eng aneinander gedrängt und auf der Faltkarte wegen der notwendigen Verkleinerung nur mit Mühe zu erkennen.

León-Portilla diskutiert in seinem einführenden Essay auch die umstrittene Autorschaft der Cosmographiae. Während allgemeiner Konsens darüber besteht, dass die beiden Kartenwerke Waldseemüller zuzuschreiben sind, wurde für die Cosmographiae manchmal der Gelehrtenkreis als Kollektiv genannt. Miguel León-Portilla (S. 35-37) führt mehrere Argumente für die Autorschaft Waldseemüllers an, darunter auch einen Brief, den er an Matthias Ringmann schrieb. Darin beklagt sich Waldseemüller, dass seine Kosmographie von anderen als ihr eigenes Werk in Anspruch genommen wird. Zur Verwirrung über die Autorschaft der Kosmographie dürfte unter anderem die Tatsache beigetragen haben, dass an demselben Tag zwei verschiedene Ausgaben herauskamen: Eine Edition mit Waldseemüllers Namen unter der Widmung für Kaiser Maximilian und eine zweite Ausgabe, in der das Gymnasium Vosagense firmiert. Ein weiterer Punkt betrifft die faszinierende Geschichte der großen Weltkarte. Während mittlerweile vier Exemplare der Globussegmentkarte bekannt sind[3], wurde von den laut León-Portilla (S. 28) ehemals 1.000 gedruckten Exemplaren der großen Weltkarte bisher nur ein Einziges lokalisiert. Erst 1907 wieder entdeckt, wurde das Unikat 2001 von dem bisherigen Eigentümer, dem Fürsten von Waldburg-Wolfegg, an die Library of Congress in Washington D.C. verkauft.[4]

Unter den wenigen Druckfehlern befindet sich in der spanischen Einführung auch die Angabe, die erste Umschiffung des Kaps der Guten Hoffnung durch Bartolomeu Diaz sei 1484 erfolgt (S. 18). Richtig ist vielmehr das Jahr 1488. Insgesamt besticht die mexikanische Edition jedoch durch die bibliophile Ausstattung und die große Sorgfalt, die diese Publikation auszeichnet. Sowohl die informative Einführung durch Miguel León-Portilla, als auch das Faksimile der Kosmographie und die diversen Kartenwerke stellen äußerst nützliche Instrumente zur Erforschung der Wissenschafts- und Entdeckungsgeschichte dieser Epoche dar.

Anmerkungen:
[1] Wolfgang M. Gall, Martin Waldseemüller. Leben und Wirken, in: Susanne Asche / Wolfgang M. Gall (Hrsg.), Neue Welt und altes Wissen. Wie Amerika zu seinem Namen kam, Offenburg 2006, S. 39-44; Hans Wolff, Martin Waldseemüller. Bedeutendster Kosmograph in einer Epoche forschenden Umbruchs, in: ders. (Hrsg.), America. Das frühe Bild der Neuen Welt, München 1992, S. 111-126, hier S. 111-112.
[2] Gall, Martin Waldseemüller, S. 43.
[3] Ute Obhof, Der Erdglobus, der Amerika benannte. Die Überlieferung der Globensegmente von Martin Waldseemüller aus dem Jahre 1507, in: Susanne Asche / Wolfgang M. Gall (Hrsg.), Neue Welt und altes Wissen. Wie Amerika zu seinem Namen kam, Offenburg 2006, S. 45-53.
[4] Klaus Graf, Waldseemüller-Karte nun in Washington, 26. Juli 2001, <http://www.ub.uni-dortmund.de/listen/inetbib/msg19009.html>(03.11.2008)

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13.11.2009
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