J. V. Sigurđsson u.a. (Hrsg.): Medieval and Modern Civil Wars

Cover
Titel
Medieval and Modern Civil Wars. A Comparative Perspective


Herausgeber
Sigurđsson, Jón Viđar; Orning, Hans Jacob
Reihe
History of Warfare (135)
Erschienen
Anzahl Seiten
316 S.
Preis
€ 167,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Philipp Höhn, Institut für Geschichte, Universität Halle-Wittenberg

Der besprochene Band untersucht Bürgerkriegskonstellationen der Moderne und des Mittelalters in vergleichender Perspektive, wobei die Herausgeber die in den skandinavischen Reichen des 11.–13. Jahrhunderts auftretenden Auseinandersetzungen mit Bürgerkriegen in Guinea-Bissau und Afghanistan vergleichen. Ausgangspunkt ist die These, dass die verglichenen Gesellschaften durch interne Spannungen und fragile Staatlichkeit gekennzeichnet seien, die die führenden Akteursgruppen aufgreifen würden, um Macht auszubauen und Klientelverbände zu stärken (S. xiv–xviii). Dabei ist das Buch konzeptionell sehr systematisch angelegt, was ihm ein hohes Maß an Kohärenz verleiht, die eine kritische Gesamtwürdigung erlaubt.

Das Buch gliedert sich nach der Einleitung in zwei Teile, einen vergleichenden und einen stärker disziplinär und kontextualisierend angelegten. Sechs Kapitel wurden jeweils von Mediävisten und Experten für Guinea-Bissau oder Afghanistan bzw. in einem Fall von einer Rechtshistorikerin und einem Gewaltforscher verfasst. Sie stellen den Kern des Bandes dar und widmen sich thematischen Schwerpunkten. Orning und Vigh interpretieren Konflikte als strukturierend für Gesellschaften mit gering ausgeprägter Staatlichkeit (S. 3–4) und nehmen die damit verbundene Segmentierung von Gruppen in Bürgerkriegskonstellationen und die Aushandlung von Machtbeziehungen in den Blick (S. 12–13). Sigurðson und Vigh fragen nach den auf reziproken Beziehungen beruhenden Phänomenen der Gruppenbildung im Konflikt und den mikropolitischen Freund-Feind-Zuschreibungen. Sie heben hervor, dass es in Guinea-Bissau wie im mittelalterlichen Island aufgrund der sozialen Bindungen zwischen den Parteien nicht zu einem „othering“ der Konfliktgegner oder einer Polarisierung des Konflikts komme (S. 52–54). Afsah und Sigurðson zeigen, dass sowohl Island als auch Afghanistan durch niederschwellige, aber langlebige Gewalt gekennzeichnet sind, die allerdings durch externe Akteure oder unter Rückgriff auf neue Gewaltressourcen instrumentalisiert und eskaliert werden kann (S. 192). Rosén und Vogt thematisieren die Vorstellungen von öffentlichem und privatem Eigentum in den skandinavischen Bürgerkriegen. Sie beleuchten die unscharfen Grenzen zwischen den ökonomischen Aktivitäten der konkurrierenden Herrschaftsprätendenten, wie Besteuerung oder Plünderung, aber auch Schädigung der Bevölkerung, etwa das Verbrennen von Häusern. Diese Fokussierung auf Boden und Häuser erscheint ihnen als Kennzeichen vormoderner Konflikte, da sich im Hochmittelalter die Einkünfte der Magnaten primär aus den Abgaben der Bevölkerung zusammensetzten (S. 103). Der Beitrag erinnert an Gadi Algazis Interpretation des Fehdewesens als Form gleichsam mafiöser „protection“[1]; er hebt aber stärker auf die Verdichtung monarchischer Staatlichkeit ab. Generell böte gerade die ökonomische Komponente einen wesentlichen Vergleichsparameter, um die Gruppenbildung im Konflikt zu untersuchen (so auch Afsah und Benham zu Seeraub in Dänemark bzw. Drogenhandel in Afghanistan). Der Krieg ernährt eben nicht nur den Krieg – er ernährt auch diejenigen, die ihn führend führen.

Darauf folgen vier mediävistische und politologische bzw. anthropologische Beiträge. White beschäftigt sich mit den Konzepten von Gewalt am Beispiel des Konflikts zwischen dem englischen König Heinrich II. und seinem gleichnamigen Sohn 1173–1174. Er beleuchtet dabei eindrücklich die Relevanz des „namings“ von Konflikten, ob als Bürgerkrieg oder als Rebellion, die mit spezifischen Ausdeutungen dieser Konflikte einhergingen. Althoff vergleicht Praktiken der spätkarolingischen Vertrauensbildung mit solchen zwischen bundesdeutschen und sowjetischen Politikern im Kontext der Ostpolitik seit Willy Brandt. Østerud greift Charles Tillys Hypothese auf, nach der Kriege wesentlicher Treiber der Entwicklung von Staatlichkeit in Westeuropa gewesen seien, und fragt, ob es solche Dynamiken auch schon im hohen Mittelalter gegeben habe. Er plädiert dafür, hier eher gelegentliche und prinzipiell auch wieder reversible Zentralisierungsphänomene zu sehen (S. 265). Zugleich verweist er aber auf die zunehmende Privatisierung des Krieges in der Gegenwart (S. 268–269), die Krieg zunehmend aus dem staatlichen Rahmen lösen und zum Geschäftsmodell machen würde (S. 274). In solchen durch Patron-Klienten-Verhältnisse gekennzeichneten Konflikten sieht er eine Klammer zwischen den Kriegen „vor“ und „nach“ der „westfälischen“ Kriegsführung. Als Unterschied konstatiert er aber die Internationalisierung der (post-)modernen Konflikte (S. 275).

Weil der Band hoffentlich LeserInnen findet, die nicht gleichermaßen mit den hochmittelalterlichen skandinavischen wie mit den modernen Konflikten in Guinea-Bissau und Afghanistan vertraut sind, wären Überblicksartikel zu diesen Konflikten nützlich. Die Doppelstruktur der vergleichenden Beiträge ist konsequent, erschwert aber die Darstellung, werden doch die jeweiligen Untersuchungsgegenstände immer wieder gegeneinandergestellt. Hilfreich wäre gewesen, die jeweiligen Strukturelemente systematischer und konzentrierter darzustellen.

Dahinter steht ein grundsätzliches Problem: Das Buch ist politologischen Ansätzen der letzten Jahrzehnte verbunden; etwa dem Konzept der „neuen Kriege“ oder Ansätzen der fragilen Staatlichkeit, der Governance-Forschung und der Theorie der internationalen Beziehungen. Was in den jeweiligen Fallstudien die genauen Vergleichsparameter sind und welche Erkenntnisse man sich davon verspricht, bleibt dabei vage. So beinhaltet der Band Einsichten aus der anthropologischen und politologischen Konfliktforschung, die die Mediävistik bereichern können. Andere Ansätze fehlen aber – etwa zur Phänomenologie von Gewalt, zu Beute- und Gewaltökonomien oder aber neuere Studien zur Fehde, die die strukturellen Bedingtheiten von Gewalthandeln in den Blick nehmen.[2] Sie könnten die These, nach der solche „Bürgerkriegskonstellationen“ strukturell geprägt, aber durch niedrige Intensität gekennzeichnet seien (Orning / Vigh), noch zusätzlich untermauern. Weil die drei Vergleichsgegenstände aber stets nur knapp im jeweiligen thematischen Ausschnitt behandelt werden, wird nicht immer sichtbar, wie sie sich zueinander verhalten und welche Erkenntnisse sich aus ihnen in einem breiteren konfliktgeschichtlichen Kontext ableiten lassen.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie tauglich die durchaus ideologisch konnotierten Begriffe wie „schwache Staatlichkeit“ und „Bürgerkrieg“ als Parameter eines interepochalen Vergleichs sind. Das „naming“ von Konflikten durch die Konfliktakteure, aber auch durch ForscherInnen, ist immer auch ein „framing“ – eine Deutung ebendieser Konflikte, die andere Interpretationsmuster unberücksichtigt lässt und oft instrumentell vorgebracht wurde und wird. Die Gewaltakteure am Horn von Afrika, die die internationale Staatengemeinschaft als „Piraten“ bekämpfte, die sich vor dem Hintergrund der Schwäche des somalischen „failed state“ entwickelt hätten, deuteten sich selbst als somalische Küstenwache, die die Integrität der somalischen Hoheitsgewässer gegen fremde Eindringlinge beschützt.[3] Das verweist auf die Diskreditierungs- und Rechtfertigungsnarrative, die sich an der semantischen Rahmung des Gewalthandelns orientieren. Werden die Zuschreibungen der zeitgenössischen Akteure zu Analysewerkzeugen, so wird dies zum Problem. Dagegen sollten die entsprechenden Rahmungen in Quellen und Forschung nicht nur hinterfragt, sondern auch als Konfliktpraktik der Legitimierung und Delegitimierung von Gewalt untersucht werden. Darauf geht der Band aber nur selten ein.

Das relativiert indes nicht den Wert des anregenden Bandes. Er stellt eine produktive Herausforderung für die Mediävistik dar, weil er eine Reihe von Anknüpfungspunkten für vergleichende Fragestellungen zu Konflikt und Gewalt im Mittelalter liefert. Das kann nur helfen, Konturen des diachronen Vergleichs zu schärfen.

Anmerkungen:
[1] Gadi Algazi, Herrengewalt und Gewalt der Herren im späten Mittelalter. Herrschaft, Gegenseitigkeit und Sprachgebrauch, Frankfurt am Main 1996.
[2] Zu Gewaltmärkten Georg Elwert, Markets of violence, in: Ders. / Stephan Feuchtwang / Dieter Neubert (Hrsg.), Dynamics of Violence. Processes of Escalation and De-escalation in Violent Group Conflicts, Berlin 1999, S. 85–102; zu Beuteökonomie Michael Jucker, Plünderung, Beute, Raubgut. Überlegungen zur ökonomischen und symbolischen Ordnung des spätmittelalterlichen Kriegs, 1300–1500, in: Valentin Groebner / Sebastian Guex / Jakob Tanner (Hrsg.), Kriegswirtschaft und Wirtschaftskriege, Zürich 2008, S. 51–70; zur Fehde Jeppe Büchert Netterstrøm, The Study of Feud in Medieval and Early Modern History, in: Ders. / Björn Poulsen (Hrsg.), Feud in Medieval and Early Modern Europe, Århus 2007, S. 9–69; zur Phänomenologie der Gewalt Stefanie Rüther, Ordnungen der Gewalt? Narrative und Praktiken des Krieges im europäischen Mittelalter, in: Ferdinand Sutterlüty / Matthias Jung / Andy Reymann (Hrsg.), Narrative der Gewalt. Interdisziplinäre Analysen, Frankfurt am Main 2020, S. 241–258.
[3] Awet T. Weldemichael, Maritime Corporate Terrorism and its Consequences in the Western Indian Ocean: Illegal Fishing, Waste Dumping and Piracy in Twenty-First-Century Somalia, in: Journal of the Indian Ocean Region 8 (2012), S. 110–126; Christian Bueger, Narrative Praxiographie. Klandestine Praktiken und das „Grand Narrativ“ Somalischer Piraterie, in: Frank Gadinger / Sebastian Jarzebski / Taylan Yildiz (Hrsg.), Politische Narrative. Möglichkeiten eines politikwissenschaftlichen Analysekonzepts, Wiesbaden 2014, S.201–224.

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28.09.2022
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