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Titel
Willi Sitte. Künstler und Funktionär
Weitere Titelangaben
Eine biografische Recherche


Autor(en)
Bauer-Friedrich, Thomas; Kaiser, Paul
Erschienen
Halle (Saale) 2021: Selbstverlag
Anzahl Seiten
256 S.
Preis
€ 36,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anja Tack, Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Der Künstler Willi Sitte (1921–2013) ist hochumstritten. Es ist ein Streit um seine Person, an dem sich wiederum der Streit um Kunst und Künstler:innen aus der DDR aufhängt. Paradigmatisch vereint Sitte in seinen Rollen als Künstler und als einer der einflussreichsten Kunstfunktionäre der DDR jenes Konfliktpotential, das den sogenannten Bilderstreit nach 1989/90 anheizte. Wie sollte die Biografie jener Künstler:innen bewertet werden, die als hochrangige Funktionär:innen das Kunstsystem entscheidend geprägt hatten und aufgrund ihrer machtvollen Position in Partei, Künstlerverband und in den Hochschulen in die Ausgestaltung künstlerischer Arbeiten Anderer nach ihren Vorstellungen eingriffen, Arbeiten gar verhinderten oder ausgewählte Künstler:innen gezielt förderten? Ganz grundsätzlich stand zudem infrage, ob es Kunst in der DDR überhaupt habe geben können.

Nicht wenige Ausstellungen widmeten sich in den vergangenen dreißig Jahren dem Thema Kunst aus der DDR, doch jede dieser Präsentationen sah sich mit der Frage konfrontiert, ob Kunst aus der DDR als Kunst oder als historisches Dokument gelte: Gehören die künstlerischen Werke aus der DDR in Kunstmuseen oder in historische Museen?

Bis heute ist die Einstellung anzutreffen, dass Ausstellungen in Kunstmuseen nur in reduzierter Form Kontextinformationen anbieten sollten. Bis heute gilt die historisierende Intervention als ein Eingriff in die Kunst. Dem liegt jenes Kunstverständnis zugrunde, das zwischen Kunstautonomie und Geniekult die Werke weniger als Produkt gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, sondern vor allem als eine eigenständige und unabhängige Leistung eines Künstlers, einer Künstlerin begreift. Historische Einordnungen würden dieses Kunstverständnis verfremden und schlichtweg die Präsentation überfrachten, sodass die Kunst keine Geltung fände.

Für die Kunstwerke aus der DDR stellte sich daran anknüpfend die Frage, wie dem Umstand zu begegnen sei, dass das Ausstellen von Kunst aus der DDR als affirmativer Akt interpretiert werden könnte – da es doch als nachträgliche Zustimmung zum SED-Regime verstanden werden konnte, wenn diese in der DDR entstandenen künstlerischen Arbeiten wie Kunst ausgestellt werden. Um einer befürchteten nachträglichen Aufwertung des SED-Regimes zu begegnen, forderten Kritiker:innen eine ausführliche Erläuterung der Entstehungsbedingungen, wie sie in historischen Museen vorgenommen wird.

Die Hallenser Ausstellung „Sittes Welt“[1] reagierte auf diesen Diskurs. Im begleitenden Film heißt es, man wolle „nicht nur Kunstgeschichte zeigen, sondern „auch Geschichte [...] thematisieren“.[2] So entschieden sich die Kuratoren Thomas Bauer-Friedrich, Leiter des Kunstmuseums Schloss Moritzburg, und der Kunstwissenschaftler Paul Kaiser, in kleineren separierten Bereichen zusätzliche Informationen anzubieten, beispielsweise zur Aufgabe des Künstlerverbandes und zu den machtpolitischen Strategien des Funktionärs Sitte.

Zusätzlich zu diesem Angebot verfassten die Kuratoren eine umfangreiche Publikation, die sich allein dem Leben und Wirken des Künstlers und Kunstfunktionärs Willi Sitte widmet. Während die Ausstellung „Sittes Welt“, wie ihr Titel unterstreicht, eine Binnenperspektive des Künstlers fokussiert, eröffnet die Biografie einen tiefgründigen Blick in die Außenwelt Sittes, die er gestaltete und die ihn nicht minder prägte.

Das Grundkonstrukt dieser vorgelegten Biografie basiert auf der Figur der Widersprüchlichkeit. In Sitte vereine sich das vom Soziologen Detlef Pollack 1998 beschriebene „konstitutive“ Element der DDR-Gesellschaft.[3] Widersprüchlich sei der Lebensweg Sittes verlaufen, und disparat seien die Strategien Sittes gewesen, sich sowohl im Machtzentrum der Partei und des Staates zu bewegen als auch in den weiter abseits gelegenen, retrospektiv oft als „nonkonform“ bezeichneten Räumen einer Kunstszene. Diese Charakterisierung überrascht aus einer fachinternen Sicht nicht, wird jedoch in der öffentlichen Wahrnehmung den Blick auf den vor allem als DDR-Staatskünstler par excellence bekannten Sitte etwas zurechtrücken.

Nach dem Ende der DDR galt Sitte als Inbegriff des Kunstsystems der DDR, das Künstlern und Künstlerinnen politische Loyalität auf Kosten ihrer künstlerischen Freiheit abverlangt habe. Als Präsident des Künstlerverbandes, langjähriger Direktor an der Hochschule in Halle, Volkskammermitglied und Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) konzentrierte sich in seiner Person eine unvergleichliche Machtfülle. Sitte galt als oberster Wächter und Ausgestalter des willkürlich agierenden Machtapparats, dessen Instrumente der Gunst und Missgunst die Künstler:innen in ihren Existenzen und künstlerischen Werken maßgeblich beeinflussten.

Dass ausgerechnet Sitte dabei auch widersprüchlich und eigensinnig gehandelt habe, kann lediglich erstaunen, wenn man von der Annahme ausgeht, Machterhalt sei in der DDR nur mit einem Treuegelöbnis zur Parteidoktrin möglich gewesen. Ganz im Gegenteil lassen sich vielmehr Ambivalenzen und Unstimmigkeiten, persönliche Vorteilsnahmen und individuelle Entscheidungen herausarbeiten, die das weite Feld zwischen Nähe und Ferne zur jeweiligen Parteilinie ausschöpften. Dieser Balanceakt ist keine individuelle Leistung Sittes, sondern wurde von vielen Künstler:innen vollzogen, wie es der Leipziger Künstler Lutz Dammbeck retrospektiv beschrieb: „Hier eine klare konterrevolutionäre Avantgarde und dort die Staatskünstler, diese saubere Trennung gab es nie. Es gab immer Brücken und Stege, über die munter hin- und hergegangen wurde, von einem mehr, vom anderen weniger.“[4]

Verschwiegen werden sollte nicht, dass Inhaber von Machtpositionen über einen weitaus größeren Spielraum verfügten als beispielsweise die Näherin oder der Kumpel im Tagebau. Sitte hatte seine in der Publikation auch als „Doppelstrategie“ bezeichnete Machttechnik vor allem seiner exponierten Stellung zu verdanken.

Die beiden Autoren, Thomas Bauer-Friedrich und Paul Kaiser, nennen ihre Publikation „Eine biografische Recherche“. Das Format erinnert an eine kulturhistorische Präsentation, ist das Buch doch reich bebildert. Es zeigt neben Fotografien und Abbildungen von Kunstwerken auch Objekte wie die Präsentkassette, die das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) Sitte zum 65. Geburtstag überreichte.[5] Auf Grundlage reichhaltigen Archivmaterials folgen Bauer-Friedrich und Kaiser den Lebensstationen Sittes und versuchen, mit Legenden aufzuräumen wie dem Mythos, Sitte habe als Partisan im Zweiten Weltkrieg gekämpft.

Sittes Karriere zeichnen die Autoren detailliert nach. Sie loten seine Handlungsräume zwischen Affirmation und Kritik aus und lassen nicht unerwähnt, wie geschickt Sitte im Sinne des eigenen Machterhalts agierte. Bauer-Friedrich und Kaiser setzen mit ihrem Buch der bislang einzigen Biografie, einer „Autobiografie“ aus der Feder Gisela Schirmers[6], einen kritischen und strukturierenden Blick entgegen. Leider fehlt eine ausführliche Bibliografie. Zwar fließen in die Analyse fachwissenschaftliche Stimmen ein, doch hätte eine konzentrierte Darstellung der vorhandenen Literatur dem Buch und dessen Anspruch, eine Basis für die weitere Forschung zu legen, gut getan.

Als Intention für Ausstellung und Publikation verweisen die Autoren auf den Umgang mit der DDR-Kunst seit 1989/90 und drehten kräftig am Schwungrad des Diskurses, um der „vernachlässigten“ Kunst und dem zu Unrecht vergessenen Willi Sitte zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen. Das ist mehr als gelungen, wenn man die große Nachfrage der um einen Monat verlängerten Ausstellung resümiert und bedenkt, dass die erste Auflage des Kataloges[7] vergriffen ist.

Willi Sitte scheint als Aufmerksamkeitsgarant und als „Schlüssel“ für die Wahrnehmung von DDR-Kunst zu funktionieren, wie beispielsweise die Sendung „Kulturzeit“ auf 3sat die Ausstellung angepriesen hat. Sitte ist eine Reiz- und Schlüsselfigur. Zweifelsohne gehört er zu den prominentesten Künstlern, die in und außerhalb der DDR bekannt waren und es immer noch sind. Eine Korrektur des generischen Maskulinums ist hier nicht angebracht, denn tatsächlich gab es keine bildenden Künstlerinnen, die vergleichbar populär waren.

Sitte sei der „wichtigste, bekannteste, renommierteste Künstler aus der [...] DDR“, zudem verfüge das Kunstmuseum Moritzburg über die wohl größte Sammlung seiner Werke und die letzte Retrospektive liege schon Jahrzehnte zurück, begründet Thomas Bauer-Friedrich die Idee zur umfangreichen Retrospektive[8] und offenbart damit ein Dilemma: Sammlungsgröße, Bekanntheitsgrad des Künstlers und Jubiläen sind zweifelsohne wichtige Impulsgeber für Museen, doch sie sind zugleich Wegbereiter einer Konzentration auf wenige namhafte Aushängeschilder der Kunst in der DDR. Die allermeisten Künstler aus der DDR träumen noch von ihrer ersten Personalausstellung, geschweige denn von einer Retrospektive. Von den Künstlerinnen ganz zu schweigen. Wie kann man dieses Grundproblem aufbrechen, wie dem begegnen, damit die Hofierung weniger Künstler in der DDR sich nicht im heutigen Ausstellungsbetrieb fortschreibt?

Anmerkungen:
[1] Die Ausstellung „Sittes Welt. Willi Sitte: Die Retrospektive“ war vom 3.10.2021 bis 6.2.2022 im Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) zu sehen und wird nach Auskunft des Hallenser Museums im Jahr 2023 in adaptierter Fassung im Museum de Fundatie im niederländischen Zwolle erneut präsentiert.
[2] Anke Dornbach, Sammlungsleiterin Kunstmuseum Moritzburg im Ausstellungsfilm, 4:16 bis 4:21, online: https://www.kunstmuseum-moritzburg.de/museum-ausstellungen/sonderausstellungen/sittes-welt/#collapseBox-46121 (08.03.2022).
[3] Thomas Bauer-Friedrich / Paul Kaiser, Willi Sitte. Künstler und Funktionär. Eine biografische Recherche, Dresden 2021, S. 15f.
[4] Lutz Dammbeck, Gespräch, in: Uta Grundmann u.a. (Hrsg.), Revolution im geschlossenen Raum, Leipzig 2002, S. 24–27, hier S. 27. Die erste Auflage erschien 1996 unter dem Titel „Die Einübung der Außenspur. Die andere Kultur in Leipzig 1971–1990“.
[5] Thomas Bauer-Friedrich / Paul Kaiser, Willi Sitte. Künstler und Funktionär. Eine biografische Recherche, Dresden 2021, S. 208f.
[6] Gisela Schirmer, Willi Sitte. Farben und Folgen, Eine Autobiografie, Leipzig 2003.
[7] Christian Philipsen (Hrsg.), Sittes Welt. Willi Sitte: Die Retrospektive, herausgegeben in Verbindung mit Thomas Bauer-Friedrich und Paul Kaiser zur gleichnamigen Ausstellung, Leipzig 2021.
[8] Thomas Bauer-Friedrich im Ausstellungsfilm, 1:10 bis 1:17, online: https://www.kunstmuseum-moritzburg.de/museum-ausstellungen/sonderausstellungen/sittes-welt/#collapseBox-46121 (08.03.2022).

Redaktion
Veröffentlicht am
12.04.2022
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