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Titel
Saving Nature Under Socialism. Transnational Environmentalism in East Germany, 1968–1990


Autor(en)
Ault, Julia E.
Erschienen
Anzahl Seiten
262 S.
Preis
£ 21.99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sophie Lange, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Verstehen wir den Umgang der DDR mit der Natur, so ordnet sich unser Verständnis von Umweltschutz im Nachkriegseuropa neu. Das ist eine der zentralen Thesen von Julia Ault in ihrer in überarbeiteter Fassung veröffentlichten Dissertation „Saving Nature under Socialism“. Vermutlich müsste sie „unser Verständnis“ austauschen durch „US-amerikanisches Verständnis“ von ostmitteleuropäischem Umweltschutz. Denn wir Mitteleuropäer verstehen das Anliegen der Autorin nur, wenn wir im Gegenzug die amerikanische Wissenschaftslandschaft und ihre kulturellen Prägungen berücksichtigen. Ausschlaggebend für ihre Aussage dürfte nämlich jener „Cold War triumphalism“ (S. 3) gewesen sein, der nach der Wiedervereinigung von Bundesrepublik und DDR im Umweltschutzbereich zu beobachten war, eine Art bundesdeutsche Siegermentalität. Von ihrer These ausgehend beleuchtet die Umwelthistorikerin daher in ihrem gut lesbaren Buch Interaktionen sowohl der staatlichen als auch kirchlichen Umweltgruppen in der DDR und anderer Institutionen und Gruppen aus der Bundesrepublik und Polen, um ein „nuanced understanding of who engaged with the environment“ und den jeweiligen, teilweise konfligierenden Motivationen zu bekommen (S. 11). Damit reiht sie sich in einen noch immer anhaltenden Trend zur Aufarbeitung der DDR-Umweltgeschichte ein.[1]

Im ersten Kapitel behandelt sie die Vorgeschichte von sozialistischer Umweltpolitik und ostdeutschem Umweltengagement zwischen 1945 und 1970. Für den Aufbau des Sozialismus im Umweltbereich nutzte die SED den Heimat-Begriff. So war, einerseits, zwar der schnelle Aufbau von Schwerindustrie notwendig, andererseits führte die absehbare Wasserarmut durch die industrielle und private Nutzung bereits früh zum Austausch staatlicher Institutionen mit Naturschützern und Naturschützerinnen (S. 31). Dies führte letztlich unter anderem auch zur Erwähnung des Umweltschutzes als Aufgabe aller Bürger und Bürgerinnen in der Verfassung von 1968 (S. 39). In dieser Zeit sieht die Autorin noch eine Balance zwischen den Polen Ökonomie und Ökologie gegeben. Dieser wird im zweiten Kapitel jedoch schnell auf die Probe gestellt: Die SED sei selbst sowohl Umweltverschmutzerin als auch -schützerin gewesen (S. 42). Damit habe sie das Paradoxon erschaffen, dass sie selbst Erwartungen im Umweltschutz schürte, diese aber gleichzeitig nicht erfüllen konnte (S. 56). Zurecht bezeichnet die Autorin die Dekade bis Anfang der 1980er-Jahre als eine Gemengelage, die zwischen Ideal und Praxis changierte. So musste sich das Ministerium für Umweltschutz und Wasserwirtschaft dem Ministerrat und der SED in seinen Entscheidungen unterordnen, wenn es um die wichtigeren Notwendigkeiten der Wirtschaft ging – vor allem, als die DDR zunehmend in die Schuldenkrise geriet (S. 77, S. 81–83). Die Geheimhaltung von Umweltdaten (1982) verschlimmerte diese Schieflage noch. Hatte die Umweltproblematik das System einst gefestigt, wandelte es sich nun in einen es destabilisierenden Faktor (S. 89).

Kapitel drei und vier fassen die Entstehung und Entwicklung einer alternativen Umweltbewegung, vor allem unter dem Dach der Kirche, bis Anfang der 1980er-Jahre zusammen. Dabei habe das doppelte Engagement von einigen Aktiven sowohl in der Kirche als auch in der SED zu Kontinuität, Dialog und dem Austausch von verschiedenen Sichtweisen auf die Natur geführt (S. 92). Hierbei schauten die ostdeutschen Umweltschutzinitiativen sowohl nach Osten als auch in den Westen. Transnationaler Aktivismus habe jedoch erst ab etwa 1982 begonnen (S. 129). In diesem Zusammenhang betont die Autorin, die Berliner Umweltgruppen seien in bisherigen wissenschaftlichen Darstellungen zumeist überhöht worden. Deshalb betrachtet sie neben Ost-Berlin auch den Raum Halle/Leipzig und die Lausitz (S. 130).

Das darauf folgende fünfte Kapitel behandelt die intensivierte Umweltschutzdebatte und die Entstehung von Netzwerken zwischen der DDR und Polen nach der Zäsur des Super-GAUs in Tschernobyl 1986. Zwar nahm die Kommunikation zwischen den Gruppen zu, jedoch gab es Schwierigkeiten wie Sprachbarrieren, Missverständnisse und auch Behinderungen durch die Sicherheitsapparate beider Staaten (S. 187). Im letzten Kapitel fasst die Autorin den Wiedervereinigungsprozess überwiegend auf politischer Ebene zusammen. Dieser sei für die DDR als einzigem Land im Ostblock dank der finanziellen Unterstützung der Bundesrepublik eine Erfolgsgeschichte gewesen. Die Autorin kritisiert einzig die Art und Weise, wie die Bundesrepublik vorgegangen sei, womit wir wieder bei dem eingangs erwähnten Top-Down-Prozess beziehungsweise „Cold War Triumphalism“ wären.

Natürlich ist es wichtig und richtig, Siegermentalitäten und daraus resultierende Narrative zu hinterfragen. Nur hätten sich hier informierte Leser und Leserinnen mehr gewünscht. Die Positionierung Aults zu den zentralen Fragen, die die DDR-Umweltgeschichtsforschung umtreiben, beispielsweise ob die DDR-Umweltpolitik nun aus außenpolitischen Prestigegründen (Anerkennung der DDR) oder innenpolitischen Notwendigkeiten heraus entstand, kann allenfalls erahnt werden. Zudem wagt das Buch keine klare Antwort auf die seit den 1990er-Jahren immer wieder gestellte Frage, ob die Umweltprobleme in der DDR „systembedingt“ gewesen seien. Eine Frage, deren Antwort für die von ihr formulierte These nicht unerheblich sein dürfte, möchte sie den „Cold War Triumphalism“ dekonstruieren und das Verständnis von Umweltschutz im Nachkriegseuropa neu bewerten. Wie wurde diese Thematik außerdem in den Umweltgruppen selbst diskutiert, gerade im Austausch mit Ost und West? Vielleicht ist diese Frage – aus dem „Cold War Triumphalism“ kommend – ja auch falsch gestellt und mittlerweile zu sehr in der Gedankenwelt der 1990er-Jahre verhaftet... Doch wenn, wie wir durch einschlägige Forschung bereits wissen[2] Umweltschutz in den 1980er-Jahren zunehmend als systemopponent galt, wäre es interessant gewesen zu erfahren, ob sich die DDR-Umweltschützer und -schützerinnen im Austausch mit den westdeutschen Grünen und polnischen Aktiven auch über die Systemfrage auseinandersetzten. Sprich, welche Gesellschaftsordnung sahen sie als für ihr Anliegen am vorteilhaftesten an? Hier wird darüber hinaus ersichtlich, dass es, wie in der Umweltgeschichtsforschung auch bereits praktiziert, nicht ausreichend ist, sich dem Thema Umwelt nur aus einer rein gesellschaftspolitischen Perspektive zu nähern, sondern dass Historiker und Historikerinnen die wirtschaftlichen, technischen, ökologischen Verflechtungen ebenfalls stärker berücksichtigen müssen. Schließlich konstituiert erst dieses Konglomerat die von der Gesellschaft wahrgenommenen Umweltprobleme.

Für künftige Forschungsfragen dürfte Aults Studie dennoch interessant sein: Angefangen bei der Frage, ob die Wiedervereinigung im Umweltbereich tatsächlich, wie von ihr dargestellt, so eine Erfolgsgeschichte gewesen ist – kommende Transformationsforschung wird es (hoffentlich) zeigen – bis hin zu der Überlegung, ob man für die DDR wirklich durchweg von einer Umweltbewegung sprechen kann, wie es Ault tut.[3] Auch ist das Potenzial der transnationalen Vernetzung ost(mittel)europäischer Umweltgruppen durch diese Studie noch längst nicht erschöpft – sie gibt aber erste Impulse für weitere Vertiefungen. Wie sehen beispielsweise deren Verbindungen in andere westeuropäische Staaten wie etwa die Niederlande aus? In diesem Zusammenhang wäre zum Beispiel auch eine eingehendere Betrachtung des osteuropäischen Netzwerks Greenway interessant. Aus dieser Perspektive könnte möglicherweise eine Gegenthese zu Ault formuliert werden, dass nicht die DDR, sondern möglicherweise eher Polen und Ungarn die Zentren („hubs“) der Umweltbewegung hinter dem Eisernen Vorhang waren.

Von der Methodik her weist das Buch zwar zum Teil ein paar Schwächen auf[4], und manche These bleibt durchaus zu diskutieren, doch überzeugt speziell der quellengesättigte grenzübergreifende Vergleich. Insbesondere die Einbeziehung Polens – neben den Bezügen zur Bundesrepublik – ist wissenschaftlich gewinnbringend. Insgesamt gibt Ault damit vor allem für ein internationales, respektive US-amerikanisches Publikum einen guten Überblick über die in der DDR und in Polen gegründeten Umweltgruppen und deren politische Biotope. Und selbst für Sachkundige in Bezug auf das Thema hält das Buch doch auch die eine oder andere kleine überraschende These oder neue Umweltgruppe und -aktion bereit.

Anmerkungen:
[1] Vgl. z.B. die Monografien von Tobias Huff, Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR, Göttingen 2015; Martin Stief, „Stellt die Bürger ruhig“. Staatssicherheit und Umweltzerstörung im Chemierevier Halle-Bitterfeld, Göttingen 2019, oder Christian Möller, Umwelt und Herrschaft in der DDR. Politik, Protest und die Grenzen der Partizipation in der Diktatur, Göttingen 2020.
[2] Siehe z.B. die Studie von Anne-Kathrin Steinmetz, Landeskultur, Stadtökologie und Umweltschutz. Die Bedeutung von Natur und Umwelt 1970 bis 1989. Eine deutsch-deutsche Betrachtung, Berlin 2017.
[3] Siehe zu dieser Problematik beispielsweise Astrid M. Kirchhof, Structural Strains und die Analyse der Umweltbewegung seit den 1960er Jahren, in: Jürgen Mittag / Heike Stadtland (Hrsg.), Theoretische Ansätze und Konzepte der Forschung über soziale Bewegungen in der Geschichtswissenschaft, Essen 2014, S. 79–98.
[4] Vgl. dazu Tobias Huff, Review of Julia E. Ault, Saving Nature under Socialism: Transnational Environmentalism in East Germany, 1968–1990, in: H-German, H-Net Reviews, August 2022, https://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=57428 (09.08.2022).

Redaktion
Veröffentlicht am
18.11.2022
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