F. Massetti (Hrsg.): Un vescovo imperiale sulla cattedra di Pietro

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Titel
Un vescovo imperiale sulla cattedra di Pietro. Il pontificato di Leone IX (1049–1054) tra regnum e sacerdotium


Herausgeber
Massetti, Francesco
Reihe
Ricerche. Storia – Ordines (12)
Erschienen
Mailand 2021: Vita e Pensiero
Anzahl Seiten
272 S.
Preis
€ 25,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lisa Klocke, Fakultät für Geschichtswissenschaften, Ruhr-Universität Bochum

Der vorliegende Sammelband beruht auf einer im Januar 2019 an der Bergischen Universität Wuppertal gehaltenen internationalen Tagung, die von Francesco Massetti organisiert wurde. Anspruch des Bandes sei es, eine Bestandsaufnahme der aktuellen Forschung zu Leo IX. vorzunehmen und gleichzeitig neue Interpretationsperspektiven anzubieten. Gerade um das Jahr 2002 erreichte die Forschung um diesen Papst einen Höhepunkt – nicht zuletzt durch den umfangreichen Band „Léon IX et son temps“ sowie die Studie von Charles Munier[1], mit denen, salopp formuliert, eigentlich schon alles erforscht scheint. Doch, so viel sei bereits vorweggenommen, ist dieser Sammelband ein unverzichtbares Werk für die Beschäftigung mit Leo IX., der zeigt, dass die aktuelle Forschung um diesen Papst der Wende nicht stillsteht.

In seinem einleitenden Beitrag „Il pontificato di Leone IX (1049–1054): un momento di svolta nella storia del Papato“ (S. 13–44) gelingt es Francesco Massetti, die grundlegenden Eckpfeiler der Ekklesiologie und des Reformhandelns Leos IX. zu veranschaulichen. Als solche identifiziert Massetti die Vertiefung der theologischen-charismatischen Bedeutung des Petrusprimats, die erneuerte Zentralität des Kirchenrechts und seiner Verfahren, den unerbittlichen Kampf gegen die Missbräuche von Klerikern und Laien und die wachsende Fähigkeit des Papstes, in die Angelegenheiten der Ortskirchen einzugreifen.

Nach dem einleitenden Beitrag widmen sich die Studien des ersten Teils des Sammelbandes der Zeit Leos IX. vor seinem Pontifikat, als Bischof Bruno von Toul. Pieter Byttebier verknüpft in seinem Beitrag „The pope as bishop. Leo IX/Bruno of Toul’s episcopal leadership through pragmatic symbolism“ (S. 47–68) zwei Forschungsaspekte – das Papsttum und die hochmittelalterlichen Bischöfe – und spricht mit seiner Frage nach dem Einfluss bischöflicher Herrschaft (leadership) auf den päpstlichen Stuhl eine bisherige Forschungslücke an. In zwei Detailstudien untersucht er die Vorgehensweisen Brunos als Bischof von Toul und bindet diese an Vorgehensweisen Leos als Papst zurück. Hieraus ergibt sich das Bild eines Papstes, der auf als Bischof erlernte Strategien zurückgreifen konnte, um sein Pontifikat zu stärken.

Ian Patrick McDole stellt in seiner Studie „The Vita sancti Gerardi as a mirror for Bruno of Toul (1002–1054)“ (S. 69–86) die beiden Hagiographien der Touler Bischöfe Gerhard und Bruno gegenüber. Er kann nicht nur die tiefe Bewunderung und persönliche Verehrung Brunos für seinen Vorgänger sowie ihre in den Viten dargestellten Ähnlichkeiten herausarbeiten, sondern zeigt darüber hinaus die Bedeutung des Klosters Cluny für die Reform des monastischen Lebens in St. Èvre, Entstehungsort beider Werke.

Die zweite Oberkategorie, die sich Leo IX., der kaiserlichen Macht und der Reichskirche widmet, wird von der Studie „Die Bedeutung des Pontifikats Leos IX. für die Beziehungen Oberlotharingiens zum Papsttum (1049–ca. 1130)“ (S. 89–106) von Hannes Engl zur Klosterpolitik des Papstes eingeleitet. Hierzu untersucht er zunächst die unmittelbare Klosterpolitik des Papstes und kann das Bild eines im Kontext des Urkundenausstellungsprozesses reaktiven Papstes zum Teil korrigieren. Anschließend richtet er den Fokus auf längerfristige Wirkungen dieser Klosterpolitik und stellt fest, dass zahlreiche Fälschungen in dieser Region auf Leos Namen Zeugnis der Bedeutung seines Pontifikats für die Beziehung dieser Region zum Papsttum ablegen. Er resümiert, dass die Klosterpolitik Leos IX. in Oberlothringen zwar unmittelbar keine wesentlichen Änderungen mit sich gebracht habe, seine Präsenz in diesem Raum aber in der longue durée Einfluss auf die Anerkennung päpstlicher Autorität gehabt habe.

Der Beitrag von Matthias Schrör „Leone IX e i metropoliti renani“ (S. 107–145) thematisiert die Beziehung Leos IX. zu den rheinischen Erzbistümern Köln, Mainz und Trier, die für Leos IX. Vorgänger terra incognita gewesen seien. Schrör kann nachweisen, dass sich dies mit Amtsantritt Brunos von Toul als Papst Leo IX. ändern sollte: Mit der Primatsverleihung an die Trierer Kirche, dem Kölner Privileg aus dem Jahr 1052 und einigen Vorrechten für den Mainzer Erzbischof lasse sich ein Ungleichgewicht der päpstlichen Gunsterweisungen erkennen, welches zu einem intensivierten Wettstreit der drei Metropolen um die Vormachtstellung geführt habe. Mit dem Pontifikat Leos IX. seien die rheinischen Erzbistümer erstmalig und längerfristig in den Fokus päpstlicher Kirchenpolitik gerückt. Die Studie bietet darüber hinaus übersichtliche Aufstellungen aller Palliumsverleihungen durch den Papst (S. 137f.) sowie eine Übersicht seiner Gunsterweisungen für die rheinischen Erzbistümer (S. 145).

Während die vorherigen Beiträge ihren Fokus auf die Beziehung des Papstes zur Reichskirche legten, thematisiert der Beitrag von Timo Bollen „Il rapporto fra Enrico III e Leone IX. Dalla cooperazione iniziale alle divergenze nella politica normanna“ (S. 147–183) das Verhältnis zwischen Kaiser und Papst. Bollen arbeitet heraus, dass die bisherige Annahme einer positiven Darstellung des Verhältnisses zwischen Leo IX. und Heinrich III. in der Forschung einer kritischen Revision bedürfe. Seine Untersuchung der Synoden sowie der Konflikte in Lothringen und Ungarn ergebe, dass der Papst dem Kaiser Unterstützung gewährt habe, aber zugleich Emanzipationsbestrebungen erkennen lasse. Doch dürfe aufgrund eines fehlenden Dissenses nicht zwangsläufig von einem guten Verhältnis ausgegangen werden. Dies kann Bollen vor allem anhand des Konflikts des Papstes mit den Normannen verdeutlichen, bei welchem der Kaiser dem Papst militärische Hilfe versagte, was in der Gefangenschaft des Papstes resultierte.

Dem folgt der Beitrag „Das Umfeld Leos IX. Kurie oder Hof?“ (S. 185–194), in welchem Nicolangelo d’Acunto das Umfeld des Papstes unter der Frage, ob dieses eher als Hof oder als Kurie verstanden werden könne, betrachtet. Er hält fest, dass sich mit Antritt Leos IX. eine „Erneuerung der Führungsschicht“ (S. 186) vollzogen habe, mit welcher der Prozess der „Imperialisierung des Papsttums“ (S. 188) einherging. D’Acunto resümiert, dass das Umfeld des Papstes aufgrund seiner Mechanismen durchaus als Hof und aufgrund der entstehenden Spezialisierung der Funktionen der Mitglieder gleichzeitig als Kurie charakterisiert werden könne – hierzu führt er den Begriff „Kurienhof“ an.

Die vorangegangene Untersuchung mit Fokus auf die römische Kurie bildet den Übergang zum sich anschließenden dritten Teil des Sammelbandes, dessen Beiträge sich Leo IX. und Italien widmen. Diesen Abschnitt leitet die Untersuchung von Umberto Longo „Leo IX., Rom und das italische Mönchtum. Einige Überlegungen zu den leonischen Reformverfahren“ (S. 197–208) ein. Longo verweist auf die Bedeutung der lothringischen Reformgedanken, welche Leo mit seinen lothringischen monastischen Begleitern nach Rom gebracht habe. Allerdings kann er gezielt nachweisen, dass der Papst mit seinen Kontakten zum italienisch-monastischen Reformkreis Vorgehensweisen erworben habe, die er im Folgenden in seine Kirchenreform übertragen habe. Um Leo habe sich somit ein „reichhaltiges Sammelbecken“ (S. 202) für die Reformbestrebungen gebildet.

Der darauffolgende Beitrag von Corrado Zedda „‚Sancti Petri nostrumque fidelem‘. Leone IX e Bonifacio di Canossa“ (S. 209–224) konzentriert sich auf die Beziehung Leos IX. zum Markgrafen Bonifatius von Tuszien. So konnte Zedda festhalten, dass die dem Papst entgegengebrachte Treue (fidelitas) eine sehr wichtige Rolle in der Ausgestaltung der späteren Legitimationsstrategie der Canusiner Herrschaft gespielt habe.

In der vierten Oberkategorie – die Ekklesiologie Leos IX. – macht der Aufsatz von Sabrina Blank mit dem Titel „Leo IX. und die päpstlichen Nichtjudizierbarkeit“ (S. 227–241) den Auftakt. Blank konstatiert zu Beginn ihrer Untersuchung, dass Leo IX. als Reformpapst die Durchsetzung eines Universalepiskopats angestrebt habe, wozu er auf die Nichtjudizierbarkeit des Papstes als geeignetes Mittel zurückgegriffen habe. Nach einer Genese der päpstlichen Nichtjudizierbarkeit wendet sich die Autorin anhand des Libellus Leos IX. seinem Verständnis dieses Konzepts zu, wobei sich eine Verbindung des römischen Jurisdiktionsprimats mit der päpstlichen Nichtjudizierbarkeit feststellen ließe – ein Aspekt, so resümiert Blank, der neben der Konsultation der Briefe seiner Amtsvorgänger die Besonderheit der ekklesiologischen Auffassung Leos IX. von der päpstlichen Nichtjudizierbarkeit ausmache.

Der Beitrag von Valerio Polidori „Peter III Patriarch of Antioch and Leo IX. An Eastern Look at the early Reform Papacy“ (S. 243-257), bei dem der bisherige geographischen Raum des europäischen Festlandes verlassen wird, beschließt diesen Band. Anspruch Polidoris ist es, die Sichtweise einer bisher wenig bekannten Figur in den Fokus zu rücken. Die Sicht Patriarch Peters von Antiochien auf die Geschehnisse im fernen Rom untersucht der Autor anhand von Briefen, die der Patriarch an Papst Leo IX. sowie seine Amtskollegen schickte. In diesen offenbarten sich die Differenzen zwischen der westlichen Lehre des apostolischen Stuhls sowie der der östlichen Patriarchen – zugespitzt in der Diskussion um den Filioque-Disput. Polidori resümiert, dass die Ansichten des päpstlichen Stuhls für den Patriarchen sowie für seine griechischen und orientalischen Amtskollegen nicht akzeptabel gewesen seien und Peter von Antiochien als ein Vorreiter einer ökumenischen Kultur verstanden werden könne.

So wie der letzte Beitrag des Sammelbandes die Grenzen des Gewohnten verlässt, so zeichnen sich auch alle Studien als eine frische Kompilation jüngster Forschungsergebnisse zu Leo IX. aus, die weiterhin Forschungsdesiderate aufzuwerfen, neue Aspekte aufzudecken und althergebrachte Forschungsmeinungen in Frage zu stellen vermögen. Der von Massetti gestellte Anspruch an den vorliegenden Sammelband wird mithin vollkommen erfüllt.

Anmerkung:
[1] Georges Bischoff / Benoît-Michel Tock (Hrsg.), Léon IX et son temps. Actes du colloque international organisé par l'Institut d'Histoire Médiévale de l'Université Marc-Bloch, Strasbourg-Eguisheim, 20–22 juin 2002 (ARTEM. Atelier de Recherches sur les Textes Médiévaux 8), Turnhout 2006 sowie Charles Munier, Le pape Léon IX et la réforme de l’Eglise 1002–1054, Straßburg 2002.

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Veröffentlicht am
08.09.2022
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